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Der Israelit · 1926-03-04 · Heft 10 (4.3.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 10 (4.3.1926)
Date
1926-03-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton Beilase Der Israelit ßr.io Der Rabbi von Granada. Historische Erzählung aus der letzten Zeit der Maurenherrfchafk in Spanien. Von Woritz Aukd. (Fortsetzung.) Er saß hier als fephardischer Rabbi im märkischen Städtchen, in der kleinen, halb polnischen, halb aschkenasischen jüdischen Gemeinde, mit einer Summe von Befugnissen von dem jungen, hochgebildeten Herrscher Joachim I. ausgestattet,, die ihm Mst vskwunüskW unD Mimm Derer er sich vornahm, nur den seltensten Gebrauch davon zu machen. Es war ihm von Joachim das Recht erteilt worden, in Angelegenheiten, die ausschließlich seine Gemeindemitglieder betrafen, zu richten und. im Falle des Ungehorsams den Bann zu verhängen. Wer sich nach zehn Tagen nicht von demselben befreite, sollte mit „leyb" und „gut" dem Landesfürsten verfallen sein. Gewiß stand er, wie soviele vor ihm, ganz im Bann der blendenden Erscheinung des für alles Edle, Hohe und Schöne leicht empfänglichen begeisterten Kurfürsten, gewiß freute er sich auch über den unleugbaren Eindruck, den umgekehrt seine eigene gereifte Persönlichkeit, fein Wissen und seine Weltgewandtheit, seine Umgangssormen auf das leicht entzündliche Gemüt des Monarchen ausübten, und über die großen Gunstbezeugungen dieses Herrschers gegen ihn,—1 auch seine Gemeinde in Stendal freute sich mit ihm —, aber eine gewisse Bedrücktheit blieb in de Santos Gemüt nach jener Audienz zurück. Er war Kenner auf diesem Gebiete. Nicht umsonst war er jahrelang Ratgeber eines Königs gewesen. Einzelne Züge in der Persönlichkeit, in der Psyche des Herrschers, besonders das Sprunghafte seines Wesens, und seine zeitweilige Geistesabwesenheit fielen ihm auf. Sie waren in seinem Wesen nur schwach erkenntlich, kaum angedeutet, konnten sich aber im Laufe der Jahre gefahrdrohend entwiaeln: „Der Himmel an Höhe und die Erde an Tiefe und das Herz der Könige sind unerforfchlich." (Sprüche Salomos K. 25, B. 3.) Nun saß er hier, hatte nun einmal den Sprung ins Ungewisse getan, den Sprung, vor dem ihm einst graute, oou Uer mliMiMiwWkn gur «dknMn° drsch^tt Kultur, von Uv einfach, gradlinigen unD doch großartigen Synthese der Antike zu dem unergründlichen, verworren, dunkelschwer geheimnisvollen Mirakel, zu der vom magischen Licht umflossenen Sphinx des Abendlandes. Aber was ging ihn denn diese fremde äußere Kultur an? Hatte denn das Judentum nicht seine eigene Kultur, seine eigene Gedankenwelt? Hatte es nicht ureigene gestaltende Kräfte in sich, die sich eine eigene Umwelt bilden, formen und gestalten konnten, fern von. allem fremden „Sein", Entlehnten, — mur dem eigenen Wesen adäquat? Und doch, das sagte sich so leicht, war aber so schwer. Ganz konnte man sie nicht negieren, abschütteln. Mächtig fühlte man auch auf sich einströmen den Einfluß der Umwelt. Man war auch Kind der Zeit, : Anfangs sträubte sich sein klar, logisch denkender, philosophisch geschulter Geist gegen den dogmatischen Zwang,, welchen ihm eine in kleinlich-minutiöser Pflichterfüllung eingestellte Welt- und auch Religionsanschauung auferlegte. Die feine Luft des Südens begünstigte wenig eine solche