Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1926)
- Date
- 1926-01-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 2 Freundlichkeiten überhäufen. Der Wiener Zug nach Frankfurt ist noch nicht in Sicht. Inzwischen saust auf dem Nebengeleise von entgegengesetzter Seite ein anderer Zug heran. Er kommt von Berlin und fährt nach Wien. Und ich denke: Auf dem hundertjährigen Wege von Berlin nach Wien — von „Aufklärung" bis „Kneffio" — liegen auch Nürnberg — Fürth . . ." Der Sabbatretter. Von Dr. Simon Goldmann in Köln. Aus zartem Kindermund hast Du Dir eine Macht gegründet ... Wir befinden uns auf dem Bahnhof einer norddeutschen Großstadt. Ein unruhiges Getöse wie das ferne Branden des Meeres erfüllt die weite Halle, in der eine auf- und abwogende Menschenwelle dem Eintreffen des Zuges entgegenharrt. Eben fährt die Lokomotive zischend und schnaubend ein, und die Reisenden entströmen in Scharen den Abteilen. Unter der Menge warteten bereits lange Mutter und Kind ungeduldig auf den Vater, der endlich, mit Koffern vemden, erscheint und freudig begrüßt wird. Kurt, ein hübscher Knabe von etwa 12 Jahren, stampfte ungeduldig mit den Füßen. „Können wir nicht bald nach Hause gehen, es ist bereits dunkel." „Ja, gleich, mein Junge," entgegnete der Vater, „wir nehmen die Tram und fahren zufamen heim." „Ich fahre nicht mit, ich gehe zu Fuß." „Aber weshalb willst du denn den weiten Weg laufen, da ich doch weiß, daß du müde bist?" fragte die Mutter verwundert. „Es ist ja bereits Nacht, und der Sabbat hat begonnen, da darf man doch nicht fahren," sagte Kurt mit Bestimmtheit. Die Eltern protestierten. Bei dem hartnäckigen Widerstand, den der Junge leistete, blieb ihnen aber nichts übrig, als daß der Vater allein in die Straßenbahn einstieg, während die Mutter mit Kurt langsam zu Fuß folgten. Der Knabe, der soeben eine Probe feiner Charakterfestigkeit abgelegt hatte, war der Sohn des kaufmännischen Beamten L., der in einem bedeutenden Handelshause eine einflußreiche Stellung berleidete. Herr L. hate wohl in seinem Elternhause eine gutjüdische Erziehung genossen, aber des Lebens Ströme hatten doch manches von dem Althergebrachten abgewaschen. Dazu kam, daß seine, aus liberalem Hause stammende Gattin das Haus in ihrem Sinne leitete und ihn allmählich daran gewöhnte, der Heiligung von Sabbat- und Festtagen kemen sonderlichen Wert beizumessen. Dagegen schickte man die beiden Kinder in die nach streng gesetzestreuen Grundsätzen geleitete jüdische Schule und glaubte damit seiner religiösen Pflicht genügt zu haben. Es ist dies auch sonst eine häufig zu beobchtende Er-, scheinung, daß Eltern, in deren Herzen noch religiöse Klänge aus der Jugendzeit widertönen, die aber selbst nicht die Energie aufzubringen vermögen, sie ihren Kindern mitzuteilen, die Last der Erziehung auf den Lehrer abwälzen und ihr pochendes Gewissen durch einige besondere „Religions"-stunden einzuschläfern versuchen. MN KSk klll w fifrigr? auf den die mannigfachen religiösen Vorstellungen, mit denen sein empfängliches Gemüt bereichert wurde, tiefen Eindruck machten. Allzu deutlich empfand er die Kluft, die zwischen Schule und Elternhaus gähnte, und die seine kindliche Unbefangenheit sehr beeinträchtigte. Gern weilte er in den Häusern frommer Mitschüler, wo er mit Neid auf die innigen jüdischen Gepflogenheiten schaute, die er zu Hause entbehren muhte. Ab und zu erzählte er schon den Eltern von dem, was in der Schule