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Der Israelit · 1926-01-14 · Heft 3 (14.1.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 3 (14.1.1926)
Date
1926-01-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Sabbalretter Von Dr. Simon Goldmann in Mln. ■ Plötzlich -fühe dWr in /die Höhe- „Huh", mächttz er, „da geht er vorbei-, der- Höft Engel. Geh'weg von Mr^rH^vill dH -nichtWen," und erfingbitterltchzu weinen a^OestürH betrachteten die Eltern bald;siH, balH den erregten Knaben, den sie nicht zu beruhige^ vermochten. „Aber. Kurt, was ist dir^Henn?" fragte die Mütter besorgt. „Der böse Engel ist! an wir vorbeigegangen, und er hat versprochen, nächste Woche.wiederzukommen, ich fürchte ^mich sovor.ihm." „Aber Kurt, rede' doch kein dummes Zeug, du tya\Wa nMr gefräurriT.j es ist Zeit^ daß du 0" Bett Stftft:"!■ ' '' -1 ■ , . „Nein, Mutter, ich habe bestimmt nicht geträumt, ich habe ihn ganz deutlich gesehen, und er machte eine solch hämische Miene." „Aber was hat es denn für eine Bewandtnis mit dem Engel?", mischte sich der Vater ein. „Ja,, weißt du Pater, das ist uns in der Schule erzählt worden. An jedem Freitagabend, wenn Israel seine Sabbatweihe begeht, dann begleiten zwei Engel den Menschen von der Synagoge in sein Haus, der eine ist der gute Sabbatengel, der andere aber ein böser Engel, der das Gute zu verhindern sucht. Sobald sie in ein Haus kommen, wo die Sabbatlichter brennen, der Tisch festlich gedeckt ist und die Familie friedlich um den Tisch sitzt, um den Sabbat in Gesängen und Worten zu preisen, dann sagt der Sabbfltengel: „So möge es auch am nächsten Sabbat sein," und der böse Engel muß gegen seinen Willen „Amen" sagen. Betreten sie aber ein Haus, wo der Sabbatgeist nicht herrscht, dann sagt der böse Engel: „So möge es auch am nächsten Sabbat äusfthen," und dazu muß der gute Engel weinend „Amen" sagen." Aufmerksam hatten die Eltern den Worten des Knaben gelauscht. Die Erzählung hatte tiefen Eindruck auf sie'hinterlassen. ' „Vater," wandte sich jetzt Kurt schüchtern an diesen, „dürfen wir nicht auch mal'den Sabbatengel begrüßen?" „Aber Junge," das geht doch nicht, ich bekomme im Geschäft doch nicht frei." „Dann kommt der böse Engel nächste Woche wieder," schluchzte Kurt, „und ich habe so große Angst vor ihm." Mit Mühe beruhigten die Eltern das Kind, bis es sich schließlich bewegen ließ, das Bett aufzusuchen. Lange aber saßen noch ^dis .Eltern wgch und -sprachen.eifrig siber das Gebaren istres Soh-: Nks, das ihnen im Gründe Freude machte. In der kommenden Woche erzählte Herr Z. einem sabbattreuen Geschäftskollegen das Vorkommnis, und dieser ermahnte ihn, doch der kindlichen Stimme Gehör zu schenken. „Sie werden es nicht zu bereuen haben, und der Lohn wird Ihnen tausendfach aus dem Glücke erfprießen, das Sie sich und den Kindern durch die Gewährung eines unerschöpflichen Schatzes innerer Freuden und der Lebensbefriedigung in allen Stürmen bieten." Schon lange war in Herrn Z. der Wunsch rege geworden,, die Traditionen der Väter wieder aufzunehmen, aber es fehlte ihm die Energie dazu. Nun wollten die Stimmen in ihm nicht zur Ruhe kommen. Nach reiflicher Ueberlegung mit seiner Frau ging er mit festem Entschluß zu seinem Chef und bat ihn um Dienstbefreiung W Sams-» tag, andernfalls er äustMen müßte. Per Ehef, der die tüchtige Kraft nicht verlieren wällte, gab.gern seine Einwilligung, um so.mehr, als Herr Z.sich bereit erklärte, dafür Sonntags ar- DeitMM wollen. ’ ..K; *,.