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Der Israelit · 1926-02-18 · Heft 8 (18.2.1926) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 8 (18.2.1926)
Date
1926-02-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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L.i - ' 'Ti.. 8 der Alten und in der Neuen Welt. Ich habe bewiesen, daß liberales Judentum den lebenden Brunnen verläßt und mühsam Zisternen anlegt, löchrige Zisternen, die kein Wasser halten können." Das sollen sich nicht allein die „Liberalen" in Engl a n d gesagt sein lassen. Palästinafahrt Von Max Landau (Fortsetzung.) , Die Frauen sind nur halb verschleiert, die obere Gesichtshälfte bleibt frei; ein Stäbchen auf dem Nasenrücken verbindet das Kopftuch mit dem Schleier, der den Mund verhüllt. In ihrer uniformen schwarzen Kleidung sehen sie von ferne aus wie Nonnen. Alle sind gleich gekleidet, der Rock der Wohlhabenden unterscheidet sich nur durch die Güte des Stoffes. Außer Augen und Nase ist alles streng verhüllt; noch die Bettlerin, die die dürre Hand nach dem Bakschisch ausstreckt, umhüllt sie, damit die Hand des Mannes sie nicht berühre. Wie sie so durch die Straßen eilen, die vermummten Gestalten, Scharen schwarzer Vögel in der Weiße von Sonne und Stein, bringen sie in diese friedliche, heitere, unproblematische Welt eine Dissonanz: sie erinnern plötzlich an die tragische Zweiheit der Welt, an die Rätsel und Dunkelheiten des Lebens, und ihr Anblick wirkt, quälend. Verwinkelte Gäßchen, die ineinander schneiden, unvermutete Durchgänge, Bogen, die Straßen überdachen, Lichtungen mit entzückenden Straßenbrunnen, vor denen immer Menschen kauern. Die Stadt zerfällt in viele Quartiere, jedes hat Tore, die werden teilweis zur Nacht geschloffen. Wenn man sich durch dunkles Straßentjwbltrcäjgerounbert t>cx±, na<x<f)^en tsor einem pioßliö) Moscheen auf — übrr g'*' es in Kairo — mit strahlenden Kuppeln, rundbogigen Balkons, gezackten Gesimsen, in Sonne gebadet; die .Wände, die Pfeiler, die Kuppeln sind übersät von unnachahmlich zierlicher, graziöser, leicht schwebender Ornamentik, die die Schwere und Wucht des Baues mildert, ja gleichsam aufhebt. Der ewige Fluß der sich kreuzenden, ineinander verfangenden Linien, der botanischen und geometrischen Motive hält der ernsten Hoheit des Tempels schalkhaft die Unendlichkeit und unübersehbare Fülle des Lebens entgegen. Anziehend sind die Höfe, viereckig, mit Arkaden und dem Brunnen für die religiösen Waschungen in der Mitte. Da ist nichts von dem düsteren Ernst der Dome, von der entsagenden Abgeschlossenheit der Klosterhöfe: lächelndes Geheimnis ist darin, wohlwollende Heiligkeit, joviale Feierlichkeit, aber beherrscht von dem Ernst und der Gewalt des Gedankens vom einen und alleinen Gotte. Wie sie so von der Mitttagssonne übergossen daliegen oder vom milden Licht des absinkenden Tages, fühlt man, wie tief sie dem Leben verhaftet sind. Das Leben ist nicht ein bösartiges Ungetüm, dem man froh ist, entkommen zu sein, sondern ein friedliches Meer, das heiter an den Dämmen spielt und ab und zu mutwillig kleine Wellen herüberwirft; man ruht hier aus, um bald wieder hineinzuspringen, und wird naßtriefend wieder heraufkommen, um in der Geborgenheit der heiligen Ordnung für kurze Weile zu rasten. Sehr eindrucksvoll ist die Tulun-Molchee, von Alter zerfressen, die burgartige Hassan-Moschee, in ihrer strengen Einfachheit und Geschlossenheit an ganz moderne' Architektur erinnernd, die Alabaster- Moschee auf dem Zitadellenberge, die Mehemed Ali vor hundert Jahren nach dem Vorbild der Hagia Sophia in Konstantinopel hat erbauen löffklll Äll ffpb SEßimbe gctng aus reinem MirchsiTtWm Alabaster, wenn bie unzähligen Lampen entzündet werden, die in dichter Reihe nebeneinander hängen, gibt es ein entzückendes Farbenspiel. Eine Gegend ist da, die hat gerade, breite Straßen mit kleinen, vornehmen