Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1925)
- Date
- 1925-12-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450385--72744-2530115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile J4 9?r. 50 Der ^«racitt 10. Dezember t«26 Was der alte Kinderfreund erzählt. Mitgeteilt von Schwester Jenny Stiefel in Marburg a. £. Nun endlich ist es still. Die Vorbereitungen zum groben Chänukahfest, das ich alljährlich zum Schlußtage gebe, sind getroffen. Wie wohltuend langsam die Uhr tickt, wie ruhig, wie traut! Noch eine kleine Weile, dann wird mein stilles Heim von vielen Kinderstimmen erfüllt fein. -Viel uberschäumende Daseinsfreude wird sich kund tun, und weiche Patschhändchen werden sich in meine Rechte schmiegen zum Danke für al'e die Gaben und den vielen Kuchen nebst der Men, wohlschmeckenden Schokolade. Ehe ich nun hinübergehe, um meine lieben Gäste zu empfangen, schweben meine Gedanken hin zu einem andren Heim, das mir ebenso vertraut war, wie dieses hier, ein Heim in der schmalen Judengasse in dem kleinen Städtchen F. Ein k.eines Haus mit niedrigen Türen, und kleinen, sehr einfachen Zimmern, die aber trotz ärmlicher spärlicher Einrichtung hell und freundlich waren. Und datz es hier freundlich und licht aussah, das machte, datz die Bewohner dieses Häuschens Helle und Freudigkeit in den frommen Herzen bewahrten. Nur eines trübte öfters die frohe Zuversicht, die Sorgen um Tagesbrot. Und eben diese Sorgen liehen den guten, treusorgenden Vater so verwittert und alt aussehen. Ich sehe ihn noch, einen mittelgrotzen Mann mit blassem, ängstlichem Gesicht, und schmalen abfallenden" Schultern. Wie demüiig blinzelten die lichtblauen Augen, und devot war die Stimme, wenn ein Höherstehender mit Simon Goldberger (der Name unseres Helden) sprach. Und wer war in der Kehilla nicht alles höherstehend als der zwar sehr fromme und brave aber arme Simon Goldberger? Aber die Liebe, die hohe Himmelsgabe überbrückte jeden Schmerz in diesem frommen, gottesfürchtigen armen Heim Immer am Montag Morgen, wenn kaum der Tag graute, da stand der arme Dorfgeher tief in Tallitz und Tefillin gehüllt, ganz seinem Gotte hingegeben in Gebet versunken, um dann wenn andere Leute erst das Lager verließen, schwer bepackt mit. Federbetten, die er in den umliegenden Ortschaften an die Bauern verkaufte, das Haus zu verlassen. Dann gab es solches Heimweh bei uns Kindern, als ob der Vater für Jahre fortging, und er blieb doch nur für eine Woche weg. Aber wer von den Jungen weitz heute noch wie ein jüdischer Dorfgeher damals leben mutzte.— Wie muh der arme Mann gefroren haben in den schlechten billigen Kleidern mitten im Winter! Und nie ein warmes Essen, denn auf den Bauerndörfern gab es kein Koscher- Essen. Aus schwarzem Kaffee, Brot und Hering bestanden die Mahlzeiten bei der bitteren Kälte und nachts eine eisige Herberge nach so schwerer Tagesarbeit! Und die Mutter, eine feine --kleine F'-au, frühzeitig gealtert von Nahrungssorgen, aber trotzdem allezeit heiter und froh mit ihrer Kinderschar, die sie alle acht anhielt zu nrasr und DHon m^m! Nur einmal sah ich sie zusammenbrechen, ihren allzeit frohen Mut nicht standhalten. Vater war viele Wochen krank gegewesen, nun fehlte es am Nötigsten im Hause. Und das liebe Chanukahfest war dieses Jahr nicht so fröhlich empfangen worden als m früheren Jahren. Und an einem winterweitzen strahlenden Chanukahtag war ein feines, bezopftes Mädel zu uns gekommen, reichte der Mutier ein verschlossenes Kuvert, knickste höflich mit den Worten: „Einen schönen Grutz von