• ' Kommenden Freitag hatte Kurt Geburtstag. Der Vater sagte zu ihm: „Kurf, ich habe mich bei deinen Lehrern nach dir erkundigt, und sie waren sehr zufrieden; ich Möchte dir daher zu deinem Geburtstag eine Freude bereiten. Was wünschest du dir?" .. : , , , . ,. , . .. : „D; Vater, ich möchte den Sabbatengel zu Besuch haben,? das wäre Min größter Wunsch," rief der Knabe aus? MitMelsagendem Lächeln Nickte der Vater ihm zu. An - diesem Freitagabend ging er mit Kurt nach langer Zeit wieder zur Synagoge, und sie beteten andächtig und aus tiefstem'Herzen bewegt mit. Als sie nach Hause kamen, öffnete sich ihnen schon die Türe, aus der ihnen heller Lichterschein'entgegenflutete. Hellauf jubelte Kurt, Eine Sabbatstube, wie er sie sich in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte, umstrahlte ihn mit überwältigendem Glanze. „O, Eltern, wie danke ich euch, ihr macht Mich so glücklich," rief Kurt. „llnD sehet dort," — er wies nach Dem Fenster — „da geht der Cabbatengel eben vorüber. Er hat ganz freundlich genickt." Und mit heller Stimme sang er den Friedensgruß: „Scholaum alechem, malache haschores, malache eljon!" worin Eltern und Schwester leise einstimmten. Die ganze Macht des Sabbatzaubers mit seinen vielfältigen Wirkungen auf das Gemüt entfaltete sich hier zu ungeahnter Blüte, und bewegt dankten die Eltern dem Lenker aller Dinge, der sie durch Kindesmund den Weg zu Ihm zurückfinden ließ. Ein glückliches Haus mehr in Israel. Ein weiterer Schritt auf dem Wege der Vollendung des menschlichen Zukunftsbaues. Helden der Gegenwart."' Das Opfer. Ein Rabbi heiratete. Er und seine Frau suchten sich gegeneinander in Liebe und Güte zu überbieten, und so waren sie trotz ihres armseligen Einkommens glückliche Menschen. Ihre Ehe blieb aber kinderlos. Da nach zehnjähriger kinderloser Ehe der Mann das Recht hat, der Frau den Scheidebrief zu geben, so verlangte die Frau von ihrem Manne, den sie mehr als sich liebte, und dem sie einen Kaddisch wünschte, die Scheidung, damit er vielleicht in der Ehe mit einer anderen Frau Vater eines Sohnes werde. Der Mann wollte sich aber von ihr nicht trennen. Jahre vergingen; doch die Frau blieb unentwegt ihrem Gedanken treu und schaute nach einem Mädchen aus, das würdig sei, die Frau ihres Mannes zu werden, ihn trotz seiner Armut wegen der hohen Lauterkeit seines Charakters und wegen seines großen Wissens zu verehren und ihm jeden Wunsch,liebevoll.von den, Augen abzusehen. Doch sie fand ksin Mädchen, das ihr genügt hätte. tm 38. Hahrs ihrer Ehe, verwirklichte sich unerwartet ihr Sehnen. Eine Nichte machte auf der Durchreise Besuch. Das junge Mädchen gefiel ihr so gut, daß sie in ihr die Frau sah, die sie ihrem Gatten ersetzen könne. Sie ruhte nun nicht, bis sie das junge Mädchen überredet hatte, ihren Mann zu heiraten, und bis ihr Mann ihr den Scheidebrief gegeben hatte. Sie zog in ein benachbartes. Haus. Ihr Mann sah sie niemals wieder. Sie aber steht seitdem täglich zur Zeit seines Gehens und seines Kommens am Fenster und schaut ihm nach. Innigste Freundschaft, verbindet sie mit ihrer Nachfolgerin. Diese ist auch der einzige Mensch, mit dem sie verkehrt, und seitdem ein Kind da ist, herzt sie es nicht weniger als die Mutter. Wenn sie ihren früheren Mann auf der Jeschiwa weih, sitzt siedrüben bei Mutter und Kind. *) Nach dem Leben im Osten erzählt. Heute ist die Frau'noch keine fünfzig Jahre alt' — sind'doch schon ein gebrochener Mensch.'Jhr Opfer hat ihre Kraft überschritten. — '1 " * ,v■ Der Wunsch des Lebens, Nur einmal in seinem Leben war