Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1926)
- Date
- 1926-02-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Moses. (Zum siebenten Adar). Der du aus Felsgestein den Silberguell geschlagen, Das Gottgesetz aus Bergesgipfel hast empfangen. Dein Volk zum Heil geführt durch Wüste, Meer und Bangen — Gigantisch sehen wir aus fernster Zeit dich ragen. Hast Licht des Einen Gottes in die Welt getragen. Schufst Weisheitssxrüche, Psalmen, die in Schönheit prangen, Die Mirjam und ganz Israel im Jubel sangen, Als Gort den Feind im Zorn mit seiner Macht erschlagen. Sei« Antlitz strahlte; «er dich sab. der war geblendet Pom Sicht, ^ittSttt GSM GlM MvMM — Du warft der einzig Lebende, der Gült geschaut. Und bliebst doch Mensch, starbst menschlich noch vor der Vollendung, Aus hohem Berge Nebo. dicht am Ziel der Sendung, Wo schimmernd dir der Morgen Kanaans gegraut. Max Rosenfeld. Der Rabbl von Granada. historische Erzählung aus der letzten Zeit der Maurenherrschaft in Spanien. Von Moritz Kutd. (Fortsetzung.) IV. - __ Der Ueberfall. Der Warnungsruf eines Harnes erscholl plötzlich. Man vernahm Pferdegetrappel vom jenseitigen Ausgang des Waldwegs, und der eine der Schildknappen fauste im Galopp heran: „Wehrt Euch! Feinde!" Schnell sind David und Mufa im Sattel und greifen zu den Waffen, und schon sehen sie sich auch dem Feinde, einem kleinen Trupp Spanier gegenüber, welche mit Lanzen auf sie eindringen. Da der eine der Schildknappen noch nicht zur Stelle war, war es ein ungleicher Kampf: Drei gegen vier. Musa kämpfte mit einem baumstarken Spanier und hatte soeben dessen Pferd verwundet. Der Schildknappe wehrte sich tapfer gegen einen ihm vielfach im Fechten überlegenen Gegner. David kämpfte mit Zusammenfassung aller höchsten geistigen und körperlichen Energien und Kräfte gegen einen waffengeübten, ihm schwer zusetzenden Feind. Es galt heute höchsten Ruhm, höchste Waffenehre und Ruhm unter den Augm DQr rmgevelmm W oierie Gegner, ein Ritter in eigentümlich unterschiedener Kleidung, — es schien ein Ordensritter zu sein — fjatte bis jetzt nur Cohaide mit seinem Pferde den Weg verlegt. Das geängstigte Mädchen stand da, wie zu Stein erstarrt, und sah, aus allen Himmeln gestürzt, dem Kampfe zu. Es war ein schrecklicher Kampf, ein Geklirr und Getöse der Waffen und Schilder, ein wütendes Zerstampfen des Waldbodens, ein wildes Wiehern der Rosse, daß der Atem des Waldes für einige Zeit zu stocken schien, der Gesang der Vögel aufhörte und alle Waldesgeräusche verstummten. Die Spanier schienen hervorragende Kräfte zu diesem räuberischen Ueberfall gestellt zu haben. Auf der Stirn,des gelassen zuschauenden Ordensritters strahlte Siegeszuversicht. Aber durch einen kunstgerechten Schwertstreich hatte Musa in aller Kürze den baumstarken Gegner, dessen Lanze an seinem starken Schilde zersplitterte, zu Boden geschlagen und eilt nun dem bedrängten Schildknappen zu Hilfe. David ist auch im Vorteil und erledigt seinen Gegner in wenigen Minuten! Der Ordensritter hat zuerst erstaunt und zuletzt wütend dem Verlauf des Kampfes zugesehen. Auf die Aufforderung Davids, sich gefangen zu ergeben, antwortet er mit einem Hohnlachen und dringt auf David ein. Musa will David zu Hilfe, eilen. Aber David wehrt ab: „Mann gegen Mann! Ich muß ihn allein bezwingen: ich will ihn lebendig fangen." Endlich hat er das Roß des Angreifers verwundet: dieses wird unruhig und macht seinem Reiter zu schaffen; sein. Fechten wird unsicher, und David, mit scharfem Auge