Häusern, sieht aus wie ein Rentnerviertel: das ist die Totenstadt von Kairo. Die Wohlhabenden haben ihren Toten einen ganzen regelrechten Stadtteil er¬ D r r Israel: is Februar 1926 baut, mit schön gepflastertem Straßendamm, auf. dem niemand fährt, mit Bürgersteigen, auf denen^ niemand geht, mit netten, behaglichen Häuschen' in Reih und Glied, die von außen nichts Besonderes verraten. Innen sind Höfe und . dahinter große Säle, darin stehen kostbar aufgebahrt die Särge; an der Seite sind kleine Wohnungen für die Wächter. Es ist eine bürgerliche Nachahmung der Mameluckengräber, ein originelles Mausoleumsstädtchen. Jedem Toten seine eigene Villa. Man geht Straße auf, Straße ab, sieht nirgends eine Menschenseele, und es fängt an zu gruseln. * Wenn man die Pyramiden am Tage sieht, wie sie etwas unmotiviert aus den Sanddünen der Wüste hervorwachsen, runzlig, abbröckelnd, vor Alter trottlige Steinkolosse, ständig umgeben von Photographen, Fremdenführern, allerlei polyglottem Touristenvolk, machen sie eigentlich einen, etwas schäbigen Eindruck. Sie wirken wie ein stehengebliebener Witz der Weltgeschichte, ein aus Pietät und Tradition noch gangbarer Artikel der Fremdenindustrie. Man sieht sie sich an wie sonderbare exotische Tiere, die von einem Wanderzirkus gezeigt werden, mit kalter, zu nichts verpflichtender " Neugier. Sie stehen schon lange, haben soundsoviel Qudrameter Flächeninhalt — nun wenn schon. Die Engländer bauen am oberen Nil einen Staudamm, der ist, zwanzigmal großartiger wie die ganzen Pyramiden. Ueberhaupt, was haben die Pyramiden und diese ganze altägyptische Welt, deren Ueberreste in überwältigender Fülle in dem großartigen Aegyptischen Nationalmuseum gesammelt sind, mit dem heutigen Aegypten zu tun? Welche Verbindungslinien führen von dort zu Modern-Egypt? Die Urbevölkerung ist ausgestorben, die Handvöll Kopten, die noch da sind, haben jede Erinnerung an die Vorzeit aus ihrem Bewußtsein gelöscht, eine ankere Nasse, eiii Maukö. 81110 andere Kultur hat vom Lande Besitz ergriffen. Die Geschichte hat hier einen scharfen Strich gemacht, das Alte hat keinerlei Berührungsflächen mit dem Neuen. Das Forum Romanum ist innig mit der Gegenwart verknüpft, es hat sich geradlinig zu dem heutigen Rom fortentwickelt, und die Jmperiumsträume des Faszismus knüpfen bewußt an jene Welt an, deren Trümmer hinter dem Kapitol umzäunt liegen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Pyramiden und der heutigen geistigen Welt? Heute sind sie nur mehr ein Objekt für Archäologen, eine wirkungsvolle Staffage für das Mena-Hotel, eine Einnahmequelle für Cooks Reisebureau. Was haben sie uns zu sagen? Aber wenn man in mondhellen Nächten hinausfährt, auf der schnurgeraden, tischglatten Straße von Gizeh aus, wenn alles lärmende Getriebe verschwunden ist, und in der umgebenden Stille aus Wiesen und Gärten südländisch schwere Düfte sich ist die Sinne beizen; wenn fern gigantische Umrisse in makelloser schwarzer Glätte sich zum Himmel recken, wenn scharfe Konturen in den Raum hinein schlagen, der von silbrigem Mondlicht gefüllt ist, und im Hintergrund die große Wüste schwarz und geheimnisvoll schläft: wird man erschüttert. Die Schicksalsfülle, die in den stummen Klötzen schlummert, wird lebendig, die Jahrtausende fallen schwer und wuchtig aufs Bewußtsein, man steht auf dem Gipfel eines ungeheuer hohen Berges, von dem man schwindelnd hinunterblickt. Man weiß auf einmal, wem sie etwas zu sagen haben, die Pyramiden: dem Juden. Die stummen Zeugen einer heroischen Zeit, die uns fast jenseitig anmutet, sie stehen da, körperhaft, greifbar, ganz wirklich: Man kann sie betasten, die kalten steinernen Dinger, kann sie mit Händen anfassen: mart fann bte Smigteti attfaffen. (Ein ftäjarfer, schneidender Wind streicht vorbei, w? wenigen Stunden alles in Sonnenglut dörrte, kaltes Mondlicht trieft hernieder wie dünner Seim. Eine