Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-09-24 · Heft 39 (24.9.1925) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 39 (24.9.1925)
Date
1925-09-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450375--72533-2529912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

66. Jahrgang. 24. September 1925 Frankfurt a. m, bm 5686 i Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Nr. 39 Oer Israeli Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum Abonnement ah Jtznuckr 1884: Deutschland 1 Golhmart monatlich; Ausland: Viertel» lahrpretfe (entsprechend "— . -**--Ä~YXJt jottbes) Deutsch-L! " t dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Ber» 7.8V Li't.; RümLnie»30Ü Sei; Polen 4 deutsche ______,, Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Elowatei 88 Kronen; Unyarn 80000 Kronen; Dänemark 8 Krone»; Norwegen S Kronen; Schwede« 8.80 Krone«. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint teden Donnerstag. Inserate 40 Goldpf. für die stehengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 8V Pf. Die 78 am» breite Retlamezeile: letzte Textseite 1.80 Ml., vorletzte Textsette 8.— Mt.; Ehiffregebühr in Söbe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende» Jnserataufträgen tarifm. Preiserhöhung J" - - - -- ' ‘ * ‘ Verlag des Israelit D.m. b. Ä.. Franks. sow. durch sämtt. Annoncen-Erped. desI. — .. . TefchSftsa»,eigen: am. Skhmivt, Üangestrage 7, N, Platzvorschriften ohne Verbindlich Erankf. chkeit. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Rr. 18808. — Außerdem an: Postsparkasse Wie» Rr. 78808 — Postsparkassenamt Budapest Nr. 18484 — Postscheckkonto Warschau Nr 180787. - Postscheckamt Zürich Nr. VM 7884 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 8« 888 — Böhmische Nnionbank in Prag —Lene» Marmwosch Blank & Co. in ■ -Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. " Abonnemenksgebühren für das vierte Quartal. Wir ziehen die Abonnementsgebühren für das vierte Quartal vom 1. Oktober ab, wie üblich, durch Nachnahme ein und bitten unsere verehrt. Leser um prompte Einlösung. F r a n k f u r t a. 211, 24. September 1925. Verlag des „Israelit" G. m. b. H. Gemeinschaft und Gesellschaft. Von Arnold Merzbach in Frankfurt a. 2tt. Gedanklicher Unterbau. Die -Bestimmung der jüdischen Nation, ihre Unterstellung unter den Willen des Schöpfers, umfaßt die Forderung trjna m5an und vnp ’w zu sein.. Nicht an zwei, sondern an drei 'Träger der Volksstruktur appelliert der Ruf, der vom Sinai zum Moschiach führen soll. I. itPtab — das jüdische Individualitätsziel: sich priesterlich ganz Gott zu weihen. Wer aber glaubt, daß durch das Zusammensein vieler Individuen schon der Begriff der Gemeinschaft zustande komme, wer folgert, daß die Gestaltung einer Gemeinschaft nur der Gestaltung ihrer Menschen und der Beziehungen dieser Menschen zueinander bedürfe, — der hat die Gemeinschaft nie erlebt, und er versteht nicht den Begriff: jtmp m Dem soll die Gedankengrundlage einer neuen philosophischen Lehre, der „Gestaltsth e o r ie " des Berliner Professors Mar Wertheimer die Antwort geben: Eine Melodie ist mehr als die Summe ihrer Töne. Ein Neues ist sie, das zu einer Eigengestalt verschmolzen ist und eine Eigenseele hat. Die Melodie gibt uns mehr Wohlgefühl, als es die Aufeinanderfolge ihrer Töne je vermochte. Und . die Melodie ifh: auch nur begrenzt äb* gängig von ihren Tönen: nimm ändere Tonlage und ander e Töne nimm nur d a s - selbe Verhältnis unter ihnen — — und es entsteht dieselbe Melodie und dieselbe Wirkung! So ist auch eine Gemeinschaft mehr als der Kreis, der die Glieder und ihre Beziehungen in derselben Ebene zusammenfaßt — ein organisch Neuartiges ist sie in einer höheren Ebene mti Eigenseele und Eigengestalt! Sollte uns Juden dieser Gedanke nicht längst schon vertraut sein? Denn ist nicht der Begriff des Minjan, der aus zehn Einzelnen eine my macht, uns selbstverständlicher