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Der Israelit · 1925-10-29 · Heft 44 (29.10.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 44 (29.10.1925)
Date
1925-10-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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>,«. i » . /" Dr.44 Maronen des neunzehnten Jahrhunderts. Novelle von Z. W. Wlausiein. XI. Nachdem man das Kind auf dem Friedhof he stattet und Mordchai das Kadd ischgeb et 'gesprochen hatte, ries er wie.im Wahnsinne: ,)Vor vielen tausend Iah reu-als wir noch einen Tempel hatten, - da verlangte Gott nach Opfern, und! man brachte ihm Stiere und Lämmer auf dem Altar dar; aber; heute bringen wir Menschenopfer, meine Kinder/ müssen aus dem Altäre geopfert werden." Alle, die zur ^Äee/digunä'^rfchsenen^'char'eif/' wendeten'< sich'.' entseA" vdn ÄldrdchW -W?ünd raunten sich zu: „EinKetzer, ein Gotteslästerer". Noch am selbem Täge/wär'MvKHE-vM einer unheimlichen Kraft, . gepeitscht,,, im. brennenden Wahnebei. der Behörde erschienen. Und der Mt Itö' Uebertrittes war' vollzogest/ ■'" - V Nun durften diekranken, verwahrlosten- Binder, wieder, in.- ihr, altes, HeiU einzieh . Aber - mit ihnen" zogen' Trauer und "grauenvolle' Meh-j mut ins Haus. ' Die ersten sieben Tage trauertendie Eltern ob' ihres 'Kindes?' stuHFußschemeln sahen sie - da? jammerten -und wimmertenübers ihr Schicksal,,Zu, der siebentägigen^Trgper ,setzten^ sie noch sieben Tage hinzu,, übersihre .eigenen Seelen trauernd. Die Kinder, welche durch die letzte Tat der Wern^gMW^'''dM^iUetsLM Todedes.Hinsiechens entrissen/y)urden,und^rvelche, langsam äufgetäut .Md ' zur 'Gene/ün'g 'zittücktzelehrt waren, konnten-nicht.die, neue Trauer.,der Eltern verstehen und versuchten miteinanderzu' spielen, zu, lachen / und.sich. och. der strahlenden Sonne, die 'sie -doH?im fmsterest ''MM?-solange« entbehrt halten, zu freuen."Aber jedes Lachen, jeder, ihnen entschlüpfende Laut der Freude wurdt vom Vater sah AiterdrüM '"Die Kinder Wchten darüber nach, woran es liegen mochte, daß das' liebe Väterchen, das mitThnen immer zu spielen, pflegte und solche liebe,,, gute Augen hatte, so graue, fahle? Farbe / tzeUmmest And traurig geworden war, mißmuM baherging' Auch Mütterchen sah nur auf dem' Fußschemel, vor sich hinstierend, und sobald 'sich ihr ein Kind näherte, brach sie immer .wieder in ein unaufhaltsames Schluchzen aus, welches die Kinder so erschreckte, baß sie sich in eiste Ecke -verzögen und weinten. Cie dachten an ihr kleines Brüderchen, das bei Gott, weilte mit., vielen anderen weihen Englein, die sechs FlügeHm. haben, zwei* zum Fliegen, Zwei die Füße? - zu verhüllen und zwei,/die Aeuglein zu bedecken, wenn sie mit Gott reden, denn, sonst würden sie das'.strahlende Licht von Gottes Antlitz nicht aushalten und würden in den Flammen des Lichtes aufgehen. XU, So waren etliche Wochen vergangen. Mordchai ging nicht mehr wie früher bei Sonnenauf- und -Untergang ins Vethaus. Er suchte sich anfangs frei von Schuld und Sünde zu sprechen. Nur Gott allein wußte, warum er diesen Schritt getan. Und blieb er denn nicht m seinem Herzen, in seiner Seele und in seinem Heime ein frommer Jude? Er pflegte noch inbrünstiger wie früher zu beten. Tag und Nacht ins er, ' monoton und tiefttaurig singend den Eohar. „Gott, seine Thora und Israel sind einzig" — las er immer wieder, und er dachte: diü Menschen verleugnen oft Gott und verfolgen Israel, weil Israel zuweilen die Wege der Thora verläßt. . . - Später aber begann sein Gewissen zu erwachen. Seine Tat, die ihm eigentlich nur eine äußerliche Form galt, lastete auf ihm wie siedendes Blei, Wohl war es für ihn nur eine Uebergangszeit. Er wollte es nur ermöglichest, irgendwohin außerhalb der Tfcherta übersiedeln zu können. Und was hatte er denn eigentlich getan? Er hatte sich seinen Namen ändern und mit ein wenig