Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1926)
- Date
- 1926-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Seittänzer. Pon §. In einem reizvollen Städtchen, — de? tzroßte Teil seiner Bewohner war jüdisch, — hat sich diese ganz einfache Geschichte zugetragen. Nur die Zeit war noch ein wenig romantisch, spielte mit Idyllen und sah aus wie ein Bilderbuch mit niedlichen Träumereien. Inzwischen ist viel Gras über jene Tage gewachsen, die Welt ist —*■ wie man zu sagen Pflegt — vorwärts geschritten. Man übersieht die kleinen Tragödien der Menschheit; denn die großen Tragödien machen gar viel zu schaffen. — . Aber damals, als die buntscheckige Schar der .Komödianten ins Städtchen hinein wallfahrte, und das blecherne Gekreisch einer Trompete die harmlose Schaulust aufscheuchte, da ließ man sich noch gern von Reizen begeistern, über deren naive Knalligkeit man heutzutage erhaben lächelt. Es steckte damals noch so eine Art Zauber im Wesen des fahrenden Völkleins. — Auf dem Marktplatze, — windschiefe Häuser, neugierige Buben und Mädel schauten ringsherum zu, — wurde das „Theater" zurechtgezimmert, ein Gewirr von Brettern, Drähten und Flüchen, richtige Komödianten-Atmosphäre. Hoch oben auf einer wackligen Stange knotete ein Mann, der ein grellfarbiges Wams trug, ein Seil fest. Er hielt sich geschickt und sicher. Das eine Mädchen der Truppe erzählte währenddessen unten den Judenkindern, es sei ein Seiltänzer mit einem wundervoll sonderbaren Namen. Mitten in der Vorstellung würde man diese Kunst, einen Tanz auf dem zitternden Seil, bestaunen können. Zahllose Kinderaugen leuchteten bei diesem ungeahnten Gedanken auf. Jugendliche Phantasien begannen ihre bizarre Arbeit. . . . Als am Nachmittag die Sommersonne nicht mehr quälte und stach, lief ein weckendes Trommeln durch die Gassen und Winkel, unbeholfen öffneten sich die Haustüren, aus Ecken, die eben noch im Schlummer zu liegen schienen, schwatzte sich das Leben des Städtchens hervor, Männlein und Weiblein, — die jüdischen Handwerker und Tagelöhner scharten sich, — ein Schauspiel war diesen Menschen eine Seltenheit. Ein zinnerer Teller sammelte die kargen Münzen der Zuschauermenge, und dann begann die Vorstellung. Htxi&v bett Zuschansem ganz fjtrtien, fast am Rande des Marktes, xoav eine alie au. 8s schien, als sei sie nur gerade vorbeigekommen, — unruhig, als suchten sie einen wichtigen Punkt, gingen die Augen umher. Von der Welt des Scheins dort begriffen sie wohl nichts. Indessen ward bei den Komödianten der Takt zu einem wirbligen Tanz geschlagen, — ein seltsames Getöse, das seine Zuhörer in echter Spannung halten konnte. Allerlei Wunderdinge schwirrten, an einer Kette von Illusionen hing das Publikum.- Immer noch auf der alten Stelle, ganz hinten, stand das Mütterlein. . . . Zum Glanzpunkt rüsteten die Komödianten. Ein dicker Ansager, wohl der Führer der Truppe, verkündete das Auftreten des Seiltänzers, und nannte dabei einen verschnörkelten Namen mit einem geheimnisvollen Akzent.— EiM Bewegung schüttelte die Menge: der Seiltänzer!' Neuheit für das Städtchen. . . . Es raschelte dort oben das Drahtseil. . . . Dann kam er., Geschmeidig kletterte er die Leiter hinauf,.^vorsichtig, aber siegesgewiß prüfte ftm Fuß den ersten Schritt, und dann den zweiten. In der Hand schwankte ein ausgebreiteter Schirm mit übertriebenen Farben. Unten krächzte die Musik ein paar Akkorde, während der Künstler auf dem Seil entlang glitt, immer von einem Ende zum andern. Die Zuschauer aber hielten den Atem an, tausend Blickte weilten an den Beinen dort oben, die in ^eraitfe^orberrtber Kük>nk>sit tljre elastische Sicherheit bewahrten. — > Und dann, ganz urplötzlich, als der Seiltänzer sich gerade wandte, gab es einen Schrei. Das alte Mütterlein mit