Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1926)
- Date
- 1926-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Rabbi von Granada. Historische Erzählung aus der letzten Zeit der Mäurenherrjchaft in Spanien. Von Worih Kutd. - I. ■ . ■ ... . Schi tf salsge m eins ch a f t. Zieh ein den stolzen Arm Hagars Sohn, Jchhaü'im Traum' Deinen Sturz gesehen. (Iehuda Haleoi). Man schrieb das Jahr 1^91. Die alte Königsstadt Granada lag in emem Bett von Bosen Hegraben.' Obzwar es Juni und die schönste Zeit des Jahres schon vorüber war, wesche von Mitte April bis gegen Ende Mai dauert, waren alle Höfe, Balkons, Terrassen von duftenden Rosen alle £>ei£eri urib 'SDlimern »on Nossn umspönnen, und die Alhambra, die Königin der Schlösser, schien auf einem Bett von Rosen zu ruhen. Dazu flöteten die Nachtigallen Tag und Nacht in den schattigen Gebüschen, schlangen die zahllosen blühenden Granatbäume einen mit Scharlach gestickten Smaragdgürtel um die Königsstadt, schimmerte grün die.Vega, und die benachbarten Hügel, die einen Monat später schon dürr und braun dalägen, waren Mit einem tausendfachen Blumenteppich überzogen. Aus allen Schluchten, von allen Höhen, aus allen Gärten stieg Blütenduft empor und füllte die ganze Atmosphäre mit gewürzhaftem Wohlgeruch. Kein Dunst trübte das tiefe Azurblau des Himmels. Die Sierra Newada, die gleich einer Königin von den Felsenpyramiden ihres Thrones auf Granada herabschäute, hauchte mit leisem Odem kühle Lust aus, die in den dichtverschlungenen Kronen der Ulmen spielten. Wohin man blickte, eine Farbenpracht, ein Lichtglanz, der das Auge blendete, ein Klingen und Duften, welches die Sinne berauschte ünd unwillkürlich in süße Träume einwiegte. Noch nie war Granada so schön gewesen, als kurz vor seinem jähen Sturz vom Gipfel des Glücks in die Tiefe des Unglücks. Es schien fast, als ob die Natur in dieser glutvollen Farbensymphonie, in dem harmonischen Zusammenhang all der herrlichen Naturtöne den Schöpfern und Beherrschern dieses Paradieses ihre Abfchiedsgrüße senden und ihnen zugleich auch den ganzen unermeßlich herben Verlust, der' ihnen bevorstand, zum schmerzlichsten Bewußtsein bringen wollte. Auf Rabbi Abraham de Santo, dem großen Gelehrten, Arzt und Ratgeber, dem Freunde deo Königs von Granada, Muley Hazen, lastete mit aller Wucht das drückende Gefühl und die Schwermut, welche eine solch herrliche Natur und Umgebung dissonierend, aufwühlend durch ihren krassen Gegensatz zum Volksschicksal, zum bitteren Ernst der Stunde, in ihm auslöste. Er war heute gar nicht arbeitsfreudig. Schwer, doppelt schwer bedrückte ihn die Sorge für sein Vaterland, für seine Gemeinde und seine Familie. Wie eng war er doch mit diesem Volke verwachsen! Sein ganzes Dasein, sein Schaffen und Wirken, seine Gemeinde, seine Familie, alles war so verwurzelt in dieser . Kultur, in diesem Milieu, mit diesem liebenswürdigen, stammverwandten Volke, daß Trennung Hm nie möglich erschien. Dauernve lSchicksalLgettteittschast schien beschlossen, zusammengekettet, zusammengeschweißt! Herbe selbsteigene und nahverwandte Kultur hatten sich hier aus paradiesischem Boden in nie gekannter Vollendung zu einer WesensMheit verschmolzen, die Sehnsuchtserfüllung gleichkam, und die eine dahindämmernde glückselige Wunschlosigkeit gebar. War's aber nicht'Ueberfchätzung dieser Kultur, war's wirklich rastlose Sehnsuchtserfüllung — für sich selbst, für sein Volk? War's nicht Selbsttäuschung? War dies nur Israels Volksbestimmung, seine hohe ethische