Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1925)
- Date
- 1925-12-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450385--72743-2530114- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
f* 50 1925 hi Beilaac Die Spaniolen und ihre Sprache, Von M. J. Cohen.in Sofia. (Schluß.) Der größte Defekt, der den Spaniolen bei sonstigen Vorzügen anhaftet, ist ihre krasse Unwissenheit. Nicht nur auf allen Gebieten profaner Wissenschaft und Kenntnisse, sondern auch in der hebräischen Sprache sind sie so wenig unterrichtet und zurückgebliebeen, daß man sie gar nicht für die Nachkommen jener durch Kenntnisse und hohe Bildung glanzvoll hervorragenden spanisch-maurischen Juden von dazumal halten möchte. Aeltere Männer können allenfalls noch hebräische Gebete vom Buch ablesen, wenn sie auch wenig oder nichts davon verstehen; die jüngere Generation und die Frauen lernen größtenteils nicht einmal hebräisch buchstabieren. Das gilt ganz besonders von den Söhnen und Töchtern von Reichen, die in Paris und in vornehmen ausländischen, Pen,sionaten. oberflächlich französisch .parlieren lernen und sich unr teures Geld eine gewissen gesellschaftlichen Schliff aneignen; diese sind dem Judentum gänzlich entfremdet, lind das Hebräische ist für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Nicht viel besser ist es aber mit der großen Mehrheit der jugendlichen Spaniolen beider Geschlechter bestellt, die die Schulen ihres Landes oder gar die Universität absolvieren, auch sie haben weder Muße noch Anleitung, am. allerwenigsten aber den Willen, hebräisch zu lernen und sich jüdische Kenntnisse anzueignen. Eine .rühmliche Ausnahme bilden in neuerer Zeit, einzelne Gruppen und Kreise jugendlicher Zionisten, .meistens Studenten und: Studentinnen, .die. das. Hebräische als die jüdischnationale Sprache erlernen und im Verkehr auch üben; aber auch bei.diesen beschränkt sich das Interesse auf das rein Sprachliche mit ostentativer Hintansetzung des Religiösen. Parallel mit dem Niedergang in kultureller und religiöser Hinsicht geht auch der Auflösungsprozeß im Sprachlichen vor sich. Bald werden die Spaniolen ihre'herrliche altkastilische Spräche, die spanisch-jüdische Muttersprache, verlernt und Vergessen haben. An ihre Steife tritt türkisch, griechisch,' bulgarisch, serbisch, französisch usw., eine linguistische Atoniisierung, die diesen eigenartigen” Ast am jüdischer! ' Stamm in Splitter lind1 Späne zerhackt. Sie war dereinst herrlich schön, reich und ausdrucksvoll, dieLädinoSprachtz' der sp^hioIischeh luden,, sj.e,rwar iviel *ei$Ür als Wr MMD-MWch? Jargon; in Polen HW M Kpßläp4* Sie (Hatte, eine7 reiche- Literatur^ In, diesen Spräche wurden vielfe4* jüdische Zei^ tungen gedruckt, viele bedeutende Werke äiis Her h^bj:aischeEL J^itLrahN cjvprdep^ jus Spapiolische' unerträg^nj^sie. war so sehr3 jüdisch geworden,' .daßtmanches^ Gebet in der Synagoge in Meser SprWLe Rezitiert ^ürde. ^e ^ar derHinsk «o herrlich schön* daß ein nicht jüdischer For- ^hungsreisender-2weihtnidertJShre;4nacIfkdem Exodus in hellpr. He^is^tMrnng??hr^yh, die Spanier müßte# ‘der'Türkei ^kommen, um in Gmtt Sy&ägöge Von |£ o5ästahtiripprel oder jSäloniki, wundervolle Kan^ÄrhMn ” in spähisäh-ähda- 1usisclier„Spräche-änzuhören?4JerNiedergang-der' Spaniolen, die Auflösung des Ladino bedeuten einen schwere^ n*i.tid^ialeh-un^kultureelien Verlust für das gesäinW Jüdenium, eine schwere Einbüße für lbe MgemeinK^I^lt^ ' ' ... , "Man . kann, gerechten Weise den Spaniolen keinen VörWiirf daraus. machen. Nicht sie trifft die Schuld; Hie Macht der Verhältnisse hat es so gefügt. Vierhundertfünfzig; Jahre .haben diese Juden