demsuchenden Augen hatte diesen Schrei ausgestoßen. Und das Seil hing leer, drohend bebend in der schwülen Luft. So blitzschnell wie ein Gedanke war das geschehen. . . Man eilte durcheinander, man fragte und forschte durcheinander. Ahnungen und Vermutungen hasteten durcheinander. — Es war der Schrei einer Mutter. — Vor zehn Jahren war er dem Mütterlein, dem Vaterhause und seinem Glauben auf und davon geschlichen. Jahrelang war er einhergewankt zwischen den zerrenden Zweigen des Lebens, unschlüssigratlos, haltlos. . . . Seiltänzer im Taumel zerrütteter Empfindungen und Gefühle. Er war ein Komödiant geworden. Me ich meine Ahnen suchen ging. Die Familie Kntzenellenbogen — Saul Wahl. Von Max Wollsteiner in Eharlottenburg. ^Schluß.) Ueber Sauls weitere Schicksale ist nicht viel bekannt. Er war mit Deborah Drucker, der Tochter des Gemeindevorstehers Drucker, verheiratet. 150 Jahre nach seinem Tode fand man bei Gelegenheit des Abbruchs einer Synagoge eine Mauerinschrift, welche besagt, daß er das Gotteshaus auf eigene Kosten hatte errichten lassen. Er war als großer Wohltäter bekannt, er hat auch talmudifche Lehrhäuser gebaut, ein allgemeines Bad, sowie ein Frauenbad. Er verlegte die Fleischbänke in hygienischer Weise von den Wohnhäusern weg und bestimmte, daß ihre Erträgnisse zum Bau von Talmudschulen dienen sollten. Der Zuname Wahl erklärt sich nicht, wie allgemein angenommen wird, aus der Wahl zum König, sondern stammt aus dem Worte Welsch, d. h. südländisch. Aus Welsch wurde dann mit der Zeit Wahl. Er starb um das Jahr 1620. Sein Grab ist unauffindbar. Ich hatte die Absicht, vor dem Kriege nach Brest zu reisen, um feine Grabstätte ausfindig zu machen, obwohl mir berufene Leute in Brest geschrieben hatten, daß es absolut unauffindbar sei. Meine Absicht habe ich leider nicht ausführen können. Im Kriege wurden sowohl die Stadt, das Judenviertel und der jüdische Friedhof vollkommen zerstört, so daß jetzt die Auffindung seines Grabes zur Unmöglichkeit geworden ist. Mit der Persönlichkeit von Saul Wahl haben sich eine ganze Reihe von zum Teil namhaften Historikern beschäftigt. Ungeklärt bleibt sein Ein- <££»en|o ciele ereifern ficfj für biefe Sat» jad^e, rote andere wiederum die Königsrriahl in das Reick, der Legende verweisen. Ich kann wohl sagen, daß ich alles Material, das über Saul geschrieben worden ist, in eifrigem Bemühen zusammengetragen habe, aber auch nach dem Studium desselben kann ich ein sicheres Urteil nicht abgeben. Ein Urenkel von Saul Wahl, Moses Katzenellenbogen, Rabbiner in Schwabach in Bayern, geboren 1670, gestorben 1733, hat in einer Handschrift, die jetzt in der königlichen Bibliothek in Oxford aufbewahrt wird, den Hergang der Königswahl in sehr ausführlicher und anschaulicher Weise geschildert. Daß irgend etwas Wahres an der Wahl sein muß, ist ja selbstverständlich, denn sonst hätte der Ürenkel nicht in dieser ausführlichen Weise den ganz genauen Hergang der Wahl schildern können. Es waren ja auch noch nicht so viele Jahre seit dem Tode von.Saul Wahl vergangen, als daß sich schon eine Legende hätte bilden können. Außer dieser Handschrift ist das grundlegendste Buch über Saul Wahl, eine Schrift von Hirsch Edelmann, die in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in London in hebräischer Sprache herauskam; sie. führt den Titel „Gedullath Schaul" und trägt alles das zusammen, was über Saul Wahl bekannt geworden ist. Im allgemeinen kann ich wohl sagen, daß die christlichen Historiker Polens Saul Wahl überhaupt nicht erwähnen, während' die jüdischen Geschichtsschreiber ihn wenigstens erwähnen, so Meist in seiner neuesten „Geschichte der Juden in Polen und Rußland". Die Edikte, welche König Sigismund III. zu seinen Gunsten erlassen hat, sind historisch. Dieselben