den Eltern!" und verschwand. Meine Geschwister hatten gespielt, aber ich a*s der Aelteste hatte gut beobachtet, wie bleich Mutter geworden war, mir ist, als wäre es erst gestern geschehen. Wie mit glühenden Griffeln hatte sich dieser Vorgang in mein Hirn geschrieben! Dann hörte ich sie .etwas w'e im Danke murmeln, und nachdem sich die Türe hinter dem lieblichen Gaste ganz geschlossen hatte, brach Mutter in ein heitzes, nicht endenwollendes Weinen aus, das mir noch heute, nach fünfzig Jahren, ins Herz schneidet! Arme, feinfühlige Mutter, wie wenig wutz'en diese Maschen von dir! Gewiß, sie wollten Gutes tun,- aber sie beschritten den falschen Weg dazu. Selbst ohne viel Zartgefühl handelten sie so wie sie es verstanden! Wer möchte, sie darob tadeln? Dir so namenlos wehe zu tun, konnten sie nicht voraussetzen! Aus einer alten, vornehmen Gelehrtenfamilie stammend, warst du es wahrhaftig nicht gewöhnt, milde Gaben zu empfangen! Jeder Jehudi und vor allen Dingen jede jüdische Frau sollten doch zue st, ehe sie Zdokoh verabreichen, wägen und prüfen, mit welchen Menschen sie es zu tun haben. Sonst kann man wohl das Dichterwort anwenden, datz Wohltat Plage wird. Man mutz eben ohne dünkelhafte Einbildung die in Not Geratenen besuchen, sie kennen lernen und dann ihnen auf die richtige Weise zu helfen versuchen, dann übt man Zdokoh und Gemilus Chasodim vereint! Ich habe es bis zum Kommerzienrat gebracht, aber wie hart, wie steil war der Aufstieg. Wie oft hat der arme Junge, der jetzt als behäbiger, reicher Mann hier in seinem weichen Sessel sitzt, hungern und frieren müssen. Und einmal auch, an einem Chanukah-Abend war es. Ich war damals Handelsangestellter bei einer kinderreichen Familie. Es wurde einfach gelebt und sehr gespart. Nach dem Abendessen hatte mich der Hausherr weggeschickt, um etwas zu besorgen. Ich kam aber schneller, als es erwartet wurde, zurück. Da — das Wort, das ich sprechen wollte, blieb mir im Munde stecken. Da satz nun die ganze Familie am Tisch und atz Pfannkuchen. Wegen der armseligen paar Stücke Gebäck, die ich hätte abbekommen müssen, wurde die Sudo hinter meinem Rücken abgehalten! Das war das einzigemal in den drei Jahren, die ich schon im Hause war, datz der frohe Jugendmut, das Vertrauen zu den Menschen mich verlieb, m'ch in dem Augenblicke verlietz, als ich diese Lieblosigkeit sah, und in Tränen ausbrach, deren ich auch heute noch mich nicht schäme! Und weil die Kinder in der Judengasse nie zu einem Fest geladen wurden, — niemals eine Freude zu ihnen kam —, gebe ich zur Erinnerung an licht- und freudlose Jugendtage — jedes Jahr dieses große und reiche Kinderfest. Und da geht es schon tripp trapp die Treppen herauf. Jetzt muß der Sack mit Erinnerungen, den der alte Mann ausgetnüpft hatte, wieder verschlossen werden. Und er darf nicht mehr traurig sinnen, sondern er muß zu der lustigen, fröhlichen Schar hinübergeben und froh mit ihnen sein, und das alte „Moaus zur" nach dem Entzünden mit den Knaben singen, und singen dürfen auch die Mädchen. Und die Euch diese Gesch'chte erzählt hat, .hat auch einst als kleines Mädchen mitgesungen. Und sie hat ihn gut gekannt, den feinen weißhaarigen Mann, und an jedem Chanukahfest soll in Liebe seiner Kinderfeste, und mehr noch seiner freundlichen Worte gedacht sein! tum als Diebstahl" erklärt, wenn er mit Ueberredung oder Gewalt seinen Rebenmenschen beraubt, oder ein Anhänger der indischen Sekte der Thugs, der recht viele Menschen ins bessere Jenseits befördert, durchaus nach seinem „eignen Gewissen". Diese Beispiele, die