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Der Israelit · 1925-12-24 · Heft 52 (24.12.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 52 (24.12.1925)
Date
1925-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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i ftailltto» Beilage Der Israelit Dl. 52 1-25 Die Empörung des Baumes. "Ti. Von Emil Bernhard Cohn. (Schluß.) Nun hatte der Baum ein Liebespärchen angelockt, das flüsternd und mit verliebtem Stickern unter dem Fenster des wachenden Rab¬ bis stand und nicht ahnte, daß es nur im Dienste des empörten Baumes mit seiner goldenen Torheit nach der Wahrheit des Weisen schlug. Lange lag dieser stumm im Dunkeln und horchte grollend auf das Treiben unter seinem Fenster. Als er aber die Zweige des Orangenbaumes knacken hörte und daran merkte» daß der übermütige Jüngling das Gesetz der Lehre übertretend seinem Mädchen einen blühenden Ast vom Baum brach, erhob er sich und trat so plötzlich und ergrimmt vor die Tür seines Hauses, daß das aufgeschreckte Paar in die Nacht entwich. Wie Rabbi Simon nun so allein mit dem Baume in der Mitternacht stand, fing er zu reden an. Erst nahm er den sündhaft gebrochenen Blütenzweig auf, den das Pärchen auf seiner Flucht hinterlassen hatte, betrachtete ihn, schüttelte mehrmals den Kopf und fing schließlich zu reden an. Das war nicht gar so merkwürdig bei dem Manne, der jahrelang in seiner Höhle gelebt und es gelernt hatte, mit den Steinen und Pflanzen, den Vögeln und Bäumen laute Zwiesprache zu halten. Und doch war es ein ganz wunderlicher Heiliger, der sich in jener Nacht draußen auf den Boden hockte, den Baum als verstockten Schüler vor sich stehen ließ und ihn mitternächtlich mit Fragen bestürmte. Dabei wiegte er ben Oberkörper auf und nieder, breitete erklärend die Hände aus und sprach mit großer Gewalt: „Höre mir zu, Baum," sagte er, „sieh den Biütenzweig in meiner Hand und höre mir gut zu.' Weißt du nicht, daß du unter dem Gesetze der Thora stehst? Hat dein Vater nicht schon in Eden gestanden und unseren Eltern seine Frucht gereicht? Und weißt du nicht, daß geschrieben steht: Du sollst den Fruchtbaum nicht verderben, daß du mit Aorten gegen ihn gehst? Und heißt ej5 nicht weiter: Ist denn ein Mensch der Baum, daß du gegen ihn streitest?" — Hier maftte der aufgeregte Sonderling. eine Pause, als wollte er eine Antwort des Baumes abwarten. Der aber schwieg, und so fuhr der Rabbi lauter und zorniger fort: „Oder meinst du, Baum, daß es wichtiger sei, die Liebenden zu locken in der Nacht? Aber steht nicht wiederum geschrieben: Du sollst dem Blinden keinen Fallstrick legen? Und wie meinst du, he? Ist es wohl etwas anderes mit deinem Dufte, Baum? Hat er den Knaben nicht gelockt, deine Blüte zu brechen? Und wenn es wieder so ist, wie du doch nicht leugnen kannst, Baum, warum empörst du dich dann?" Mit so vielen und aufgeregten Worten sprach in jener Nacht Rabbi Simon zum Baume. Aber da war keine Stimme und kein Laut, und der Baum schwieg in die Nacht hinein und regte kein Blatt. Rabbi Simon aber triumphierte in seinem Herzen. Er hatte den Baum unter das Gesetz der Thora gestellt, die da auch ein Baum ist, wie es heißt: Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten. Da wurde er sichtlich ruhiger, ging in sein Haus und nahm sich vor, nicht mehr an den Baum zu denken und durchaus nicht mehr des beengenden Duftes zu achten, der ihm ins nächtliche Fenster strömte. Kaum aber hatte er sich gelegt und wollte eben entschlummern, als die Nachtigall draußen