kreisrunde Scheibe schwebt körperlos, unsagbar leicht, an einem samtenen Vorhang vorbei. Die also leuchtete schon über diesem Fleck, als die Botschaft erklang: „Dieser Mond sei euch der erste der Monde"? Wie das aufwühlt. Es istt atembeklemmend. Aber plötzlich, wird man inne, daß dies eigentlich gar nicht so fern ist, sondern sehr nah und ganz verträut,. schon hundert- und tausendmal ohne Verwunderung erlebt. Wie ungeheuer tief ist doch der Komplex „Jezias Mizraim" in unserem Bewußtsein eingegraben, wie sehr ist unser Leben von. Erinnerungen daran durchsetzt! Täglich sprechey wir davon, täglich binden wir es an Hand und Stirn, Pressen es in unser Fleisch, daß Striemen bleiben, gedenken seiner auch in Nächten. Dieser Vorgang aus dunkler Vorzeit, täglich ersteht er neu in warmer, blutvoller Frische, gestaltet unser Weltbild, versinnbildlicht mit nie ermattender Kraft das ewige Schicksal des Juden: Knechtschaft und Erlösung; durch alle Zeiten ist er für uns von unerhörter Aktualität geblieben,. Tag um Tag von neuem erlebt, nicht mehr bloß ein Stück Geschichte, sondern leibhaft lebendige Wirklichkeit. Geschichte hat sich in Seelisches umgesetzt; Zeit löst sich auf wie die Umrisse der Landschaft im dunstigen Lichte der Mondnacht. Langsam, versonnen geht man zurück. Auf der Landstraße rattert der Motor des Wagens, der Chauffeur tritt fröstelnd von einem Fuß auf den anderen Hinter den verhangenen Fenstern des Mena-House schweben, sich wiegend, Schatten vorbei, über den Garten dringen die Klänge dev Jazzmusik, in harten, eckigen Rhythmen, den Rhythmen der neuen Zeit. Es stört gar nicht. Es zerreißt keine romantische Stimmung. Alles ordnet sich widerspruchslos zueinander, alle Epochen vermischen sich, der Zeitbegriff ist ausgelöscht, die Ewigkeiten fließen ineinander. Beglückt wird man sich der kostbarsten Eigenschaft des Judentums bewußt, seiner nie verblassenden Heutigkeit, die nicht wehmutsvoll in vergangene Zeiten zurückschaut, sondern — gleichsam als sei es heuteerst erschaffen — zuversichtlich und fraglos die Gegenwart zu erobern unternimmt. „Heute ziehe! W hiNSUZ. M MlMllt Dßg FxüUsiW." Ill MM Heute ist her Anfang her Well, heule erfüllt sich alles Schicksal, alle Wunder neuen sich, alles ist jung, unverbraucht, einmalig und nie dagewesen; heute ziehen wir hinaus (und morgen und übermorgen) in ursprünglichem Staunen und in ursprünglicher Kraft. Heute! — wieviel Glück liegt in diesem Wort. Heute! — das ist das Geheimnis des Judentums. Fortsetzung folgt. tzonerponaenren « ßacbricbten. Deutscher Reich. Bund gesehestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. Frankfurt a. M., 19. Februar. Vom oben genannten Bunde wird uns geschrieben: Auf wiederholte Gesuche von Privatpersonen um Ueberlassung des von Rabb. Feldmann herausgegebenen Trofnto-mp zum halben Preise, erwidern wir daß wir diese große Vergünstigung nur unseren Mitgliedern gewähren können, Da wir . zu jedem einzelnen Exemplar die entsprechenden Mehrkosten aus unserer Kasse leisten' müssen. Eine große Kundgebung der Indischen Volksparlei in Berlin. B e r l i n, 12. Februar. Die Jüdische Volkspartei veranstaltete am Donnerstag, den 11. Februar abends, in Berlin eine Volksversammlung über das Thema: „Ünfere jüdische Gemeinde, die ihr drohenden Gefahren und ihr Aufbau". Herr Dr. Alfred Klee wandte sich, nach Darlegung der Ziele der SULparU scharf g^A M Mssigs? ÖOf MMlM NkformgeMklNde, Dr. Rosenthal, der beianntitd) in einer Versammlung zu Duisburg gesagt hat, die Ostjuden bringen ein Element der Unsauberkeit in das deutsche Judentum hinein (Pfui!-Rufe) Es ist eine traurige Tatsache, setzte der Redner fort, daß Herr Dr. Rosenthal mit seiner Meinung nicht allein dasstht, sondern Exponent von Anschaungen ist, die sich immer mehr breit machen. Wir kennen unter dem Ostjudentum; edelste- Fi-

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