Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 40-41 (1.10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. 40/41 1925 InLüauenWird einHaasgebaut... E.Lm Idyll. Gaus allmählich füllt sich Ler'Hof Reb Salmens, nn dem ein kleines, baufälliges Häuschen stich.t, mit rohen und gehobelten 'Klötzen, Balken Md.Latten. Steinen und Ziegeln. Ein ganzes Jahr lieh sich Reb Salmen Zeit, bis er' das ^.Baumaterial mach .und nach auf dem Markte,/ bei den Bauern, daund dortangekauft und zusammengetragen hat. /Das Material reicht schon fast aus. Aber Salmen hat keine Eile. So etwas muh in Ruhe geschehen. Nur Feine Ueberhastung. Es ist kein Handel, kein Geschäft für den Tag, bei dem man rasch /zugreifen müh. Ein Haus bauen ist ein ganz mnderes Kapitel. Es muh auf rechten und festen Grundlagen ruhen. Das Geld . daftlr muß auf die e h >r l i ch st e Weife ver- ' dient sein. Ehrlichkeit Mar von jeher die Devise Sal-, - mens. Mb er seitdem er verdienen muh, um ein 'Haus zu bauen, ist er noch peinlicher, noch vorsichtiger. Er läßt all seine Mähe und Ge-; wichte noch einmal prüfen. Selbst im Handel mit dem..Bauern -sucht er von nun ab, lieber etwas zuzugeben. Er sagt jedem Käufer und Verkäufer genau, was ihn die Ware gekostet und was er verdienen müsse. Das neue Haus muh mit ehrlichem Gelde errichtet sein. Auch sein Umgang mit den Nachbarn auf der Gasse wie auch mit den Konkurrenten auf dem Markt erfährt eine gründliche Aenderung. Er sieht darauf, jedem zuerst den Guten Morgen- Gruß Zu bieten. Stolz und Hochmut dürfen in ein neues Haus nicht eingebaut werden, wenn ,es aufrecht stehen soll. Fragen ihn die Nachbarn nach dem geplanten Bau, antwortet er klein, bescheiden, fast demütig. Es geschieht gewih nicht aus Uebermut, aus Grohmannsucht. Man muh doch ein Dach über dein Kopfe haben, so spart man sich ein wenig vom Munde ab, borgt sich was und baut allmählich. Er bemüht sich, mit den Nachbarn so zu reden, dah ein Gefühl des Neides bei ihnen gar nicht aufkommt. „Ihr seht doch, dah das Stübchen längst zu klein, zu niedrig ist, ist schon beinahe Gefahr, darin zu Hausen." Dann fügt er noch hinzu, dah er das neue Haus keineswegs für sich allein beanspruche Er nehme noch Untermieter hinein, ein junges Ehepaar. Möge es mit Glück für alle Teile werden. Er möchte sich mit keinem Überwerfen. Es sollen keine bösen Nachreden, sondern nur Segenswünsche in die Balken und Wände eingebaut werden ... Nachdem alles bereit ist, läht Salmen Elje Chajim den Zimmermann, den Baumeister des Städtchens, nicht hoheitsvoll zu sich kommen, sondern geht zu ihm hinüber. Elje Chajim, ein kräftiger, grohgewachsener Mann, wohnt mit groher Familie in einem kleinen, niedrigen Häuschen. Salmen wundert sich, dah der Zimmermann, der Baumeister, der alle großen Bauten im Städtchen aufgeführt, selbst in solch kleiner Behausung sitzt. Er denkt im stillen an das Wort von den „Schustern, die barfuß herumlaufen," aber er spricht es nicht aus; er mochte den Meister nicht verletzen. Elje Chajim stellt sich , zu Ehren des Eintretenden auf und schlägt mit dem Kopf fast bis auf die Balken. Er weih schon den Zweck des Besuches und schmunzelt. Es winkt Arbeit Wr mehrere Wochen. „Setzt euch, Reb Salmen, mir wollen .es besprechen". Elje Ehastm fetzt ihm fachmännisch