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Der Israelit · 1926-01-07 · Heft 2 (7.1.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 2 (7.1.1926)
Date
1926-01-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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192« Beilage Nürnberg—Fürth. 'V7.t mm u ^ür I Ij Ijal bvexle, \djbne, von allen, jofiben Bauten umsäumte Straßen, aber auch kleine winkelige Gassen,und Gäßchen, durch die, ähnlich wie in Prag, das alte Uürth spukt. Eine auch im Winter mit ihren dürren, verschneiten Wipfeln hübsche Anlage vor einem düsteren Bahnhof sorgt für den ersten guten Eindruck bei den Ankommenden. Das innere Stadtbild ist etwas grau, von ehrwürdigem Alter, aber auch vom Rauch aus nüchternen, ganz unehrwürdig neuen Schloten. Fürth hat viele Fabriken, Kirchen und Klöster und nur fünf Großbrauereien. Fragt Man nach jüdischen Sehenswürdigkeiten, so wird man nach dem „Schulhof" und dem „alten Friedhofe", geführt. Womit aber keineswegs gesagt sein soll, daß Fürths Glanz und Größe allein noch auf dem Friedhofe liegt. Es ist auch neuerblühtes jüdisches Leben zu registrieren. Im Gegensätze zu Nürnberg hat Fürth eine ununterbrochene Tradition von mindestens vierhundert Jahren, und es wird an ihrer Erhaltung und Fortpflanzung, jetzt mehr denn früher, durch ein neues Geschlecht gearbeitet. Der Weg vom alten Friedhof zur „Neuschul" ist — auch in geistigem Sinne — nicht weit und gar n t s t schlecht gepflegt. . . . Ein neuer, etwas brüchiger Rahmen mit gutem, solidem, altbewährtem Inhalt, das ist Fürth. Offiziell ist die Gemeinde neolog, — auch . eine Frucht bisheriger bayerischer Gesetzgebung, — aber die Institutionen sind alle vortrefflich geleitet und atmen peinlichste Gesetzesstrenge, die Schechita sowohl wie die Mikwa, das bekannte Waisenhaus wie das Hospital, vor allem aber die Schule. Die beträchtliche Anzahl der kleinen Bethäuser vereinigen — neben der „Neuschul" (orthodoxe Synagogen) — morgens und abends eine große Beterschar, indes die Orgelpfeifen in der „Altschul" an einem Tag der Woche durch die leeren Räume hallen. . . . Denn hier ist, merkwürdig genug für den Fremden, das „Alte" neu und das „Neue" alt. Auf dem Schulhofe, der, wiederum wie in Prag, von einer dicken, massiven Mauer umgeben ist, erhebt sich in der Mitte die A l t s ch u l, ein großer, einfacher Backsteinbau mit kleinen Fenstern und niederem Portal, über dem eine alte Tafel einiges aus seiner Geschichte kündet. Dem nackten Hause aus dem siebzehnten Iahnhundert ist aber eine neue Fassade, neumodisch aufgeputzte Flügel, ungegliedert, die zum Grundtone und alten Baustile des Ganzen ungefähr so passen, wie die Orgelregister zu der antiken heiligen Lade mit den alten Seforim drinnen, wie die Choräle mit den pastoral gemeißelten Kanzelworten zur alten Tefilloh, „Druck und Minhag Fjurdo ..." Und dicht daneben die „N e uschu l", ein kleinerer, scheunenartiger, schmuckloser Bau gleichen Alters, aber von besserem Geschicke begleitet. Er sieht alltäglich morgens und abends eine große Betergemeinde in seinen Mauern, geschart um einen jüngeren tatkräftigen Rabbiner, der im Lernen und Lehren das alte jüdische Fürth treulich hütet, daß es durch keinen f r e m d nachbarlichen Ton getrübt und gestört wird . . . Man hat dem orthodoxen Rabbiner das Fungieren auf dem Friedhofe untersagt. So hat er sich dem. Tode, abgewandt und dem Leben zugekehrt, dem in der Thora verankerten jüdischen