Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1925)
- Date
- 1925-10-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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fcuillcton BcilatK Der Israeli des m Moränen des neunzehnten Jahrhunderts. Aovesse von A. W. Ulauflein. VI. Die drei Tage seit dem Erscheinen zaristischen Erlasses vergingen' wie andere Tage und blieben in ihrem Laufe von den Tränen der Unglück ichen ungehemmt. Viele Hunderte, die i gendwo Verwandte besaßen, hatten notdü.f.ig i.ire Sachen zusammengepackt und machten sich bei Sturm und Wmd auf den weiten - Weg. Viele hingegen waren nicht von diesem Opfergeiste beseelt, alles was sie sich mit soviel Mühe und Not während der Jahre erworben, dem Verderben preiszugeben und mit ihren zum Teil kranken Kindern den gualvollen Weg der Vertreibung zu nehmen. Und so geschah es, daß viele vorderhand sich bei der Behörde zum Schein abmeldeten, als ob sie die Stadt verlassen wollten und sich geheim bei solchen Fami- ( lirn auf„elten, die entweder.als Akademiker oder! als Heerestieferanten innerhalb der Tscherta wohnen du.f.en oder bei solchen, die es nicht vermochten, die schwere Folter des ewig unsicheren Lebens und des Verfolgtseins auf sich zu nehmen und zum Christentum, natürlich nur zum Schein, übertraten. Denn alle diese Maranen des neunzehnten Jahrhunderts hielten sich auch nach ihrer Taufe für Volljuden und beach'eten noch peinlicher als zuvor die rituellen Gesetze. VH. Auch Mordchai und Familie waren in der Haup tstadt ged'lieben. Riwka hielt sich tagsüber bei bekannten Kamillen auf, und wenn nachts die Stadt Pete ‘ 'bürg mit ihrer Ochrana. ihren P istavs und son ßigen Iudenvern'chtern „den Schlaf der Gerecht n" iof. schlich sich heimlich die fast schon jm'ari amengebrochene Mutter 3:1 ihren Kindern, die . 'u einem Vorort in einem finste-n und feuchten 5 ^ller untergebracht waren, und weinte, ihre'halb erstarrten und erfrorenen Kinder an ihre Bmst pressend, so lange bis sie erschöpft einschl'ef ^nb Mordchai weilte tagsüber in den veTlbie ''denen jüdischen Betküufern. Immer wieder m er ö0n Stra^ btn^h^ umherlaufen. um »cn Smtzeln bei- Ochrana zu manbertc er tinaus mit btn. n-i!„ n“f bm ffricb5of und la A-4.e bes Mondes, bet ihm iron Wtcn, bas beuge Buch.'bie tie S?rr sCS' Leches unb Joffes der Bücher, bis i';it bis Mü, M « dann auf bem ffik eines ^uden, der m der früheren 6 de- Z«e„ WL,%!i"b b«"nt r^1e und leijl daewige Me war bt-fe?% ein « ^^niaufelrb Quaicn I mImahm^mSoTmUm,r^ |j ewigen Solfes, noch' bchngon?^""""'"'^ VIII. den überall lauernentrinnen. Nachts r Sohar unterm s weinend beim isch zuzublinzeln fsten Geheimdes ewigen ügkeit überrbe irgend Generation 'ln Leben Klageschlief, der rnslas N des Am nächsten Tag stü zte Riwka in das Bothaus, wo sie ihren Mann vermutet hatte Hund wo sie ihn auch in einer Ecke hockend, f t i)o,.no Unte brechung aus dem Sohar lesend, ^antraf. „Mordck^i r"ri~ „Mordchai, ich halte es n'cht mehr --aus! Komme und sieh, wie deine Kinder ausde bei. An gelang melsen schienen Die Bäp sehen, krank sind sie alle in dem finstern Keller geworden. Bald wird sie — — — 0 Gott im Himmel, sieh die Pein!" Die letz en Worte sprach Riwka mit heiserer Stimme. Mordchai wurde durch diese Stimme aus einem Lande der tiefsten Mysterien, aus Nakia und Schechakim und Sewul, wo er die göttliche Pracht der Schechina über Israel dem Fahnenträger der Weller ösung, glänzen sah, in das alltägliche, von Sünden und Martern erfüllte Dasein hinuntergezerrt. Wie aus einem von wonnevolien T äumen erfüllten Schlaf erwachend, rieb er sich mit den Händen Augen und S,j.m und sah sein in den letzten Tagen fast zum Skelett abgemage tes Weib, dem das Lrid seiner Kinder altes Biut und Kraft ausgesogen hatte, voll unsagbaren Mitleides an. Er küßte sein Buch, schloß es und folgte, ohne ein Wort zu sprechen, Riwka, welche ihn in das heimliche Gelaß, wo die kranken Kinder dalagen, führte. IX. In dem finsteren Keller, auf einem morschen Bettgestelh lagen dicht nebeneinandergepreßt die fünf zu schrecklicher Qual verurteilten K'nder. Ihre Bäckchen lohen im flammenden Fieber und den Vater erblickend, den sie etliche Tage nicht mehr gesehen, entrang sich den leidend funkelnden Augen ein Auffiackern der Freude, das sich in ein webmü.ig-zuckendes Lächeln verwandelte. „Willst du die Kinder noch länger hier so in bitterer Qual liegen lassen?! Will das Gott so haben? Wil.st du warten, bis der Tod sie dahin rafft, die unschuldigen, sündlosen Kinderchen, willst du das?!" Starr und stieren Blickes stand Mordchai vor den Leibern seiner Kinder, deren reine Seelchen in traumhaften Himmetssphären verweilten, wo es soviel Licht und soviel Pracht gibt. Seinem weben