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Der Israelit · 1925-10-15 · Heft 42 (15.10.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 42 (15.10.1925)
Date
1925-10-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ml Rr.« EM' Moränen des neunzehnten Jahrhunderts. Novelle von Z. II. Alaustem. ' 1. Mordchai Kodesch war schon ein Dreißiger, als in Rußland zu den Pogromen und sonstigen Judenverfolgungen das Unglück der Tscherta noch hinzukam. Tscherta, welch grausames, schreckenverbreitendes Wort. Noch waren die Wunden der letzten Pogrvme nicht geheilt, als inan in Zarskoje-Selo (der Sitz des Zaren), bei wüöen Gelagen und unmenschlich ausgelassenen Orgien die Tscherta ersann. „Heraus mit den Juden aus den schönen russischen Hauptstädten, drängt sie in ein Ghetto, diese verdammten Görtrnörver", sprach der russische Minister zum Zaren. Was leichter als dies? Die Juden waren seit jeher schutzlos gewesen. Mordchai Kodesch, der seit sechs Jahren in Petersburg mit Weib und fünf Kindern — das älteste zählte kaum sieben Jahre — gewohnt, als Melamed, oder als moderner Lehrer vielmehr, denn er beherrschte die russische Sprache, die für die fortgeschrittenen Juden der Hauptstadt unerläßlich gew^en war, sich redlich ernährt hatte, mußte nun innerhaw dreier Tage — vom Tage des Erlasses — Hauptstadt samt Weib uno Kind verlassen. Das heißt, einen Ausweg gab es doch: Im Erlaß Des Zraen war vermerkt gewesen: Solchen, die innerhalb Der drei Tage zum Christentum übertreten, sei Der Aufenthalt innerhalb Der Tscherta gestattet. '' 2. Mordchai war ein kranker und gebrochener Mann; seit einer Lungenentzündung, an der er in seiner Kindheit erkrankt war, suhlte er sich nie ganz gesund und kränkelte und hüstelte immerwährend. Er war trotz feiner weltlichen Bildung ein streng frommer Jude. Während, der sechs Jahre in Petersburg hatte er es me fehlen lassen, frühmorgens und abends sich im Tmpel zum Gebet einzufinden. Als das tiefste Buch des Judentums galt bei ihm der Sohar. Seine eingefallenen Backen entflammten, seine halberloschenen Augen strahlten leuchtend, sobald er über das Heilige Buch sprach. Er wußte genau die Zahl aller Engel, die in Mein der sieben Himmel verweilen, zu nennen. Schilderte nach Angaben des Sohar den Bau der Paläste der oberen Sphären. Wenn er besonders gut aufgelegt war, pflegte er sich in Grübeleien und Ausrechnungen über die Ankunftszeit des Messias zu vertiefen. Und er war auch des Glaubens gewiß, daß es ihm gelungen fei, genau Jahr und Tag der Ankunft des Erlösers festzustellen. Im Gegensätze zu Mordchai war Riwka, sein Weib, ein wenig frei gesinnt. Zwar stammte sie von sehr frommen Eltern, welche in Litauen gelebt hatten, ab, aber das moderne Leben der Hauptstadt blendete und machte sie trunken und sie ließ die Fluten des vermeintlichen Lichtes der Zivilisation über sich ergehen. Im übrigen war Riwka, trotz ihrer modernen Gesinnung eine echte jüdische Mütter und Lebensgenossin ihren Kindern und ihrem Mann, und kümmerte sich nicht viel um das brausende und tobende Leben außerhalb ihres bescheidenen, jedoch idyllisch glücklichen Familienlebens. 3. Eines Morgens kam Mordchai aus dem Gebethause bestürzt und zusammengebrochen zurück, über Frau und Kinder Schrecken und Grausen schüttend, so daß Riwka stockenden. Atems garnicht wagte, nach dem Grunde seiner Bestürzung zu fragen. Man war zwar in diesem Lande Judenexzesse gewohnt, jedoch fürchtete man, Einzelheiten zu erfahren. Diesmal aber ahnte niemand, daß es sich nicht nur um einfache Exzesse, sondern um das nackte Leben handelte. Erschöpft fiel Mordchai auf einen Stuhl und schluchzte, vom Husten unterbrochen, vor sich hin. „Mordchai, was ist geschehen, sprich," wagte Riwka mit tränenerstickter Stimme, die so klang, daß sie vor sich selbst erschrack, zu fragen. Das anhaltende Wimmern des Vaters weckte die kleinen Kinder aus ihrem