so mächtigen Eindruck auf ihn machte, und er beobachtete, daß diese sich mit seinen Erzählungen freuten, ohne aber praktisch weiter Notiz davon zu nehmen. Besonders an diesem Freitagabend ging ihm die Sabbatentweihung des Vaters sehr zu Herzen. Als er mit Der Israeli t__ der Mutter zu Hause anlangteohne die Wohnung im Zeichen der Sabbatweihe vorzufinden, fühlte er sich sehr bedrückt. Schweigend verzehrte er das Abendessen und nahm dann das Chumisch zur Hand, um die Sidrah durchzugehen. Darüber schlief er ein. Das Schwesterchen lag bereits zu Bett. Die Eltern aber unterhielten sich noch angelegentlich über häusliche und geschäftliche Dinge, ohne sonderlich des Schlafenden zu achten. (Schluß folgt.) Der Roman des jüdischen Athleten Siegmund Vreitbark. Im Warschauer „Neuen Haint" wird die Lebensgeschichte des vor etlichen Wochen in Berlin unter tragischen Umständen an Blutvergiftung verstorbenen Athleten Breitbart erzählt. Breitbart stammt aus Lodz, wo er sich, bevor er seine Kunst entdeckt hatte, als ehrbarer Malermeister betätigt hatte. Wie dieser Simson in jungen Jahren allen Versuchungen und der Taufe entging, erzählte er selbst in folgender Episode hübsch und anschaulich: Als ich morgens aufwachte, stand die Gräfin am Spiegel und kämmte ihre langen Haare, wobei sie ein russisches Volkslied vor sich herträllerte. Da ich sie nicht beschämen wollte, zog ich die Decke über den Kopf und tat, als würde ich noch schlafen. Da verspürte ich aber eine weiche zarte Hand über meine Haare fahren, und eine liebliche weibliche Stimme rief: „Nun, Langschläfer, willst du nicht endlich aufstehen?" Es war bereits zwölf Uhr mittags. Ich stürzte aus dem Bett und fing an, da die Gräfin sich für eine Minute entfernte, mich in nervöser Hast in die Kleider zu werfen. Ich erinnerte mich, daß ich zwei Häuser in Arbeit hatte, die noch vor Beginn des Peßachfestes angestrichen sein mußten, da sonst armen jüdischen Familien die Festesfreude gestört wäre. „Warum diese Eile?" fragte die Gräfin, die inzwischen wieder ins Zimmer trat. „Kommst wohl zu spät auf den Jahrmarkt!" „Viel zu tun", gab ich zur Antwort. „Die zwei Häuser müssen heute fertig sein, drei andere müssen begonnen werden." „Und wenn Du die Arbeit nicht machst?" ..Unmöglich, ich würde dann den Juden das Fest verstören." „Was hast Du mit den Juden zu tun und was kümmern Dich ihre Feste?" Da stieg der Zorn in mir auf. „Gräfin!" sagte ich eindringlich, „es ist bereits das zweite Mal, daß Sie die Juden beleidigen und scheinen zu vergessen, daß auch ich ein Jude bin und nicht gewöhnt bin, solches schweigend hinzunehmen." Die Gräfin verfärbte sich für einen Augenblick, sah mich schweigend und prüfend an und fragte dann scharf: „Siegmund, Du drohst mir!?" „Nein, Gräfin, es soll keine Drohung sein. Ich muß aber noch einmal bemerken, daß ich Beleidigungen, gegen mich als Menschen ausgesprochen, wohl überhören kann. Verletzt man aber den Juden in mir, so bin ich nicht ganz verantwortlich für mein Tun." Die Gräfin erfaßte meinen Kopf, und halb lachend, halb drohend, im Gefühle der absoluten Sicherheit, mit der sie die halbe Welt beherrschte, sprach sie: „Die Eile ist unnütz, Lieber, Du kommst ja doch nicht fort." „Was soll das heißen?" „Das soll heißen, daß Du heute den ganzen Tag in meiner Gesellschaft bleiben wirst, und daß wir mit dem Abendzuge von hier abreisen." „Wer wird abreisen?" „Ich denke, es deutlich genug gesagt zu haben. Wir, das