Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1926)
- Date
- 1926-02-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Rabbi von Granada. Historische Erzählung aus der letzten Zeit der TNaurenherrschaft in Spanien. Von Moritz Auld. (Fortsetzung.) „Du hast soeben, o König,"' versetzte de Santo eifrig, „große philosophische Probleme gestreift, die mein lieber Freund, der Vater meines zukünftigen Eidams — Soadia ibu Danan — zurzeit in seinem Lehrhause behandelt. Ich habe zu seiner Abhandlung einige Randglossen geschrieben und will sie Dir — o Herrscher —, wenn es Dir recht ist, — noch im Laufe des Tages hinauf in Deine Sommerwohnung schicken!" „Nein! Nein!" Der König wehrte lächelnd ab. „Ihr seid doch ein gar"eigentümliches Volk!" — Und Abraham de'Santo ausdrucksvoll, nachdenklich betrachtend: „Seltsam, gar seltsam! Da draußen steht eine Welt in Flammen, und Eure Hauptsorge, Euer Hauptinteresse ist dem Buche gewidmet!" Und nähertretend — seine Hände Abraham aus die Schulter legend, — zärtlich: „Mein lieber de Santo! Du bist den Belangen der Außenwelt gegenüber immer noch ein großes Kind! Du machst Dir nur Sorgen um andere und siehst nicht das Unheil, das drohend näherziehend Dein eigenes Haupt umschwebt!" . . . „Und inwiefern," entgegnete de Santo ausweichend. ..Meinst Du vielleicht die Spione der Sirups«? 8H süM (18 nchr «ISP! Nch, könnte ich es. doch sühnen, was ich einst verschuldet habe! Als ich bei jenem großen Autodafe in Sevilla mit meinem Vater, dem Steuerpächter des Königs Ferdinand, und mit meinen Brüdern öffentlich den Glauben Und die Lehren des Jsa beschwor! Welch'schwere Tage und insbesondere Nächte hat mir dieser Abfall, diese Treulosigkeit, verursacht, wengleich ich längst wieder zum Glauben meiner Väter zurückgekehrt bin. Nun, ein zweites Mal würde ich die große Pflicht der Hingabe des ganzen „Jchs" für Gott und seine heilige Lehre nicht verletzen: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist ein einig-einziges Wesen. Und Du sollst lieben den Ewigen Deinen Gott mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Vermögen." Hast Du schon gehört von unserem großen Lehrer Akiba, welcher sich freute, als ihm durch den Märtyrertod die Gelegenheit geboten wurde, auch d i e f e Pflicht zu erfüllen: Gott mit der Hingabe des Lebens zu dienen?" „Gewiß, Du, ja Du wärest einer solchen Selbstaufopferung für eine hohe Idee fähig. Du würdest dafür, — ohne mit der Wimper zu zucken, — ohne Klage, Dein Leben hingeben, — aber was soll aus Deinem Töchterlein, der liebreizenden Cohaide werden? Ich sehe sie — edel und stolz, tugendsam und ehrenhaft wie Du — jeden Widerruf verweigernd den Torturen der Inquisition verfallen. Ich sehe sie gefesselt, von den Flammen verzehrt, — Glied für Glied!!" . . . ... Ein entsetzlicher Wehruf erscholl aus dem Munde de Sontos. Seine Augen waren fast aus den Höhlen getreten. Schweiß stand ihm auf der Stirne, der ganze Mann zitterte. Der König war liebevoll auf ihn zugetreten: „Fasse Dich doch, de Santo! Noch ists ja nicht Wirklichkeit, wird nie geschehen, das Gräßliche, wenn Du vernünftig bist und meinem Rate folgst! Ich bin gut beraten. Die Häscher der Inquisition wimmeln im Maurenlande. Selbst bis hinter die Mauern, meiner von dieser Pest bisher verschonten' Stadt sind sie schon gedrungen! Nun, über den balhjgen Fall Granadas sind wir uns klar. Es kann sich vielleicht noch einige Wochen, im besten Falle noch einige Monate