ich noch um viele, weniger krasse, vermehren könnte, beweisen,, daß das sogenannte „eigne Gewissen" unmöglich von gesitteten Menschen als höchster Richter ihrer Handlungen betrachtet werden kann. Das „staatliche Gesetz", welches aus dem Zusammenwirken der vielen „eignen Gewissen" der Gesetzgeber entstanden ist, jedoch auch nur das Ergebnis einer Partei oder einer begrenzten Volksgemeinschaft darstellt, ist schon etwas besser, als das individuelle „eigne Gewissen", jedoch immer noch mangelhaft, weil es nicht das gedankliche Entstehen eines Unrechtes, und von dem gedanklichen Entstehen biL zur Ausführung der Tat ist nur ein kleiner Schritt, verhindern kann. So sehen wir, daß ein wirkliches, für alle Menschen maßgebendes Gesetz nur von einer über dem Menschen, und außerhalb der einzelnen Menschheitskreise stehenden Instanz gegeben werden kann. Diese Instanz muh unveränderlich unewig sein und ist identisch mit Gott. Das „wirkliche Recht", die „wirkliche Moral", darf nicht von Bildung, oder Zeitgeist abhängig sein, sondern muß ewig sein, mit der Schöpfe der Welt und Seiner Gesetze. Das „eigne Gewissen" darf uns nur als Zensor dienen, ob unser Sinnen und Tun mit dem göttlichen Gesetze übereinstimmt; nur dann benutzen wir es in richtiger Weise. E» ist ausschließlich Sache der Leser, die im Jnserakeufcit enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben retlgionsgesehticheu Charakters auf lhre Zuverlässigkeit zu prüfen. Das eigene Gewissen. Line Studie von Hermann Lohn in Hamburg. Das „Gewissen", oder das „eigene Gewissen" eksetzt bei gar vielen Menschen den Glauben an Gott und die Unterordnung unter Seine Gebote. Aber es ist eben nur ein „Ersatz", wir kennen ja die Mangelhaftigkeit dieses Wortes aus der Kriegszeit her. Denn wie ich schon in meinen früheren Schriften bewiesen habe, kann das „eigne Gewissen" nie der Maßtab und der höchste Richter für menschliche Handlungen und Gedanken sein. Jeder Mensch, ich spreche hier nur von aufrichtigen, recht tun wollenden Menschen, hat sein „eignes Gewissen", und wir haben kein Mittel, nachzuweisen, daß das „eigne Gewissen" des einen Menschen besser, oder richtiger als das „eigne Gewissen" eines anderen Menschen ist, der eine diametral entgegengesetzte Meinung hat. Wir haben keinen Grund daran zu zweifeln, datz z. B. Lenin seinem „eignen Gewissen" entsprechend handelte, wenn er tausende Menschen töten ließ, um den Bolschewismus zur Herrschaft zu bringen. Ebenso handelt ein aufrichtiger Kommunist, der „Eigen- MaiheusJCüiiec eiTvnu seif 10O Jahren bewahrr von Millionen getrunken "Tublläums - Posen w/ überall erhältlich. ohne Aufschlag überall erhältlich. Hansa Gross Wäscherei vorm. Gebr. Vogel Spessart 1382 u.1383 BoyensfraOe 8-14 Jfjausfialfungs-lDäscfie nach Gewicht naß, getrocknet und gemangelt Damen- und Herren-Bügelwäsche Abholung kostenlos Dr. Goldschmidt, Taunus-Sanatorium. Bad Homburg. Angeregt durch frühere Besucher des Hauses, denen es bei der wirtschaftlichen Depression nicht mehr möglich war, sich unter den jetzigen Verhältnissen einen Kuraufenthalt zu erlauben, hat die Verwaltung des rühmlich bekannten Taunus-Sanatorium, Bad Homburg, ich entschlossen, den Preis für volle Pension mit Mk. 8.— pro Tag beginnen zu lassen. Interessentent erfahren Näheres durch die Verwaltung. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schach nowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: L' Sä achnowitz. ebenda. - Verlag .Israelit^, G.m.b.H., Frank,. rt _.SW. Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M. \