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Der Israelit · 1925-12-03 · Heft 49 (3.12.1925) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 49 (3.12.1925)
Date
1925-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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fttillttotl- Bcilaae Der Israelit kr.i» >«r Ein Los. Von Keiurich Hinstadler. III. Zu dem Bekannten? eise der Familie gehörte ein armer Tapezierer, der eines Tages das „große Los" gewonnen hatte, und dadurch plötz ich zum reichen Manne geworden war. Dieses Ereignis hatte damals reichlich Stoff zur Un e.Haltung geboten. Man hatte mit grobem Zn e.esse den Umschwung in den Verhältnissen dieser Leute beobachtet, wie die Tapezierer-Werkstatt mit einem großen Möbelgeschäft, die kleine Wohnung mit einer eleganten vertauscht worden war, und wie die gesamte Lebenshaltung dieser Familie sich mit einem Male veränderte. Dieses Vorkommnis war es gewesen, das bei dem Nervenzusammenbruch der armen Frau die fixe Idee von dem groben Treffer, der ihr zufallen werde, erzeugt hatte. In der Stadt bestand eine bekannte Lotteriekollek e unter der Firma Jakob Eckert Söhne. In ihrem Büro erschien eines Tages Frau Dringlich und richtete an den Kassierer die Frage: . „Habe ich bei dieser Ziehung nicht gewonnen?" Der Beamte verlangte das Los zu sehen. „Ein Los habe ich nicht." „Und Ihre Nummer?" „Die weiß ich nicht." Die Angestellten im Büro schauten intern essiert von ihren Büchern auf und blickten nach der Dame hin, und der Kassierer sah ihr verwundert ins Gesicht. „Wie ist Ihr Name?" „Frau Bertha Dringlich." Der Mann nahm ein Buch zur Hand - und suchte in dem Verzeichnis der Kunden nach dem Namen Dringlich. Er fand sich nicht. Da mochte er wohl schon vermuten, daß er es mit einer Geisteskranken zu tun habe, und er sagte zu ihr: „Sie haben sich wohl in der Firma geirrt. Bei uns haben Sie kein Los." Die Frau dankte und ging. Aber nach einem Monat, als die nächste Ziehung vorüber war, kam sie wieder und fragte: „Habe ich nicht gewonnen?" Und als ihre Frage verneint wurde, entfernte sie sich abermals ruhig, um prompt nach der nächsten Serie wiederzukehren. Die jungen Leute im Geschäft hatten Mitleid mit der Frau, und einer machte schließlich den Vorschlag: „Wie wäre es, wenn wir für die alte Dame ein Viertel speien würden?" Der Vorschlag wurde mit großem Beifall yufgenommen, und jeder zahlte sofort seinen An eil ein. Als der Chef des Hauses davon hörte, wollte er seinen Angestellten gegenüber nicht zurückstehen, zumal ihm die Familie Dringlich nicht unbekannt war. Er ließ auf seine Kosten das Viertel in ein halbes Los umschreiben, was im Büro groben Iubel auslöste. Die erste Nummer, nach der in der Folge beim jeweiligen Erscheinen einer Ziehungsliste gesucht wurde, war die der Frau Dringlich. Und siehe! Zwei Monate später entfiel darauf ein Treffer von über — hunderttausend Mark! IV. Ein sonniger Herbsttag. Frau Dringlich hatte ihr einfaches Mittagsmahl ^verzehrt, und die kleine Küche wieder in Ordnung gebracht. Nun griff sie zum Gebetbuch, um das Minchagebet zu verrichten. Wie jeden Tag dachte sie bei dem zweiten Segensspruch im Hauptgebet ihres seligen Gatten, und bei der Stelle „Höre auf unsre S.imme" ihrer Tochter und deren Kinder, und als sie mit der B.tte schloß, der Herr möge das Sinnen ihres Herzens wohlgefällig aufnehmen, da kam ihr der Gedanke: „Heute will ich mich doch wieder einmal nach meinem Los erkundigen." Sie kleidete sich zum Ausgehen um und freute sich dabei der hellen Sonne, die golden vom Himmel leuchtete und das sich färbende Laub der Bäume vor dem Fenster mit den herrlichsten Tinten malte. Da tönte die Glocke im Flur. Die Frau öffnete zwei Herren. In dem einen erkannte sie den Kassierer von Iakob Eckert Söhne. Sie zitterte vor Aufregung, und vermochte kaum, nachdem sie die Besucher in das Wohnzimmer geführt hatte, die Frage an sie zu richten: „Was verschafft mir die Ehre, meine Herren?" Diese aber konnten gleichfalls ihre innere Erregung nicht meistern, und ohne irgend einen Uebergang platzte der eine heraus: „Frau Dringlich, Sie haben das große Los gewonnen!"-- Einen Blick wa.f die Frau nach oben, ein unartikulierter Laut entrang sich ihrem Munde, und wie leblos sank sie aus den Teppich. Die Herren waren furchtbar erschrocken. Sie trugen die Ohnmächtige auf das Sofa, holten Wasser herbei und riefen im nächsten Stockwerk nach Hilfe. Es gelang der schnell herbeigeeilten Hausfrau, die Ohnmächiige wieder zum Bewußtsein zurückzubringen. Sie ließ sogleich nach dem Arzt telefonieren, der auch bald zur Stelle war, und nach wenigen Stunden konnte sie in das Büro Iakob Eckert Söhne eine frohe Kunde tragen: „Denken Sie, meine Herren, heute ist in unser Haus ein zweiter großer Treffer gefallen! Die plötzliche Erregung, die sich der guten Frau Dringlich bemächtigte, hat sie von ihrer siren Idee geheilt. Die gute Frau ist wieder vollkommen gesund." Jetzt erst konnten sich die braven jungen Leute so recht