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Der Israelit · 1926-02-25 · Heft 9 (25.2.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 9 (25.2.1926)
Date
1926-02-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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wm Pcv T&abbi von (&ranaha„ Historische Erzählung aus bet kehlen Zeit bet Maurenherrfchaft in Spanien. Von Moritz Kutd. (Fortsetzung.) -Der Vater lW das Benehmen seines Kindes anders aüs. Er denkt: Es ist Zeit, das Herzensbündnis der Kinder durch den Segen der Religion zu weihen und ihr Glück dauernd zu gründen. Aber, er schreckte in diesen stürmischen, unsicheren Tagen davor zurück, sein einziges Kind von sich aus seinem Hause fürtzulasfen. Ihm graute vor der Einsamkeit. Ganz liebeleer dazustehen, ganz ohne die milde, sanftglättende Hand des Weibes. Wie schrecklich hatte er doch vor Jahren den Verlust seiner geliebten Gattin Mirjam empfunden, und jetzt sollte er auch das Ebenbild des geliebten Weibes aus seinem Hause scheiden sehen! . . . Aber tat er recht daran? Durfte er den Vollzug des Ehebündnisses hinauszögern? Worin besteht den das Glück des gesitteten Menschen und insbesondere das des thoragläubigen Juden? Das Glück von Jüngling und Jungfrau? Das Glück von Mann und Weib? Im innigen, durch das göttliche Pflichtengesetz und Pflichtenleben geheiligten Familienleben! Die Familie bildet die Grundlage der großen Menschheitsgemeinschaft, die Grundlage eines jeden Staatswesens! Auf der Verkennung und Mißachtung dieser Tatsache und ihrer ethisch-religiösen Lebensforderung beruhte zum Teil der Nielms mw DevlnMenDe umergang des so großmütigen, gastfreundlichen und liebenswürdigen Maurenvolkes! Wohl verpönten auch die Anhänger des großen Mohammeds jeden Götzendienst, jeden Sternenkult! Aber die beiden großen anderen grundlegenden Säulen des Staaten- und Familienlebens fehlten. Der Rabbi seufzte tief auf. Er dachte an sie alle. An sein Kind, an seine Freunde, an seine bedrohte Heimatstadt, an. sein Vaterland. Diesen: ganzen Komplex seines Pflichtenkreises umschloß er in sein Herz, in die schürfendsten seiner Gedanken, in seine inbrünstigsten Gebete, und jetzt — eigenartig — hatte ihm die Vorsehung auch Gelegenheit gegeben, darin einzuschließen — den Feind! Er zuckte auf. Eine Hand hatte sich auf seine Schulter gelegt. Der Ritter stand hinter ihm. Mit einschmeichelnder Stimme begann er: „Mein edler Retter und Beschützer! Wie kann ich Euch Eure große Güte, Ritterlichkeit und Gastlichkeit danken und lohnen? Ich habe lange nachgedacht über die Schwere meiner Verpflichtungen gegen Euch, und ich glaube, einen Ausweg gefunden zu haben. Der Fall Granadas ist nicht mehr ferne, — mag es noch Wochen oder Monate dauern — die Einnahme der Stadt ist besiegelt. Und dann seid Ihr Mauren dem Elend überliefert. Ich mache Euch den Vorschlag: Tretet heimlich zum Christentum über, und ich will Euch zü einer angesehenen, Stellung in Ferdinands Diensten verhelfen. Ehre und Rühm erwarten Euch! Wir brauchen immer Männer von Euren Kenntnissen. Und dann, noch etwas, mein edler Gastgeber, — verzeiht mir die Kühnheit. — Ihr — Ihr besitzt — ein herrliches Kleinod, — kösdf licher als aller Balsam und alle Gewürze Arabiens, schöner als die Rose von Mron, —y Ärre Tochter Cohaide. Versprecht sie mir als Gattin! Ich bin reich, bin-geehrt, mein sind im fernen .Lande große .Besitzungen. Für Euer Alter, für Mre'ZMnst ist gesgrgt!" ... . ..,y r D^'Nabbsbeoeckt stm^Wichrmit beiden^)äüdest. Ein Möhnm-erDüg^ sich seinerBrüD „Ach edler Ritter! Wie sehr ehrt mit Euer Antrag. Aber es liegt eine unüberbrückbare Kluft zwischen Euch und