Wässer begießen lassem Konnte ihm dieses sein Judentum, damit er mit Leib und Seele für alle Ewigkeiten verknüpft war, rauben? Oder aber hätte es Gott gewollt, daß seine Kinder dem Siechtum verfallen? Und da sah er seine Kinderchen, die in eine Ecke des Zimmers sich verkrochen hatten, voll Liebe und väterlichen Erbarmens an und rief sie zu sich: „Kommt nur zu mir, zum Väterchen, kommt, meine guten Vögelein" — und dabei leuchteten seine Augen, auf wie einst, als er noch ruhig und glücklich in der Mitte seiner Familie leben durfte. ' Die Kinder erhoben sich blitzschnell und eilten in die Arme ihres Vaters. Mit heißen Tränen benetzte der Vater Wangen und Augen ferner Kinder und seine Seele frohlockte in ihm, stls wenn er seine Kinder eben aus einem brennenden Hause gerettet hätte. Und die Kinder pachtest frei aus.vollem Herzen und lallten gebrochene Worte leuchtender Freude, die lange niedergedrückt war. - }■ „Du Moischele wirst werden ein Rabbiner,?du Iossele Schoichet und für euch Mädelchen werde ich die frömmsten jüdischen jungem Heute als Bräutigame auswählen." Also sprach der;so plötzlich umgewandelte Vater zu seinen Kindern und küßte.und streichelte die fröhlich sich um ihn tummelnden Wesen. Auch die Mutter! : kam hinzu und traute ihren eigenen Augen kaum. >War das noch ihr Mann, der in den letzten Wochen.seit dem Unglück..fast zum lebenden -Schatten geworden war? Ihr Herztaute, auf, /ein Nebel-löste sich von ihren Augen, und es AntqüöllM ihnen Tränen der Freude. Sie dattkte! Gott, datz er ihre Gebete doch erhört hatte. .„Von nun ab wird uns Gott nicht mehr verfassen" sprach Riwka, sich an ihren Mann i schmiegend. ' Bald aber schon wollten. Mordchais. Augen wieder verblassen? bald waren schon tausend Gedanken äufgetaucht, die ihn ins Dunkel der Gewissensbisse hinunterzerrten; aber er sah seine Kinderchen, deren Herzen vor Glück überströmt waren, und verscheuchte mit aller Gewalt die Stimme des nagenden Gewissens und bejahte die Worte Riwkas: „Gott wird uns nicht mehr verlassen." XIII. Um diese Zeit wurde in Rußland der Abdruck des Buches So har plötzlich verboten. Dieses Verbot wurde als Verhängnis von den Juden empfunden. Am ärgsten traf dieses Mordchai. Das heilige, von den tiefsten und furchtbarsten Geheimnissen erfüllte Buch, nach seiner Ueberzeugung eines der erhabensten Werke nach der Bibel, sollte den Juden entrissen werden. Darin sah er die Absicht, den jüdischen Geist zu vernichten,' genau wie man früher auf den Märkten allerorts den Talmud und die Bibel in Haufen verbrannte, um dadurch das Judentum auszurotten. Tag und Nacht dachte er nach, wie man doch diesem Unheil, der allerschwersten Strafe Gottes, abhelfen könnte. Wenn es ihm gelingen möchte, das heiligste Buch aus den Händen der Iudenverfolger zu retten; dich würde sein schweres Vergehen gegen ferne Brüder, das ihn immer mehr quälte und sein erwachtes Gewissen, das ihm immer wieder das Verwerfliche und Furchtbare meiner Tat zeigte, sühnen und beruhigen. O, wenn, er das erreichtes - . , Die Vorsehung kam ihm zu Hilfe. Die russische Behörde hatte das Amt eines Zensors für einen Juden, der russisch beherrschte und auch viel jüdisches Wissen besaß, ausgeschrieben. um die jüdischen und hebräischen Bücher zu zensieren. Da dieses Amt nur von einem Manne geleitet werden durfte, dem die Behörde vollstes Vertrauen entgegenbringen konnte, und welcher daher zugleich ein Verräter an seinen Brüdern und am Judentum hätte sein müssen And als solcher bei den Juden auch'galt, so fanden sich nicht viele Reflektanten auf dieses Amt. Mordchai aber bewarb sich mit heißem Bemühen darum; nicht etwa von dem Verlangen getragen, Geld zu verdienen, vielmehr, weil er hoffte, so zu seinem Ziele zu gelangen. Denn als Zensor, als eine einflußreiche Persönlichkeit würde es ihm vielleicht gelingen, den So har zu