ihrer guten Tat freuen. An jenem Tage wurde bei Iakob Eckert Söhne viel von dem Gewinn ohne Los gesprochen. Schließ'ich meinte einer: Die Frau muß doch eine Nummer gehabt haben,- nur daß sie nicht hier unten, sondern bei der himmlischen Kollekte eingetragen war." Die Spaniolen und ihre Sprache. Von m. I. Lohen in Sofia. Die sephardischen Juden des Orients, herkömmlich „Spaniolen" genannt, find wie ein eigenartiger Ast am jüdischen Volksstamm, mit diesem zwar fest vergliedert und organisch verbunden, aber so absonderlich verrenkt und-abseits gerichtet, daß man beinahe von einer eigenen jüdischen Sekte reden könnte. Sprachlich bilden diese Juden mit ihrer altkastilischen Umgangssprache, „Ladino" genannt, eine Insel für sich, ein linguistisches Unikum, dem kein anderes unter den zivilisierten Völkern eine Komparation gegenüberstellen kann. Die große jüdische Oeffentlichkeit beschäftigt sich wenig oder gar nicht mit diesen Spaniolen. Es gibt in den Westländern sicherlich sehr viele Juden, die von ihnen so gut wie nichts wissest. Der westliche Banquier, Exporteur, Großkaufmann uyd Geschäftsreisende, soweit sie am Balkan und in der Levante geschäftliche Veiehungen haben, wissen von ihrer Existenz, sie staunen jedesmal wenn sie im europäischen Südosten die Sprache von Cervantes und Calderon klangvoll fließend reden hören, aber auch diese Fremden kommen nur mit der dünnen Schicht von spaniolllchen Großhändlern und Handelsagenten in Berührung; den sehnigen Seefischer von Saloniki, den Lastträger im Hafen von Konstantinopel oder Smyrna, den kleinen Händler, den russischen Spengler in Sofia oder in Belgrad suchen auch sie nicht. Und doch bilden diese Leute die uoerwiegende Mehrheit der Spaniolen, sie sind es, die ihre Eigenart, die Besonderhelten und althergebrachten Sitten und Gebräuche noch bewahrt haven. Auf den Donauschiffen, die von Wien bis zur Mündung des Stromes fahren, in den Konventional- und Expreßzügen des europäischen Ostens, auf den Schiffen am Schwarzen Meer und am Mittelländischen Meer sieht man hochgewachsene braune Männer mit scharfgeschnittenen Profilen und blitzenden Augen, Frauen mit perlmattem Teint und üppigem schwarzem Haar, unter ihnen ganz hervorragende Schönheiten, wie sie sich von den anderen Passagieren absondern, eigene Gruppe und Tischgesellschaften bilden; sie unterhalten sich in einer eigenen Sprache, die der horchende Italiener oder Franzose zu erfassen vermeint, die ihm jedoch als fremd und unbekannt wieder entschlüpft. Bon Belgrad donauabwärts bis Glast, in Serbien und Bosnien und Macedonien, in Bulgarien und in Thrakien, in Thessalien, mit Saloniki, in der europäischen Türkei mit Konstantinopel und Adrianopel, in Anatolien mit Smyrna, in den Inseln des Dedokanes mit Rhodos, dann in Syrien und in Palästina, in Aegypten und längs der nordafrikanischen Küste mit Marokko bis zur Gibraltarenge, überall sieht man diese schönen, aufrechten Menschen, die durch Aussehen, Gehaben und Gesten, am meisten aber durch ihre Aussprache des Altcastilllchen ganz auffallend an die Bewohnerschaft der spanisch-portugiesischen südamerikanischen Republiken gemahnen. Nicht alle Spaniolen sind als direkte Abkömmlinge der aus der pyrenäischen Halbinsel im XV. und XVI. Jahrhundert geflüchteten Auswanderer anzusprechen. Cs gab auch vordem auf der ganzen Balkanhalbinsel und in der Levante byzantinische Juden und solche die donauabwärts aus Deutschland, Oesterreich, aus Ungarn und aus der Moldau gekommen waren. Als jedoch die spanischportugiesischen Flüchtlinge in Massen hinkamen und sich auf dem ganzen weiten Gebiet ansiedelten, brachten sie eine derartig hohe Kultur mit sich, sie überragten die urangesessenen Stammesgenossen so sehr durch jüdisches Wissen, durch allgemeine Bildung, Kenntnisse und Fertigkeiten, daß sie sich die anderen Juden in verhältnismäßig kurzer Zeit assiimiliert haben. Vermöge ihrer Überlegenheit haben sie die anderen an sich gezogen und spaniolisiert. Bald war dieser zwanglose und mechanische Assimilierungsprozeh so weit gediehen, daß sie alle die spaniolische Mundart, das „Ladino" als Umgangs- und Muttersprache, als die „jüdische" Sprache des Orients annahmen. Heute kann man die Urenkel der Spanier und Portugiesen von den anderen Juden gar nicht mehr unterscheiden; nur noch gewisse Familiennamen deuten auf den Ursprung hin: Medina, Calderon, Alvares, Pinto, Castro, Caro, Albala, Toledano und eine große Anzahl anderer echtspanischer Familiennamen sind neben italienischen Namen wie Arditti, Florentino, Modiano, Romano u. a. m. nicht minder zahlreich als Namen maürMen, persischen, griechischen und selbst deutschen Ursprungs, wie Alfandary, Alsassa, Alhadjem, Kalo, Maggiar, Tager (wohl eine Korrumpierung von Datscher gleich Deutscher) usw. Sehr zahlreich sind im ganzen Orient die biblischen Namen der Väter als Familiennamen in Anwenbstng. Dessen' unbeschadet sind aber alle Juden des ganzen ausge-

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