uns. Mögen die Abencerager tausendmal äußerer Vorteile wegen das Vaterland verraten, mag auch Voadillin und seine Anhänger sich den Spaniern unterwerfen, ich bleibe meinem geliebten Herrscher Muley Hazan treu, — treu Dis in Den LvD- — niemals werft ich Qwm Verräter, — ich bin Maure." . . . „Nur Maure?" bemerkte zweifelnd, gedehnt, bedeutungsvoll der Ritter. — Langsam erhebt er die Augenlider und bohrt den Blick in das Antlitz, in die Züge, ins Auge de Santos, — wie den Blick eines Basilisken. Sinnt und sinnt. Plötzlich dämmert Erkenntnis. Er hat de Santo erkannt. Ein Maranne! de Santo verfolgt entsetzt, bekümmert das Mienenspiel des Ritters von St. Jakob, in welchem sich Enttäuschung, Wut, Zorn, aufdämMeundes Erkennen und schließlich hämischteuflische Freude in allen Abstufungen malt; er fühlt den Basiliskenblick des Ritters auf sich ruhen, mit einem eigenartigen Ausdruck, fühlt sich erkannt, steht regungslos wortlos, angewurzelt! Da hat er eine schreckliche Vision. Deutlich, greifbar deutlich Nahe und doch fern, fern, — ein unbekanntes, fremdes Land. Um ihn dräuen die Mauern und Türme einer fremdartigen Burg. Vor ihm erhebt sich das teuflisch, höhnisch lächelnde, zur Grimasse verzerrte Gesicht des Ritters, — und die Lilienstengel des Schwertes auf dem Gewände des..Ritters verlängern sich und dringen auf ihn ein und winden sich um seinen Leib, seinen Hals, seine Hände und Füße, und wie er sie abschütteln, zerreißen will, da sind es nicht Lilien, sondern klirrende, eiserne Ketten, und die Ketten würgen ihn und bohren sich in feinen Leib, in sein Fleisch, tief, tief, da schaut er auf in Schmerz und Verzweiflung und sinkt ohnmächtig darnieder, und noch im Sinken hört er den Wehms seines Mliemen Löchrmeins, Wie Rabbi de Santo aufwacht, da steht Cohaide weinend über ihn gebeugt vor ihm. Der Ritter ist verschwunden. Wie in den Erdboden versunken. Keiner verfolgt ihn, keiner sucht ihn zurückzühalten. Man weiß nicht mehr, soll man sich freuen über die Flucht oder soll man sich fürchten. Eine rechte Freude will auch in den Gemütern nicht aufkommen. Sie fühlten über ihren Häuptern hängen das Damoklesschwert der Rache des Ritters von St. Jakob und der Inquisition. Roch am selben Abend bestellte-de Santo die prominenten Männer feiner Gemeinde, insbesondere den Vater seines zukünftigen Eidams — Soadia ibu Danan — zu einer Sitzung in feine Privatwohnung und trug ihnen ohne Beschönigung den Fall vor. „Brüder vom Hause Israels", begann er. „Wiederum lastet die Hand Gottes schwer auf seinem Volke. Wegen ihrer Sünden sind einst unsere Vorfahren zur Zeit Hadrians aus ihrem geliebten Heimatlande — Erez Jisroel — vertrieben worden und haben hier als herumirrende Fremdlinge, eine mehr als tausend Jahre währende zweite Heimat gefunden. Nomen est omen. Garnad oder Granade, so heißt die Stadt nach ihren jüdischen Gründern, und dieser Name gewinnt heute erneut schmerzliche Bedeutung. Er hämmert uns jüdischen.Männern von Granada erneut unsere Gölusbestimmung ein. Vorerst trifft dies Los mich und meine Familie. Aber viele wird es leider noch treffen, viele werden' folgen. Das dritte Reich sinkt kraftlos zurück, die GolUswanderung im vierten Reich beginnt. Aber bleibt standhaft. Der Dornbusch brannte, aber wurde Nicht verbrannt. Israel ist in Spanien zum brennenden Dornbusch geworden. Ueberall leuchten die Auto-da-fes. Gar viele mögen dennoch die teure, liebgeworoene Heimat nicht verlassen wollen: Gott möge ihnen HWr.Nn diesem HeyzeNtz- und Gewissensstrest zwischenGlaubenund Heimat, Liehe und Wicht sein. Weshalb trifft uns dieses furchtbare Schicksal? Weil wir unserer ureigentlichsten, ursächlichsten