retten. Am allerwenigsten natürlich dachte er daran, seine Brüder zu verraten. Im Gegenteil, alle, seine Kräfte und. sein ganzes Können würde er. daran setzen, um Juden, die er scheinbar, durch das Uebertreten zum Christentum verraten hatte, zu helfen. (Schluß folgt.) Amerikanische Geschmacklosigkeiten. Die jiddische Tagespreise in Amerika ist so reich cut Aufmachung und marktschreierischer Reklame, wie sie. bettelarm ist an Inhalt, Selbstzucht, Geistigkeit und innerem Stil. Man müßte, verzweifeln am amerikanischen Judentum, wollte man diese großen Blätter, die in ge-, heiligten hebräischen Lettern aus jedem galanten Abenteuer irgend eines verkommenen Lebemannes oder einer exaltierten Schauspielerin ein ganzes Weltereignis mit vielen - Bildern an leitender Stelle unter einem Dutzend Ueberschriften machen,- als Spiegelbild des. Kultur- Niveaus im jüdischen Amerika, nehmen. Wir wollen es nicht. Sehr ergötzlich wirkt dex Annoncenteil dieser. Blätter, wo dem Ehrgeiz und der krankhaften Eitelkeit Gelegenheit gegeben ist, sich ganz schrankenlos und in selbstaewählter Form ausZutoben. Hier eine ganz kleine Auslese: „Der weltberühmte „Rebbe van Lappischok" „pryvet? an jedem. Sabbatausgang „einen Tisch". Kommt Jidden und hört die himmlischen Rrggunim und kostet von der göttlichen Speise der Schirajim!" Einen „Rabbi von Lappischok" hat es natürlich'nie gegeben. Vielleicht existiert eine solche Stadt gar nicht. Es ist eine Firma, unter der ein spekulativer Kopf im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten „arbeitet". Weiter: „Eine große Simchö/eine „Bsuro Tauwoh", der Rabbi und Zaddik, Zeder des Libanon, Fürst der Thora Jakob Sakrinsky hat bereits seine neue Wohnung in der Street: .... bezogen, von wo aus er seine köstliche Tauroh öffentlich verbreitet. Nebenbei ist er „weltberühmter Mohel", gesucht von allen Ländern der Welt, wahrer Künstler. „Kommt Jidden und habt Hanrwoh!" „Eine unglückliche Aguna (Verlassene) sucht ihren Mann. Besonderes Kennzeichen: Sabbatschänder und Tresofresser, hat auch riesige Angst vor Hunden." Eine Leichenbeerdigungsfirma preist sich an: „Alle Kunden sind entzückt von unserer Pünktlichkeit. Kommt Juden in Massen zu uns!" Ein besonderes Kapitel nehmen im Inseratenteil die Chasonim ein. Von einem Chasen wird erzählt — er erzählt es selber — daß vor der Synagoge, in der er sang, ein so großes. Polizeiaufgebot den Andrang abwehren mußte, daß der Westen New Norks dadurch von Polizei fast entblößt war und dort dadurch viele Ünglücksfälle passiert sind. Fast alle Chasonim werden mir irgend einem Kosenamen bezeichnet, der ihre Bedeutung vermehren soll, wie Schrulke, Schmulke, Eyazkelle usw. Ein Chasen nennt sich „Der König des Omud", sein Konkurrent in der nächsten Nummer aber überbietet ihn und sich mit der Bezeichnung: „Melech Matche hamlochim schel Hoomud". Dem dritten Chasen ist somit der höchste Superlativ genommen. Zum Glück heißt er Mausche und er kündigt seinen Gesangsvortrag mit den Worten an: „Mausche jedaber whoelokim jaanejnu bekol". Diese Geschmacklosigkeiten finden aber auch ttt den Text Eingang. So finden wir einen Bericht über eine Hochzeit, bei der der „geratene Bräutigam eine grandiose Rede" gehalten hatte. In einem Berichte über eine Barmizwohfeier wird der ganze Menuzettel abgedruckt und der Schlußsatz lautet: „Alle geehrten Gäste waren einig, daß der Bar-Mizwoh zu einem gewaltigen Genie und seltenen Talent heranwächst". Anzeigen im Texte, daß der und der da und dort eine „höchst geistreiche Rede" halten wird, kann man fast in jeder Spalte lesen. Eine äußerst geschmackvolle Annonce verbindet verschiedene Familienanlässe in folgender sinniger Form: „Ich gratuliere meinem Frtzund: . . . zur Hochzeit feines1 Bruders, zugleich sage ich meinem Freunde . . . herz-

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