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Der Israelit · 1926-01-28 · Heft 5 (28.1.1926) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 5 (28.1.1926)
Date
1926-01-28
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 4 Nr. 5 D er Israel i t in Sprechsaal. Ohne von irgend jemand ermächtigt oder, beauftragt zu sein, zu den verschiedenen Ärtikeln und Sprechsaalveröffentlichungen zu obigem Thema Stellung zu nehmen, gestatte ich mir nur, folgende kurze Bemerkungen zu. machen, die teilweise der sachlichen Richtigstellung dienen sollen. Ich sehe heute von einem näheren Eingehen > auf den 'Inhalt der Ausführungen nfj, obwohl sich bei allen sowohl zustimmende als ablehnende Worte als nötig erweisen würden: 1. Die beiden Oberräte, die persönlich zionistisch eingestellt sind, haben sich weder in Gesinnung noch in Lebensführung je als „orthodox" bezeichnet; aber ihre Handlungen in ihrer Oberratstätigkeit waren fördernd und kräftigend für die Emunoh. Wenn wirklich von orthodoxer Oberratsfeite, von orthodoxen Synodalabgsdrdneten riicljt etiles ge|d^ef^ert roas tjätte gejtfjefjen jotkn (oder: geschehen können?), dann soll man doch schon aus Takt und Anstand diejenigen Scanner aus dem Spiel Men, die wir noch niemals als unsere eigentlichen Vertreter im Oberrat bezeichnet haben, denen wir aber in vielen, vielen Dingen Dank sagen müssen für ihre Tätigkeit. , 3. In dem 3. Artikel ist eine Stelle irreführend. Es könnte der Eindruck entstehen, als sei zur Zeit nur der S'kadt- und Konferenzrabbiner Dr. Unna in Mannheim Verwalter eines orthodoxen Rabbinats. selHt wenn der Einsender es richtig gemeint hat, muß es.' doch aus verschiedenen Gründen hier ausdrücklich betont werden, daß auch das Mosbacher Rabbinat (Herr Bezirksrabbiner Greilsheime r) den Anspruch erheben kann, als gesetzestreues Rabbinat bezeichnet zu werden. 3. M. E. scheint jetzt die Oeffentlichkeit über die religiösen Verhältnisse im „Muschterländle" genügend orientiert und — alarmiert zu sein. Ein solcher Alarmruf ist von Zeit zu Zeit sehr notwendig. Aber nun wird es wohl besser sein, wenn die Angelegenheiten des gesetzestreuen Judentums in Baden von den berufenen und verantwortlichem Instanzen selbst erörtert werden. Hoffentlich arbeiten bab«t and) Dor allem die „JHujcr im §iretlM iäüg mit. 5<mn tnmüt, man g. B. als „plvni almoni" feine laute Stimme im „Israelit" erhebt, hat man doch wohl nur zu einem Teil seiner Pflicht genügt. Und da wir in Baden ja nicht darin die Förderung gesetzestreuen -Lebens erblicken, daß man möglichst viele r\~brm entstehen läßt, so kann der Ruf jetzt nur lauten: nvevb nyj . . . Wir wollen die berechtigten Vorwürfe der verschiedenen Herren reiflich erörtern und, da wo es nötig fein wird, neue Arbeitsmethoden prüfen. Wenn es dann bei papierenen Beschlüssen bleibt, dann.mag zur gegebenen Zeit jeder Berufene wieder die Oeffentlichkeit alarmieren. Bis dahin scheint es mir ratsam, hinter verschlossenen Türen zu tagen. 1 @ a r 1 Sarm|illl)ierr Le^rrnntsasiesior, Mitglied der Synode. Wenn ich zur Erwiderung auf die verschiedenen Angriffe in diesem Blatte gegen den Oberrat und gegen die Verhältnisse in unseren Landgemeinden die Feder ergreife, so geschieht es nur, um aufklärend zu wirken, weil ich eben die einschlägige nVerhältnifse am besten kenne, mit wenigen Worten, Lehrer in drei Landgemeinden bin. Ich nehme gerne an, tmß dem Einsender jener Kritik der religiöse Zerfall in>unseren Gemeinden am Herzen liegt und sein Tadel in der besten Absicht ausgesprochen wurde, doch sind trotzdem diese unsere Verhältnisse nicht die schlechtesten, keinesfalls schlechter als in anderen Staaten