an den von ihren Vätern ererbten hohen sittlich-religiösen undj kulturellen Güten) gezehrt Und gesogen. ,Von Spanien und Portugal verfolgt, gemartert und zuletzt vertrieben, haben sie die Sprache ihrer »Peiniger wie einen teuren Schatz, wie ein heiliges Vermächtnis gehütet und gewahrt, mit einer Zähigkeit und Treue haben sie daran festgehalten, die in der Geschichte aller Volker einzig dasteht. Fern von Spanien, ohne irgend welche: Verbindung und Beziehung mit der spanischen Welt, mitten unter einem Gewirr von sich grimmig befehdenden Völkern und Stämmen, haben diese Juden viereinhalb Jahrhunderte lang ihre Eigenart bewahrt und ihre Sprache, die Sprache ihrer grimmigsten Bedränger, in Treue gehütet. Es ist bitter schmerzlich, daß es nun anders wird, daß der Auflösungsprozeß unaufhaltsam vor sich geht. Eine einzige Möglichkeit, eine Hoffnung könnte uns Juden um diesen großen Verlust trösten; Daß diese spaniolischen Brüder gute religiös-nationale Juden werden und daß sie an Stelle des „Ladino" die wahre, die einzige jüdische Sprache, das Hebräische sich zu eigen machen mögen. Tritt das ein, erfüllt sich diese Hoffnung —, und manches scheint dafür zu zeugen — dann wird das Judentum statt eines herben Verlustes einen reichen, einen herrlich schönen Gewinn zu. ernten haben.J Erez-Jisroel-Erde. Von S. Brnckheimer in Marktbreit. Nach dem . Mittagessen am Eref-Rosch-Haschonoh stieg Hindel Blum die steile Holztreppe hinauf, um aus der Bodenkammer das Sargenes zu holen. Als sie um .das knarrende Geländer bog, kam ihr Mann aus dem Zimmer gelaufen und rief ihr nach; „Aber daß du dich in acht nimmst, riindel, du weißt doch!5’ Da sprangen , die Kinder von ihren'Sitzen auf um den. Tisch: und bedrängten: den Väter mit „Warum" und „Sag doch!" . Sie witterten ein Geheimnis und stellten sieh auf einen Haufen zusammen, als sie keine Antwort erhielten. Sie befühlten auch das weiße Leinwandsäckchen, welches die Mutter an. einer , weißen Schnur in der Hand haltend, herabbrachte. Und spürten doch nichts anderes als die Sterbekleider, die von der Stärke leise knisterten.: Die Enttäuschung trieb ihnen die Tränen: in die Augen. Aber Hindel, die Mutter, schob sie sanft’, über den Hausflur auf die Straß/?: „Später, wenn ihr älter seid!" — : Nach Spkkos wurden die Sterbekleider gewaschen .und auf dem noch grünen Rasen am Hag gebleicht. Läse, Blum trug sie dann selbst hinauf u,nter das Dach, öffnete einen-bemalten, mächtigen Bauernsehrank und: ließ durch einen Druck auf den feinen Holäboizeü ein tiefes Fach aufspring&h» Auf dessen Bodgp lag .ein kleines. Päbkchen, eine, Adresse stand; in groben Schriftzügen darauf,..zwei,grüne türkische Märken kleb* ten daneben. Lase Blum nahm es in die ifand. Da rieselte ' gelpiiöiier Staub: aps einer NahU Erez-Jisr o e.l^Erd e- Vor wenigen Wochen erst hatte er sich diesen winzigen Teil* des heiligen Landes; ans Jerusalem^ducken tesenj ’T Von ■ wdlchpih ' Ört mag er, genommen sein, dachte Lase. Blum, und. lehnte sieh an-die breite :SqHranktüre, Vom Fuße ,der-Klagemauer; genetzt von den Tränen trauerndef B^ der fruchttragenden Ackerkrume vordep Toren Jyr^salems?