Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1926)
- Date
- 1926-01-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr^ 4 Der I s r a e l i t 21-.Jgnuari926 müde, immer helfende Frau heran. Schlechte Zeiten, Mann und zwei der erwachsenen Kindex arbeitslos, abgebaut. Die alte Leier. Monoton klingt die Stimme der abgehärmten, versorgten Hausmutter. — Frau Justizrat hört nur mit halbem Ohre, aber nicht, daß die Bitten der armen verschüchterten Frau nicht den Weg zu ihrem Herzen fänden, im Gegenteile! Diese ängstliche, tränenverschleierte Stimme dringt bis zum physischen Schmerzempsinden tief in Ihr Herz hinein, und Tränen verdunkeln für einen Augenblick ihre sonst so klarblickenden Augen. Aber nur einen kurzen Moment. Dann schüttelt sie diese weiche Stimmung schnell ab. In ihrem beweglichen Hirn ist ein guter, kluger Gedanke erstani dkll, ElN der ihr trünendunkles Stu^e iDie ein Blitz Me Wetterwolken aufleuchtcn läßt, und sie aus Frohgefühl aus ihrem Schreibtischsessel aufschnellen macht. Mit elastischen Schritten nähert sie sich ihrer Besucherin. „Sagen Sie einmal Frau Stein, haben sie nicht erwachsene Töchter?" Die Frau bejaht. Nun sprudelt die temperamentvolle Frau Justizrat der armen Frau eine ganze Rede ins Gesicht. Die schüchterne Frau will abwehren, aber sie muß schließlich nachgeben, und versprechen, daß sie binnen einer Stunde sich mit ihren Töchtern hier zum Festabend der Frau Justizrat einfinden werde. Nun begann in den Festräumen eine neue fieberhafte Tätigkeit. Die Hausangestellten schüttelten die Köpfe bei den vielen neuen Gedecken, die aufgelegt wurden, und all. das neue Arrangieren und Umstellen kommt ihnen direkt komisch vor. Aber Frau Moemi hat ein seeliges Lächeln um den üppigen Mund. Von ihrem Gatten um ihr abwesendes, träumerisches Gesicht befragt, kann sie nicht antworten, denn sie muß sich jetzt umkleiden. Dann sitzt sie versonnen in ihrem reizenden Boudior vor dem kostbaren Toilettenspiegel und Lotte, ihre Zofe, kommt atemlos und abgehetzt, . der verehrten Frau, die ihr mehr Schwester als Vorgesetzte ist, Bericht zu erstatten. Alle, alle hatten zugefagt, und auch alle, alle hatten Liebes und Gutes über Frau Justizrat zu sagen gewußt. Herr Justizrat und Gemahlin, beide strahlend vor Liebenswürdigkeit und Gastlichkeit, empfangen ihre Gäste an der Schwelle des taghell erleuchteten und herrlich duftenden Her-- renzimmers. Bald wimmelte das ganze Haus von Gästen. Aber immer fuhren noch Autos vor. Bis es endlich stiller wurde. Das war ein Begrüßen, Lachen, Plaudern, Flüstern; in allen Tonarten schwirrte es durch die schönen, warmen, von Blumenduft durchströmten Räume. — Aber was war das, plötzlich kam ein Mißton in die angeregte Gesellschaft. Niemand konnte sagen, was es war, aber es war da, und legte sich wie ein Alb auf die Brust. Der Hausherr fing an unruhig zu werden, und suchte mit den Augen seine Frau. Diese war gerade damit beschäftigt, eine sehr einfache.,Frau im alten schwarzen Kleid zu begrüßen, und es drängten sich noch mehr um sie. Die reichen, schrnückbehangenen Damen der Ges^sst^rrft rürn^rsten irre mehr oder schdttAN Nasen und taten so verletzt, als verlange man, daß sie ein Verbrechen begehen sollten, oder als hätte die freundliche, liebevolle Hausfrau ein Verbrechen begangen. Aber die so feindselig mit den Blicken verfolgte Hausfrau bleibt vollkommen unbefangen. In ihrer tiefen Herzensfreude, ihren Mitmenschen Gutes zu erweisen, die traurigen Unglücklichen, wenn auch nur für Stunden, froh zu machen, will die sonst so Aufmerksame nichts sehen und nichts hören. Viel früher als sonst brechen die Gäste auf. Die Hausfrau bleibt mit ihren Schutzbefohlenen allein zurück, denn auch der Hausherr hat sich verärgert zurückgezogen. Ein Glück, die Armen hatten dank der Herzlichkeit und Geschicklichkeit der Hausfrau nichts gemerkt. Nun waren auch die letzten gegangen. Und hatten Sonne im Herzen mitgenommen. Ein wenig ängstlich betrat Frau Noemi ihr Zimmer.' Dort wartete bereits ihr Gemahl auf sie. Frau Noemi läßt sich, müde in einen Sessel fällen, dann schaut sie erwartungsvoll zu ihrem Gatten auf. /Der geht stoch immer erregt auf und ab, bis er endlich vor seiner Frau