Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-10-29 · Heft 44 (29.10.1925) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 44 (29.10.1925)
Date
1925-10-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450379--72617-2530022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

66. Jahrgang. >• «f i YV7 v ■■■ 29. ©ftob?r. 1925 Frankfurt a. Zu., oen n. rnarch-schivän S686 Ein Centralorgan (Or das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Nr. 44 Abonnement ab Januar 1884: Deutschland t Toldmari monatlich; Ausland: Mertel» iahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Koste« des Streifband-Beofandes) Deutsch-Ssterreich: Schilling 6.-; Amerika 1 Dollar; Englands sh.; Frankreich 18 Fr.; Belgien Io Fr.; Hollands fl.; Italien SO Lire; Jugoslawien 70 Di».; Litauen 7.60 Lit.; Rumänien 200 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 6 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowakei 26 Kronen: Ungaxn60000Kronen; Dänemark 6Krone«; Norwegen 8 Krone»; Schweden 8.60 Krone«. Einzelnummer dreißig Gokdpfennige. Der Israelit erscheint seden Donnerstag. Inserate 40 Boldpf. für die stedengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 80 Pf. Die 76 rmll breite Reklamezeile: letzte Tentsette 1.80 Mk.. vorletzte Texrsette 2.— Ml.; Ehiffregtzbü-r in Höbe eines dopp. Fernbrkefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende» Inserataufträge« tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Inseratenannahme durch dev Berlag des Israelit D. m. b. Q., Franks, a. M>. Gr. Eschenheimer Straße 28, Tel. Hansa 8842 Sw. durch sämtl. Aunoncen-Erped. des In- und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks, eschäftsmrzeigen: Jul. Schmidt, vangestraße 7, H. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Zahlungen direkt an de« Berlag auf Warschau Nr 190767. - Postscheckamt ZSi »stscheckkonto Frankfurt (Matn) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 78806 - Postsparkassen««! Budapest Nr. 18424 — Postscheckkonto trtch Nr. VM 7284-Snkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24 888 — Böhmische Unionbank in Prag —Lenen V-*- Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. » Äermerosed Llent^ & Co. in Zwangsorgamsation und freie VerbandsbUdung. Von Rabbiner Dr. Munk ttt Deklin. Ms vor mehreren Jahren die mährend der Kriegszeit zur Ruhe verurteilte Frage einer Gesamtorganisation der deutschen oder wenigstens preußischen Iudenheit von neuem ins Rollen kam, horchten viele überrascht auf. Eine ganz neue Idee trat in Erscheinung. Der Krankheitskeim, der im Laufe der Jahrzehnte jedem neu auftauchenden Organisationsentwurf trotz den heißen Bemühungen seiner Verfechter schon im Werden den Tod brachte, schien entdeckt zu sein. Das Heilmittel schien gefunden. Durch Schaden klug geworden, umschiffte der Jsmar Freund'sche Entwurf die Klippe, an der Machol, Rosin u. a. gescheitert waren. Jene Entwürfe waren an ihrer Grundidee, der des Zwanges zur Gesamtorganisation, zugrunde gegangen. Der Freundliche Entwurf aber verkündete als ein Neues, als ein vom modernen Zeitgeist Geborenes: die Idee der Freiwilligkeit. Nur aus freiester Entschließung sollen die Synagogengemeinden sich zu einem Verbände zusammensinden, der öffentlich rechtlichen Charakter gemäß Art. 137 der Reichsverfassung erhalten solle. Auch Abseitsstehende mußten zugeben, daß die neue Wendung, welche der alten Bewegung hiermit gegeben wurde, zumindest im Sinne politischer Strategie, ein Meisterstück gewesen ist. Zeitgemäß, gerecht, dem Geiste der Republik, ihrer Verfassung anverwandt, bar jeder Gewissenstnechtnng, so erschien dieser neue Verfassungsentwurf auch einer großen Zahl von Gegnern der früheren Entwürfe als geeigneter Boden, auf dem die Gesamtheit der jüdischen Gemeinden Preußens sich zu einer Einheit sammeln könnte. Das große Lob der Klugheit, der strategischen Meisterschaft, wurde ihm von tieferb lickenden Kennern der jüdischen Oeffentlichkeit insbesondere darum zugebilligt, weil die Zustimmung der wenigen preußischen Grotzgemeinden, denen einst ja sogar Machol-Rosin willkommen waren, außer allem Zweifel stand. Der leidige, unmodern gewordene Zwang würde vermieden werden und konnte es um so eher, als die unbedingte Vorherrschaft der Großgemeinden jeden formalen Zwang erübrigte. Der Geist der Reichsverfassung, die Idee der Demokratie war. ohne das Risiko eines Schadens, gerettet. Mit dem Banner der Freiwilligkeit warb der neue Entwurf Anhänger bei den Einzelnen, den Organisationen, den Synagogengemeinden und den Staatsbehörden. Die Propaganda erfreute sich