Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-09-24 · Heft 39 (24.9.1925) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 39 (24.9.1925)
Date
1925-09-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450375--72541-2529920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

BT Der Israelit mm Lin Rosch-Haschono bei Rabbi Israel Salanter. Nach Aufzeichnungen bearbeitet. (Schluß.) Die Ansprache Rabbi Israels in der Schul halte aber auch ein dramatisches Nachspiel. Als der Rabbi gegen Schluß von den D o r f l e u 1 e n sprach, die die Erziehung ihrer Töchter »er? nachlässigten. kam aus einer Ecke heftiges Weinen. Dort stand Chajim, der kleine Milchpächter, dem mit .den Worten eine Liefe Wunde im, Herzen ausgerissen wurde. Alles in der ' Synagoge kannte den Grund dieser Tränen. Eljajims Tochter, im Dorfe großgezogen, stau)) vor der Taufe. Ein Bauernbursche hatte es ihr angetan. Das gebrochene Herz der Eltern ließ sie kalt. Zwei Tage vor Iom Kippur hatte es Chajim mit seiüer Tochter fertig gebrach t, daß sie mit ihm in die Stadt zu Rabbi Israel kam. Rabbi Israel ließ den Ortsrabbiner und auch meinen Vater zu sich bitten, damit die Sitzung die Form eines Beth Din bekam. Und ich durfte wieder mit. Das ganze Städtchen belagerte das Haus und wartete neugierig und ungeduldig auf den Ausgang der Sache. Mir steht das Bild heute noch so vor Augen, als hätte ich es /.erst gestern erlebt. Chajim. ganz gebückt und zu Boden gedrückt, fleht händeringend: „Rabbi, rettet mir mein End!" Neben ihm ein hochgewachsenes, kräftiges Mädchen, nach Art der Bauernmädchen mit einem bunten Tuche den Köpf bis zu den Augen bedeckt, groß, hochaufgerichtet und bewegungslos wie eine Statue. Rabbi Israel wendet sich an das Mädchen mit freundlichen Worten: „Nun. sage doch, Tochter, die volle Wahrheit, du willst Eltern und Glauben verlassen, um einen jungen Bauern zu heiraten." „Nein", stampft das Mädchen auf, „Ihr irrt euch Rabbi. Ich verlasse meinen Glauben nicht wegen der Heirat, sondern weil ich ihn verachte, ihn hasse, diesen Glauben. Ich bin unter Christen aufgewachsen und ich weiß von der jüdischen Religion nichts, höchstens nur soviel, daß meine Eltern, obwohl fanatisch fromm, ihr Lebtag darben mußten. Ueberdies höre ich sie andauernd seufzen, sich bangen und sorgen wegen der zukünftigen Welt. Sie haben von dieser Welt nichts und zittern vor der kommenden Welt. Wie ist es doch ganz anders bei unseren Nachbarn. Sie leben alle, tanzen, singen und trinken. Und in der Kirche, in die ich schon lange jeden Sonntag hineingehe, gibt es Gesang und Orgelspiel und der Pfarrer spricht von der zukünftigen Welt als von einem Paradies, das jeden erwartet. Er zeigt uns den Himmel auf Erden. Ich sehe, wie dort jeder Sterbende von seinen Sünden befreit wird. Ich will nicht mehr in dieser Finsternis verharren, ich will ins Licht. Meine fanatischen Eltern jagen mich aber, wenn ich übergetreten bin, aus dem Hause, so bleibt mir nichts anderes übrig, als den jungen Bauern zu heiraten." Es dauerte eine ganze Weile, bis Rabbi Israel das Wort zur Beantwortung dieser Anklagen fand. Dann widerholte er ihre Worte Satz für Satz und widerlegte sie in Wendungen und Bildern, mit Gleichnissen und Beispielen, die sie verstehen mußte. Zuletzt mußten wir alle, bis auf den Vater, das Zimmer verlassen. Mehr