im Baume so wild und übermächtig zu schlagen begann, daß es nun erst recht mit seiner Ruhe nichts war. Es schien, als wollte der Orangenbaum mit dem Lebensbaum der Thora nicht am gleichen Wasser stehen und hätte seiner dunklen Tochter geboten, mit ihrem irdischen Schluchzen gegen die Himmelsstimme der heiligen Lehre anzugehen. Ais der Rabbi schließlich dennoch entschlummerte, wuchs ihm das verzauberte Wesen des Baumes in seine Träume nach und peitschte ihn mit seinen Blütenzweigen gegen einen schweren dämmernden Morgen hin. Als er erwachte, hörte er unter seinem Fenster ein merkwürdiges Tosen und Brausen. Im Halbschlummer ve meinte er den Baum zu hören, und in dem Brausen die Stimme der Bienen, der Liebenden und der Nachtigall zu unterscheiden, das ihm nichts, als ein einziges großes Rufen des Baumes erschien, der mit ihm rang. Dazwischen hörte er seinen Knaben deutlich „Vater! Vater!" rufen, davon erwachte er völlig und merkte nun, daß eine große Volksmenge vor seinem Fenster auf und nieder wogte. Inzwischen erschien der Knabe und berichtete weinend und außer Atem, daß man ihn draußen mit Scheltreden davongejagt und Drohworte gegen den Vater ausgestoßen habe, in dessen Hausbereich der Baum seine Wurzeln hatte. Ein Blick aus dem Fenster überzeugte den Rabbi, daß er sich einem wirklichen Wunder gegenübersah. Er erschrak. Wahrhaftig, so hatte in diesem Tale noch nie ein Orangenbaum geblüht. Aeber der dunklen, aufgeregten Menge, die sich versammelt hatte, schwebte seine B.üte wie ein riesenhafter weißer Menschenleib. Es war ein rasendes Blühen, und der Rabbi verstand mit einem Male, warum das Volk da unten so schrie. Finster blickte er auf diese Menschen hinab, die das Außergewöhnliche nicht sehen konnten, ohne sogleich irgendeinen Aberglauben daran zu hängen. Er schaute in ihre verzerrten Gesichter und sah» daß es nicht das Wunder des Baumes, sondern ein Teufelsschrecken war, der sie besessen machte. Und plötzlich sah ex: — sie gruben. Mit Schaufel und Hacke legten sie schreiend die Wurzel des Baumes bloß und wühlten mit einer Gewalt, als würde man dort in der Tiefe nicht nur dem Geheimnis dieser Blüte, sondern auch irgendeinem Schauder und Verbrechen auf die Spur kommen können. Als Rabbi Simon bar Iochai das bemerkte, schwoll ihm die Zornader auf der Stirn, und er Hub grimmig in seinem Herzen zu reden an: „O du Baum," sprach er, „antwortest du mir so? Wohl, du wecktest die Meute, aber nun ist sie da, und du kannst ihr schon nicht mehr gebieten. Wohl, sie sollten bellen gegen mich, aber nun beißen sie schon in deine Wurzel, und ich sehe es, schon zittert der Stamm dir und jeder Zweig und jede Blüte zittert. Ei, du Empörer, wie fingst du dich!" So sprach Rabbi Simon. Dann wandte er sich zur Stiege und gebot dem Knaben zu folgen. Der aber hielt ihn zitternd fest, denn todbringend und immer mörderischer schwollen vor dem Hause die Rufe gegen den Weisen. Da wandte sich Rabbi Simon totenblaß um und sah den Sohn mit einem Blicke an, der nichts anderes als der Blick eines Heiligen war und vor dem das Kind im Tiefsten erbebte. Leicht legte der Vater ihm die Hand auf den Scheitel, und seine Stimme umschleiecte sich und wurde fast unhörbar, als er sprach: „Mein Kind, ich habe einen heimlichen Rechtsstreit mit dem Baume, den du lobtest. Der Tag des Gerichts ist da und meine Seele ist sehr gespalten in mir. Aber laß mich gehen, mein Kind, und folge mir!" Damit itieß er die Tür seines Hauses auf und trat unter die Menge, aufrecht und fest. In diesem Augenblick