auch eines nicht geringen Erfolges. Liberale, Mittelpartöiler, Konservative und Zionisten (die sich im jüdischen Gemeindeleben „Volkspartei" nennen) folgten dem Rufe, jede Partei in ihrem Gewissen beruhigt durch die erste Voraussetzung und Kernforderung des Urhebers des Derfassungsentwurfes: Freiwilligkeit des Zusammenschlusses. Viele allerdings sind draußen geblieben. Sie vermochten die Psychologie derjenigen sich nicht zu erklären, die in der Freiwilligkeit der Zugehörigkeit der Synagogengemeinde zum Verbände eine ausreichende Gewähr erblicken konnten für die Durchführung der religiösen Postulate des Gewissens. Niemand ist in organisatorischen Fragen so unerfahren und unklug, daß er glauben könnte, die Freiheit der Zugehörigkeit zu einem Verbände bedeute auch Freiheit der Bewegung innerhalb des Verbandes. Selbst Kompromisse, ohne die ein einheitliches Arbeiten im Verbände auf wesentlichen Gebieten, angesichts der auseinanderklaffenden Gegensätze, nicht möglich ist, stellen ja schon eine Schmälerung der freien Bewegung dar, die in religiösen Angelegenheiten sehr zu denken gibt. Was soll nun gär in all den Angelegenheiten geschehen, für die der Natur der Sache nach die bedenkliche Arznei des Kompromisses in keiner Apotheke erhältlich ist, für die vielmehr eine Entscheidung nur im Sinne des Entweder-Oder gefällt werden kann? Müssen ja im Landesverbände trotz der Gliederung von Ausschüssen verschiedener religiöser Tendenz, unabwendbar, ja in erhöhtem Maße, die Probleme wiederkehren, die in Großgemeinden stets von neuem zu ungunsten des konservativen Teiles die Unmöglichkeit der Wahrung seiner Gewissensfreiheit beweisen. Das jüngste Vorkommnis dieser Art dürfte das. aufsehenerregende Ereignis innerhalb der Großgemeinde Breslau bilden. Bei der Satzungsänderung stand die Stimmrechtserteilung an die Frauen in Frage. Der konservative Gemeinderabbiner erklärte, unter Berufung auf die größten Autoritäten Deutschlands und des Auslandes, das passive Wahlrecht der Frauen für religionsgesetzlich unstatthaft. Die Möglichkeit eines Kompromisses war natürlich nicht gegeben. Also ging die anders gesinnte Mehrheit über die Gewissensbedenken der Konservativen und das Veto des konservativen Rabbiners glatt hinweg. Daß früher oder später empfindliche Erfahrungen dieser Art den Enthusiasmus konservativer Fürsprecher jenes Landesverbandes abkühlen werden, kann nicht ausbleiben. Die nackte Logik der Vehältrnisse zwingt dazu — trotz der verbürgten Freiwilligkeit. Wie sieht es nun aber in Wirklichkeit mit der „verbürgten" Freiwilligkeit aus? Vor einigen Monaten wurde in Berlin der erste Verbandstag abgehalten. Im Mittelpunkt der Kämpfe stand eine Vorlage, bei der es um nicht mehr und weniger sich handelte als — die Streichung der Freiwilligkeit und Einführung des Zwanges zur Verbandszugehörigkeit. Die Vorlage ist abgelehnt worden unter wiederholtem Hinweis auf den Umstand, daß durch einen solchen Beschluß infolge des Widerspruches des sogenannten Halberstädter Verbandes, also des selbständigen Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden, der Landesverband seine Existenz noch vor seiner staatlichen Anerkennung aufs Spiel fetzen würde! Niemanden hätte es verwundert, wenn irgendwelche andern Heißsporne im Landesverbände ihre alte Anhänglichkeit zu den Entwürfen aus der Vergangenheit in Form eines Antrages, wenn auch nur des Prinzips halber, abermals bekundet hätten. Aber der Urheber und Vertreter der bemerkenswerten Vorlage war eben derselbe Herr, der ursprünglich gerade mit dem Novum der Freiwilligkeit bei Groß- und Kleingemeinden seinen Entwurf in Empfehlung gebracht und frühere grundsätzliche Gegner entwaffnet hatte. Die geistige Spitze des Verbandes, sein Direktor Dr. Jsmar Freund, im engsten Verein mit den Zionisten, der jüdischen Vvlkspartei, bemühten sich heiß, die Kernidee der Verfassung auszumerzen und den alten Machol-Nosin'fchsn Zwangsgeist wieder auf den Thron zu heben. Cs scheint, als ob Dr. Freund und die Zionisten glaubten, die Flagge der Freiwilligkeit habe ihr Werk vollbracht. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan; er kann gehen. — Werden auch nach diesen so lehrreichen, symptomatischen Vorgängen aus der ersten Landesverbandsversammlung die Optimisten ihre Gutgläubigkeit bewahren? Werden sie ihr Gewissen beschwichtigen können? Durch den Hinweis auf die Existenz unseres gesetzestreuen Verbandes fiel der ungeheuerliche Antrag gegen die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zum andern Verband. Wir können mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.