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Der Israelit · 1925-10-29 · Heft 44 (29.10.1925) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 44 (29.10.1925)
Date
1925-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sette 6 Nr. 44 Der Israelit 29 Oktober 1925 von Personen, die ihm bei seiner Flucht aus Polen behilflich gewesen seien. Bei seiner gerichtlichen Vernehmung hat Olszanski in der öffentlichen Sitzung des Amtsgerichts Beuchen am 4. 10. 1924 diese Angaben vor dem Richter wiederhou. Das Gericht hat sein Geständnis für glaubhaft erachtet und Olszanski wegen unbefugter Grenzüberschreitung zu einer Gefängnisstrafe von zwei Wochen und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. Bei der Bemessung der Strafe hat das Gericht als strafmildernd berücksichtigt: seine Jugend, sein Geständnis, ferner, daß er durch Vorlegung von Ausweispapieren seine Person glaubhaft nachgewiesen habe, und daß er ein politischer Flüchtling sei. Olszanski hat sich am 15. 10. 1924 in Berlin unter Vorlage einer Bescheinigung des Amtsgerichts Beuthen des Inhalts, daß er politischer Flüchtling sei, ordnungsmäßig angemeldet. Seine Berliner Adresse hat er alsbald dem Amtsgericht Beuthen mitgeteilt. Am 2. September 1925 hat Olszanski sich von Berlin nach Marienburg abgemeldet. Von Marienburg ist er wieder nacy Berlin abgemeldet, ohne jedoch bisher in seine frühere Wohnung zurückgekehrt zu sein. Die Ermittlungen. nach seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort sind noch nicht abgeschlossen. Der Minister hat im Hinblick auf das Verfahren gegen den Studenten Steiger in Lemberg das Auswärtige Amt gebeten, den Sachverhalt mit tunlichster Beschleunigung zur Kenntnis der zuständigen polnischen Dienststellen zu. bringen. Das ist geschehen. Fortgang der Verhandlungen. Le m b e r g , 20. O.-vver. Der Gerichtshof hat zu dem Anträge der Verteidigung, die Untersuchung aus andere der Verübung des Attentats verdächtige Personen auszudehnen, noch nicht Stellung genommen, sondern beschlossen, das Zeugenverhör fortzusetzen. Das Verhör ergibt nichts Wesentliches. Der Polizist Zborowski, der in der Untersuchung bestimmt gegen Steiger aussagte, kann nun nicht sagen, ob die Person im hellen Mantel Steiger war. Als ein Verteidiger die Art der Untersuchungsführung durch Rutko scharf kritisiert, erteilt ihm der Vorsitzende eine Rüge und verweigert einem zweiten Verteidiger, der zu dem gleichen Gegenstand sprechen wollte, das Wort. In der Sitzung vom 20. Oktober erklärte die Verteidigung als Antwort, nunmehr die ganze Technik der Untersuchung einer rücksichtslosen Kritik zu unterziehen. Als Zeuge wird dann der Advokat Dr. R a b e n e r , Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde vernommen. Er sah drei Personen, anscheinend den Attentäter und seine Helfer, flüchten. Obwohl der eine einen hellen Mantel' trug, war er doch b e st i m m t nicht Steiger. Frau Franzos erzählte, sie habe genau gesehen, daß ein untersetzter Mann in braunem Anzug das Paket mit der Petarde geschleudert hat. Als man dann den verhafteten Steiger an dem Kaffeehaus vorbeiführte, rief Frau Franzos: „Um Gottes Willen, man verhaftet einen Unschuldigen!" Lemberg, 22. Oktober. In den beiden letzten Tagen wurde das Zeugenverhör fortgesetzt. Es treten eine Reihe Zeugen auf, die aussagen, der Untersuchungsrichter Rutko hätte in das Protokoll Aussagen ausgenommen, die sie garnicht gemacht haben. Ein Polizeiagent gibt zu, er hätte bei Steiger keinerlei gefährliches Material, auch nicht Zündhölzer, gesunden. Große Sensation ries es hervor, als der Verteidiger Löwenstein dem Gericht zur Kenntnis gab, daß sich eine Frau H a r m i s ch, die Frau eines pensionierten Obersten, gemeldet habe, die erklärte, sie habe früher im Hause Marjackiplatz 5 gewohnt und habe gesehen, wie die Bombe aus dem zweiten Stockwerk fiel. Das haben weiter beobachtet Oberst Rudolf H a r m i s ch, der Zögling der Lemberger Kadettenschule W o l o w i e ck i und die Leiter des Bialystocker Steuerinspektorats N a w - r a t i und W i l c y f z y n. Frau Harmisch' hatte sich bisher nicht gemeldet, weil