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Der Israelit · 1925-10-15 · Heft 42 (15.10.1925) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 42 (15.10.1925)
Date
1925-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Br l vvr v 15. Oktober 1925 Frankfurt a. M., den —2?. ^dniöm- Nr. 42 C Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1884: Deutschland 1 Toldmark monatlich; Ausland: Mertel« jahrpretfe (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Ber« andes) Deutsch-Ssterreich: Schilling 6.-: Amertta l Dollar; England 4 sh.; Frankreich 18 Fr.; Belgien 18 Fr.: Holland 8 fl.; Italien SO Lire; Jugoslawien 70 Din.; Sitauen 7.60 Lit.; Rumänien 800 Lei; Polen 4 deutsche Goldwark zum Tageskurs oder 8 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowakei 88 Kronen; Ungarn 80000Kronen; Dänemark 8Krone«; Norwegen 5 Kronen; Schweden 8.80 Krone«. Einzelnummer dreißig Doldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldpf. für vte fiebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bet Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 80 Pf. Die 78 mm breite fReflontegeile: letzte Tertsette 1.80 Mk.« vorletzte Texrsette 8.— Mk.; Ehtffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbrtefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende» Inserataufträgen tarism. Preiserhöhung jeder». Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Berlag des Israelit D. m. b. tz.. Franks, a. M., Gr. Eschenheimer Straße W, Tel. Hansa 8848 sow. durch sämtl. Annoncen-Erped. des In« und Auslands. Alleinige Inseratenann.für Franks. Geschäfisanzeige«: SnU Schmidt. Langestraße 7. ll. Platzvorschrifte« ohne Berbindlichkeit. jahlungen direkt an den Berlaa auf' Varschau Nr 180787. - Postscheckamt jeckkonto Franksurt^Matn^tr^?8tb^^Äußerdew an: Postsparkasse Wien Nr. 79008 —Postsparkassenamt Budapest Nr. 18484 — Postscheckkonto ) Nr, VHI78&J — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 34 888 — Böhmische Nnionbank in Prag — ÜLuc» Marmarosch Blank & Co. tu Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Die Grenzen unserer Tlakurerkennlnis. Don San.-Rat Dr. A. Stern in Krankfurt a. W. Wir werden in diesem Aufsatz über die Frage: „Was wissen wir von der Natur?" vorwiegend über Theorien zu sprechen haben, das heißt über wissenschaftliche Versuche der Erklärung des Weltgeschehens. Es ist die dringende Mahnung vorauszuschicken, sich in jedem Augenblicke bewußt zu bleiben, daß es sich hier immer nur um mehr oder minder einleuchtend begründete E r - ktärungsversuche handelt, die als geistreiche Experimente, und nicht als Wissenschaft, zu werten sind. Dem wahren Jehudi verschafft die Vogelperspektive aus der Höhe seiner in der Thora verankerten Emuno auf die Kämpfe der Geister um die Erklärung des Naturgeschehens mit dem wechselnden Sieg der oder jener Theorie, die geboren wird, um nach kurzer Blüte wieder unterzugehen und einer anderen Modetheorie zu weichen, ein Gefühl der Stetigkeit, Sicherheit und Befriedigung. In diesem Sinne mögen die folgenden Ausführungen aufgefaßt werden. Schon das Kommen und Vergehen der Theorien und ihre kämpferische Gegensätzlichkeit untereinander lassen es als absurd erscheinen, unsere auf der Thora aufgebaute jüdische Weltanschauung etwa an derartigen naturwissenschaftlichen Theorien zu messen oder diese Weltanschauung gar von vergänglichen Theorien abhängig zu machen. Die Ueberheblichkeit, mit der früher die Anhänger der jeweils modernsten Theorie auf die Eigensinnigen, die dem Heer der „Fortschrittlichen" nicht folgten" herabsahen, ist einer toleranten Würdigung Andersmeinender gewichen, vornehmlich auf dem Gebiete der Biologie. Die grundzügliche Aehnlichkeit der zweckmäßigen Organisation aller Lebewesen bei unendlicher Vielgestaltigkeit zeitigten die Erklärungsversuche der Entwicklungstheoretiker: denn alles wies auf die Abkunft aus gemeinsamer Ahnenschaft hin, wenn nmn den religiösen Gedanken einer Schöpfung nach einheitlichem Plane einmal abgelehnt hatte. Nach Lamarck sind die Lebewesen von einem unbewußt wirkenden lebendigen Drang beseelt, sich den Lebensbedingungen der Umwelt anzupassen aber, anders ausgedrückt, sie sind von der Umgebung direkt beeinflußhar, reagieren in zweckmäßiger Weise und erwerben so vererbbare Eigenschaften. Durch diese Accomodation und Assimilation entstehen neue Arten, es wird etwa aus dem braunen Gebirgsbär der weiße Eisbär. Das v i t a l i st i s ch e (lebendige) Prinzip Lamarcks wird von Darwin verworfen, dagegen werden mechanistische Prinzipien als Schöpfungsfaktoren eingeführt, und