halten, dann ist sein Schicksal erfüllt und dann bist Dü mit Deiner Familie als Maranne und Diener des Maurenkönigs einem schrecklichen Lose überliefert. Ihr müßt baldigst fliehen! Du, Cohaide und ihr zukünftiger Gatte, vereinige schleunigst die Kinder durch das Band der Ehe, und ich werde Euch alle erdenkliche Hilfe zur Flucht angedeihen taffen. Auch ist es Euch jetzt noch leichter möglich, — solange sich der Gürtel der Belagerer noch nicht enger um die Stadt gelegt, — Eure wichtigsten Wertgegenstände,. msvesondere Deine kostbaren Bücher mitzunehmen. Und nun mein lieber de Santo, wieder zu den Staatsgeschäften! Ihr habt also Briefe mit ungünstigen Nachrichten für mich von Afrika erhalten! Gib her! Genau, wie ich es mir gedacht! Habe es nicht besser erwartet! Doch gehn wir hinunter, um die Boten zu verabschieden!" Sie stiegen, hinunter in den Saal des Gesandten, ein mächtiges, viereckiges Gemach, dessen Halbdunkel kaum hinreichte, um die Vergoldungen der kunstvollen, aus Zedernholz zusammengefügten Decken zu erkennen. Der König ließ sich auf den Thronsessel nieder, und Abraham de Santo, der Ratgeber des Königs, übergab den Boten feierlichst in einem versiegelten Schreiben die Antwort des Königs. Obwohl im Innersten tief enttäuscht über die Bedeutungslosigkeit der Botschaft, wußte Muley Hazen doch die äußere Würde und den Glanz seines Königtums bis zuletzt zu wahren. Die Boten wurden reich bewirtet und reich beschenkt entlassen, und der König und sein Ratgeber schritten schweigsam die letzten Stufen des Turmes hinunter, an den ehrfurchtsvoll, scheu zurücktretendsn. in dis Marlotts gehüllten Schildrnachsn »or= Aber achtlos glitt heute ihr Blick von all der Schönheit ringsumher ab. Nicht fesselte sie heute das wunderbare Farbenspiel der Mosmkböden und -Wände, jener Zusammensetzung von Azulejos, d. h. kleinen, viereckigen Stücken Fayence, die auf kunstvolle Art gefärbt waren, nicht das reizende Kunstwerk der Löwenbrunnen, dieser riesigen, von zwölf Märmorlöwen getragenen Alabasterschale mit ihrem kunstvollen Wasserwerk, nicht der Märchen- und elfenhafte Reiz der Säle, in denen sie sonst so oft Stunden des heitersten Genusses und träumerisch poetischen Daseins, wie es nur unter südlicher Sonne sich gestaltet, verbrachten . . . Hier, wo lebender Schatten, erquickende Kühlung in phantastisch. geschmückten Räumen geboten wurde, wo beim Plätschern der Brunnen, beim Spielen des Sonnenlichts durch die Muster der durchbrochenen Bogengarnituren, beim Hauche köstlicher Wohlgerüche die Seele sonst eingewiegt wurde in romantisches Traumdämmern, schien ihnen heute alles prosaisch nüchtern, färb- und reizlos. Sie schritten hinaus durch das Tor, „den Vogen der Gerechtigkeit", wo jeden Donnerstag Gericht gehalten würde und eilten der Sommerwohnung des Alhambrafürsten, dem Generalis (arab. Dgene Latifdem angenehmen Garten), zu, einem Garten mit wundervollen Myrtenalleen und tropischen Bäumen. Hier stand das eine, das kostbarste der beiden berühmten Lusthäuser, welches von den Fluten des Darro bespült wurde. Am Wege zum Generalis lag auch die Privatwohnung Abraham de Santos. II. Ritt in d i e Ebene. Schon von der Ferne bemerkten sie zwei Reiter vor dem Haufe des Rabbi de Santo, welche beide ihr feuriges arabisches Roß tummelten, und die beim Herannahen des Königs und seines Ratgebers sich aus dem Sattel schwangen,, die Tiere an den Zügeln nachführend, einige Schritte auf die Ankommenden zugingen Und