Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1926)
- Date
- 1926-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 8 Seite 3 28 Januar 1926___ fprung ruhiger, objektiver, mehr historisch zu denken. Dem Gros des Judentums, mitten in den Golusleiden des Ostens, oder noch unter dem. frischen Eindruck dieser Leiden in Amerika^ kann und darf eine andere Einstellung zu^ ihnen als wie sie eben aus der Geschichte der Verfolgungen gewonnen ist, nicht zugemutet werden. Stephen Wise hat aber den Ehrgeiz, seine Gütigkeit nicht aus einer Reformkanzel vor Hürern/die zwischen Judentum und Christentum im leeren Raume herumfchwirren, zu erschöpfen, ex will von den Juden gehört und gewürdigt sein^ Als Führer der amerikanischen Zionisten will er politischer und geistiger Führer von Massen sein, die, von Not gejagt und von Hoffnung gelockt, sich aus der Hölle, die man Jahrhunderte lang unter fälschlicher Berufung auf ben Stifter geheizt und geschürt hatte, herausretten wollen. Von ihm müßte, gesetzt auch, er hätte all das Schlimme, das ihm in den Mund gelegt wird, nicht so gesagt, von ihm müßte der Takt und die Rücksicht verlangt werden, seine Hand von solchen Dingen überhaupt zu lassen. Ließ er es aber an dem nötigen Takte und Verständnis fehlen, so hat er sich eben selbst damit die Qualifikationen für sein Führeramt abgesprochen und die Forderung des Rabbinerverbandes, seine Weisheit auf den engen Kreis seines Tempels zu lokalisieren, erscheint durchaus berechtig! Auf alle Fälle unterlasse man es, R a m b a m und K u s a r i mit in den Kampf hineinzuzerren, es sei denn, daß man sie im Wortlaute anführt undzeigt, w a s sie zu der Sache zu sagen hätten. Das Märchen von der „jüdischen Presse" Eines der beliebtesten Schlagworte der Antisemiten irn Kampfe gegen den „jüdischen Einfluß" ist - n?h?n kern von her „jüdischen Finanz" — das der „verjudeten Presset Wie es . heute bei der völligen Verschiebung der europäischen Finanzlage mit dem „jüdischen Kapital" steht, weiß jeder, der das Wort nicht gerade für fein Hetzhandwerk braucht. In Nr. 1 des „Schild" untersucht Dr. Richard L e w i n s o h n (Worms) die Mär von der „jüdischen Presse" und kommt zu verblüffenden Resultaten. Diese Legendenbildung erklärt sich wie folgt: Während die großen jüdischen Zeitungsunternehmungen, wie die Verlage Masse und Ullstein, in aller Öffentlichkeit ihr Gewerbe betreiben, gibt es in Deutschland eine weitverzweigte nichtjüdische, ja vielmehr a n t i - jüdische Geheimorganisation der Presse, von der der größte Teil der deutschen Zeitungen direkt gespeist oder indirekt beeinflußt wird. Diese Organisation ist der sogenannte der Art sein, daß Ahron und Chur ihm zur Seite stehen; die Güte und Sanftmut, die Liebe und der Frieden aus der einen, die Energie und die Entschlossenheit, die Unnachgiebig beit und der fromme Eifer aus der andern Seite. Mit Hilfe dieser Stützen kann man alles erreichen, wird man auch alles erreichen. wie unser Lehrer Moses im Kampfe gegen Amalek- — Auf diese Weise erkläre ich den bekannten Ausspruch unserer Weisen ->33 anaix r»n mmv anpT" "<m non ’aaa nw». Die Greise, die Zeitgenossen Iosuas, pflegten zu sagen: das Antlitz Moses gleicht der Sonne, das Antlitz Iosuas gleicvt dem Monde — wehe über diese Schande und diese Schmach." Es ist scheinbar keine Schande, nicht der Sonne zu gleichen, es ist auch keine Schmach, mit dem Monde verglichen zu werden. Dies gilt aber nur von gewöhnlichen Sterblichen. Geistige Führer wollen aber mit einem ganz anderen Matzstabe gemessen und ganz anders gewertet werden. Der Sonne Tlralllen idoöiu eine ganz andere mast rnne als Mn ©iroDien des Mondes. Me ©onne wllrim, leuchtet, heilt und — verletzt und verwundet, je nach Ort und Zeit, nach Klima und Gegend. Der stille Mond bleibt sich immer und überall gleich — gleich still und gleich in seiner Wirkung. Moses glich der Sonne; bald entbrannte er im heiligen Zorn, wenn es galt, für Gott und seine Lehre einzutreten, bald ist er gütig und sanftmütig, um das drohende Unheil von seinem Volk abzuwenden. Josua, sein Schüler