Atmosphäre, aber bald erkannte er auch den tiefsittigenden Einfluß dieser Schulung für das praktische'Leben, insbesondere das religiöse Pflichtenleben. Er erkannte jetzt, woran das sephardische Judentum krankte. . . . Und dann die Beziehungen zu der Bevölkerung der Stadt. Wie sehr kam ihm, dem Emigranten, da seine materielle Unabhängigkeit zu statten. Ihm und seinen jüdischen Glaubensbrüdern und -Schwestern. Hatte der Ratsherr von Stendal ungeheure Achtung vor dem Judenrabbi bekommen durch den Verlauf der Audienz bei Joachim I., welcher er selbst beiwohnte, hatte er da schon einen Begriff bekommen von der überwältigenden geistigen Ueberlegenheit dieses eigenartigen Mannes, so stieg diese Achtung noch und verwandelte sich in Ehrfurcht und Liebe, als er das stete, selbstlose Wirken desselben innerhalb des Gemeinwesens, dem er als Stadtvater Vorstand, erkannte. 3f£>rai>am be Santo murb« 3um roaf)ren Wohltäter der Stadt. Gewiß war damals <§teni>ak nicht so arm wie andere Städte, gewiß herrschte in ihm gewerbliche Tätigkeit, geschäftlicher Aufschwung, — die 800 Stendaler Tuchmacher bewiesen dies, — aber dies galt eben nur für einzelne Klassen und Gassen. In vielen Stadtteilen und engen Winkeln herrschte bitterste Not, Armut und Krankheit, und kein Weg war dem Judenarzt und Rabbi' zu weit, keine Stiege zu hoch, keine Sackgasse zu eng und finster, kein Hinterhaus zu schmutzig, — wenn es galt, Leidenden zu helfen. Der Arzt und Menschenfreund war da ganz in seinem Element. Wozu hatte ihm denn eine gütige Vorsehung die Güter des Lebens verliehen und unter so gefahrvollen Begleitumständen erhalten. Ihm genügte voll und ganz die Liebe und Dankbarkeit der Armen und Enterbten. Diese Liebe war grenzenlos. Sie nannten ihn nur „Vater Abraham" und die Mützen flogen ehrfurchtsvoll von den Köpfen, wo man ihm begegnete — zarte Kinderlippen küßten seine Hände. Eine treue Freundschaft zwischen dem Ratsherrn und Abraham de Santo bahnte sich an.' Dieselbe war anders geartet, aber darum nicht minder tief und innig als die Freundschaft zwischen dem maurischen König und seinem Ratgeber. Eine tiefbefriedete Ruhe überkam ihn, ein tiefes Verstehen und Erkennen blitzte in seiner Seele auf: In allen Menschen, in jedem Volke, lebt und webt das Gute, der „edle Gedanke", das rein Menschliche, manchmal nur sehr verborgen, verschüttet unter tausendjährigem alten Geröll und Schutt. Es bedarf eben der aufopferungsvollen, mutigen, entschlossenen, selbstlosen Moniere. es bedarf der edlen, reinen, von jubeln Egoismus los^^kosten Tat, die das Gute nur um des Guten willen wirkt, — um das reine Menschentum zu entdecken und unter dem Schutt und Geröll der Zeiten hervorzuholen und das Panier der Gottähnlichkeit, der Verbundenheit aller Menschen, das Joeal der Menschenliebe, der Einheit und Brüderlichkeit aller Menschen aufzupflanzen. Ein solcher Entdecker sittlicher Werte, ein solcher Pfadfinder, — solch ein. Menschheitspriester wollte auch er sein. Er hätte so recht mit seinem Lose zufrieden sein können, wenn nicht die gefahrdrohende dunkle Wolke, welche über die Judenheit der Mark Brandenburg heraufgezogen kam, „Geseras Medinas Mark Brandenburg", ihn urplötzlich aus der harmonischen Ausgeglichenheit seines neuen Daseins aufgeschreckt hätte. Die Hostienschändungsanklage von 1510! Auch Mitglieder seiner