den Moment der Schwäche beim Gegner beobachtend, versetzt dem Ritter einen wuchtigen Schlag aufs Haupt, daß sein Schwert die eiserne Kappe hindurch in den Schädel eindringt. Der Ritter, auch noch an anderen Stellen verwundet, sinkt betäubt vom Pferde. Die übrigen bedecken als Leichen den grünen Waldesboden. Jetzt erst löst sich die Starre, welche Cohaide umfangen. Sie stürzt an die Brust des Geliebten, und ihre Umgebung vergessend, bedeckt sie sein Gesicht mit glühenden Küssen. Sie tastet ihn zitternd ab, ob er nicht sei üttÄ.ÄÄHlt mit Mein MM Stvßr gebet ihrem Schöpfer für die Rettung aus her Gefahr. David läßt ihre Liebkosungen glückselig, verlegen, über sich ergehen. Er macht sich laut Vorwürfe über seinen Leichtsinn, die teure Geliebte in solch große Gefahr gebracht zu haben. Aber Cohaide beruhigt jetzt ihn, und nachdem sie den verwundeten, gefangenen Ritter der Obhut der beiden Knappen übergeben hatten, traten sie alle den Rückweg nach der Stadt Granada an. Derartige Intermezzos waren in damaliger Zeit keinesfalls selten. Sie waren geradezu ein Bedürfnis für den abenteuerlich-romantischen Rittergeist der Spanier und Mauren und auch vielfach, für die mit der maurischen Kultur verwachsenen waffengeübten Juden. David hatte durch diesen unbeabsichtigten Kampf, durch diese gefahrvolle Szene nichts an Wert bei seiner Verlobten eingebüßt. Im Gegenteil! Zu ungeahnter, schwindelnder Höhe stieg die Liebe des Mädchens zu dem tapferen geliebten Manne, und sehnsüchtig schaute sie der Stunde ihrer dauernden ehelichen Vereinigung entgegen. Sie wiederholte träumerisch die Worte ihres Dichtergeliebten, die er ihr kurz vor dem Ueberfall ins Ohr geflüstert: „O, könnt'ich ewig bei dir sein, Getrennt von dir erleid' ich Höllenpein." V. Schlange am Busen. Langsam bewegte sich die Reiterkavalkade mit dem verwundeten Ritter durch die Ebene. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Es war Blut geflossen: Zwar das Leben kriegs- und beutelüsterner Gegner. Aber es war warmes Menschenblut und Leben! Cohaide schauderte. Sie dactzts an dis Qsichnarns -da-draußen, sah sie unbestattet, von wl&en Steren cttiZ^sVSssSN, lÄflDon hackten die Augen aus! ©te nahm sich vor, die Bestattung der Toten zu veranlassen; es war doch Menschenpflicht. — Aber warum mußten sich Menschen, die ursprünglich von einem Elternpaare abstammten, die einen Vater im Himmel verehrten, gegenseitig morden, zerfleischen? Gebot dies die Religion? Oder war das Naturgesetz, — unabwendbare, eiserne Notwendigkeit? War dieser Vernichtungskampf zweier großer, edler Nationen gegeneinander nicht zu vermeiden? Konnten sie denn nicht in friedlichem Wettbewerb mit- und nebeneinander beide zum Glück, zur Blüte des gemeinsamen schönen Landes beitragen! Ihr zartes Gemüt begriff es nicht, wie Menschen gleich wildgewordenen Bestien sich aufeinanderstürzen, sich zerschlagen, erdolchen, erwürgen, durchbohren konnten, wo ihnen doch allen in diesem Garten Gottes, auf diesem so außerordentlich fruchtbaren Boden, allen Nahrung, allen Existenzmöglichkeiten geboten wurden! Ach, wie sehnsüchtig erhoffte auch sie die schöne, herrliche Zeit des Moschiach den Dowid, wo die Menschheit endgültig die Streitaxt begraben würde, wo Paradiesesfrieden und -Freuden wieder in die aufgestörte Welt einkehren würden, „wo der Wolf bei dem Lamme wohnen und der Tiger neben dem Böcklein lagern würde,,— wo der Säugling spielen wird an der Otter KlP, ... wo man umschmieden wird die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen