Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-03-11 · Heft 11 (11.3.1926) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 11 (11.3.1926)
Date
1926-03-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450399--72972-2530355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

KST Der Israelit Der Rabbi von Granada. Historische Erzählung aus der kehlen Zeit der Maurenherrschaft in Spanien. Don Woritz Aukd. (Fortsetzung.) Abraham de Santo erhielt Antwort, Cohaide m:d Josepb konnten erst zum Laubhüttenfest kommen. Abraham de Santo seufzte tief auf. Die etzrfurchtgebietenden Tage allein. Schwere, schicksalsschwere Tage. Und sie kamen und fanden sie alle. Groß und Klein, Alt und Jung, Herr und Knecht, einträchtig im kleinen Gotteshause versammelt. versunken im Gebete. Aber es war kein Beten nur, es war ein herzzerreißendes Stöhnen, als man die Plätze der beiden Gemeindemitglieder Benediktus und Marx leer sah. Bon der Frauengalerie tönte furchtbares Weinen. Und als der Rabbi zum Mußafgebete selbst den „Unesane tokef" vortrug und sein „mi jichje" und „mi jomuß" hinausschrie, da erfüllte ein allge- TOeines 933et>€Ca^eti die ganze Synagoge. Am Nachmittage des Nenjnhrsrst?? zog und Klein hinaus an dis Uchte, ein kleines Flüßchen, — damals noch frei, nicht überdeckt, durchs Städtchen fließend, — zum „Taschlichmachen". Gerade hatten sie den alten schönen Gebrauch beendigt und den Rückweg angetreten, als ein Reiter auf schäumendem Rosse die Landstraße dahergesaust kam. Rücksichtslos sprengte er auf die ocyar der Juden ein. Alles wich erschrocken zurück. Rur der Rabbi ging ruhig, stolz, unerschrocken seines Weges. Kurz vor dem Rabbi hielt der Ritter an und faßte den Verwegenen ins Auge. „Mach Mores, Jude!" rief er erbost. — Da erblaßte er, fast wäre er vor Erstaunen vom Pferde gefallen, aber schnell beherrschte er sich: Ei, zum T .... fl, das war ja ein herrlicher Fang. In tausend Stücke wollte er sich hauen lassen, wenn das nicht fein einstiger Gastgeber, der Königsgünstling, der Judenrabbi von Granada war. Die Blässe des finsteren Gesichtes wich schnell der Röte der Erregung, und purpurrot im Gesicht, die Zügel festanziehend, daß das Pferd hochging und einen Seitensprung machte, einige Schritte vor dem Rabbi tänzelnd, ihn dazu fortwährend fixierend, wendete er im jähen Entschluß und jagte wie besessen in der Richtung des Klosters der Mönche von St. Jakob davon. Dort hatte der Ritter eine lange Unterredung mit dem Abt des Klosters. Der Rabbi hatte den Ritter nicht ereriannt konnte sich sein Benehmen nicht erklären. „Ges ist halt der räUtzböllliA^, ßöt Ö61H ffifllTö verhaßte Ritter Guitzow gewesen," wurde ihm auf seine Frage bedeutet. „Er ist ein heimtückischer, verschlossener, hochsahrender Mann. Keiner unter der Bevölkerung kann ihn leiden. Die Kinder werfen mit Steinen nach ihm, wenn er durchs Städtchen reitet. Den Juden soll er auch gram sein. Weshalb, weiß keiner." Der Rabbi hatte bald diese Szene vergessen. Andere bedeutsamere Bilder drängten sich vor sein Auge, wichtige Ereignisse zogen ihre Kreise. Die ehrfurchtgebietenden Tage verliefen in ihrer Erhabenheit und tiefen Gottesversunkenheit wie ein reinigendes Gewitter. Das Laubhüttenfest kam heran und brachte zur Freude des alten Mannes seine liebe Tochter Cohaide und den geliebten Enkel Joseph. ... Jetzt gings mit neuer, wenn auch durch die gefahrvolle Lage gedämpfter Heiterkeit an den Bau der Laubhütte, jenes Symbol „des göttlichen Schutzes für Israel" in allen es bedrohenden Gefahren. Fast hätte stch de Santo wieder ganz glücklich gefühlt, wenn nicht die schwere Anklage der Hostienschändung gespenstisch ihr Medusenhaupt emporgehoben hätte. Auch in Perleburg hatten sie den Juden Smoll unter die Anklage gestellt, an der Hostienschändung