Zielsetzung? . . . Und doch! Die andern. Er, liebte sie, — liebte diese Wirtsvolk, er ehrte es, — verehrte und liebte es in seinem ersten, idealsten und edelsten Vertreter, in dem geliebten Herrscher und Freund: Muley Hazen! . . . Armes Granada! Er trat hinaus aus dem Arbeitszimmer auf einen Balkon, der sechs paarweis gestellten Saalfenster und blickte hinunter. Wie schön sie heute wieder war, die Königin der Städte! Wie eine Braut in süßem Verlangen den Bräutigam erwartend! Hä! Es wartete in der Tat ein Bräu-, tigam wenige Stunden entfernt.vor ihren Toren, heißverzehrende Blicke nach ihr werfend. Aber nicht Blumen^.hielten.seine Hände zum Liebesgruß umfangen/ sondern eisenklirrende Ketten faßte die eine Hand, . . .. die andere umspannte den Knauf, des Schwertes! Ferdinand! Dröhnend, eisenklirrend war sein Schritt, stürmisch sein Werben um die schöne Braut oder . . . Sklavin! Alp MlMlwa! . . . Und Mumm lallte das Volk in ausgelassenster Lebenslust in den „Delices de Granada"! Nie ging jetzt schon Tage lang die Sonne über diese hingegebene Stadt auf, als um neue Feste und neue Unfälle zu beleuchten! Die Könige, die Ritter, die Damen, das ganze Volk, selbst die Jugend konnte sich an den Carosseln, Quadrillen, Wurfspielen und Ringelrennen nicht satt sehen. Wilde Zweikämpfe befleckten ihre Zambras und ihre Serenaden mit Blut. Es floß, aber es war stets und immer das Blut von Granada! Der Rittergeist-herrschte noch, Krieger waren da, aber keine männlich, jugendstarke, entschlossene, tüchtige Führer. Dagegen hatten die Castilianer viele hervorragende Feldherren, — an Jsabella eine große Königin und an Ferdinand einen schlauen Politiker. Das zerrissene Reich mußte untergehen! Die Uebermacht der Spanier war zu groß geworden. Endlich gibt es im Gang der Geschichte, im Fortschreiten der Ereignisse eine Kraft der Dinge, welche über alle Berechnungen hinausgeht und jede menschliche Klugheit zu Boden wirft. Jad haschem:. die Hand, der Finger Gottes in der Weltgeschichte! Abraham de Santo seufzte tief auf. Er dachte jetzt wieder gar nicht mehr — hier in diesen Räumen, die ihm die Huld seines schwärmerisch geliebten Herrschers und Freundes eingeräumt hatte, an sein und seiner Glaubensgenossen dunkel verhängtes, mit diesem Volk und Land auf Gedeih und Verderb eng verknüpftes Schicksal. Nein, er sann, sann nach, wie er Hilfe, Rettung schaffen konnte dem geliebten Vaterlande. Von Afrika war nichts zu erwarten. Die Stammesbrüder hatten schmählich: versagt. Die Boten waren soeben mit leeren Händen zurückgekommen. Sie warteten unten auf seine Anweisungen im Saale der Gesandten auf den König. Und mit Ferdinand verhandeln? Vielleicht der einzige Ausweg! Auch er hatte schüchtern Muley Hazen diesen Weg angedeutet. Aber da war sie wieder: die ganze Wildheit und Tapferkeit des Maurenstammes, verbunden mit der edlen Hoheit dieses Fürstengeschlechtes, aufflammend im wirklich letzten maurischen König auf Hispaniens Boden! Ein abweisender Blick voll Größe und Erhabenheit, — schwärmerisch und begeistert —, ein Blick voll tiefster stetigster Inbrunst nud Hingegossenheit: „Fatum"!. „Mögen Boadillin und Abdilli diesen Weg bSWöltSy! VMSt SM Reib, mein lieber de Santo! Nicht dieses! Kennst Du die alte Sage, welche seit Jahrhunderten in unserem Volke umgeht? — Buch und Schwert sind/einst zusammen gemein auf dem Gipfel des Sinai dem großen Propheten Möses zu Wßen gefallen Moses hat nur das Buch aufgehoben. Aber hinter einem Felsvorsprung hatte einer unserer arabischen Stammesfürsten