und Nachfolger, war zwar gütig und sanftmütig, aber er blieb sich darin immer gleich. Der heilige Eifer, der glühende Zorn, das eifrige Streben, sie waren ihm gcwitz nicht fremd, aber sie kamen bei ihm nicht mehr so elementar zum Ausdruck wie bei Moses. Dies war eine Folge seiner allzugroßen Hugenberg-Konzern, an dessen Spitze der deutschnationale Reichstägsabgeordnet und frühere Vorsitzende des Krupp-Direktoriums, Alfred Hugenb.erg, steht, der eine große Reihe großstädtischer und Provinzzeitungen an sich gebracht hat und dessen wichtigstes Unternehmen, die Telegraphen-Union (T. U.), rund 1200 deutsche Blätter versieht. Die Angaben Lewinsohns finden auch von anderer Seite Bestätigung: Nach einer Aufstellung des Münchener Universitätsin st itutsfürZeitungsforschung gibt es gegenwärtig in Deutschland 3152 Zeitungen, von denen 838 (27,1 Prozent) den Rechtsparteien, 330 (10,8 Prozent) den Linksparteien dienen, während 1984 (62,1 Prozent) Amtsorgane, Fachblätter, parteilos usw. sind. Es ergibt sich daraus, daß die Blätter, die Richtungen, die nach dem antisemitischen Jargon die „Judenpresse" bilden, nur den zehnten Teil aller deutschenZeitungendarstellen. Run ist es natürlich nicht so, daß die demokratischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Blätter durchweg oder auch nur in der Mehrzahl jüdischen Verlegern gehören oder mit jüdischen Redakteuren besetzt sind, sondern auch in dieser Gruppe bleiben die Juden zweifellos in der Minderheit. Berücksichtigt man, daß der Journalismus und das Verlegergewerbe nun einmal städtische Berufe sind, daß die Juden in Deutschland aber fast ausschließlich der städtischen Bevölkerung angehören, so folgt daraus, daß ihr Anteil an der deutschen Presse kaum höher ist, als ihr Anteil an der Bevölkerungszahl. Auch die angeblich parteilose Presse, die auf die Wählerschaft in den kleineren Städten und auf dem Lande den größten Einfluß ausübt, ist fast vollkommen j u d e n r e i n. . Die Führer irn politischen unb wirtschaftlichen Kampfe gegen die Mitbürger merken schon aus neue Schlagworte sinnen müssen, nachdem die alten so vollkommen Sinn und Inhalt verloren haben. Aufwege zu idealer Welkanschauung. Von Rabbiner Dr. M. Goken in Schönkanke. (Schluß.) Auf die Höhen außerjüdischer Gotteserkenntnis führen uns nun Kaplan Fahsels „Vorträge" sowie seine „Ueberwindung des Pessimismus". — Die ersteren verdanken zugestandenermaßen ihr Entstehen dem wiedererstandenen Interesse der Menschen für diejenige Wissenschaft, „welche sich am meisten von dem entfernt, was dem Be- Demut und Bescheidenheit, des grc.ßen Abstandes, den er zwischen sich und seinem großen Vorgänger sah. Wehe aber, wenn die Bescheidenheit so weit geht, daß sie in Untätigkeit auszuarten droht und jedes höhere Streben, das Energie und Entschlossenheit erfordert, hemmt und bindert. Das war die Klage iener Greise, die noch Moses in seinem frommen Eifer bannten und Josua in seiner allzugrotzen Demut und Bescheidenheit sahen. Wehe, sprachen sie, daß Josua in seiner allzugrotzen Bescheidenheit es als Schmach und Schande empfindet, das Erbe seines großen Lehrers anzutreten, fein Werk fortzusetzen, weil er, wie er in seiner Bescheidenheit glaubte, nicht die nötige Eignung zu diesem Amte besaß. Kleines Feuilleton. Der neue Mandelkern. Als im isso H? groffe K -»rrLor b von ©alomon Mandelkern erschienen ist, 'fing ein Jubel durch die jüdische wissenschaftliche Welt, die zum erstenmal eine an Ausführlichkeit und Genauigkeit bisher nie erreichte Konkordanz für ihre Forschungen in der Hand hatte. Es war aber nicht allein ein Werk für den Gelehrten zu Forschungszwecken. vielmehr hatte jeder Bibelsreund (und welcher Jude wäre es"nicht?) allen Grund, sich dem Riesenwerke, das alle Türen und Pforten zu den heiligen Quellen erschloß, mit Liebe und Interesse zuzuwenden. Daher die große Popularität und die ungeheure Verbreitung der Konkordanz in verhältnismäßig kurzer Zeit. Man konnte im letzten Jahrzehnte sich einen „Mandelkern" nur noch aus dem Wege obachter zuerst in die Sinne fällt." — Infolge dieses