beteiligt gewesen zu sein, und nach Berlin gefänglich eingezogen. Fortwährend vergrößerte sich die Liste der Präskribierten, — rasend schnell, — im Gegensatz zum Schneckentempo damaliger Gerichtsverfahren wurde der Prozeß vorwärtsgetrieben. Zum Erstaunen aller. . . . Eines Nachts klopfte es am Fenster des zur ebenen Erde gelegenen Schlafgemachs de Santos. Erschrocken fuhr de Santo auf. Der „Schulenklopper" konnte es nicht sein, die „Selichothtage" waren längst vorüber. Und dann schlug jener nützliche Mann auch „dreimal" mit dem schweren Ring gegen das feste Eichenholz der Haustüre. Vorsichtig öffnete er das Fenster. Von gedämpftem Mondeslicht beschienen, erhob sich vor ihm das ernste Gesicht des Ratsherrn. „Um Himmelswillen, Abraham, öffnet, ich bins, der Ratsherr." — So schnell es sein hohes Alter erlaubte, war Abraham de Santo in die „Kappä", ein weites, mit. Aermeln versehenes Uebergewand geschlüpft, und nachdem er noch flüchtig den an demselben befindlichen „Mitron" über den Kopf gezogen hatte, eilte er zur Haustüre und öffnete dieselbe geräuschlos. Den na^lll^r^n Besucher hatte die Dunkelheit des Ganges ausgenommen. Bald leuchtete gedämpftes Licht auf, und der alte Rabbi stand zitternd vor Aufregung dem Ratsherrn gegenüber. „Fliehe Abraham! Sie wollen auch Dir", — ein Wutanfall schüttelte den starken Mann, — „Dir, Dir, dem besten, edelsten Menschen auf Gottes Erdboden wollen diese Bestien und Duckmäuser auch ans Leben. Du stehst seit einigen Tagen auf der Liste der Präskribierten. Heute wurde mir amtlich Deine Verhaftung und Einlieferung nach Berlin anbefohlen. Ich kann es mir nicht erklären, bei dem Wohlwollen Joachims gegen Dich! Es ist zum Wahnsinnigwerden! Welche dunklen Kräfte mögen da wieder ihr Spiel treiben. . . . Aber ich alter Waschlappen! Stehe hier in dunkler Nacht und greine wie ein altes Weib. Hier gilt es zu handeln. Bald graut der Tag. Noch ist es Zeit. Noch in dieser Nacht, nein, noch in dieser Stunde müßt Ihr flüchten. Die Wächter machen die zweite Runde nach dem anderen Stadttor zu. Ich habe die Schlüssel des Tores, das nach „der Wische" führt, bei mir. Ich werde Euch das Stadttor öffnen, dann versucht über die Edenburg über die Grenze nach Dömitz zu kommen; einen anderen Ausweg gibt es nicht!" Bald waren Cohaide und Joseph geweckt und von der drohenden Gefahr verständigt. Nur das Notwendigste für ein bis zwei Tage an Lebens- Mittsltt nshmsn siö mtt. und das zufällig ivMi nur klapp vorhandene Bargeld wurbd eingesteckt. Der Ratsherr sicherte ihnen noch den vorläufigen Schutz des Hauses, seines Vermögens, und insbesondere seiner kostbaren Bücher zu, indem er die Absicht bekundete, eine ständige Wache vor sein Haus zu stellen; im übrigen bemerkte er: „Der beste Schutz des Deinigen ist die Liebe und Dankbarkeit, die Du Dir bei den Stendaler Einwohnern erworben hast. Ich garantiere für Dein Eigentum, vorausgesetzt, daß nicht undeffinierbare „höhere" Kräfte meinen guten Willen durchkreuzen." ■ , Der Rabbi legte noch schnell unter die Uebergewänder den kleinen Reisemantel und das kleine Tallis mit den Schaufäden an und folgte mit Cohaide und Joseph dem jetzt zur Eile drängenden Ratsherrn nach dem Stadttore, welches nach der Richtung der Wische zu lag. Der Ratsherr sah sich um. Die Luft war rein. Der Schlüssel knarrte schwerfällig im Schloß. Durch den schmalen Spalt der nur wenig geöffneten Tür schlüpften die Flüchtigen. Der Ratsherr verabschiedet stch gerührt von de Santo, das Tor schließt sich — und der Rabbi und seine Kinder stehen einsam vor der Stadt. Die Dunkelheit nimmt die Wanderer auf. Sie verfolgen den ihnen bekannten Weg durch die „Wische", Nach einiger Zeit schwenkt Joseph auf einem Seitenweg, welcher nach Perleburg führt, ab, um seinen Vater David von dem