stehen bleibt. „Sag einmal, Noemi, was war das heute abend für ein Einfäll von Dir? Lüdest Dir Crethi und Plethi auf unser lange vorbereitetes Hausfest ein. Stößt die Leute vor den Kopf, und was das Schlimmste ist, hieltest alles geheim!" Frau Noemi senkt den Kopf und holt Atem. Dann gibt sie sich einen Ruck. Hier mußte Klarheit geschaffen werden. Mit vibrierender Stimme begann sie leise und einschmeichelnd: „Sag Alfred, kann man denn etwas erzählen, was man selbst nicht weiß?" ,,L« ttbks sagte der Justiziar ärgerlich, „Me kommen die fremden Leute, die sich um Ratschläge und Hilfe an Dich wenden, auf unsere Abendgesellschaft?" Frau Noemi seufzte tief auf und sagte: „Das sollst Du gleich hören. Als ich ganz ahnungslos mit Tischdecken beschäftigt war, rief mich meine Zofe in mein Arbeitszimmer. Dort traf ich Frau Stein, die Du ja auch kennst; sie hatte ein Anliegen an mich. Sie sprach so monoton, resigniert, hoffnungslos, daß mir jedes Wort,, das sie sprach, in die Seele schnitt. Sie hat drei blühende Töchter, und während sie so farblos weiterfprach, kam es mir in den Sinn, wie herrlich sich die drei taufrischen Mädchen in unserem schönen, festlich geschmückten, hellerleuchteten Speisesaal ausnehmen müßten. Und, und — waren die jungen Mädchen nicht schön und lieb, und die armen Studenten, sprühten sie nicht von Witz und Heiterkeit, haben sie etwa unsere Gesellschaft verschlechtert? Und wie froh und glücklich alle waren. Habe ich etwas Schlechtes getan Alfred?" Jetzt blickte sie stolz auf ihren Mann und fuhr fort: „Ist es meine Schuld, daß unser Bekanntenkreis absolut unjüdisch fühlt und denkt! — Wie sagt doch Samson Rafael Hirsch so schön: „Da tritt ein Armes an dich heran — in ihm sendet Gott dir sein Kind, auf daß du es kleidest und speisest und pflegest und versorgest, auf daß es dir größeren Segen bringe, als du mit allem deinem ihm zu spenden vermöchtest, es dir mehr gebe als du ihm gibst? usf." Denkst Du denn anders als ich, Alfred? Hast Du es ganz vergessen, wie Du zu Deiner Frau gekommen bist, mit der Du bis heute doch ganz leidlich ausgekommen bist." Sie lächelt ihm schelmisch zu. — Da wurden seine gestrengen Züge immer weicher. — Er will aber immer noch nicht nachgeben. Frau Noemi sprach weiter, weich und innig: „Alfred, hast Du es denn ganz vergessen, das Fest im Hause Deiner Tante damals in F. Es störte Dich so gar nicht, daß ich als Stütze der Hausfrau eigentlich nicht so recht gesellschaftsfähig war! Du nötigste mich an den Festestisch. Und als ich endlich nachgab, ich sträubte mich zuerst, ich fürchtete mich vor Deiner Tante, wie lachte ich über Deine Witze, denn es machte Dir unendlichen Spaß, daß Deine hochmütige Tante sich weidlich ärgerte. Und am anderen Morgen gab sie Dir den Lauft paß. (Bin Jahr später äböi* hättest DU DökNSN Referendar gemacht, und holtest Dir die Nichtgesellschaftsfähige zur Gattin in Dein frohes Haus am schönen Rhein!" Der Justizrat ließ die grimmige Miene nun ganz fahren. Seiner tiefbewegten Gattin in die klaren, gütigen Augen blickend, sagte er tiesergriffen, indem er ihre Hände fester mit den seinen umschlang: „So soll es nun zwischen uns bleiben, wir haben einander nichts vorzuwerfen." Aämiliennachrichken. Geburten: Martin. Sohn des Herrn Lebrer A. Trepp und Zrau Cläre geb. Cohn, Quakenbrück i. H. Silberne Hochzeit: Herr I. S. Jankelowitz, Lehrer uno Frau in Bunde, feiern am 30. Januar (lö. Schebat) das Fest der silbernen Hochzeit. Ls ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseratenteil enthaltenen Lmvfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgesehlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. ZUCKERKRANKE Aleuronat -Gebäcke von allen Autoritäten empfohlen Rodenbach’s Grahambrot NKHRMITTELFABRIK FRIEDRICH GÜNTHER Verkauf Hermesweg 8—12 - Hansa 3862 u.795 sowie in den Filialen der Brotn. Keksiabrik Osthaien G. m. b. H. UTvait McäheusjUüUec r TelzwarenKaus Carl ftovafsefteß G.m.b.H. Frankfurt a. 111. Goetheplatz 1-3 Vom 18. Januar bis 6. Februar 1926 Inventur- Ausverkauf j IHM'<m R t&L ' >«£ (t± 1SERPI/XTZ 17 * FERNR.UF220& FRANKFURT*M*. i&ijm Hansa GrosswäsCh&l^i vorm. Gehr. 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