Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1925)
- Date
- 1925-12-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450387--72776-2530149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«WWW Ri öettelO 9li.52 Der Israelit __2L Dezember im wie die frühen Menschen vor seinem Fenster den Baum beschwatzten, und lag selig seines Geheimnisses mit ihm. Dann aber stand er auf, weckte seinen Knaben und führte ihn in den Morgen hinaus. Dort zeigte er ihm die Fruchtknötchen. die der Baum über Nacht angesetzt hatte, und da das Kind mit glücklichen Augen des Wachstums staunte, sprach er lächelnd zu ihm: „Wie schön, mein Knabe, ist dieser Baum!" Dann aber gingen sie beide ins Haus zurück und der Rabbi entfaltete mit reinen Händen die Heilige Seine. As er aber zu lernen begann. war es dem Knaben, als leuchtete das Angesicht seines Vaters von einem überirdischen Lichte. Da vergab das Kind den Baum und fing mit heiligem Eifer zu lernen an. Verödete Wege. i. Die „Kretschme". Wer von denen, deren Wiege östlich des Njemen gestanden, hat nicht die russisch-litauische „Kretschme" (Gasthof) in Erinnerung? Damals, als man Bahnen und Autos noch nicht kannte, der jüdische „Gewir" (Magnat) die Post „hielt" und jüdische Baaleagolaus (Fuhrleute) große Herrschaften durch die Lande auf den breiten Heereswegen und über sumpfige Wege und Feldstege bis zur großen Stadt und sogar bis Petersburg geführt hatten, spielten die „Kretschme" noch eine große Rolle. Vor wenigen Jahrzehnten noch waren alle diese Wege belebt und alle paar Meilen stand so eine Kretschme, ein langes Holzhaus mit vielen Stallungen, in dem das Leben Tag und Nacht nicht stillstand. Kam man um die Mitternacht vorbei, blinkte schon von der Ferne das trübe Licht durch das Düster der Nacht und darin herrschte rauschendes Leben. Jiddische Milchpächter aus allen umliegenden Gutshöfen saßen da und rechneten. Kutscher aus allen Städtchen, Pferde- und Viehhändler, Holz- und Getreidehändler, Bauern mit hochbeladenen Wagen. Die einen schrien, die anderen schliefen, andere zankten sich. Die meisten aber saßen und tranken. Die Luft war angefüllt mit dickem Rauchqualm und auf dem Tische dampfte der riesige Samowar, der unerschöpflich das warme rötliche Getränk den Frierenden spendete. Auf dem Schanktische lachten aber die herrlichsten, braungebratenen Gänseschenkel, die langen Würste, die Pretzel und Kringel, und in bauchigen Flaschen der neunzigprozentige Schnaps. Und hinter dem Schanktische stand ein kräftiger, breitschultriger Jude mit bartumrahmtem rotem Gesichte, und neben ihm die Wirtin, die russisch sprechen konnte wie ein ausgedienter „Nikolajewer" (Soldat), einen Schnaps trinken und, wenn es fein muhte, einem betrunkenen Bauer einen Schlag ins Gesicht versetzen konnte, daß ihm fürs nächste Hören und Sehen verging. Am langen Tische von dem Samowar wurden aber die Nacht hindurch große Geschäfte abgeschlossen, Partien ausgemacht. Auf dem Fußboden schliefen indes die Fuhrleute, schnarchten und fauchten nicht minder wie die Lokomotiven von heute. So war es damals, vor wenigen Jahrzehnten noch. Und heute? Ich fahre von Wilna nach dem Städtchen meiner einstigen Heimat auf einsamen verlassenen Wegen. Nur selten begegnet uns ein kleiner Bauernwagen. Es ist überall so düster und einsam und trübselig, als würden noch die Schrecken des Krieges ringsherum lauern. Der Weg ist zum Teil mit Holzklötzen belegt und die Sümpfe sind mit Brettern überbrückt. Spuren der Deutschen, die hier ein paar Jahre gewirtschastet haben. Das Holz ist aber verfault, die Bretter zumeist in den Sumpf versenkt. Das ist die Arbeit der Litauer und Polen, die das Werk der Deutschen fortgesetzt haben. Hart am Wege starrt ein verfallener Schornstein in die Höhe, die letzten Spuren einer menschlichen Behausung. Hier hat eine „Kretschme" gestanden. Ich kann mich ihrer noch gut erinnern. Sie war der Treffpunkt vieler Städte und Dörfer. Sie ist längst in Rauch und Flammen aufgegangen und die Besitzer, die alten M i d w i tz e r, liegen auf dem Friedhof der nächsten Stadt. Die Kinder aber arbeiten in den Schwitzbuden Amerikas. , Einige von ihnen sind vielleicht schon über den Berg, haben aber „Kretschme" und Städtchen längst vergessen. Wir fahren weiter. Eine zweite und dritte „Kretschme". Alles ist tot und verfallen. Die Steine sind vermoost, die Schindeln verfault, Türe und Fenster mit Brettern zugeschlagen. Und ich weiß noch, wie hier an den Hohen Feiertagen sich Dutzende von Dorfleuten versammelten zum gemeinsamen Gottesdienst, sich eigenen Chasen und Rebben aus der Stadt verschrieben und viele Spenden nach der Stadt ablieserten. Und da oben auf dem Berglein, das nun ganz