Deutschlands. Man hält hier zu Land allgemein noch den Schabbos, besucht die Synagoge am Schabbos und Festtagen und lebt im großen und ganzen noch rituell. Ich darf von mir ruhig behaupten, daß ich flsWg MWsmmn WHNma aMMc imü tetnesr falls mit Den angeführten religiösen Verhältnissen in unseren Gemeinden zufrieden bin, ich würde vielmehr recht gerne sehen, wenn mehr Liebe und Eifer für das Judentum in der heutigen Generation zu finden wäre. Wen aber trifft die Schuld, daß dem nicht so ist? Ich gebe zu, daß das frühere Regime aus jener Zeit des „modernen Gebetbuchs" unfern Gemeinden im großen und ganzen viel geschadet hat, heute aber kann sich der gesetzestreue Lehrer und Rabbiner in Baden ganz wohl fühlen; der Oberrat will nur aufbauen und nicht zerstören, er reicht den Gemeinden gexne die Hand, soweit die vorhandenen Mittel es erlauben. Wenn die Verhältnisse in Baden trotzdem nicht besser geworden sind, so liegt dies nur an den betreffenden csfWfiffOen, off «dsfsgs fffflf M Kultus ausönngen wollen, denen jeder Pfennig dafür zu viel ist. Indifferenz, furchtbare Gleichgültigkeit sind die Triebfeder dieses. Uebels. Auch in meinen Gemeinden gibt es päsfule Seforim, ahne, daß die Gemeindekasse auch nur einen Schritt zur Verbesserung tut, das find Dinges welche diese selbst abstellen können, — wenn sie nür wollen. Ufld wenn man vom Oberrat nur Abhilfe verlangen wollte, er würde gerne eingreifen, wenn auch die betr. Gemeinde selbst gewisse Opfer bringen wollte. Diese Gleichgültigkeit ist uns Lehrern, auch den Bezirksrabbinern und gewiß , dem Oberrat nicht gleichgültig, wir alle kämpfen vergebens gegen sie an, zumal auch die heutige finanzielle Misere zum Teil Schuld daran trägt. Der verehrte Einsender aus der Großstadt vermag wohl zu tadeln, aber uns nicht die Hand zur Abhilfe 'zu reichen. Er weiß wohl nicht, daßdenGemeind e mi tg li.e de rn d er Gottesdienst zu lange dauert, der L e h r e,r „zuviel" Unterrichtsstunden ab hält und auch zuviel „t r e f o h" macht. Den meisten aller Gemeinden — nicht bloß in Baden — ist jeder Pfennig zum Kultus im großen und ganzen zu viel. Jede menschliche Bequemlichkeit erfordert ihre Ausgabe — der Kultus darf nur an letzter Stelle marschieren. Ich unterrichte in zwei Gemeinden mit je einem Schüler. Die Gemeinden selb st würden sehr oem auf DIofan llHimiMM »rvzichuu, der Dbevral urtb her Lehrer verlangen ihn unter allen Umständen. Die Liebe zum Judentum und das Feuer der Thora sind leider in unseren Gemeinden fast erloschen, helfen Sie uns, es wieder zu entfachen, wenn es uns bis heute noch nicht gelungen ist! Die Gemeinden wählen selbst ihre Lehrer und ihre Rabbiner und ihre Vertreter zur Landessynagoge: sie die Bedürfnisse in ihren Gemeinden aufbringen, es für die Bedürfnisse in ihren Gemeinden ausbringen, es ist nicht Schuld des Oberrates und seiner Organe, wenn fast nur Liberale gewählt werden. — Wenn das Rabbinat Gailingen keinen Rabbiner mehr erhalten hat, so ist der Spiritus recior des Uebels jedenfalls in den Ge m e i n d e n selbst zu suchen, die wohl die veranlagte jährliche Grundsumme zur Anstellung und Erhaltung eines Rabbiners nicht aufbringen wollen. Uebrigens besteht das Bez.