Schlaf, und leicht erschließt sich der Tränenquell von unschuldigen Kindern, daß bald alle, Mütterchen und Väterchen rufend, in ein mitfühlendes, unaussprechliches Unglück verkündendes Weinen ausbrachen. Angesichts seiner von grausamen Ahnungen erschütterten Frau, nahm Mordchai alle seine Kräfte zusammen und stammelte: „Tscherta, Tscherta." „Was heißt das, was bedeutet das, martere mich nicht so," flehte Riwka mit ringenden Händen ihren Mann an. ,>Nur noch drei Tage, nur noch drei Tage dürfen wir hierbleiben; man vertreibt alle Juden aus Petersburg. Gott im Himmel, haben Deine Kinder nicht schon genug gelitten?!" Die letzten Worte sprach er mit vom Husten erstickter Stimme. Riwka erbleichte, ihre Hände erstarrten, ihre Augen wurden gläsern und quollen aus ihren Vertiefungen, von Todesahnungen erfaßt, hervor. Welchen Gedanken sollte sie zuerst fassen? Ihre schreienden Kinder zu beruhigen, oder das grausame, schreckhafte Schicksal zu ermessen, oder gar nach Mitteln und Wegen zu trachten, um der grauenhaften Vernichtung zu entrinnen? Jäh, wie von einer giftigen Natter gebissen, schrie sie auf: „Mordchai, was tun, was tun?" Und indem sie sich auf das Bett ihrer Kinder warf, schluchzte sie: „Meine armen Kinderchen, meine unschuldigen Täubchen, wo sollen wir mit euch hin?" 4. Am nächsten Tag lief Riwka zu den Bekannten in der Stadt, in der Hoffnung, Rat und Mittel bei ihnen zu finden, dieses furchtbare Los zu überwinden. Aber überall, wohin sie kam, begegnete sie demselben grausigen Elend: Die jüdischen Häuser waren über Nacht zu Trauertrümmern geworden: junge, gestern noch lebenslustige Menschen, waren grau geworden Und gebrochen saßen sie da, wie die Trauernden auf Fußschemeln und schluchzten vor sich hin, oder saßen starr und bewegungslos und vermochten es gar nicht zu fassen, daß sie am steilen Abhang eines Abgrundes waren, vor dem es keine Rettung mehr gab. Zuletzt, nachdem Riwka vollends erschöpft und ratlos zu ihren Kindern heimgehen wollte, kam ihr ein atemstockendes, sinnverwirrendes Wort in den Sinn, das sie bei einem ihrer Bekannten gehört: Sich taufen lassen, und weiterleben dürfen. Die Kinderchen, die guten, kleinen Seelchen, würden nicht auf die Straße geworfen werden. Inzwischen würde man sich nach einem neuen Wohnorte, weit, weit von hier, in einem anderen Lande umsehen; und die. Kinder würden in einem wahrhaft jüdischen Geiste erzogen werden. Diese Gedanken schienen der entgeisterten Frau eine hoffnungsvolle Rettung vorzugaukeln und sie machte sich schnellen Schrittes!)eim zu der in Bangen harrenden Familie. 5. Mordchai war indessen in das Bethaus gegangen. Dort traf er viele Schicksalsgenossen an. Sie hatten sich nicht da versammelt, um über die Lage zu beraten, es war ihnen klar, daß nur Gott allein hier hlfen könne, und sie wandten sich in ihrer unsagbaren Bdrängnis an Gott. Mordchai, im Gegensätze zü den übrigen Versammelten, die gemeinsam die Psalmen sprachen, entnahm dem, Bücherschrank das Buch Sohar, setzte sich in eine Ecke--und begann mit flehender und weinender Stimme laut zu lesen: „Wie teuer sind die Worte der Thora; denn in jedem Worte sind tiefe Geheimnisse verborgen. Wie selig ist Israel, dem die erhabene Thora, die Thora der Wahrheit gegeben ist. Erhabener Geheimnisse voll ist die Thora, groß und gewaltig ist Israel. Heil dem, der Israel und die heilige Lehre liebt." Nein, man dürfe nicht verzweifeln, sprach es in ihm; Rabbi Schimon ben Jochai werde sich seiner annehmen: vor dem Throne der Schechina werde der Heilige für seine armen Kinderchen flehen. Die Worte des Sohar rüsteten ihn mit Glauben und Vertrauen, ohne daß er jedoch irgend welche Pläne gefaßt hätte, aus diesem Feuer Weib und Kind zu retten. Riwka, die fest entschlossen war, ihrem Manne zum Aeußersten zu raten, erzitterte selbst, ihren Mann erblickend, vor dem Wahnsinnsgedanken, zum Christentum überzutreten