Leben ... Etwas abseits und bescheiden zurückgelehnt liegt auf diesem Schulhofe die Klaus, dann die bestens nach allen Gesetzen der Religion, Technik und Hygiene neuerrichtete Mikwa, das saubere Gemeindehaus. Und um alles herum schlingt sich schützend und betreuend die alte Mauer, deren Tore jetzt aber auch bei Nacht offen bfeiben, Wie in sehnsuchtsvollem Suchen schauen im STlbeiibbämmer bte ©tel>elbäcf>er bes alten (Qlyetio über die Mauer. Me neigen sich wie dazumal schief Und winkelig über winzige Häuschen, die die engen Gassen verschüchtert umsäumen. Es ist noch das alte Ghetto mit seiner Enge und seinem Düsterwie .damals, nur daß keine Juden mehr in diesen alten Häusern, hiüter diesen Denksteinen mittelatterlicher Not und Enge, wohnen. Im Hause des jungen Rabbiners fand ich alles wie es sich in einem echten, rechten Rabbinerhause gehört. Dunkler Aufgang, Lernzimmer mit aufgeschlagenen Folianten auf dem Tische, liebenswürdig^ Rabbinersfrau, die den Gast unbedingt bewirten möchte. Jungen erheben sich vom Schiur.. Der Herr Rabbinerselbst hängt am Telefon und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die lange, pausenlose Rede am Gegenpole bleibt unhörbar. Aber aus den gelegentlichen Zwischenfragen und Einwürfen des Rabbiners ist zu ersehen, daß es sich um einen höchst verwickelten Fall, eine „Gänsekomödie der Irrungen" handelt. Eine Gans unter Gänfey,war geschachtet, und es ergab sich, daß eine Nadel zwischen Leber und Darm steckte. Das Verdammungsedikt „trepha" war bereits ausgesprochen. Nun zeigte sich — und dieser Komplikation diente die Dauerrede an der Telefongegenseite —' daß die Nadel nicht zu dem Darm und der Darm nicht zu d e r Gans gehörte. Rechtmäßige Besitzerin der Nadel unter den Gänsen nicht mehr zu eruieren. Was geschieht mit den anderen Gänsen, was mit dem Geschirr? Eine yatachische Darmverschlingung schlimmster Art. „So eine dumme Gans!" seufzt der Rabbiner und setzt sich an die Folianten, um m den Quellen nackzusuchen. Wir wollen ihn nicht stören, gehen die dunkle Treppe hinunter und die schlechtbeleuchtete, mit schokoladenbrauner Sauce überzogene Straße entlang, wieder an dem historischen Hofe und der historischen Gasse vorbei, wo das Alte neu und das Neue alt ist, wo die alten Judenhäuser keine Juden haben, wo das „Offizielle" den Friedhof beherrscht und das „Inoffizielle" das lebendige Gesetz lehrt und religiöses Recht spricht. Hier ist rechter Hand, linker Hand alles verschoben. Die halachische Darmverschlingung wird hier zum Symbol ... * * * Ein Sammelpunkt des gesetzestreuen Kreises von altersher ist die W a i s e n Haussynagoge, eine echte geräumige Synagoge mit allen Attributen und Einrichtungen einer solchen, in der das alte jüdische Fürth zu einer Zeit, da das Gesetz offiziell der Orthodoxie kaum Platz an der Sonne ließ, seine Zuflucht fand, im Schutze eines geleh cken Waisenhausdirektors, der inoffiziell auch rabbinische Funktionen ausübte. Auch heute noch, da in der „Neuschul" ein eigener Rabbiner für Gesetz und Lehre wirkt, ist die Waisenhaussynagoge morgens und abends gut gefüllt von einem alten Stammpublikum. Alles drinnen ist blitzblank und auf das Beste eingerichtet. Zwanzig Knaben etwa stehen vor der Lade und rezitieren in monotonem Sprechchore das Kaddischgebet. Die eigene Bedeutung des Hauses erfaßt einen bis in die Seele. Zwanzig Menschenblüten, auf die sich früh der eisige Reif des Verwaistseins gelegt, haben hier wieder