-Rabbinat Gailingen im wesentlichen nur noch aus den Gemeinden Gailingen und Randegg und ist demgemäß heute nicht mehr tragfähig, um einen Bezirks-Rabbiner erhalten zu können, zumal Konstanz bereits einen Rabbiner besitzt. Lehrer S ch l o fe in Diersburg. Der Vorstand des Vereins zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Baden hat den gegen den Oberrat erhobenen Vorhaltungen über den religiösen Verfall der Landgemeinden vor einigen Wochen damit entgegenzutreten versucht, daß nach Ansicht des Vorstandes genannten Vereines von den beiden gesetzestreuen Rabbinaten in Baden das Eine erst feit kurzer Zeit wieder besetzt worden sei, während der Wirkungskreis des andern gesetzestreuen Rabbinates sich lediglich auf die Stadt, an welcher sich der betr. Rabbinatssitz befindet, beschränke. Hierzu sei Folgendes bemerkt: 1. Das erwähnte, erst feit kurzer Zeit wieder neu NEiiM ratn Won üoröEFj llllv War jllMMlcr lang, ebenfalls mit einem gefetzestrenen Nabdiner besetzt. 2. Mitglied der Rabbinerkonferenz (halachisches Glied der Synode) ist — neben zwei andern Rabbinern — der gleiche Rabbiner, dessen Betätigungsfeld — nach Darstellung des Vorstandes des Vereins zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums — angeblich nur auf den Ort, an welchem sich der betr. Rabbinatssitz befindet, beschränkt sein soll, während doch in Wirklichkeit diesem gesetzestreuen Rabbiner in seiner Eigenschaft als Mitglied der R a b b i n e r k o n f e - r e n z das denkbar größte Feld zur Betätigung innerhalb ganz Badens — nicht nur in den Landgemeinden, sondern auch in den Stadtgemeinden — geboten ist. 3. Da anscheinend noch einmal der Versuch gemacht werden soll, den Vorstand des Vereins zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in der nächsten Generalversammlung an etwas intensivere Betätigung zu erinnern — dies geschah bereits bei der letzten Versammlung —, sei auch an das Ergebnis über die Abfitmmrmg über bas ^rauemoaJjtreiljt irr ber Synobe crtnnerk Es roave Im §nfere||e eines weiteren gedeihlichen Zusammenarbeitens aller „orthodoxen" oder „gesetzestreuen" Juden Badens — der N a m e (orthodox oder gesetzestreu) allein macht ja nicht den Juden — auch Aufschluß darüber erwünscht, welchen Standpunkt vertrat der Vorstand des Vereins zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums hinsichtlich des aktiven Frauenwahlrechtes, und hinsichtlich des passiven Wahlrechtes; welchen Standpunkt vertraten die orthodoxen oder gesetzestreuen Mitglieder der Synode bei der Abstimmung über das Frauenwahlrecht (aktiven und passiven); und schließlich welchen Standpunkt vertrat das gesetzestreue Mitglied her 9ia£>£>irter£ottfere«3 unb bes Syberrats anläßlich ber über i»as alüoe uni» pa||!oe ^rouerat»a|fl» recht? Aus der Beantwortung dieser Fragen wird sich ergeben, ob der Verein zur Wahrung der Interessen des „orthodoxen" Judentums überhaupt noch in seiner derzeitigen Zusammensetzung und in seiner derzeitigen . Vertretung nach außen berechtigt ist, unter der bisherigen Firma weiter zu „arbeiten". —t. 28. Januar 1SW Neckarbischofsheim, den 10. Januar 1928. Offener Brief an Herrn Bezirksrabbiner Dr. G r z y m i sch in Bruchsal. Sehr geehrter Herr Rabbine! Ihre „rückhaltlosen" Zurechtweisungen der Gesetzestreuen in Baden, zu denen Ihnen der „Israelit" in seiner bekannten Kulanz weitherzig den Raum stellte, dürfen nicht ohne Erwiderung bleiben. Daß die Gesetzestreuen, die in ihrem Sinne zu bessern und zu helfen sich verpflichtet fühlen, ihrer Gewissensnot laut Ausdruck geben und von ihren Schmerzen die jüdischen Gesinnungsgenossen durch die Presse unterrichten, nehmen Sie, Herr Rabbiner, und Ihre Freunde ihnen von jeher recht übel. Sie sind stets die Störenfriede, die die beschauliche Ruhe beeinträchtigen und kein Gefühl haben für die freundliche Gesinnung, die man im ..liberalen" Lager der Qrthc»- DOjiß SNWMMfp ... MM M lU\e Närrnürse, {o ungerecht sie sind, haben mich nicht in so tiefster Se.ele verletzt, als Ihre Ausführungen, die darin ihren Kulminationspunkt finden, daß wir Gesetzestreuen doch nur von den Almosen unser jüdisches Dasein