ausein- Eder. dah man mit Hilfe von drei Arbeitern tue ganze Arbeit im Akkord in vier Wochen schäften kann. Aber er rät ihm, lieber auf Tn ge lohn arbeiten zu lassen und sich sechs Wachen Zeit zu lassen. Es wird dann besser, maUiver, die Wände werden trockener, warmer. Es ist nur eine Differenz von zehn bis zwanzig Rubel. Damit ist Salmen natürlich einverstanden. Das Geld reicht ja sowieso nicht. Da wird er eben bei Nachman, dem Geldverleiher, zwanzig Rubel mehr borgen, natürlich zu hohem Prozentsatz, mit einem „Heter Iskah . . ." Mit dem Bau beginnt man an einem Dienstag, an dem Tage, der „doppelt gut" ist. Es ist ein sonniger, warmer Morgen. Elje Chajim vollzieht die nötigen Messungen mit einer zusammengebundenen Kordel und spricht dabei andauernd zu sich selbst. Die drei Hilfsarbeiter fangen an, die Klötze auseinanderzuwerfen, ohne Eile. Es geht ja auf Tagelohn. Salmen, er hatte schon mit Morgengrauen sein Gebet verrichtet, ist dabei und legt mit Hand an. Er sieht nicht direkt auf die Arbeit. Die Arbeiter sollen nicht glauben, dah er ihnen etwa auf die Finger schaue. Mögen noch ein paar Tage drauf gehen! Ein Haus ist für lange Zeiten, es muh darin das Glück wohnen, für ihn und feine Nachkommen. Schon der Untermieter wegen, des jungen Ehepaares. Es soll in ein Haus einziehen, in dem das Glück ruht> das nicht mit Tränen und Verwünschungen oder auch nur mit Unzufriedenheit gebaut wurde/ Gegen neun Uhr, nach zweistündiger Arbeit, verspürt Salmen Hunger. Allein sich an den Tisch zu setzen, geht nicht an. Er lädt Elje Chajim mit seinen Leuten ein, ins alte Häuschen zu kommen. Der große viereckige Tisch. ist mit einem weihen Tischtuche gedeckt. Cs liegen darauf Brotstücke, und die Hausfrau bringt aus der Küche eine große Schüssel dampfender Kartoffeln. Ein Fläschchen Schnaps ist auch dabei. Salmen schenkt ein: „Nun, Juden, mag es zum Glück sein! . . ." Die Arbeiter sprechen laut den Segensspruch, rufen „Lchajim, mit Masel!" und leeren das Gläschen. Sie gehen hinaus, um sich zu waschen, essen bedächtig, ohne Eile. Salmen weih, es ist kein Verlust, sie sollen mit Liebe arbeiten. Ein Haus ist für immer, und ein böses Wort oder ein unehrlich verdienter Rubel kann das Ganze schon im Fundamente ruinieren. So geht es Tag für Tag, sechs Wochen lang. Cs kommt kein häßliches Wort über Salmens Lippen, nichts aus feiner Hand, was nicht absolut ehrlich und redlich ist. Er fühlt, er wächst mit seinem Hause. Er wird ein Gerechter, ein Heiliger. Cr schämt sich fast dessen ... Nun ist das Haus fertig, die Arbeiter bis auf den letzten Groschen bezahlt und es gibt noch einen herzhaften Schluck zum Abschiede. Für die letzten Rubel, die von der Anleihe bei Nachman übrig geblieben sind, wird Einweihung gefeiert, an der Verwandte und Nachbarn und viele arme Leute, Durchwanderer, teilnehmen. Salmen ist glücklich, im Gefühle, dah er sich ein Heim in Frieden und Ehrlichkeit errichtet hat. Erst am zweiten Morgen, als Nachman, der Geldverleiher, herunterkommt, um das neue Haus zu besichtigen,. gibt es Salmen einen Stich ins Herz. Erst jetzt wird ihm inne, daß das Haus zum größten Teile noch Eigentum des Geldverleihers ist. Er hätte gern auch für Nachman ein freundliches Wort, aber es geht mit dem besten Willen nicht. Es scheint