kahl ist, soll sich ein ganz kleines jüdisches Städtchen befunden haben, eine Poststation. Dort wohnten die alten G u r l a n d s, die die Post in der Gegend gepachtet hatten. Hatten eigenen Schochet, eigenen Kinderlehrer und sonst ein par gelehrte Juden um sich herum. Den Kaiser selbst, Alexander den Zweiten, hatte Gurland mit seinen flinken Pferden nach Wilna befördern dürfen. Und er bekam eine Auszeichnung. Der Kaiser nannte ihn „Molodeez" (tüchtiger Mensch) und machte ihn zum Ehrenbürger. Vis zum Kriege noch durften die Kinder diesen Titel führen. Moses M o n t e f i o r e hielt auf seinem Wege nach Wilna im Hofe der Gurlands an und wurde hier von der Wilnaer Ehrendelegation empfangen und mit einem großen Festmahle begrüßt. Das Berglein ist verödet. Von dem Hofe der Gurlands zeugen nicht einmal Trümmer. Eine Bauernhütte mit Strohdach lehnt sich schief an den Hang, davor ein Bauernmädchen, das ein Schwein füttert. Vielleicht war der Großvater dieses Mägdleins Stallknecht bei den Gurlands. Nun sind sie die Herren. Und die Gurlands? Die alten sind tot, die jungen sind in die Welt hinaus. Hier ein Arzt ohne Praxis, dort ein Schreiber ohne Posten, eine Zahnärztin. Vielleicht auch welche im Negierungskommissariat in Moskau. Das alte Heim ist vernichtet, neue Heime entstehen nicht so rasch. . . . Und da ist schon wieder eine „Kretschme", sie ist noch ganz, aber mit blinden Fenstern und wie Gespenster heulen die Winde durch die Löcher. Hier hat man eine ganze jüdische Familie umgebracht, wie die Lämmer hingeschlachtet. Irrt da über die Wilnaer Gassen ein verblödeter Junge mit stierem Blicke und in Lumpen gehüllt herum, das einzigei ungeschlachtete Kind. Das ist alles, was von dieser jüdischen „Kretschme" übrig geblieben ist. Und schaurig eintönig ist es auf dem Wege. In der Nähe ist eine Grenze, die nicht verbindet, sondern trennt von einem feindlich gewordenen Lande. So ist diese Gegend verlassen. Man trifft keinen Menschen, den man nach seinem Befinden, nach seinen Geschäften, nach den Dingen in der Stadt befragen kann, mit dem man einen Handel abschließen oder sich in die nächste „Kretschme" zu einem gemeinsamen Minchogebet begeben könnte... Und der Bauernfuhrmann, der mich fährt, knallt mit der Peitsche und jagt die Pferde an, als wollte er aus der Hölle. „Wölfe, lieber Herr, Wölfe sind nun wieder in den Wäldern da, wer hat das seit Menschengedenken gehört?" Alte verrostete Drahtverhaue ziehen sich den Weg entlang, ganz und halb verschüttete Schützengräben. Von der Ferne ragen steile Brettchen mit deutscher Aufschrift. Ein Militärfriedhof, auf dem Schwaben, Bayern und Sachsen, die in den litauischen Sümpfen ihren letzten Seufzer für das Vaterland aushauchten, ruhen. Der Weg belebt sich ein wenig, durch militärische Automobile, die hin und her rasen. Wir sind in der Nähe des Städtchens. (Schluß folgt.) {Mt reinem Schilde. . .) Eine in ihrer Traurigkeit doch ergötzliche Geschichte spielte sich in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember in Berlin ab. Eine Bande Jugendlicher in Hitler-Uniform hatte am Kurfürstenöamm eine größere Anzahl von Schildern jüdischer Aerzte und Anwälte heruntergerissen und mit sich genommen. Hierbei passierte den Tätern das Mißgeschick, auch das Schild des Rechtsanwaltes Freiherrn von Kleist, Kursürstendamm 182, herunterzureißen. Mit diesem und anderen erbeuteten Schildern zogen sie in das im selben Hause befindliche Restaurant, in welchem zufällig Freiherr von Kleist bei einer Tasse Kaffee saß und mit Ueberraschung sein Anwaltsschild bei einem der Burschen erblickte. Bei der alsbald erfolgten polizeilichen Feststellung, welcher sich der ganze völkische Trupp durch Flucht entziehen wollte, bezeichnete sich der Haupttäter als Herr v. Versen. Es wurde aber festgestellt, daß er den Namen Römer führt. Es ist Strafantrag wegen - Sachbeschädigung gestellt worden. in unerreichter Auswahl und jeder Preislage Beratung und Besichtigung ohne Kaufzwang MaiheusMiiüec £LTVULL ’PhotöAmamte Laboratoriums-Arbeiten Schlesicky — Ströhlein G. m. b. H. Telefon Hansa 2208 Kaiserplatz 17 ' Hansa Grosswäscherei » vorm. Gebr. Vogel Spessart 1382 u. 1383 Boyenstraße 8-14 seif 100 Jahren bewährtvon Millionen getrunken "Tubilaiims - Posen ohne Aufschlag überall erhältlich. ^ausfiafoungS'IDäscfie nach Gewicht ' naß, getrocknet und gemangelt 1 Damen- und Herren-Btigeiwäsche 1 Abholung kostenlos < ^-— --- - -J Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Zeuiueton 5. Schach nowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S S li a chn o w i tz, ebenda. — Verlag .Israelit, G. m. b. H., Frank, -rt M. Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.