Sonne gefunden. Und zu diesen Zwanzig kommen noch ebensoviese Mädchen im Saale und ebensoviele Kleinere, die noch nicht die Kaddischreife haben. Monoton und traurig klingen im Chore die Totengebete wie aus Greisenmunde. Bei der dritten Wiederholung lege ich im Geiste dem „Jißzadal" anderen Text unter: „Dank Euch! — Gönner! — Die. ^yr! — uns! — gegeben! Ein Heim! — Ein Heim! — Es sei Euch! —Lohn! — JlN HlMlM! — IM HiMMöl! . . Die Kinder sind einfach und schulmäßig gut ängezhgen und sehen gut gepflegt aus. Der prächtige jugendliche Greis, der dieses Hauses Vater ist und hier schon Generationen großgezogen hat, erzählt mir einiges aus der Geschichte und der Entwicklung — und den Sorgen des Hauses. Letztere sind neu und eine Folge der wirtschaftlichen Krisis. Die Fonds schienen bislang unerschöpflich — sie sind entwertet. Die Spenden flössen aus Bayern und aus dem Reiche in breitem Strome — der Strom ist versiegt. Die Anstalt ist auf das „Schnorren" nicht eingestellt, nicht eingeschult. Es fehlt auch an Reklame- und Propagandamaterial. Ein Zirkular, das hinausging und all die Vorzüge des Hauses schilderte, brachte der Anstalt — ein paar Dutzend neue Aufnahmegesuche, ein, aber kein Geld! Das gleiche Lied aller Anstalten, aller Gemeinden und aller -— Gemeindemitglieder in Nord und Süd, mit dem überall gleichen Refrain: „Schlimme Zeiten! ..." * . k Der Stolz der Fürther ist die Schule, eine Realschule mit Vorschulklassen, bevölkert von über hundert Schülern und Schülerinnen. Ich darf eine Stunde lang vom Direktorzimmer aus den Schulbetrieb verfolgen. Es wird in allen Räumen mit Liebe und Eifer gearbeitet. Das Bücherregal des Herrn Direktors zeigt das Ziel. Alles ist hier vertreten, was zur Verlebendigung des hebräischen Unterrichtes und zur jüdischen Weiterbildung der Jugend dienen sollte. Ein für Thora und Kind warmschlagendes Lehrerherz spricht aus dieser Auswahl. Aeltere und jüngere Lehrer stehen ihm mit gleicher Liebe zur Seite. Am dritten Chanukaabende wird eine Klaffe bei einer Schulfeier ein hebräisches Stück, die Festigkeit des jungen Daniel am persischen Königshofe darstellend, aufführen. Und es wird auch, und erst recht von der jüngeren Generation, die sich nicht gerade mit klingendem „S ch a l o m" begrüßt, verstanden werden. . . . Das ist das Verdienst der Schule und ihres unermüdlichen Leiters. Abends stehen im großen Saal des Weißengartens Tisch an Tisch, und an den Tischen sitzen die Menschen Kopf an Kopf. Hier haben die Kellner den Kampf gar nicht erst ausgenommen. Im Luftraum oben winden sich wie Trapeze Kränze und Guirlanden. Noch vom letzten Ball oder schon für die nächste Fastnacht, sicherlich nicht zu Ehren der „Karäer" oder „Chasaren", die hier heute abend ihren Einzug halten. Auf einer Estrade steht das Katheder. Die Distanz zwischen ihm und Publikum ist weit, hoffentlich ist sie bald überwunden! Bis in die späteste Nachtstunde sitzen wir beisamen im gemütlichen Cafe Neumann bei gutem Tee und guten Reden über alle jüdischen Probleme der Gegenwart. Wie in Nürnberg, auch hier Jugend, die durchglüht ist von der Liebe zur Thora, beseelt vom Willen zur jüdischen Arbeit. Zwischendurch leuchtet ein Witzwort, eine jüdische Anekdote, ein Thorawörtchen, aber der Grundtön ist ernst. Man will arbeiten und sucht neue Wege — zum alten Ziele. Auch an der Bahn sind am kommenden Morgen Freunde anwesend, die den Fremden mit

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