Ausdruck dessen, daß es eine höhere jüdische Gemeinschafts gestalt gibt? Sind nicht Keduscho, Borchu und Kaddisch uns alltägliche Begriffsbildung, daß außer uns und zwischen uns eine Gemeinschaftsseele lebt? Und hat nicht die Gedankenwelt unserer prophetischen und chassidischen Denker in klängen wie Kenefses Iisroel und Besulas bas Zion unsere Gemeinschaft längst in die Sphäre, nicht nur poetisch-gedachten, Eigenlebens emporgehoben? Wenn es neben dem Einzelleben also ein Leben des Gemeinschaftskörpers gibt, dann muß logisch neben dem Einzelziel auch ein Gemeinschaftsziel existieren. Ein Abtrünniger in der Zehnzahl unseres Minjan bringt in das Gemeinschaftsleben den Mißklang — er, zerreißt es --aber in der Elfzahl geht er unter: zeigt sich hier nicht das Lebensgesetz unseres Gemeinschaftskörpers? Aber ist nicht der stärkste Beweis für die gesonderte Existenz einer Gemeinschaftsidee die Gegenwart selbst, indem sie eine Bewegung erzeugte, die dokumentiert, daß eine Gemeinschaft aus lauter Individuen bestehen kann, die alle dem jüdischen Individualziel folgen und als Gem einschaft dennoch falsch sein kann — weil sie nicht das Eigenziel der jüdischen Gemeinschaft verfolgt, das da heißt: tfHj? — unter den Völkern soll ein Gemeinschaftskörper existieren, dessen Bestimmung die i6a (mit i) geschriebene rttmp ist, dessen Ziel die Heiligkeit in derselben Reinheit und Unverfälschtheit sein sbll, wie sie in der Einheit Gottes, selbst zu finden ist?! . II. Wenn aber Gemeinschaft ein Eigenbegriff ist. wie benennen wir jene Summe der Individuen und ihrer Beziehungen zueinander — jenes Konglomerat Unseres menschlichen Nebeneinanderlebens, das in derselben Ebene liegt wie das Indwidumü selbst? Hier trete der Begriff der Gesellschaft ein! Er ist der Tonleiter zu vergleichen, die die ungeordneten Töne zueinander in ein geregeltes Verhältnis bringt, in eine Ordnung, die aber noch längst keine Melodie bedeutet. Denn wenn wir auf den sprachlichen Klang des Wortes Gesellschaft lauschen, so entdecken wir. daß es nicht nur die Menschenansammlung bedeutet, sondern auch die zwischenpersönlichen Beziehungen mitumfassen will, die der Wille zur Gemeinsamkeit und Ordnung schuf, . damit sie diese regulieren: . als Sitten und Gebräuche, als Gewohnheiten und Gepflogenheiten, als Gesicht der Zeit, als Geistesrichtung. Gesellschaft also ist eine Richtungsordnung der Individuen zwischeneinander. Der gemeinsame Wille, aus dem die Richtung dieser Ordnung entsteht, ist das Charakteristische für die Gesellschaft. Es gibt eine eigne Gemeinschaftsidee, aber es gibt keine eigne Gesellschaftsidee: denn diese ist die Idee der Individuen selbst, die an ihr teilnehmen. Gemeinschaft und Gesellschaft — es ist derselbe Unterschied wie zwischen Recht und Sitte, zwischen Din und Minhag. Das Recht ist Gemeinschaftsgrundlage, die Sitte jedoch Gesellschastsschöpfung. Es kann nicht ein Jude seinen eigenen Minhag haben, der Minhag hängt vom gemeinsamen Millen der Gesellschaft ab: der Dist als Gemeinschaftsbildner jedoch greift tief ' in sein Leben ein. Wenn unser Gedankengang zutrifft, daß der dritte Träger einer Volksstruktür seine Gesellschaft ist. so kann in der Iudenheit der gesellschaftsbildende Wille nicht außerhalb des .Willens des Judentums stehn. Er kann nicht einmal der zufälligen Entschließung der Gesamtheit unterstehen. Es karck. also in der Iudenheit nicht die Demokratie der>Hesellschast geben, die ihrer Mehrheit ihre GesellKaftsgestaltung überläßt. Und jede Gemeinschaftennd jede Gemeinde-, die ihre Gesellschaftsordnung ä,l s Prioatsache lern Willen des Einzelnen und demTWillen des Zufalls überläßt, sündigt'gegen den. Willen des Judentums, denn sie öffnet ihre Tore dom Eindringen der Kimilaffon, . der Angleichung unserer Gesellfchaftssittm an die Sitten um uns, die oft nicht die SWen des göttlichen Willens sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.