ihm, als würde Nachman lächeln und dessen Wortebekommen in Salmens Ausdeutung den Sinn, als spiele er auf sein Eigentumsrecht an . . . Da beschließt Salmen, alles in den sechs Bauwochen Versäumte nachzuholen. Er muß; jetzt doppelt arbeiten, um den letzten Schatten^ der sich auf das Glück seines Heimes gelegt^ abzuwenden. Als nach einigen Tagen das junge Ehepaar das eine Zimmer bezieht, sagt Salmenr „Das Haus ist noch nicht schuldenfrei, aber frei von Schuld und Unrecht. Es hat Liebe und Gerechtigkeit zum Fundamente.. Die Arbeiter bekamen Tagelohn. Kein böses Wort haftet diesem Hause an." Und Salmens Weib ergänzt: „Die Späne, die von den Balken abfielen, erhielten Me' Armen, um damit zu feuern, und sie segneten das Haus. So werdet auch Ihr in diesem Hause eine Ehe in Glück und Frieden führen." Vom Handgeld, das er vom Ehepaar erhält, bezahlt Salmen die Schuld an den Chederrebben seines Jüngsten; den Rest trägt er zu dem Geldverleiher. Und er trägt jeden Freitag nach Abschluß der Handelswoche etwas hin. Nachman führt keine zweideutigen Reden mehr. Er schmeichelt und hat sogar schon leisen Wunsch für Salmen auf seinen Lippen. Das beruhigt Salmen vollends, und er denkt, es gibt im Grunde keine schlechten Menschen auf der Welt. Und wenn Salmen abends aus dem Beth Hamedrasch, wo er nach dem Handel des Tages die Dämmerstunde in Gebet und Lernen verbringt, heimkehrt, leuchten ihm durch die neuen in frisch gestrichenem Nahmen ruhenden Fensterscheiben seines schönen Holzhauses von beiden Seiten zwei Petroleumflammen entgegen, die eine aus dem Zimmer des jungen Paares. Und Salmen weiß, es ist das Glück, erworben durch Ehrlichkeit und Redlichkeit, das ihm aus seinem Hause entgegenleuchtet. Der erste .... (Eine wahre Begebenheit.) Es war an einem Sabbatmorgen im Städtchen, da die ganze Gemeinde in der „großen Schul" den Worten des Vorlesers aus der Thora lauschte Da wurde die Türe jäh aufgerissen und mit einem Schrei; der sich . wie ein Hilferuf aus Lebensgefahr anhörte, stürzte jemand in die Synagoge: „Rüben hat seinen Laden geöffnet." Im ersten Augenblick stand alles wie versteinert da. Der Vorleser hielt mitten im Satze an und konnte nicht weiter. Aller Augen richteten sich nach dem Platz, wo sonst Rüben, der Eisenkrämer zu stehen pflegte. Der Platz war frei. Es' hatte schon von Anfang an manchen befremdet, dah Rüben, der wohlhabende Kaufmann und angesehene „Val Habajis" heute nicht zum Gottesdienste gekommen war. Die Verblüffung dauerte aber nur wenige Minuten, und ihr folgte eine unbeschreibliche Erregung. Wie auf Kommando stand alles auf, legte Talis ab, schloß Lhumisch und Gebetbuch und stürzte' zur Türe hinaus. Kein Feueralarm hätte so rasch die Synagoge zu leeren vermocht wie diese unfaßbare Kunde. Manche vergaßen in der Aufregung, das Talis abzulegen und liefen so, in Weih gehüllt, das Samtkäppchen auf dem Kopfe, über die Strahe. Line ganze grohe Gemeinde, Mt und Jung, Männer, Frauen und Kinder, bewegte sich zum Schreckensplatz, zum Laden Rubens, dem ersten, der am Sabbat seine Tore geöffnet hatte. Und als die aus der „großen Schul" ankamen. fanden sie dort bereits eine grohe Ansammlung, die den ganzen Bürgersteig und ein gut Teil der Strahe einnahm. Im großen Bögen ständen die Menschen und schauten starren