sie mit der Polizei und den Gerichten nichts zu tun haben wollte. Jetzt hat sie ihr Gewissen gezwungen, sich zu melden. Sohat sich eine neue Lage herausgebildet, die den bisherigen Gang der Untersuchung vollkommen umwirft. Litauen. Teilweise Abschaffung antijüdischer Beschränkungen in Litauen. K o w n o, 18. Oktober. Der Direktor des Bürgerschutzdepartements, Herr Jacobas, erklärte dem Sekretär des Jüdischen Sejmklubs, Herrn Makowsky, gegenüber folgendes: Das Gesetz, welches oorschreibt, daß Geschäftsschilder in nichtlitauischer Sprache verboten sind, ist bereits außer Kraft. Schilder mit ^jüdischen Aufschriften sind gestattet. Der Kownoer jüdischen Gemeinde wurde das Recht, zwangsweise Gemeindesteuern einzuheben, wieder zuerkannt. Die Polizei wurde angewiesen, der jüdischen Gemeinde bei der Eintreibung der Steuern Beistand zu leisten. (I. T. A.) Paläjilna. Brief aus Palästina. Der Oberkommissar in der Suckoh. — Empfang in Tel- Awitv, - Der vielgepiagte OSerkommiffar. — Klagemauer. Jerusalem, 18. Oktober. Die Festwochen sind in Weihe und Jubel vorübergezogen. Der neue Oberkommissar Lord P l u m e r benutzte diese Tage, sich mit dem jüdischen religiösen Leben vertraut zu machen. So besuchte er am Donnerstag, dem 6. Sukkaustage, das Bucharenviertel, wo in der festlich geschmückten Sukkah des Vorstehers Rabbi Abraham A m i n o w ein Empfang stattfand, an dem auch Oberrabbiner Jakob Meier und viele hohe Staatsbeamte teilnahmen. Es sprachen Rabbi Meier und B o r a ch o w , der der Freude Ausdruck gab, auch den Nachfolger Samuels in einer jüdischen Sukkah begrüßen zu dürfen. Daraus begab sich der Oberkom-- missar mit seiner Begleitung in die Sukkah des Oberrabbiners K o o k, wo er sich mit dem Gastgeber fast eine Stunde in animierter Weise unterhielt. Alles war ohne Zeremoniell, von natürlicher Herzlichkeit getragen. Der Oberkommissar ließ sich über verschiedene religiöse Punkte informieren, unterhielt sich über Erziehungsfragen und mteressierte sich ganz besonders für die geplante große Jeschiwa. Inzwischen kam auch der gut vorbereitete Besuch in T e l - A w i w zur Ausführung. Dorthin begab sich der Oberkommissar mit seiner Gattin und mehreren Herren seiner engeren Umgebung. Beim Empfang und Festessen im Volkshause hatte in Vertretung des in Europa weilenden Oberbürgermeisters Disinghos der Vizebürgernieister Bloch-Blumenfeld die Leitung. Mehrere Reden in Englisch und Hebräisch wurden gehalten. Der Oberkommissar selbst hielt eine Ansprache von kaum zwei Minuten. Er sei kein Freund des starken Wortes und der großen Geste, sagte er, er danke und hoffe auf friedliches und freundliches Zusammenarbeiten mit allen für den Aufbau in Betracht kommenden Instanzen. Leicht wird aber dem Oberkommissar dieses nicht gemacht und während von jüdischer Seite sich die gewiß berechtigten Klagen über schlechte Gesetze und ihre noch schlechtere Handhabung (siehe Westmauer) häufen, wird er von arabischer Seite förmlich bestürmt, der „jüdischen Herrschaft" Einhalt zu gebieten. Eine arabische Delegation wurde, wie schon berichtet, von ihm äußerst höflich empfangen. Auf die ominöse Frage, in wessen Namen sie kommen, antworteten sie: „Im Namen der gesamten arabischen Nation", konnten sich aber nicht ausweisen, von dieser „Nation" wirklich geschickt zu sein. Das endlose Sündenregister der Juden, bezw. der Zionisten, das ihm der Führer vorlas, hörte der Oberkommissar geduldig an und machte zum Schluß ein paar verbindliche Bemerkungen. Mehr dürften sie nicht erreicht haben, denn keine einzige der Anklagen hält einer ernstlichen Prüfung stand. Inzwischen steigt die Aufregung und Erbitterung in jüdischen Kreisen ob des Vorganges an der Westmauer immer höher. Dem „Doar Hajom" und anderen Zeitungen geht auf ihre Anklagen folgende offiziöse Richtigstellung zu: „Das Verbot der Aufstellung von Bänken ist vor vier Jahren erlassen und von Herbert Samuel elbst unterzeichnet worden. Beim Einschreiten der Polizei am letzten Jom Kippur sowie beim Erscheinen der jüdischen Delegation im Regierungshause war Gouverneur Störs in Regierungsgeschäften abwesend. Als