fristen, die Sie und Ihre liberalen Gesinnungsgenossen uns reichen, und daß es im höchsten Grade ungerecht erscheine, wenn wir diesen Wohltaten zum Trotz uns nun auch noch undankbar und unbotmäßig zeigen. Wenn es richtig wäre, wie es unrichsig ist, daß die Summe, die der Oberrat und die Synode den Beamten der Landgemeinden — nicht diesen selbst — zuwenden, eine reine Wohltätigkeitssache darstellt, dann hatten Sie, Herr Rabbiner, von meiner jüdischen Auffassung aus gesehen, dennoch kein Recht, uns unter Hervorhebung dieses ion gebührend zur Ordnung zu rufen. Sie müßten — von meinem jüdischen Standpunkt aus — alles verhüten, was die Gesetzestreuen durch die Annahme dieser Wohltaten kränken könnte. „Nimmer rühme sich der Mensch seiner Wohltat, die Wohltat, deren du dich rühmst, verliert den Wert und wird Sünde". S. R. Hirsch nun § 572. gibt es im ßagcr ber ©e|e^estreuen gioei entgegengefefjte 'äsnsichten Ührr die Zusammenarbeit von Orthodoxie und Neologie aus dem Gebiete der jüdischen Kehillo. Aber auch da, wo man diese Zusammenarbeit für das Richtige hält und die Einheit der Organisation unter keinen Umständen preisgeben will, können Ihre Ausführungen nur das Gefühl tiefster Beschämung auslosen. Was man als sein gutes Recht seither angesehen hat — die Gleichberechtigung nämlich — erklären Sie, Herr Rabbiner, für nur vom guten Willen der Liberalen abhängig, denen es jeden Augenblick gefallen kann, die Zuschüsse zu streichen und den „Zusammenbruch" erfolgen zu lassen. So liegen aber die Sachen doch nicht ganz! Ganz abgssshsn baoott, ba§ in ben „ 3 ah 1 e n den" (Stabten nicht alles jo oölltg „it&eraf Isi, tote <?=*<? es glnnb?N machen und Ihre Zuschüsse, die dem Lande zu gut kommen. nur in den wenigsten Fällen orthodoxen Lehrern usw. zufließen, muß Ihnen doch Ihre Klugheit sagen, daß mit dem erwähnten Zusammenbruch der Landgemeinden die ganze Organisation zusammenbricht, die Ihnen so sehr ans Herz gewachsen ist. Und gerade die Gesetzestreuen sind es, die der Organisation — sofern sie eine religiöse genannt werden soll — den Halt geben. Sie brauchen die Gesetzestreuen in jeder Stadt- und in jeder Landgemeinde, um diese nicht zu einem hohlen Gefäß ohne . Inhalt, zu einer Institution ohne lebendige Religiosität, werden zu lassen. Sie kennen ja das Leben jeder Landgemeinde Ihres Bezirks! Da wissen Sie genau, wer zu den Erhaltern des religiösen'Lebens und zu dessen Verneinern gehört. Welcher religiösen Gesinnung sind jene, die den Gottesdienst mit heiligem Eifer pünktlich besuchen und auch sonst zu jeder Mizwo sich drängen ohne Rücksicht auf Zeit und Geldverlust und ohne Hervorkehrung ihrer eigenen Ve- QMmliüM mf) dk mm Solange bte Organisation besieht, isi es ihre Pflicht, alle Glieder derselben in jeder Hinsicht religiös zu versorgen und wenn sie darin versagt, hat sie ihre Lebensberechtigung unbedingt verloren. Meines Wissens ist es auch niemals weder dem Oberrat, noch der Synode eingefallen, diese Verpflichtung irgendwie zu bestreiten oder sie von einem gewissen Wohlverhalten abhängig zu machen. Um diese Art, wi e diese Verpflichtung ihre Erfüllung findet, dreht sich der Streit, in dem auch Ihre sonstigen Argumente und Ausführungen zu würdigen sein werden. Der Weg aber, den Sie, Herr Rabbiner, mit Ihrem Artikel einzuschlagen für gut fanden, kann m. E. keinen Fingerzeig für eine befriedigende Lösung des Streites abgebsn. Hochachtungsvoll Samuel Jeselsohn, Vorsteher der Israelitischen Gemeinde Neckarbischöfsheim. (Damit dürfte, nachdem alle Teile reichlich zu Worte gekommen sind, die Aussprache geschlossen sein. D. Red.)

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