Hinblickens zu den Höhen der Menschheit, von denen allein uns Hilfe wird, hören wir bei Fahsel nicht solche Bemerkungen wie etwa Schillers Feststellung, daß die Zivilisation den Menschen nicht bis in die Haut gehe, sondern nur in den Kleidern stecke, oder auch wie Bräuers Prognose, daß mit der Zeit die Einwirkung der Wissenschaft aus die soziale Gliederung der Menschheit aufhören werde, sondern atmen aus seinen Aeußerungen die religiöse Zuversicht auf das Kommen des Gottesreiches. Entsprechend dem überweltlichen Grundcharakter christlichen Denkens steht Fahsel den Anfang des Aufweges zum Idealismus in der Erziehung zum Abstrahieren, die einst Pythagoras seinen Schülern gab. Wie Pythagoras die Abstraktionen seiner Vorgänger (Feuer, Wasser, Luft) als zu sehr am Sinnfälligen haftend verwarf, so müsse, meint Fahsel, das heutige Jahrhundert die Zeitkrankheit des vorigen überwinden, die darin bestand, sich auf die Einzelwissenschaften zu verlegen, in welchen unsere Erkenntnis von den Sinnen anhebt, wobei allerdings die Hypertrophie der Deduktionen als Gegenextrem zu meiden wäre. Aus der ziellosen Abstraktion erhebt dann Sokrates das Wissen zum ethischen Prinzip; zugleich nennt Fahsel Sokrates den Systematifator der vorher unorganischen Sittenlehre. Schon hier, wo Fahsel als hohes Verdienst des Sokrates das „Zusammenfassen tugendhafter Handlungen der Menschen unter höchste allgemeine Ideen" (16) preist, trennen sich allerdings die Wege jüdischen Gottesgehorsams von denen des Fahselschen Denkens. Es hätte sich wohl gelohnt, Fabsels Vortrag über Philo und die hellenistische Mystik ungekürzt zu hören oder zu lesen. Selten ist so klar wie durch Fahsel zum Ausdruck gebracht worden, kratz Milos OffenvarlliMvkgklff sich gürvicht, und such graduell nur wenig von dem eines Sokrates und der Anderen unterscheidet. Fahsel sieht in Philo kein Glied der Kette, die von Mose zu den Gründern seines Glaubens führt, sondern ein Glied der Kette, die von den vorgenannten Griechen zu Schwarrngeistern wie Böhme und Steiner führt, den Verwischern des Unterschiedes zwischen Wissen und Glauben, den Entwstrdigern der Philosophie. Möchten nur alle jüdischen Forscher dem Philo eine so gerechte Beurteilung angedeihen lassen! Eine ebenso löbliche Ausnahmestellung nimmt Fahsels Hinweis auf Dionysius den Areopagiten ein. Während Gunkel, Bouffet und deren Anhänger zu jedem den reinen Monotheismus betonenden Worte der biblischen Propheten* die Bemerkung wiederholen, „eine so reine und abstrakte Anschauung fei nicht urjüdischen, sondern attischen Ursprungs eines Gelegenheitskaufes erwerben. Um so ersreulicher, daß nunmehr im Verlage von F. Margolin eine neue vermehrte und verbesserte Ausgabe erschienen ist und zum Preise von Mk. 130 (die erste Ausgabe kostete kartoniert Mk. 180) von der Firma „Dr. Mandelkerns Große Konkordanz Vertrieb" Berlin SW. 68, Rittexstratze 75 bezogen werden kann. Als die Konkordanz "zuerst erschienen ist, Awaren es keine Geringeren als Franz Delitzsch, Schlotmann, Hermann L. Strack, Hern er u. v. a., die in der Presse ihrer Freude über diesen ..goldenen Schlüssel zur Bibelwissenschast" Ausdruck gaben. Es konnte freilich nicht ausbleiben, daß in einer solchen Riesenarbeit manches übersehen, manches übergangen und einiges nicht mit der absoluten, erwünschten Korrektheit ausgenommen wurde. So hat damals Professor D. Dr- Sven Hern er sich der Mühe unterzogen, Auslassungen und unterlaufene Fehler in einem Nachtrage zu ssinmeln. Diese Ergänzungen Herners sind mitsamt zahlreichen Koranderer Gelehrter — and) ans bem SXlarfjlaffc seihst — Usßsrprüfung in der neuen Auflage brrückstchttgi and verwertet. so daß das Werk, das im alten Formate >568 Seiten zählt, jetzt als vollkommen gelten darf. Es ist auf bolzfreiem Papier gedruckt und prangt in schönem, haltbaren Einband. Infolge technischer Vervollkommnung im Druckergewerbe ist die zweite Auflage, obwohl sie mehr enthält als die erste, leichter und handlicher. Man darf die Ausgabe ohne Uebertreibung als Ereignis in der jüdischen literarischen Welt begrüßen.