erlebte Rabbi Simon alles, was ein Sterbender erleben kann. Denn noch hatte er nicht den ersten Schritt gegen das Volk getan, als ein einziger lobender Schrei ihm aus dessen Mitte entgegenscholl. Cr wußte, dieser Schrei galt ihm, und es war der Schrei des empörten Baumes, der, ihn als Opfer verlangte. „Grabt nicht!" rief der Rabbi. „Nicht ein Mensch ist der Baum, daß ihr gegen ihn streitet!" Aber die Menschen, die im Bannkreis des wahnwitzigen Baumes standen, hörten schon n'cht mehr, sondern Lobten und schrien: „Was ist d'm Baume, wir wollen wissen, was dem Vau. re ist? Was hast du dem Baume getan?" And sie drängten den Meister gegen die Wand seines Hauses, reckten die Fäuste gegen ihn und schrien und rissen an seinem Gewände. Mit einem Male ließen sie ab von ihm. Ais er nämlich, sich zu schützen, seine- Hände vor ssich hielt, kam über die Menge her ein Stein geflogen, und traf ihn so unglück.ich gegen die Stirn, daß er taumelte und zu Boden sank. Der sch.itle Sch.ei des entsetzten Kindes und der Anblick des Btuies ernüchterte die Menge. Eine Stille trat ein. Dann fingen sie unzufrieden und ab gekühlt zu brummen an, und da überdies ein feiner Regen zu fallen begonnen hatte, löste sich erst der eine vom Haufen, dann der andere, und es währte nicht lange, so hatte sich der ganze Haufen verlaufen, und der Knabe konnte dem wankenden Vater aufhelfen und ihm im Hause die Wunde kühlen, bis er entschlummerte. In der Nacht erwachte Rabbi Simon aus bleiernem Schlafe und, während nichts im Hause sich regte, stand er auf und trat vor seine Tür. Da lag die Welt, ein ungeheurer Rtese, da und atmete den schweren Dunst des warmen Bodens in die mondhelle Nacht. Und wie eine reife Frucht in der Hand des Riesen lag der verzauberte Baum und bot sich dem Meister an. Der aber lehnte seine schmerzende Stirn gegen den Stamm und stöhnte: „Baum! Baum! Willst du die Welt verderben? Warum streitest du gegen mich mit deinen Scharen, weil ich deiner Schönheit nicht achtete? Höre mich, Baum: Hoch über allen Bäumen des Waldes schwebt der Baum des Lebens, der sich Thora nennt. Wo warst du, Baum, als die Grundfesten der Erde gelegt und die Tiefen des Meeres ausgemessen wurden? Siehst du, sie war dabei, und in ihrem Schatten wurde die Welt geschaffen. Wäre ihr Gesetz nicht gewesen und hätte ich selbst nicht meine Stirn dem Steine geboten, um ihr Gesetz, so lägest dp heute gefällt mit verdorrrenden Wurzeln. So birg dich in ihrem Schatten, daß nicht Feuer ausgehe vom Lebensbaum und dich und die Welt verbrenne! Weiche mir, Banm, weiche mir und verdirb mir meine Welt nicht mehr!" So sprach Rabbi Simon unter der Blüte des Orangenbaumes. Dann aber sank er zu Boden und weinte in seine Wurzeln die halbe Nacht, denn er fühlte wohl, daß er dem Baume etwas abzubitten hatte. Als er erwachte, lag er im Morgentau, und sein Leib war mit Blütenschnee bedeckt. Ein Wind hatte über Nacht geweht, ein Regen war gefallen, die ganze Erde war weiß, aber der Baum stand kahl. A s Rabbi Simon das sah, atmete er tief auf wie einer, der eine große Anstrengung hinter sich hat. Dann erhob er sich, ehe noch ein Mensch den anderen erkennen konnte, schüitelte die Blütenblätter ab und ging in sein Haus. Als die Sonne aufging, kamen die Menschen, um nach dem Baume zu sehen, und lachten, als sie nichts mehr sahen ais einen einfachen Orangenbaum. Rabbi Simon aber lag hingestreckt auf seinem Lager und bebte vor Glück. In dieser Nacht schlief er nicht mehr. Er hörie,

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