Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1926)
- Date
- 1926-01-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Wilhelm Earl von RvkhWlS. Zum 5. Schervat. Wie der Repräsentant einer untergegangenen Welt, die nur noch traumhaft anklingt, mutet die Edelgestalt Wilhelm Carl von Rothschild an. Sie hat wenig Beziehungen zu der unruhig hastenden, leichtfertig genießerischen und durch den Krieg ethisch minderwertig gewordenen Gegenwart, die sich nun allmählich und mühsam auf ihr besseres Selbst zu besinnen beginnt. Aber als ein Wegweiser dazu mag sie hier, ein Vierteljahrhundert nach ihrem Heimgang, in,Umrißlinien erstehen, 8V cl s tu ct v, SB 11 1) c I m CCarloort 9toth- T t£) U D T Sn erfter Linie ein Mann ber strengen ernstbewußten Pflicht. Ererbtes Krongut, die für damalige Begriffe unermeßlichen Schätze der Rothschilds, seines Teils im besten Sinne seiner Altvorderen gewissenhaft und verantwortungsvoll zu verwalten, erschien ihm würdige und heilige Lebensaufgabe. Er faßte sie doppelseitig auf und löste sie vollendet in beiden Richtungen: er stand dem Frankfurter Zweige des Welthauses derer von Rothschild vor und er wurde, darüber Maus ins unwkrselle llllliMM ein WlMliikt her Menschherl. TaßsÜber^ kußfeste ihll Geschäft ein, das er nach den Grundsätzen reinster Redlichkeit leitete. Nach Tagesschluß brandeten die Nöte der Menschheit, vor allem der jüdischen Menschheit, in allen Formen und Größen an ihn heran, und er suchte sie mit seinem vertrauten und kundigen Almosenier zu glätten. Gold war ihm hier nicht mehr Macht, die er in seinem sonstigen Berufe wohl ahnte, ohne sie zu überschätzen, Gold war ihm hier Glück, mit dem er seines Gottes Vsfshls erfüllen konnte. Auch hier roisdsr pflichtmäßig erfüllen. Man weiß nicht bestimmt, wie er von Natur aus geartet war, ob sein Herz, von Ursprung an sanft und mild, zu großzügiger Freigebigkeit drängte, oder ob er sich Zwang antun mußte, um den gewaltigen Kreis seiner Zedokoh zu durchmessen. Das aber weiß man: daß er diesen Kreis mit froher Kraft und mit feinstem Bedacht durchmaß, daß kein wie auch immer geartetes jüdisches Anliegen, mochte es Einzelleid oder Gesamtleid sein, vergeblich ihm nahte und daß er auch die Würde der Armut wahrte. Zu all seinem Tun weihte ihn Gottes Wort, strömte ihm in der Morgenfrühe und im Abendsillmmsr Mm M nrnpg in m Tösillnh non den Lippen, es schloß sich um die gleichen Zeiten wonnig und lichtvoll im vertieften „Lernen" ihm in Herz und Sinn. Und in dem einen, in der Tefilloh, zu der er sich durch Tewiloh läuterte, lud er aus, was den Menschen unsichtbar, Gott aber klar, in ihm zuweilen wogte und kämpfte. Mit einem Nachdruck, der alle erschütterte, schleuderte n mamtiiM Die äk Details: „meooauicDer llWllkmvsud milvsmchs". Ci» wußtä, & Umte, t r: verstand den Nisojaun hv'auscher, die Versuchung des Reichtums und der Ehrung, die an ihn wie an wenige herantrat. Und er bekannte vor Gott demütig, daß . nur Sein der Reichtum fei, daß nur eine Ehre wahr und erstrebenswert fei: die Ehre vor Ihm! Und er erflehte von Ihm Kraft, dessen immer inne zu bleiben. Brach das — meist verschlossene — Gemüt hier durch, so weitete und klärte den von Anfang an hellgeistigen Verstand das unablässig fortgesetzte Tlllmuvsmmum. Cs ist ein Dilv, wen, für alle Zeiten festgehalten zu bleiben: Der Geldfürst, dem aller Prunk und Luxus der Welt unumschränkt zur Verfügung stehen, vor dessen Wink sich Kaiser beugen, bescheiden vor seinem Lehrer über Folianten gebückt und aus ihnen seines inneren Lebens Nahrung ziehend. Das mag wohl auch in ihm einen Hang, eine Liebhaberei zu langem Dasein auf dieser Erde mit erzeugt haben. Er wußte: jedes gelernte Wort Tauroh wird unverlierbare Goldmünze für die Ewigkeit. Und er wußte: jede getane Mizwöh wird unverwüstliches Prachtgewand für die Unsterblichkeit. Sein — leider nicht erfülltes — Trachten ging darum dahin, sich in langem ErdenmUm ml MZzzhvuuZ für» SU Srrlr Zllfzru speichern. 