Gemeinde: Benediktus und Max von Stendal waren in den Prozeß verwickelt, angeklagt und gefänglich nach Berlin eingezogen worden. Wieder reckte die Sorge riesengroß ihr Haupt empor. Der.früher so huldvolle Herrscher war, wie umgewandelt, — versagte völlig. O seine Befürchtungen, feine Ahnungen! Wer erforscht das Herz der Könige? Ein hoher Berg, — ein tiefer Abgrund! Aber Joachim befand sich in einem Dilemma, in einer wenig angenehmen Lage. Die Angeklagten in dieser wahnwitzigen Sache waren reiche, in der Priegnitz und Altmark wohnende Juden. Sie brachten durch ihr Schutzgeld dem Monarchen das meiste ein, und dies sahen die „ritter und preloten", jene „Heren von Gottes Gnaden" mit scheelen Augen, mit Neid und Mißgunst. Und der gegen die „Privilegierten" in Szene gesetzte Hostienschändungsprozeß richtete sich mit seiner Spitze gegen den Kurfürsten selbst. In religiöser Beziehung, — das wußten diese Intriganten, — gab es auch bei Joachim keine Nachsicht und kein Erbarmen; darauf bauten sie ihren dunklen Plan und leider mit Erfolg. — Das war die Situation, in welcher sich Abraham be <Sartfo mti seiner Gemeinde besand, - kurz vor den ehrfurchtgedietenden Tagen. Eine tiefe Sehnsucht nach seinen Kindern überkam ihn plötzlich. Er fühlte sich so alt, einsam und verlassen. Er sandte einen Voten mit Brief nach der märkischen Stadt Perleburg, wo seine geliebten Kinder Cohaide und David, in einem Anwesen der Judengasse sich ihr Nest gebaut batten. David hatte ein Geschäft in Seidenstoffen und Kleidern eröffnet, wobei ihm seine Verbindungen mit dem Orient sehr zustatten kamen. Es ruhte fichtbarlich Gottes Segen auf seinem Haufe und seiner Tätigkeit. Cohaide fühlte sich glücklich. Es war nicht jenes rauschende Glück Granadas, aber es war ein desto innerlicheres, vertieftes Glück. Keiner konnte es der schmucklosen, dumpfen Judengasse, wohin sich selten ein Sonnenstrahl verirte, von außen anfehen, daß auch in. ihren Mauern, zwischen ihren Toren, das Glück weilte. ^)er Luxus der teuren bunten orientalischen Seidengewänder war verschwunden; aber die stattliche, kräftiger gewordene Erscheinung Cohaides kam auch in dem dunklen, schweren Pelzmieder (Kursen) und kostbar gesticktem Wollüberzug, im seidenen Kopftuch und Schleier voll zur Geltung. Sie mußte lächeln, als sie sich zum ersten Mal in dieser Tracht sah. Das „Lied eines maurischen Jünglings" und die Kritik des Königssohns an dem „einfach groben Mieder" des angeschwärmten geliebten Mädchens kamen ihr ins Gedächtnis. Welch' dichterische Prophetengabe doch ihr geliebter David besaß.... Das Ehebündnis war schon nach einem Jahre mit einem Söhnchen — Joseph — gesegnet worden, und der jetzt Siebzehnjährige bildete das Glück und den tiid)t nur ber geliebten (Elfern, fonbern aucf> tai? geliebten Großvaters, des inab- bis von Stendal, wo er oft wochenlang weilte, um sich im Thora- und Talmudstudium zu vervollkommnen. Sie sahen alle in Joseph ihre Zukunft (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Rabbi Mose ben Maimon (Rambam). Von Heinrich Reutz I. Seine alles überragende Bedeutung. m Das schöne Spanien hat der Judenheit den Mann gegeben, der dank seiner schöpferischen Geisteskraft, seiner unübertroffenen Werke und seiner makellosen Lebensführung noch heute als

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