Vorgefallenen Bericht zu erstatten. Der Greis und das schwache Weib bedurften in dieser gefahrvollen Lage die Hilfe des starken, energischen Mannes. Joseph war im ununterbrochenen Marsche nach seiner Vaterstadt Perleberg geeilt. Am Morgen seiner Wanderung hatte er glücklicherweise Platz auf dem Fuhrwerk eines gutmütigen Gerbermeisters gesunden, welches, gut bespannt, in flottem Tempo dem Städtchen zurollte. Der Gerbermeister kannte David, den Vater Josephs, mit welchem er Geschäfte machte, und pflegte keinen Judenhaß; gehörte doch sein Gewerbe auch zu den wenig geachteten Berufen, und waren die Gerber als nicht „ehrbare Leute" vom Eintritt in die Handwerkerzünfte ausgeschlossen. ... Die Sonne stand hoch am Himmel, als sie durchs Stadttor fuhren. Eine ungeheure Aufregung schien heute unter der Bevölkerung zu herrschen. Der Marktplatz insbesondere wimmelte schwarz, gleich einem anfgemühlten Ameisenhaufen, non einer wittrberrie^ien Bokksrnen^e, Me |tc^ gum Schrecken des Jünglings nach der in den Marktplatz einmündenden Judengasse zuwälzte, jedoch von den Stadtknechten mit vorgehaltenen Piken Zurückgetrieben wurde. Wilde Rufe und Verwünschungen erschallten. Gellende Schreie. Steine flogen in die Judengasse. Insonderheit. war es die Gilde der Schlächter und Knochenhauer (Fleischermeister), welche sich in diesem Tumult hervortat. Sie fühlte sich durch die. Konkurrenz der Juden benachteiligt. Es waren also im Vergleich zu den anderen offiziell gegen sie erhobenen Anklagen nur harmlose, wirtschaftliche Ursachen, welche den Auftakt zur Judenhetze bildeten. Vereinzelt hörte man wohl auch Rufe wie Hostienschänder, Kindermörder, — das Gros der Bevölkerung, insbesondere der Ratsherr und die wohlgebildeten und wohlsituierten Perleberger Bürger verhielten sich skeptisch gegenüber derartigen Beschuldigungen. (Fortsetzung folgt.) Ein Halberstädker Aachmittag. Wenn man morgens gegen sieben mit dem D-Zuge von Frankfurt nach Halberstadt fahren will, so fährt man zunächst nach Hamburg oder Kiel, das heißt, man steigt in einen Wagen, dessen Außenwand im triefenden Dämmer der Bahnhofshalle nach Hamburg und Kiel zeigt. Während der Fahrt, um Kassel herum, macht man dann eine lange, beschwerliche und nicht ganz ungefährliche Fußtour durch den ganzen Zug in einen Wagen, der irgendwo unterwegs dem Zuge angewachsen ist. Von hier aus landet man glücklich über etrt Stück schönen deutschen Landes, richtiger, üünber, kurz nach brel llhr mittags nor einem ältlichen grauen Vahnhof, ber am Portale in großer Schrift behauptet. Halber st adt zu sein. Warum die direkte Synthese „Frankfurt-Halberftadt" nicht schon morgens um sieben in Frankfurt ihren verkehrstechnischen Ausdruck findet und sich erst während der Fahrt wie von ungefähr entwickeln muß, gehört zu den vielen „Geheimnissen der Weisen der deutschen Reichsbahnverwaltung." Recht schön ist die Fahrt durch das Herz Deutschlands, zwischen Thüringer Wald und Harz, durch die vielen deutschen Kleinstaaten, deren entkrönte Häupter nun voll der Abfindungssorgen sind. Auf einer Brücke hält der Zug ohne sichtlichen Grund,'und das Auge kann in der Erscheinungen wilden Flucht sich für eine Weile an iner Landschaft satt sehen, die an Engadin erinnert. Längs des schmalen Flusses, in dem Enten und Gänse schwimmen, und dicht daran dehnt sich die Häuserfront der Dorfstraße. Vor den offenen Türen hemdsärmelige Bauern in sonntäglicher Gemächlichkeit den Rauch aus der Pfeife in die Luft blasend. Mädchen in bunten Kopftüchern kichern. Rechts die mattblauen Berge, eine graue Haube über den Kopf gezogen. Eine steile Galgentreppe ragt aus einem riesigen Schutthaufen und zeigt ein Bergwerk an. Durch das halbgeöffnete Fenster dringt feuchtkalte Luft und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.