er zur Thora aufgerufen worden. Das geschah,, als er Barmizwa wurde. Doch das tat er NiM in der großen Synagoge, sondern in einer bescheidenen kleinen Klaus, entsprechend dem bescheidenen Lebensstand seines Vaters. Er war düs jüngste von fünf KindernMnd der einzige Sohn. Die Eltern starben bakwMch seiner Barmizwa, und als er sein LehrziAMtzi einem Schuhmacher hinter sich hatte und ÄM^^Wer Jüngling geworden war, durfte er.nDMönran denken, daß der Perek sagte: „Mit-Iß Jahren zur Chuppah." Denn er durfte nicht eher an das Heiraten denken, bis er feine Schwestern versorgt hatte. Jahre vergingen, bis er auch für die jüngste seiner Schwestern einen achtbaren Handwerker als Mann gefunden hattedenn etwas Mitgift mußte jedssrnal gefarnnrelt rvexdech ehe daran ^dacht rverden konnte, sich Schidduch umzusehen. Die Schwestern bekamen Kinder, eine jede ein halbes Dutzend und mehr, — und er, der Bruder, mußte immer Mieder und wieder mit seinem vom Munde abgesparten Gelde helfen und helfen. So wurde er Junggeselle, wurde grauer und grauer, und kam allmählich in die Jahre, in denen seine Altersgenossen längst durch Enkel an den Abend ihres Lebens gemahnt wurden. Wenn ihn auch die Sorgen eines Lebens in materieller Enge verbrauchten, so gab es doch Stunden der Ruhe an den Sabbaten und an den Feiertagen, in denen er sich zum Bewußtsein seines Eigenlebens, seines seelischen Verlangens zurückfand. In diesen Stunden hegte und pflegte er immer wieder einen Gedanken, den Wunsch nämlich, auch einmal an einem Sabbat in der großen Synagoge aufgerufen zu werden. Doch er würde wohl sterben, ohne sein Ideal verwirklicht zu sehen! Wer sollte denn an ihn, der sich in der hintersten Reihe bescheiden in seinen Siddur versenkte, denken, wenn er auch seit Jahrzehnten an keinem Sabbat auf seinem Platz gefehlt hatte? Er hatte die Siebzig längst überschritten. Es war an einem Freitag und er ging zu seiner Kundschaft, um noch vor dem Sabbat die fertigen Schuhe abzuliefern. Im Hause des Vorstehers der großen Schul, der auch sein Kunde war, traf er nur diesen im Zimmer. Der vielbeschäftigte Mann schaute zum ersten Male dem alten Handwerker ins Gesicht. Aus den Zügen und aus den matten, in die Ferne schweifenden Augen sprach schon der Glanz des Jenseits. Der Vorsteher wurde nachdenklich, und — wie mit einer plötzlichen Erleuchtung — beschloß er im, Stillen, .den Alten am Sabbat yufrufen zu lassen. Äls am Sabbat der Schammes sich nach der hintersten Vankreihe bebak», um dem Akten mÄawtetten, daß ihn der Vorsteher Mit einer Alija beehre, durchfuhr diesen ein freudiger Schreck. Das Herz klopfte , zum Zerspringen. Er wankte zum Omud, und kaum hatte er die Brocho geendet, sank er entseelt zu Boden. Ben Ascher. Eine Mnkerreise. von Heinrich Cinstädker. Wir hatten Mailand bei herrlichstem Wetter verlassen und langten im Veltlin bei 12 Grad Wärme an. Als wir in Tirana dem Eisenbahnwagen entstiegen, mußten wir uns erst auf dem Kalender neben dem Fahrkartenschalter darüber vergewissern, daß es wirklich Dezember war. Wir ließen unsere Wintermäntel am Bahnhof zurück, als wir das reizend am Ufer der Adda gelegene Städtchen besichtigten. Die breiten Straßen mit ihren Palästen und Kasernen tragen echt italienischen Charakter, so daß Landschaft und Himmel und Bauwerke und Temperatur sich vereinigten, um einen Gesamteindruck hervorzuheben, dessen Harmonie durch nichts gestört wurde als durch das Bewußtsein —: Diese Woche ist Chanuka.

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