Herzen entrangen s'ch etliche Worte: „Habe Vertrauen, Weib, habe Vertrauen Weib, Gott ist barmherzig". „Ba mherzig ist Gott, haha!" — Ein irrsinniger Lauh halb Schrei, Hab Lachen entrang sich dem Herzen der zermü.bten Mutter, und sie fiel, sich an den Haaren reißend, aus das Bett der zu Tode erschrockenen Kinder. „Sündig W.ib, was hast du gesprochen? Du hast Gott gelästert, wehe, wehe!" klagte Mordchai, die Hände ringend. Riwka fiel hin und stammelte schluchzend: „Ich weiß nichh was ich gesprochen habe, aber rette die Kinderchen, rette sie, rette sie; möge mich Gott auf der Stelle ob meiner Sünden erschlagen, aber rette die Kinder". „Väterchen, Mütterchen" — flehten die Kinder, die Händchen nach ihren Eltern ausstreckend. Da erwachte der Vater aus seiner Starrheit und die Worte rufend: „Ia, ich werde die Kinder retten" — lief er hinaus. X. Mordchai lief wie ein Irrsinniger durch die Straßen Petersburgs. Und da kam ihm in den Sinn: Ia, der Rabbiner müsse helfen, seine Kinder vor dem Tode zu retten. Aber nachdem er vor dem Rabbiner sein schweres Herz ausgeschüttet, mußte-er erfahren, .daß der Vorsteher ddr „ech lich Dageb iebenen" ..MüaU -so Mmg aus.ich'Ln konnte wie jeder andAerr.§Ju> st. eng war die Nagaikajust'z in diesem Lande den Juden gegenüber. Von dort wandte er äne Sch i te nach dem Friedhof, zu den Toten, :en Seelen längst in der Welt der Wahr- 1 bei den E.zvä ern und E.zmüttern weilten. sie wollte er sich wenden. Aber hier an- 1*, riß sich ein Sturm .von allen Himden los. Die Wo'ken entluden sich und mit feurigen Schwertern zu drohen, mie duckten ihre Wipfel vor der A.lf l)r.« l w» macht Gottes. Mordchai warf sich auf die G aber und schrie mit heiserer Stimme, die dem Röcheln eines Ste: Lenden gtich: „Geht zu Gott, teu e Väter und Mütter, tretet hin bis vor die Hei igkeit der Schechina und erzählet die Pein meiner Kinder". Der himmlische Zorn brannte lichterloh. Gottes mildes, barmherziges und heiliges Wort hatte er erhofft, und da donnerten die Himmel und drohten, über ihm zusammenzustü zen. Entsetzt lief er nach dem Gebethaus, wo Riwka vor der Bundeslade dalag, in den Händen ihr jüngstes Kind haltend, das in dieser Nacht des grausamen Unwetters sein Seelchen ausgehaucht hatte. Riwka, ihren Mann wahrnehmend, zeigte ihm das en.schlafene Kind und sah ihn mit ihren peinvolien Augen an, in denen Welten des ewigen Martyriums in allen seinen buntesten Höllenfaiben sich spiegelten. Und Mordchai fü.lte, was diese Augen von ihm forderten und sch.ie auf: „Meine Kraft ist zu Ende, Semael hat gesiegt, komme, Weib, wir dürfen nicht mehr hier in der heiligen Stätte verweilen. Wir haben keine Seelen meh", unsere Seelen sind bei Semael, dem Satan." Wie von unzähligen Gespenstern verfolgt, ergriffen sie die. Flucht aus dem Bethaus. (Fortsetzung folgt.) Uinderecke. Die alte Mansarde. Es war einmal eine große, große Manl sarde. Das war ein geräumiges Zimmer direkt; un'eim Dach, natürlich etwas schief und winkelig, weil es ja unterm Dach lag; aber durch die kleinen runden Fenster, die wie große Kinderaugen erstaunt ins Freie guckten, kam doch genügend Licht herein, um den ganzen Raum zu erhellen. — Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was es in dieser Mansarde altes gab! — Wenn wie beim Re'nemachen oben helfen durften, dann waren wir so schnell nicht wieder fortzubringen. Denn da gab es die merkwürdigsten Dinge. In einer Ecke aber stand eine eigenartig ' geschnitzte kleine Bank, auf der eine Mühle befestigt wa -, nicht weit davon ein kleines Spinnrad und eine Treppe aus blankem Blech, das wie Silber glänzte, wenn die Strahlen der Abendsonne durch die Dachfenster in diese Ecke schienen. Und gerade von diesen Dreien, der kleinen Bank, dem Spinnrad und der Bech treppe will ich euch erzählen, denn jedes von ihnen hat seine Geschichte. Das Spinn ädchen hat wohl die älteste Vergangenheit. Ich wetß nicht, wie alt es wa-, als ich es zuerst kennen lernte. Da stand cs in einem einfachen S übchen beim Ofen, und die alte Fmu, die hier hauste, liebte das Spinn'ädchen. Uralt sah das Mütterchen aus, la^re stets ein Tuch um den Kopf und einen Schal um die Schultern geschlungen. So ging .die alle F au jahraus, jahrein; Spaziergänge imacki„e sie nicht, ihre einzigen Ausgänge waren brkiMlhCWs...Tags „nach Schul", wo man ihr einen SAk'äns Fenster gerückt hatte. Jeder in der S'adt kannten das alte Mütterchen und lirß sie trotz ihres ünmohstchen Aufzuges ruhig und unbehel igt ihres WeWs z'ehen. War die alte Frau aber zu Hause uit'8 saß an ihrem Spinn.ad, dann kam allerband "kleines Volk von der Straße herauf, jüdische Iungens und Mädchens, denn sie wußten, sie hörte gar gerne, wenn die Kinder Brochoh machten, und hatte