und wagte nicht, ein Wort davon zu erwähnen.. , (Fortsetzung folgt.) Eine galizische Rokhschild-Legende. Daß auch Galizien um den Ruhm streitet, die Ahnen des Rothschilds-Hauses heroorgebracht zu haben, ist verständlich. Im Lubliner „Tag" wird aus Anlaß des 80. Geburtstages des Baron Edmund von Rothschild folgende phantastische, in Galizien sehr populäre Legende erzählt: Der Ahn der Rothschilds war in den Jugendjahren Schumes oder Gabbe beim alten Czortkower Rebbe, Rabbi Hirsch, dem Begründer der Czortkower Dynastie. Am Czortkower Hofe pflegte man sich zu Amschel Meier Rothschild nicht anders zu stellen, als zu jedem anderen dienstbaren Geiste. Man schenkte ihm keine besondere Achtung und Beachtung. Als er, älter geworden, einsah. daß er in seiner dienenden Stellung nicht vorwärts komme, ging er nach Schniatin, verheiratete sich dort, eröffnete in einem Kellerraume eine billige Speisewirtschaft und hatte Glück mit seiner Unternehmung. Zur damaligen Zeit dachte gerade der Czortkower Rabbi Hirsche! daran, seine Tochter zu verheiraten. Die Mitgift im Betrage von 500 Golddukaten lag in der Schublade des Tisches, an dem der Rabbi den ganzen Tag lernte. Eine gute Partie mit dem Sohne einer berühmten Familie war zu Stande gekommen. Man kam in Czortkow zusammen. Es kam der Moment, da der Rabbi dem Schwiegersohn die Mitgift überreichen wollte. Wie versteinert stand aber Rabbi Hirschel da, als er die Tischlade öffnete und dieselbe vollkommen leer fand. Große Aufregung bemächtigte sich der Gäste. Man überlegte hin und her und, endlich lenkte jemand den Verdacht auf den früheren jungen Schames, daß er das Geld entwendet hätte, bevor er nach Schniatin ging, um sich dort ein Haus zu gründen. Der leise Verdacht wurde nach und nach zur allgemeinen Ueberzeugung. Rur der Rabbi wollte von der Beschuldigung nichts hören, denn er kannte Amschel Meier für einen ehrlichen, redlichen Mann. Als man ihm aber von allen Seiten stark zusetzte, ließ sich der Rabbi bewegen, auf alle Fälle nach Schniatin hinüber zu fahren, um mit dem früheren Schames Rücksprache zu nehmen. Als Amschel Meier von der Ankunft des Rabbi hörte, war seine Freude ganz maßlos. Cr ließ das beste Zimmer Herrichten und eine fürstliche Tafel docken. Dann fuhr er mit einem Herrschastswagen dem würdigen Gast entgegen. Der Rabbi nahm die Gastfreundschaft an, ließ sich bewirten und erzählte nach dem Essen nur so von ungefähr von dem Unglücke, das ihm widerfahren sei. Das Geld sei aus der Schublade gestohlen worden, wodurch die Verheiratung seiner Tochter'fürs erste unmöglich wäre. Als Amschel Meier die Worte vernahm und den tiefen Schmerz des Rabbi aus ihnen heraushörte, sagte er glatt: „Es ist wahr, Rabbi, ich habe das Geld, das nutzlos im Kasten lag, damals mitgenommen, ohne es eu, zu ägen. Ich zahle es jetzt zurück. Leider kann ich zur Stunde nur 200 Dukaten aufbringen, werde aber in einigen Wochen den Rest überbringen. Sorget nicht, Rabbi, es wird kein Groschen von der Summe verloren gehen." Damit fuhr der Rabbi befriedigt nach Hause. In einigen Wochen erhielt er auch den Rest nach und nach eingeschickt, und die Vermählung seiner Tochter konnte zu Stande kommen. Der Rabbi sprach nichts davon. Er wollte keinen Verdacht und keinen Haß nähren, am wenigsten einem Baal Teschubah etwas nachtragen. Es verging ein halbes Jahr und die ersten Vorzeichen des Frühlings zeigten sich. In den jüdischen Häusern fing das große Reinemachen für Pas Peßachfest an. Im Hause des Rabbi erblickte eine der nichtjüdischen Frauen beim Putzen einen Beutel in der Ecke. Sie hob ihn auf und brachte ihn ihres« Manne. Darin waren die fünfhundert Goldhukaten des Rabbi enthalten. Der Mann, ein krankhafter Trunkenbold, begann gleich, mit dem ihm so unerwartet schnell zugekommenen Gelbe ein Schlemmerleben zu führen. Er kam jeden

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