er von der Sache erfuhr, eilte er sofort in eine Kanzlei und verhandelte mit der Delegatton, woraus er einen Beamten mit dem Auftrag an die Mauer schickte, die Stühle und Bänke erst nach B e e n - digung des Gebetes entfernen zu lassen. Die Regierung sowie die lokalen Aemter geben ohne weiteres zu, daß die Verhältnisse bezüglich der Westmauer keineswegs befriedigend sind. Daß der Gouverneur selbst ans eine günstige Lösung hinarbeite, beweise die Tatsache, daß er seinerzeit selbst einen Ankauf der Mauer von jüdisch« Seite zu vermitteln suchte. Sir Ronald Störs, der demnächst Palästina verläßt, habe, so heißt es weiter, seine beste Kraft eingesetzt, freundliche Beziehungen mit den Juden und dem Nattonalheime zu pflegen. Das beweist auch feine Mühe und Arbeit für die Ausstellung des nahen Orients in Tel-Awiw. — In den maßgebenden Kreisen wird die Hoffnung gehegt, daß nunmehr, nach den traurigen Ereignissen, die die gesamte jüdische Weil erzittern machten, die Frage der Wepmauer endlich einer definitiven Lösung zugeführt wird. Von der Universität. Jerusalem, 20. Oktober. Die Enttäuschung über die Universität macht sich nun auch in den Kreisen geltend, die bisher für sie nur glühende Begeisterung hatten. Im „Doar Hajom" gW einer der Redakteure, Abraham Amalja, den Jnhali eines- Gespräches mit dem Oberrabbiner von Frankreich, Israel L e v y, über dessen Eindrücke in Erez Jisroel wieder. Oberrabbiner Levy spricht sich sehr bitter aus über die Protekttonswirtschaft bei der Besetzung der Lehrämter. Man lasse sich dabei zu wenig von wissenschaftlichen Rücksichten leiten, und damit sei das Schicksal der Universität besiegelt.. „Es lag in unserem -planr, die Elite der Gelehrtenwelt für diese Universität zu gewinnen,, damit sie das Allerheiligste für die jüdische! Forschung werde, das Niveau wird aber durch Anstellung von ungeeigneten Lehrern herabgedrückt." An Lehrhäusern zweiten und dritten Grades fehle es in Jerusalem bei den Juden wie bei Nichtjuden gerade nich. Sollte die Universität nicht das werden, was man in ihr gesehen, so werden alle Freunde in Europa sich zurückziehen und mögen dann die ehrgeizigen Herren, die sich unbefugt an die Leitung gesetzt, sehen, wie sie ohne Unterstützung der jüdischen Welt auskommen. Diese Aeußerung spielte eingestandenermaßen auf den als Dozenten an der Universität tätigen Josef Klausner! hin, den Oberrabbiner Levy wohl für einen guten! Schriftsteller und Journalisten hält, dem er aber das! nötige Wissen und die Eignung für ein Professorenamt! abspricht. Er führt seine Anstellung auf Empfehlung oder Diktat von Dr. Magnus zurück, und stellt seine und I des Chief-Rabbi Dr. Hertz Austritt aus der Verwaltung! in Aussicht, für den Fall, daß die Anstellung Klausneraufrecht erhalten werde. Wir sind im Gegensätze zum Herrn Oberrabbiner von! Frankreich der Meinung, daß sich Klausner für sein Lehr-! amt an einer Universität, die ooraussetzungslose Wissen-! chaft und freie Bibelforschung betreibt, nur zu gut! eignet. Nicht gegen Klausner darf sich die Opposition! richten, sondern gegen den Geist, der die Wirkung Klaus-1 ners, des exponierten Vertreters der Bibelkritik, des Ver-! assers eines zur Ehre des Judentums wenig beitragenden! Werkes über den Stifter, möglich macht. I Offizielle Anerkennung der jüdischen Feiertage! in Tanger. I Tunis, 18. Oktober. > Die neue gesetzgebende Versammlung von Tauget! hat die jüdischen Feiertage wie Jom Kippur, Rasch! Haschonoh, Sukkoth, Peßach, Schewuoth und Purim gesetzlich anerkannt. U. a. sind die Juden an diesen Tagen davon befreit, vor Gericht und vor anderen Aemtern zu erscheinen. Die französische Regierung hat dem Stadtrat von Tunis den Vorschlag unterbreitet, zur Erinnerung an den Sergeanten Isaak Vismuth, der im Kriege nach heldenhafter Gegenwehr fiel, die Straße, in der er 1914 lebte, nach seinem Namen zu benennen. Dies soll zugleich eine Ehrung für alle kriegsgefallenen t u - nesischenJudenfein. KARL KISSINGER Herrenschneiderei Massanfertigung in höchster Vollendung ZEIL 123' (Zeilpalast) Tel. Taunus 429

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