'iMip & WMM Li r, NMlMlr, . So steht Wilhelm Earl von Rothschild da: geformt aus edelstem Stoffe, den seine ihm innerlich zutiefst verbundene Gattin mit gehegt und gepflegt hat, der sich auf Tochter und Schwiegersohn, Baronin und Baron Edmond von Rothschild, die Beglücker des Heiligen Landes, vererbt hat. Gehämmert in der Schmiede der Redlichkeit und Lauterkeit, gereinigt in den Fluten des Gotteswortes. So mag er als Wahrzeichen, als Zeichen echter und steter Wahrheit, in unsere verworrene und verwirrte Zeit hineinragen. M. Sp. DieAgudasIisroel Zugendgruppe in Frankfurt. Eine Pflanzstätte der Tauroh. Man möchte es kaum glauben, daß dieses alte graue Haus Ecke Hanauerlandftraße—Theobald- Ttrate fo Mi Wen, WislW Eenen lll M MM. 1IH2» ist kh [ij 3)Ui)3<ii1iei'ire=91attme &er Agudas Jtsroel-Jugendgruppe legen dafür bestens Zeugnis ab. Tagsüber betrachtet, sieht der Eintretende nur einige neu und gemütlich eingerichtete Räume, die — gut erhalten und gepflegt — auf den Abend warten, da sie gefüllt find von vielen wissensdurstigen, jungen jüdischen Menschen. Man mag schelten, wenn man die in heutiger Zeit wirklich hohe Summe hört, die zur Wiederinstandsetzung dieser Räumlichkeiten verausgabt wurde, aber es ist unberechtigt, denn man vergißt den eigentlichen Zwecr des Agudoy- Heims, der sich bei weitem nicht in der Bereitstellung von Zimmern für Schiurim und sonstige Veranstaltungen erschöpft, sondern darüber hinaus ein gemütliches Heim für Fremde, eine gerne gesehene Ausenthaltsstätte für uns noch Fernstehende bieten soll. Fremde, Verlassene, Einheimische, Vorgebildete und Unwissende, alle brauchen wir sie, denn die Agudoh braucht Jugend; wir wollen sie ihr schaffen und erziehen zu zielbewußten, von Jüdischkeit durchdrungenen, gefestigten Menschen. Fester Grund ist gelegt; er wird nicht wanken, wenn auch weiter eifrig und unaufhaltsam gearbeitet rvird rnit Liebe und Verständnis für dis jung? SRenMjen ausschließlich Auswärtige) besuchen allabendlich die Lokalitäten; eine wahre Freude, es zu sehen, wenn sie alle hinter ihren Büchern sitzen und gespannt auf die Worte ihrer Führer hören. In Gruppen geteilt wird gearbeitet; nicht mehr als höchstens zehn zusammen besprechen dasselbe Thema; sie sind gut aufeinander eingestellt, Führer und Gruppe. Längst haben wir es eingesehen, daß Massenarbeit fast zwecklos, daß nur inDiniDutlle ManDüinö Der emgelnen mm güm Ziels führen Um. WC schslustt Ms nicht, mm wir bekennen, daß wir diese Arbeitsmethode dem jüngeren „Esra" entlehnt haben, denn wir haben sie bis heute mit sichtbarem Erfolg durchgeführt, erfolgreicher als sämtliche in Frankfurt a. M. auf diesem Gebiete arbeitenden Jugendvereine. Wer die Psyche der vom Land kommenden jungen Menschen kennt, der weiß, daß man hier oft völlig voraussetzungslos die Erziehungsarbeit beginnen muß, weiß, daß die elementarsten Verrisse urijerer jübtjd^ert 2£wj^aj|ung ifjnen ojtTrmß^ ganz fremd find. Wer auch sollte in ihnen jüdisches Bewußtsein geweckt haben? Die allgemeine Not an tüchtigem Lehrermaterial in vielen Landgemeinden zeigt hier ihre furchtbar traurige Auswirkung. Die sehr seltene „jüdische Stunde" in der Woche ersetzt das Milieu bei weitem nicht, das ihnen bei einigem guten Willen oft im Elternhause geboten werden könnte. Freilich, es gibt Ausnahmen, aber sie sind leider gezählt. Die Nachkriegszeit mit ihrer wenig erfreulichen Nebenerscheinung, dem „Materialismus", erntet ihre Saat. Verständnis für jüdische Ideale in den kleinen Landgemeinden ist kaum zu finden. Die werden gum „Serblenen0 erzogenln Ile Großstadt geschickt. Ist es ein Unrecht, daß wir den Beruf der Kinder anders auffassen? daß wir oft (es kann leider mit Beispielen gedient werden) den Wünschen der Eltern uns widersetzen mußten?, daß wir jüdische Kinder vor rn» dibm bewahren wollten? Die jüdische Allgemeinheit soll urteilen ii»1»« SÜSS' |?S|Uä3. ur.h ferneren jüdischen Geschäften Frankfurts haben wir Vertrauensleute. Jeder Neuankommende wird uns getreulich gemeldet und von uns herangezogen. Der Eine möchte lernen, der Andere sich sozial betätigen, der Dritte Vorträgehören, der Vierte turnen, Sport treiben oder Ausflüge machen. Für alle sind Betätigungsfelder da. Der verständige Führer, der sich mit ihnen gerne anfreundet, der gemütlich sich oft mit ihnim trifft und nicht sofort mit dem positiven „Lehren" beginnt, hat den meisten Erfolg; ihm werden sich