wie eine Stunde hatte Rabbi Israel auf das Mädchen eingesprochen, ohne daß nur ein Ton nach außen drang, so leise, so milde waren seine Worte. Und die Drängenden und Neugierigen draußen, die sich ans Fenster hängten, wollten gesehen haben, wie das Mädchen nach Schluß der Rede Rabbi Israels ihren Vater umarmte... Chajim der Milchpächter mußte in der Stadt bleiben und Rabbi Israel sorgte dafür, daß er sich hier eine kleine Existenz errichten konnte. Die Tochter verheiratete sich nach den Feiertagen mit einem schlichten jüdischen Handwerker, mit dem sie, da Rache und Verfolgung der Dorfbauern zu erwarten war, bald darauf nach Amerika auswanderte. : - * * Mter den Männern, die bei der Predigt Rabbi Israels laut schluchzten, war auch einer, den. man „Motte Feiwe, der Baalteschuwoh" nannte. Die Tränen, . so sagte man, galten früheren Sünden. In den letzten Monaten dürfte er keine mehr zu bekennen haben, und man erzählte sich folgende Geschichte: Motte Feiwe, der Flickschuster, stand nicht gerade in großer Achtung im Städtchen. Daß er sich über Gesetz und religiöse Vorschrift gröblich hinwegsetzte, war noch das wenigste. Man fürchtete ihn als Angeber bei der Behörde und ging ihm gern aus dem Wege. Er lebte, da sich Kunden nur selten zu ihm verirrten, in der Hauptsache von Erpressungen. Eines Tages geschah es, daß Rabbi Israel bei nassem Wetter am Strande einen Defekt an seinen Schuhen entdeckte. Cs war Abend geworden, und als er am Häuschen von Motte Feiwe vorüber ging und noch Licht darin erblickte, trat er ein, zog den Schuh aus und bat Motte Feiwe. er möchte ihn gleich reparieren. Motte Feiwe, ganz betroffen beim Anblick des Rabbi in seinem Hause, das seit Iahren von keinem anständigen Menschen mehr betreten wurde, erhob sich erschrocken und verlegen, sah sich die schadhafte Stelle an der Sohle an, dann aber wies er-auf das Licht im kleinen Petroleumlämpchen hin: „Rabbi", sagte er verlegen, „Gern will ich die Reparatur machen, aber nur solange das Lämpchen brennt. Es ist nur noch ein wenig Oel darin, und ich habe sonst keines im Hause." Der Schuster setzte sich an die Arbeit und Rabbi Israel auf das andere Bänkchen zu ihm. Den Kopf in beide Hände gestützt, fing Rabbi Israel nach einigem stillen Nachdenken in seiner eigenen, bis tief an die Seele gehenden Melodie an: „Solange das Lämpchen brennt, kann man reparieren.-—" „Ein Licht Gottes ist des Menschen Seele! — — —" „Und so lange das Lämpchen brennt, kann man, kann man.-——" Und so immer und immer wieder, Worte, Bibelsätze, Mahnungen wie an sich selbst, immer in den Refrain ausklingend: „So lange das Lämpchen brennt, kann man noch gutmachen." Als der Schuster mit der Flickarbeit fertig war, brach er in bitteres Schluchzen aus. Er hatte es verstanden... Und auch er wollte an sich wieder gutmachen, solange das Lämpchen brannte, das Licht seiner Seele. -- Am zweiten Morgen sah man den Flickschuster, zum größten Staunen aller, schon lange vor Beginn des Gottesdienstes in der Schul mit einem Psalmbuche in der Hand. Und so sah man ihn jetzt Tag für Tag, morgens und abends. Er fehlte bei. keiner Belehrung und bei keinem Gottesdienste und legte Zich jede Art von Buße auf, die ihm anempfohlen wurde. Rabbi Israel sorgte dafür, daß tzr das Vertrauen der Leute in der Stadt gewann und sich von seiner ehrlichen