den Vorgang beobachtet, und kaum hatte Moses den Rücken gewendet, da ergriff er schleunigst das niedergefallen Schwert und brachte es in Sicherheit. Dieses Schwert wurde getreulich von den Stammesfürsten bewahrt und vererbte sich von Geschlecht zu Ge- , schlecht fort, und wenn es zum Glaubenskampf kam, dann wurde es feierlichst dem Feldherrn zum „heiligen Krieg" überantwortet. Unser großer Mohamed kämpfte mit diesem Schwert, und Allah verlieh ihm den Sieg. Mit diesem Schwerte haben wir gesiegt, und mit dem Schwerte in der Hand will ich fallen für's Vaterland!" Das waren Worte eines Königs. ... Wie lange er nur heute blieb, der geliebte Freund und Herrscher! Er hatte doch gerade heute so vieles Wichtige mit ihm zu besprechen! Er schaute hinüber zu der gegenwärtigen Wohnung desselben, nach dem Ginaraliph, das hoch oben, über dem Tale des Darro thronte. . Eiy wahrer Königssitz! Und wie lange noch? Abra- - Häm de Santo wandte sich und schritt gedankenvoll durch den teppichbelegten Raum, schlug den Vorhang öinor SeitmMe Zurück imä besättd sich im Hauptsaale. Da grüßten von den Wänden der Reihe nach die Gemälde der Maurenkönige vom Anfang der Dynastie. Der letzte Muley Hazen, sein Gebieter. Er blieb ergriffen vor dem Bilde stehen. Tränen entstürzten seinen Augen. Doch plötzlich fühlte er sich von. zwei Armen umschlungen, fühlte sich an eine breite, starke Männerbrust gezogen, und ein bärtiger. Mund küßte seine Stirne. „Mein einziger Freund und Bruder", tönte des Königs Stimme an sein Ohr. „Ich weiß, was Du denkst, ich fühle es, erfasse klar und deutlich denn Sinn Deines Seufzers. Er drang mir in Hirn und Herz! Und Deine Tränen! Du weintest um mich, den letzten König von Granada! Mein lieber de Santo! Nimm's nicht zu tragisch! Noch ist's ja nicht zu Ende! Noch leben wir! Unser Geschick, unsere Zukunft steht eben in den Sternen geschrieben: Mein ungeratener Sohn Voadillin wird der letzte Sproß des maurischen Königsgefchlechts sein, — so ist es vorausverkündet worden! Was ist dagegen zu machen? Fatum!" „O mein gütiger Herrscher! Welche Tragik! Welch' furchtbares Schauspiel! Dein Volk, das der Welt so viele unschätzbare Werte in Wissenschaft und Kunst gegeben, ein so fleißiges Volk, das diese Halbinsel zu einem Garten Gottes verwandelt hat, dem Untergang, der Sklaverei verfallen! Fatum? Ihr sagt Fatum, wir sagen Heimsuchung, — die Hand Gottes — ausgleichende Gerechtigkeit, Sühne: Er sucht heim die Sünden der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht. Du, nicht Dein Sohn Böa- .dillin, bist der wahrhaft letzte königliche Ahne dieser Dynastie, dieser Herrscherreihe, und Dein Geschick ist im wesentlichen bedingt durch die Entartung, die vielen Mordtaten, dieser Männer, — Deiner Vorfahren. Wieviel Hekatomben Menschenleiber haben sie geopfert, wieviel warmes Menschenblut vergossen auf dem Altäre ihres Tyrannendespotismus und, — verzeihe teurer Freund und Herrscher, Du ... Du selbst hast Dich auch nicht ganz rein von Schuld halten können; doch standen die Motive Deiner Regierungshadnlungen himmelhoch über denjenigen vieler Deiner Vorgänger! Du bist edel und hochsinnig! Dich beseelte stets und in allem die Liebe zum Vaterlande? . . . Aber : . . und vennoG ... an dis Ms» ZmuMgenden ethischen Pflichten und Sittengesetze der Noahssöhne seid auch Ihr gebunden!" - „Nun, mein lieber Rabbi," entgegnete weich; des König, „ich habe wahrlich Deinen Sermon verdient. Ich weiß, daß ich voller Fehl bin! Aber trotzdem! . Lasse mir meinen Glauben an das