heißt, ich mit meiner Dienerschaft und auch Du." „Auch ich. wohin denn?" „Du fährst mit mir nach Kiew." „Was soll ich in Kiew?" „Das sagte ich Dir bereits gestern. Du wirst dort alle meine Güter in Stadt und Umgegend verwalten, mit anderen Worten, Du wirst mich als Weib ehelichen." „Und? . . „Und mir Ehemann sein." „Weiß die Gräfin nicht daß ..." „Ich weiß alles, aber selbstverständlich trittst Du zur kösslMsl MM mfr ü; Das letzte Won brachte bas Maß gum Uebcrlaufcn. Ich schlug mit der Faust aus den Tisch, der in zwei Teile auseinander riß. Alles, was drauf stand, fiel klirrend zu Boden und lag als Scherbenhaufen da. Die Gräfin, statt zu erschrecken, trat an mich heran und wischte mir mit dem seinen.pyrsümierten Tüchlein den Schweiß von der Stirne. Fleheno fast sprach -sie:,,^ „Nicht doch, lieber Siegmund." Ich mar nahe daran, sie so von mir zu stoßen, daß sie bald neben den Glastrümmern unten gelegen häste, Aber ich erinnerte mich noch rechtzeitig, daß eine schwache zarte Frau vor mir stand, die unter allen Umständen Schonung verdiente. Die Gräfin nutzte die kleine Verlegenheitspause aus und fuhr fort: „So sieh doch, närrischer Junge, was Du machst. Ich, die stolze Gräfin Tatania, die schönste und reichste Frau in ganz Kiew, . Angehörige eines alten, hochangesehenen Adelsgeschlechtes, stehe vor Dir. Tausende Männer würden mir ihr ganzes Vermögen zu Füßen legen für einen lieben Blick aus meinen Augen. Wie viele haben bereits 7 Januar 1976 Selbstmod begangen, weil ich ihre Liebe nicht erwiderte. Nun komme ich, die stolze Gräfin Tatania, eigens nach Lodz, um Dich zu suchen. Ich fand Dich und lud Dich in dieses erste Hotel und schenke Dir das, was kein anderer bis jetzt zu träumen gewagt hat . . ." Ich ließ sie nicht aussprechen. „Was soll dies alles?" „Daß Du weißt, wie glühend meine Liebe zu Dir ist." „Und wenn ich es weiß?" , „Dann begreifst Du, daß ich nicht im geringsten die Absicht habe. Dich oder Dein Volk zu verletzen. Es kommt mir alles aus tiefstem Herzen. All mein Denken und Trachten geht darauf hinaus, Dich zu einem großen Manne zu machen, zu einem würdigen Gemahle der stolzen, reichen, schönen Gräfin Tatania." „Aber Sie verlangen einen Preis, Gräfin, der zu hoch ist, den ich nicht leisten kann." „Der Preis ist wahrlich gering. Bedeutet doch der Schritt auch für Dich unermeßliches Glück. Hier in den engen Gassen hast Du nur Elend, Not, Unschönheit vor Dir. Mit der Leiter auf den Schultern und den Farben: eimern in den Händen verkümmerst Du für alle Zeiten. Bedenke demgegenüber, was Dir winkt, wenn Du diesen einen, kleinen Schritt tust ... Mehr wollte ich nicht hören. Ich fürchtete keine Versuchung, aber den Zorn fürchtete ich, der in mir wieder aufloderte und dessen Opfer die zarte Frau leicht hätte sein können. So entwand ich mich ihren Armen, griff nach dem Hut und ging von dannen. . . Auf Nimmerwiedersehen. ... Ls ist ausschließlich Sache der Leser, dle im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen rlkueller Waren oder sonstige Angaben rellgionsgefehllchen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. ElTVIlU Hansa Grosswäscherei vorm. Gebr. Vogel Spessart 1382 u. 1383 Boyenstraße 8-14 Bausßabungs-lDascfie nach Gewicht naß, getrocknet und gemangelt Damen- und Herren-Bügelwäsche Abholung kostenlos Scfilesicfty - Sfcöfilein 8. mH Spezial-Institut für moderne, optisch und technisch vollkommene Augengläser. Telefon Hansa 2208 Kaiserplatz 17