Arbeit ernähren konnte. An jenem Roschhaschono stand er schon als Motte Feiwel, der Baalteschuwoh, da und weinte still vor seinem Gotte. Einer der Vielen, die Rabbi Israel gemacht .... Dr. Seligmann Baer. Zu seinem 100. Geburtstage. Von. Lehrer Sulzbacher in Biebrich a. Rh. (Schluß.) Vor dem Erscheinen dieser Bibel erfolgte unter Vermittlung von Tischendorff im Iahre 1874 im Verlage von F. A. Brockhaus die Aus-, gäbe des hebräisch-lateinischen mVitri “iöö -Psalteriums und im Iahre 1879, nachdem Prof. L. Strack mit Baer befreundet wurde, mit diesem gemeinschaftlich v'vvvn ’p’npn nsv des Ahron ben Ascher, eine Sammlung grammatisch-masoretischer Lehrgedichte mit Erläuterungen versehen. So hat der bescheidene Gelehrte, ohne es angestrebl zu haben, auf Gesinnung, ja Geistesrichtung eines Franz Delitzsch eingewirkt, die ihn bei aller Selbständigkeit des Denkens und Forschens diese seine Stellung zum Judentum und zur jüdischen Literatur hat einnehmen lassen, und so ist auch Prof. Stracks mannhaftes, mutiges und unerschrockenes Ein- und Auftreten zu unseren Gunsten durch viele und starke Fäden mit der schlichten Gelehrentstube Dr. Baers verbunden, um dessentwillen wir beide christlichen Gelehrten mit Recht zu den nivirr •>*pon zählen. So sehr und so viel auch Dr. B. mit seinen biblischen und masoretischen Arbeiten beschäftigt war, so mußte doch nebenher — wie er sich in einem eigenhändig verfaßten Lebensabriß ausdrückt — immer eine Arbeit für die Buchdruckerei und für den Verlag von Lehrberger in Rödelheim gehen, und allerlei Arbeiten, welche praktischen synagogalen Zwecken dienten, bis auf die jährliche Herstellung eines. Taschenkalenders nV? — B. war auf dem Gebiete des jüdischen Kalenderwesens ebenfalls Meister — mußten das ihrige dazu beitragen, seine zahlreiche Familie zu erhalten und ihm die Anschaffung der für seine wissenschaftlichen Studien nötigen Hilfsmittel zu ermöglichen. Wohl kaum ein Gebet- und Andachtsbuch haben wir heute in Händen, das nicht durch V. herausgegeben und verbessert worden wäre. So erschienen, in kurzen Zwischenräumen: mm tto" axa mrp (s. v.)?ipn -o^n rnKrm An ria^n no 'Nnrm nin'?v 'Xnipni nsivn nan nasrcnn rnsrnt? u. v. a. Von den angeführten Werken ist wohl das im Iahre 1868 erschienene ViOtt» mmlmo das praktischste und wissenschaftlichste, das heute von keinen! Vorbeter vermißt werden möchte, ein Zyklus der synagogalen Hauptgebete, historisch wie sprachlich durch einen ausführlichen Kommentar erläutert. Dr. Seligmann Baers Name war durchs sein rastloses wissenschaftliches Forschen und Urbeiten in und außer Deutschland rühmlichst bekannt' geworden,- bildete doch seine stille und bescheidene Studierstube Iahrzehnte hindurch die Sammelstätte vieler und großer jüdischer und christlicher Gelehrte auf dem Gebiete der hebräischen Grammatik und Bibelforschung. So gingest im Hause Baers ständig ein und aus, oder stanoen in ständigem Schriftwechsel mit ihm, Männer wie Delitzsch, v. Tischendorff, Zunz, Berliner, Frensdorfs, Strack, Kautzsch, Wickes-Oxford u. v. a. Dr. Baer blieb trotzdem der bescheidenste Mensch, der jeder Ehrung aus dem Wege ging: doch «2 Tnan «pvi — die ^Ehrungen verschiedenster Art erreichten ihn doch, und so war es ihm vergönnt, vielerlei Freuden zu erleben und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.