^ ^om Staube Jer Straßen, durch die jüdische . Könige geschritten; verzückte Wallfahrerpsalmodierendziiim Teäipel jhmangebtiegen? Vom Füße des Zionsberges,, auf welchem in Liebe zum Lande Entflapimte ihr Herzblut vergössen im Kampfe gegen den stürmenden Feind? Schwerer stützte sich Lase Blum an die eichene Türe. Von der Handvoll Erde, so schien ihm; gingeine Kf-äff aus, die seine Gedanken insgesamt. davonwirbelie. Dafür zogen . deutliche färbensatte ^Bilder auf einem längten Bande langsam vorüber. Der Libanon, gewaltige Bäuipe au .seinen Hängen»,stjeß miLden.schrieeigeit Gipfeln in deck. lichtblauen Himmel, Durch märchenhafte Palmenhaine strichen die Wasser des Jordans. Die Felsentaube badete sich darin und trug die kühlen Tropfen den Jungen zu im luftigen Neste. Und in der sich im Sonnenglanz weithin reckenden Ebene grünte der Weinstock, schwoll die Feige, kochte die Dattel den braunen Honigseim. Lase Blum fuhr sich mit der freien Hand über die Augen. Da sah er wieder die Lehmwände des Bodenzimmers und den feinen Staub auf seinen Fingern. Es käm ihm in den Kopf, daß er von der Geographie des heiligen Landes nur das wußte, was er in den jüdischen Schriften gelernt und gelesen, Er hatte sich nie um Erdkunde gekümmert. In der Schule war er mit dem Zeigestock wie ein Blinder unter den vielen Strichen und Punkten auf der Wandkarte herumgefahren, Das Land Israel hätte er in dem vielerlei der Farben kaum herausgefunden. Auch heute noch nicht. : . Aber Misrach-wärts, nach der. Sonne hin, dort mußte es liegen. Er getraute sich zu, über die weite Erde hingehend,, es zu finden. Ohne Führer, ohne Frage, nur seine’ Sehnsucht als Kompaß. —- Auf der Dorfstraße rasselte ein Wagen. Lase Blum blickte durch das kleine, von Spinnweben umrahmte Fenster hinab. Efraim Neumann und sein Schwager fuhrengerade zur Bahnstation, weil sie noch für einige Wochen einen Kurort besuchen wollten. < Warum, dachte Lase, reisen die und die vielen anderen nicht ins heilige Land?. Wenn ich nur Geld hätte und Zeit wie diese! Zu Fuße wollte ich wandern in das Land meiner Väter! Lase Blum lehnte seine Stirn an ,<den Fensterrahmen und schaute in die. blaue Himmelsweite. Dann höhlte er seine rechte -Hand und schüttelte die Staubkörnchen in das Säckchen zurück. Legte es in das Fach, daneben die Sterbekleider, und holte einen eng beschriebenen Zettel,aus seiner Rocktasche. Lase Blum überflog noch einmal den ersten Satz: „Ueber hundert Jahr gebt mir diese Erez-Jisroel-Erde. . . . .. Die Liebe; Die edelste Empfindung des .menschlichen Herzens ist die Liehe; Sie wendet sieh der eigenen Person Zu, sie richtet sich auf 'die anderen Wesen und nicht zuletzt auch auf das höchste, auf Gott. Das-Maß'der- Liebe schwankt bei einzelnen Menschen. Esc bildet das Ergebnis seiner inneren Entwicklung und bestimmt seinen Wert.; - - Die Eigenliebe entspringtdem natürliche# Empfinden, sie ist angeboren. Darummuß 'sie nicht erst von der Religion geboten werden. Diese, fordert vielmehr, die Liebe zum eigenen, Ich zu zügeln und ifaf ,Gtenzen zu «eheü ÄurÖb die'Liebe zu den anderen Wesen.; jrv, .... - ZiOl - der NäfchsteüKebe 'bestimmt die Thora;, durch v das ■ Wort: „L i elb e dpi n e ü Näc-h s ten wie dich, sei bä t". / Wer.vdie^ Stufe' der Herzensbildung erreicht hat, daß. er der? Wohlfahrt qsigpx,. Nöbenmftftachea di« gleich«1 Rücksicht zumutet wie seiner eigenen, der Hätdas sittliche Ziel der jüdischen Religion erreicht. Die Liehe zü’Gött aber erfordert eine völlige Hipgabe des Menschen.; .„Du sollst lieben deck- Ewigen, deinen Gott,, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen;Seele und mit deinem ganzen' Vermögen". Du sollst* also bereit sein, Ihm aller üu Opfern, alles, was dir teuer ist, wie Lust, dein Vermögen, dein -Lehen, ' ' ' -- So verlangt also *68^^ Oot’sesM^tKÄie . schränkmg der natürliche#, Eigenliebe durchoifor: Nächstenliebe und die bereit schüft' zur völligen ' Hingabe des .eigenen Selbst für Gott. Wer diesen.' Grad dep.Gpfer-fähigkeit er^erlist, — selbst Wehn er doch im jugendlichen Alfer steht —— reif, daß seine Seele eingeht in die Gemeinschaft der Heiligen, die Gottes Thron umgeben.