haben jedoch einen zu langen Wortlaut, als daß ich sie hier abnt. * 142t drucke. Sie sind von einem sehr großen Wohlwollen gegenüber Saul Wahl diktiert und rühmen seine großen Dienste für den Staat, seine Treue und emsige Arbeit. Saul Wahl hatte sechs Söhne und fünf Töchter, die alle wieder den Namen Katzenellenbogen führten. Hieraus erklärt sich' die weite Verbreitung dieses Namens in Polen und Galizien. Sein ältester Sohn Meir war Rabbiner in Brest-Litowsk, dessen Sohn Moses Rabbiner in Ctzelm, dessen Sohn, wiederum mit dem Vornamen Saul, Rabbiner in Brody. In der Genealogie folgt Den D?r MMiiner Moses KlWliMnkMn, -kl w a?*rfaffer Der CifcrDer Handschrift schon erwähnt ist. Desstn Sohn Elieser war Rabbiner in Bamberg und Hagenau. Dieser hatte zwei Söhne, von denen der zweite, Saul Katzenellenbogen, Rabbiner in Graetz in der Provinz Posen gewesen ist Neben einem Sohn Benjamin, der Rabbiner in Krotoschin war, hatte er eine Tochter, Frieda mit Namen, die 1781 geboren und 1870 gestorben ist. Sie oar meine Urgroßmutter. Von ihr erzählt man, daß sie auf ihren Jichus ganz besonders stolz gewesen ist. Als einmal eine Kommission zur Personenbestandsaufnahme in ihr Haus kam und sie nach ihrem Namen fragte, nannte sie den Namen Katzenellenbogen und fügte hinzu: „paketeil e Mischpoche", das sollte sagen: „quelle bagatelle einer Mischpoche!" So ist es mir in langjähriger, zielbewußter Arbeit gelungen, einen lückenlosen Stammbaum meiner Familie herzustellen. Denselben habe ich im Jahre 1897 in Druck gegeben. Nachdem in den letzten 25 Jahren naturgemäß in der Farnilie große Veränderungen vor sich gegangen sind, habe ich meinen Schwiegersohn, einen jungen Philologen, beauftragt, eine neue Auflage herzustellen. Er wird sicü in: Laufe des Winters damit beschäftigen, und so hoffen wir, im Frühjahr eine neue, an Inhalt b^dculend vermehrte genealogische Uebersicht in Druck zu iiringen. Ein nächstes Mal berichte ich über den Stammbaum meiner Frau, der nicht minder interessant ist. ‘dP*. Ainderecke. Armengäste. Mitgeteilt von Schwester Jenny Stiefel in Marburg a. L. Im Hause des Justizrates Isaak wurde eine große Abendgesellschaft vorbereitet. Die geschäftige Hausfrau, eine Dame in mittleren Jahren, mit ausgesprochen gütigem Gesicht, eilt geschäftig von einem Heer von Dienerschaft unterstützt, hin und her. Ueberall gab es in den großen Gesellschaftsräumen noch etwas zu richten und zu verbessern. Endlich fertig! Alles so harmonisch Frieden atmend und Wohlhaben ausströmend. Frau Justizrat läßt sich für einen Augenblick in einen zur Ruhe einladenden Klubsessel gleiten. Aber bald wird sie wieder von den Hausangestellten abßerüseö. Del- LHlÜsWUNd?gMt. MlD M Stolz der Hausfrau, bas wundervolle Service von 24 Gedecken erscheint auf dem Plan. Nachdem nun alles noch einmal gründlich vom Staube befreit ist, wird die große Tafel gedeckt und mit sehr viel Geschmack geziert. Ganze Körbe voll Blumen finden Aufstellung. Ein fast berauschender Duft durchzieht alle Gemächer. Wie Frühlingsahnen nimmt es alle Sinne gefangen. Vorfreude spiegelt sich in den elektrischen Lampen, und Vorfreude lagert auf allen Gesichtern. — Was, es klingelt schon? Frau Noemi Isaak erschrickt. Sie ist noch im Hauskleide. Aber da meldet Lotte, die Zofe, schon, daß eine arme Frau die Frau Justizrat zu sprechen wünsche. Diese überläßt den Rest der Arbeit dem Personal und geht in ihr Arbeitszimmer hinüber. Und wunderbar, Frau Isaak ist gar nicht empört, daß sie knapp vor dem Empfang ihrer Gäste noch abgehalten wird. Ganz ruhig nimmt sie vor dem großen Diplomatenschreibtisch in ihrem bequemen Arbeitssessel Platz und bittet auch die Bittstellerin, Matz zu nehmen. Was sie nün zu hören bekommt, ist ihr nicht neu: T>äs tritt täglich an die nimmer-