sich ehrfurchtsvoll verneigtem Es waren David ibu Soadia, der Sohn des Talmudisten und Dichterphilosophen Soadia ibu Danan, des Rabbinatskollegen Abraham de Santos und sein Freund, der Sohn des Königs Muley Hazen, Musa, der Sohn einer gefangenen Christin, der Lieblingsgemahlin Muley Hazens. Musa ergriff das Wort, um den verwundert dareinschauenden Fürsten und seinen Begleiter über ihr Vorhaben aufzuklären: Sie beabsichtigten einen Spazierritt nach dem einige Meilen entfernten Wäldchen Soto di Roma. Da der Feind sich immerhin noch meilenweit von der Stadt entfernt halte, sich in letzter Zeit sogar etwas zurückgezogen habe, fei keine Gefahr vorhanden. Er möchte deshalb im Namen seines lieben Freundes David und in seinem eigenen um die Vergünstigung bitten, die Verlobte Davids, die Tochter de Santos, die reizende Cohaide zum Spazierritt mitzunehmen.. Um jeder Ueberraschung gewachsen zu sein, wollten sie beide gewappnet, in Ritterkleidung, den Spazierritt unternehmen und noch zwei gewappnete. Schildknappen als Deckung mitnehmen. Rabbi Abraham de Santos sah besorgt darein, ohne zu antworten; der König aber rief aufgeheitert: „Ein guter Gedanke, in der Tat! Euer Wunsch — ich nehme an, lieber de Santo, in Deinem Sinne zu sprechen —, sei Euch huldvollst gewährt, mit der einzigen Bedingung, daß Ihr auch uns beide, solange es uns aber bei Euch behagt, in Eure Kavalkade aufnehmet. Ein solcher Ritt, mein lieber de Santo, verscheucht die trüben Gedanken, welche die Staatsgeschäfte und die dumpfe Luft der Staatsgemächer erzeugen!" Schnell ward der Wunsch des Königs ausgeführt zum Entzücken der reizenden Cohaide, des fünfzehnjährigen Töchterleins de Santos. HM KW. fall JimWliMw MiHM MMl schnell ausgeblüht, von edlem Wüchse, leicht federndem Gange, klassisch geformten Zügen, gebogener Nase, hoher Stirn, über welche sich ein berückendes Gewirr nachtschwarzer Locken türmte, die durch den Abnaepar, dem spinnwebhaft dünnen Schleier aus gestreifter Gaze, mit festgehalten wurden. Wie eine Gazelle springt sie aus dem Gemach und schlägt freudig entzückt über die Gewährung ihres Wunsches in die Hände. Reizend war auch ihre Kleidung, welche ganz dem Geschmacks damaliger Zeit entsprach. Ihr Kleid war von weißem Damast, vortreffliche Arbeit, ihre Marlotte mit braunem Brokat gefüttert. Ihre weiße Stirn schmückte eine Rose, in deren Mitte ein teurer Edelstein funkelte. (Fortsetzung folgt.) «kowoud." Don Israel Htzmann. Nikolsburg war in Aufruhr. Alles war gerüstet und aufs höchste gespannt. Der neue Rabbiner, der Rabbi Reb S ch m e l k e, sollte seinen Einzug halten. Ein Mann von Weltruf, der ein Schüler vom Wilna er Gaon war und zugleich das Vertrauen des M e s e r i t s ch e r besaß. Wie viele Städte und Gemeinden hatten sich um die Ehre beworben, Rabbi Schmelke an ihrer Spitze zu sehen. Nun willigte er ein, nach Nikolsburg zu kommen, und die Gemeinde wußte das Glück zu schätzen. Und wie kam Nikolsburg zu dieser Ehre? Es war nicht gerade leicht. Man hatte die Reichsten und Vornehmsten zu ihm geschickt, die unverrichteter Sache wieder kamen. Man sandte die größten Gelehrten, sie richteten nichts aus. Man schickte die angesehensten Chassidim, sie brachten herrliche Thoraworte, auch Worte , der .Weisheit mit, aber die erwünschte Zusage, nach Nikolsburg zu kommen, nicht. Da ergab sich etwas Besonderes. Man hatte Geld nötig, viel Geld für eine große Sache. Eine ganze jüdische Gemeinde war in schwere Gefahr