Bestimmung untreu wurden. Wir liebten mit all unseren Sinnen, mit verzehrender Glut unserer Seele unsere zweite Heimat, dieses wunderbare Land, diesen Garten Gottes, liebten dieses Volk wie Brüder! Aber wir wurden unserer ersten Liebe untreu. Vergaßen, daß wir nur Gerim, „Gernad" „unstete Flüchtling?" Ms a$«be« «wert. <st«b nicht gewesen aus heiligem Boden unserer Väter unter den Fittichen der „Schechina" und vermaßen uns freventlich h i e r unserer ureigentlichen, ewigen, geistig-sittlichen Bestimmung untreu zu werden, gingen ganz im Materiellen, im Wohlleben auf. Granada, du warst uns zweite Heimat, Mutter, — du warst edel, gastlich, gütig, groß, — wir schulden dir ewigen Dank, — aber Jerusch olajim, — du bist das Glück, du bist die Erfüllung, du warst und bleibst immer und ewig grünender Frühling, dreifache , Volksfehnsucht: Gott, Thora, heiliges Land! Darum meine teuren Brüder! Wir wollen uns gegenseitig im Glauben unserer Väter stärken, auf daß wir nicht schwach und treulos werden, wenn die Stunde der Prüfung kommt. Wir wollen alle Leiden, Auswanderung, Armut, Hunger und selbst den Tod, wenn es sein muß, ertragen um den Glauben an unseren Gott und seine heilige Lehre. Und nun beschließt, liebe Brüder über meine Lage. Gern möchte ich in diesen schweren Zeitläuften bei Euch bleiben, Euch weiter mit Rat und Tat zur Seite stehen, trotz des Unheils, das mir und den Weinigen droht. Meine Seele weint mit Euch. Aber Euer Beschluß allein soll in dieser Angelegenheit entscheidend sein." Einstimmig erscholl der Ruf: „Flucht! teurer Rabbi! Ueber alles geht die Ehre der Töchter und Frauen Israels!" Noch in derselben Nacht begannen die VorbereituTiger» g«r (Bin reicher Bjanbeisijexv in Granada hatte ihm empfehlende Briese an einen Geschäftsfreund namens Pereiro in Hamburg mitgegeben. Sein geliebter Herrscher und Freund Muley Hazan, welchem er über die Sache Vortrag hielt, konnte sich der harten Erkenntnis von der Dringlichkeit der Flucht umsoweniger verschließen, als er die gefahrvolle Situation, die sich für die Familie des Rabbi herausgebildet hatte, mit klarem Blick bereits vorausgeschaut und gewarnthatte. In vornehmer Beherrschung des ihn durchtobenden Gefühlssturmes, — doch innerlich gebrochen, — gewährte er ihm huldvollst die Entlassung aus seinen Staatsdiensten und beschenkte ihn reichlich. . ..‘ Das Ehebündnis zwischen Cohaide und David wurde noch eilends geschlossen und der Rabbi und seine Kinder schifften sich mit reichem Gepäck, nachdem sie noch einen letzten trauten Abend in Gesellschaft ihres Freundes und Gönners Muley Hazans auf dessen schönem zwischen Almera und Solobrame gelegenen Schlosse verbracht hatten, im Hafen der kleinen Stadt Adra, auf einem Kauffahrteisegler nach Deutschland ein und-landeten nach mehrwöchentlicher Fahrt und vielen aufregenden Abenteuern im Hafen der freien Reichsstadt Hamburg. Nachdem sie dort einige Monate verweilt, erfüllte sich das Schicksal Granadas und mit ihm schließlich das Schicksal aller jüdischen Bewohner des jetzt fast ganz christlichen Spaniens. AM 6. Januar 1492 fiel das unglückliche Granada in die Hände des Eastilianers, am 31. März desselben Jahres erließen Ferdinand und Jsabella das Edikt, welches sämtlichen Juden Spaniens, Siziliens und Sardiniens bei Todesstrafe befahl, binnen vier Monaten auszuwandern. Am 2. August (9. Aw) verließen fast 300 000 Juden arm und bloß ihr heißgeliebtes Vaterland. Nach allen Richtungen der Windrose ergoß sich der Auswandererstrom.' Leiden und Tränen bezeichneken seinen Weg. . > , . Auch in Hamburg landete ein Trupp spanio-

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