zu Rebenmessern!!" Ach, hinter all diesen schrecklichen Kämpfen lauerte mehr als bloße Gier nach „der besten Weide!" Lag mehr als die bloße Sehnsucht nach dem herrlichen Süden, welche einst das kriegerische, kampflustige Volk der Gothen hierher zur Eroberung getrieben hatte, lag mehr als bloßer Gegensatz zwischen Morgen- und Abendland. Nein, dahinter lauerte ein „Etwas", „Unheimliches", eine grausige Macht, vor der ihr schauderte. Schon in dem gefangenen und verwundeten Ordensritter, in seiner Kleidung, in seinem ganzen Benehmen, in seinem Fanatismus, mit welchem er in den Kampf eingriff und ihn durchkämpfte, konnte man es erkennen, kam es zum AMbruüi illkstr Nittff — seinem Asußsrsn nach kM Spanier — kämpfte nicht für Heimat und Vaterland, nein, die Insignien auf seinem Kleide verrieten es, kündeten es deutlich! Er kämpfte für die Ausbreitung eines anderen Glaubens! Und solche Glaubenskämpfe waren immer schrecklich, abstoßend. Am meisten mußte immer das jüdische Volk darunter leiden! Auch Davids Blicke hafteten mit forschendem Interesse an der Kleidung des Ritters, welcher besinnungslos, von den beiden Schildknappen festgehalten, auf. dem Rücken seines Pferdes hing. „Ein weißer Mantel, ein rotes Kreuz auf der Brust in der Form eines Schwertes, welches mit Lilien verziert war". Auch Musa war die außergewöhnliche Tracht des Ritters aufgefallen. Er grübelte darüber nach, wie sich die Gefangennahme einer gewiß hochstehenden Persönlichkeit zum Nutzen seiner Vaterstadt politisch auswerten laste. So waren sie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, vor der Wohnung Abraham de Santos angekommen. Der Rabbi war den ganzen Tag von einer seltsamen Unruhe ergriffen. Thorastudium füllte den Rest des Tages nach dem Spazierritt aus. Er hatte soeben das Minchagebet vollendet und spähte durch das vergitterte Balkonfenster die' Landstraße hinunter, welche zur Ebene führte, als er auch schon die Reiterkavalkade in derangiertem Zustande in der Nähe seines Hauses anlangen sah. Mit einem Blick erfaßte er, tödlich erschrocken, die Situation, umarmte sein geliebtes Töchterlein, und hörte stumm, schweigend den Bericht seines künftigen Eidams an. Nur e i n Blick, in dem mindestens soviel Stolz als Vorwurf lag, ruhte auf ihm. Keinen Augenblick besinnt er sich: das Gebot der Stunde! Hier rief die Pflicht der Nächstenliebe! In diesem Mgmkllilrc war ks nicht -ff der Glaubsnsfeind, der da draußen hilflos auf dem Pferderücken hing, war ein Mensch von Fleisch und Blut, wie sie selbst, und das ethische Gesetz in der Brust schrie: „Auf, hilf ihm!" Und das Gesetz der Väter sekundierte: „Amen!" Er befahl sofort, den Ritter. in seine Wohnung zu tragen, und ließ ihn in einem freundlichen, dem Garten zugekehrten Gemache betten. Die verwundeten Pferde hieß er in einem nahegelegenen Stalle unterstellen, gab Anweisung und Befehl, die draußen im Walde gefallenen feindlichen Ritter ehrenvoll zu bestatten, und nahm sich vor, sobald es ihm möglich sei, selbst die Wunden der gequälten Tiere zu verbinden. — Seine erste Hauptsorge galt aber jetzt dem Ritter. Er läßt die Männer stehen und'eilt in das Krankengemach. Erschrocken prallt er zurück, als er die Kleidung des Ritters Kgauer betrachtet. Unter all dem Staub und Schniutz des Kampfes erkennt er die Insignien des Schwertordens von St. Jakob! Wie gut, wie sehr gut kennt er diese Tracht! In der furchtbarsten Stunde der höchsten Erregung und tiefsten Erniedrigung hat sie sich