zwar: Eine in ihren Ursachen unergründliche, das heißt zufallsmäßige Variabilität, (Veränderlichkeit) der Kampf ums Dasein, die natürliche Auslese: Zufällig wirft etwa eine braune Bärin ein Heller gefärbtes Junges. Dieses wird im Kampf ums Dasein, wenn die Geburt im schneereichen Norden stattsindet, durch seine hellere Nuance eine Ueberlegenheits-Chance gewinnen, obsiegen, und zur Fortpflanzung gelangen. Durch immer weitere Entwicklung in der Richtung auf Weiß entsteht der Eisbär. Für den Uebergang aus toter in lebende Materie kann Darwin eine Art göttlichen Eingreifens noch nicht entbehren. Er nimmt zunächst mehrere erschaffene niedere Formen an, woraus sich dann nach den genannten mechanistischen Prinzipien alle Lebewesen entwickeln. Haeckel lehnt solchen schöpferischen Eingriff ab. Er läßt die tote Materie automatisch in lebende Materie übergehen: generatio aeguivoea (Selbstschöpsung). In stusenweiser Entwicklung ballt sich der lebendige, aber unorganisierte Urschleim zum organisierten Einzeller mit allen Kennzeichen des Lebens, als da sind: Bewegung, Empfindung, Stoffwechsel, Fortpflanzung. Der Freiburger Zoologe Weismann leugnet die vererbbare Variation fertiger Individuen, verlegt vielmehr alle Variation in die Keimzelle, und zwar in einen hypothetischen Teil dieser Keimzelle, das Keimplasma, welches durch das Individuum hindurch von außen her nicht beeinflußt werden kann. Von der Keimzelle aus erhält also das Lebewesen seine Richtung, die im Kampf ums Dasein und in der Auslese ausschlaggebend ist. Hiermit hat Weismann die letzten Reste von Vitalismus in den Theorien seiner Vorgänger beseitigt und die Alleinherrschaft, aber auch die Allmacht der natürlichen Auslese proklamiert. Was sagt nun die zu ruhiger Besinnung gekommene Naturwissenschaft zu diesen Entwicklungstheorien, die im Siegeslauf die Gehirne okkupiert haben? Unbezweifelbar ist die Variabilität der lebenden Organismen, unbezweifelbar die g e l e g e n t l i ch e Wirksamkeit der natürlichen Auslese im Kampf ums Dasein. Dagegen ist die Neuschöpfung von Arten durch natürliche Zuchtwahl rein problematisch und von anerkannten Autoritäten ernstlich bestritten. Ein Beispiel soll es erläutern: In einer hornlosen Büffelherde wird durch Zusallsvariation eines Tages ein Büffelkalb mit einer zarten Hornauflagerung an den Stirnhöckern geboren. Rach Darwin hat diese Auflagerung Selektionswert, d. h., sie hilft diesem Individuum im Kampf ums Dasein zu seiner natürlichen Auslese. Aber näher betrachtet hat diese Hornauslage, die wir uns in ihrem erstmaligen Auftreten gar nicht zart genug denken können, gar keinen Kampf- und Siegeswert. Und selbst wenn sie ihn hätte, bedürfte es zur Fortentwicklung zum Horn ja doch immer wieder einer bewußt auf die Hornzüchtung zielenden auslesenden Intelligenz: denn die Variation an und für sich schwankt ja um eine Mittellage nach Plus oder Minus und hat eine ebensogroße Chance wieder zu verschwinden, wie sich fortzuwirken. Ja die Minuschance ist viel größer, da die geschlechtliche Kopulation mit einem unbehornten Partner größere Wahrscheinlichkeit hat als die mit einem von gleicher Variation beglückten Partner, so daß die neue Variationsacquisition bald wieder ausgeiöscht sein wird. Die gradlinige Entwicklung unseres braunen Bärs in der Richtung auf Weiß ist ohne züchtende und richtende Intelligenz ebenso nicht denkbar. Naturauslese ohne richtunggebende Intelligenz hat also keine Schöpferkraft. Vollends die Neuschaffung von komplizierten Organen, etwa des Säugetierauges, durch natürliche Zuchtwahl, ausgehend vom lichtempfindlichen Pigmentfleck niederster Wesen bis zum feinorganisierten Sehapparat mit seiner Aufnahme-, Leitungs- und Empfindungsvorrichtung ist selbst bei Voraussetzung unglaublicher Zeitläufte auf Grund naturwissenschaftlicher Erfahrung nicht vorstellbar. Auch die von Darwin theoretisch vorausgesetzten Ursachen des Daseinskampfes oder der Konkurrenz treffen in der Natur nicht immer zu. Der vorausgesetzte Mangel au Nahrung existiert tatsächlich gar nicht, zumindest nicht überall, nicht zu allen Zeiten, nicht für alle Arten, beispielsweise sicher nicht für die Infusorien im Weltmeer. Die kurzen Einwürfe mögen zeigen, daß wir es bei der Darwinschen Theorie eben mit einer grandiosen, verführerischen Theorie zu tun haben, weit entfernt das zu fein, als was sie vielfach ausgegeben wird, nämlich ein Naturgesetz. Dem Weismannschen Schlagwort von der Allmacht der Naturzuchtwahl kann man mit gleichem Recht das Schlagwort von 1

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