Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1925)
- Date
- 1925-09-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 38 Der Israelit 17. September 1925 zum ersten Male ein solches „Masien-Krankenheim" besuchten. Vieles konnte ich auf ihnen lesen: Trauer und doch Freude!, Mitleid und doch Selbstbewußtsein!, Mutlosigkeit und doch Stärke!. Ich selbst muß es gestehen: auunach bewegen immer wieder diese Gefühle, wenn ich wöchentlich diese Stätte betrete. Knapp vor uns liegt ein schwerkranker, junger Mensch, im Fieber sich windend. Vor ihm ein bleiches, kleines Mädchen, wohl seine Schwester; wendet kein Auge von ihm ob; sie wartet bis er seine Lider öffnet und ist glücklich als der Kranke — ein Lebenszeichen — nach Wasser verlangt. Mitleidsvoll ziehen wir weiter und haben innerlich bewegt unser tröstendes am» aipan Vsrw» »bin iwi ihm zugeflüstert. Ein Mann in den mittleren Zähren mit langem, schwarzen Bart winkt uns an fein Bett. Eben ruft er uns einige Worte zu, etwas unverständlich für Einzelne; er scheint kein Deutscher zu sein — auch egal — ein Jude, ein Bruder. Er fängt unsere Blicke gierig auf; er hat sonst keine Verwandte am Platze, die ihn besuchen. Wir sind seine Verwandten! Wie freut er sich, wie strahlt sein Gesicht, wenn er uns feine Geschichte erzählt und unser Mitempfinden spürt. Er fragt, wer uns geschickt? Eine schüchterne Stimme ruft besangen: "i-rnv» rvrmr, ein anderer sagt richtig: npa n«» Er gibt uns die Adresse seiner Familie, die auf Nachricht des kranken Vaters wartet; wir berichten gerne Gutes. Der Kranke entläßt uns mit einer mm und mit der Bitte, daß wir bald wiederkommen. Jüdische Laute klingen an unser Ohr, ein Stimmenwirrwarr umgibt uns, wenn wir ans nächste Bett treten. Es fällt uns schwer, den Menschenknäuel zu durchbrechen. Ein Jeschiwo-Bochur hat Besuch von seinen a»-on- Die kurze Sprechstunde dient ihm zu halachischen Auseinandersetzungen mit den Lernenden. Ob wir sie unterbrechen sollen, unserer „Krankenstudien" wegen?; ich glaube nein! Doch man scheint unseren Namen zu kennen, denn wir werden vom Kranken selbst gerufen und er gibt uns leise zu verstehen, daß seine letzte Miete noch zu zahlen sei. Wir nehmen ihm gerne diese Sorge ab und wollen seinen Wunsch erfüllen. Ein Siebziger mag es fein, der uns jetzt mit zitternder Stimme ruft. Ich kenne ihn. Vor ein paar Wochen erst ward er wegen eines Unglücksfalles ins nicht-jüdische Spital eingeliefert. Hilflos lag er dort, in fremder Umgebung. Keiner, der ihm helfen konnte, kein Angehöriger, der und ihm brachte, keiner, der für Verpflegung sorgte. Der wöchentliche Telesonanrus, der uns die jüdischen Patienten nominiert, brachte uns seinen Namen, und so gelang es uns, seine Verlegung ins jüdische Krankenhaus zu veranlassen. Er weiß uns ewig Dank dafür. Neben ihm ein kleiner Junge liest die „Illustrierte". Er fährt zusammen als er uns erblickt, denn er hat keinen Besuch erwartet. Er ist nicht in seiner Heimat. Seine Eltern haben ihn in die Fremde geschickt und er verdient sich sein Stückchen Brot recht schwer. Die langwierige Krankheit hat ihn etwas aus seiner Gedankenlosigkeit aufgerüttelt; so zeigt er schon etwas Verständnis, als wir mit ihm über einfach-jüdische Themen sprechen. Er bittet uns, ihm Lektüre zu verschaffen, von „Schachnowitz" oder „Judäus", die ihn mit der jüdischen Gedankenwelt vertraut machen. Wir geben diesen Auftrag der eben eintretenden Schwester weiter;.. sie kann aber dieser Bitte nicht entsprechen, da eine Bibliothek 'nicht vorhanden ist. Sie selbst bedauert es, denn fast jeder Kranke hat denselben Wunsch — Bücher! Sie glaubt, es bedürfe nur eines einfachen Hinweises in den jüdischen Zeitungen, um die Oeffentlichkeit für die Schaffung einer sogenannten „Kranken-Bibliothek" zu gewinnen. Da klingelt's.-Die Besuchsstunde ist zu Ende und wir waren doch erst eben gekommen. „Wann gehen wir wieder"? fragt ein kleiner Begleiter. Die Antwort bleiben wir ihm alle schuldig. Wir stehen noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten und hätten so gerne noch heute mehr erlebt. Doch die Kranken sollen ihre Ruhe haben; wir müssen den strengen Vorschriften des Arztes weichen. Wir fassen den Beschluß, diese Stätte öfters: auszusuchen und es soll nicht nur bei Worten bleiben.-- — Licht und Luft umweht uns wieder und wie aus einem Munde sprechen wir Gott Dank aus, da er uns bis heute Gesundheit geschenkt. Wir wußten es Nicht zu schätzen, dieses höchste Gut der Güter und haben es heute gelernt. Wir wußten sie nicht-zu begreifen diese erhaben schöne rra mxa und lernten sie heute kennen. Wir kannten nur unser eigenes „Ich", wir lernten Andere, Bessere kennen.-. Kommt deshalb, Brüder und Schwestern, wo auch immer, mindert mit uns das Leid Kranker, ertraget mit uns den Schmerz der Bedauernswerten, gibts schönere mix«-? Hier lohnt sie uns keiner— einst — Gott. Uinderecke. Jehuda Halevi. Bon Heinrich Reuß. (Fortsetzung). Aus dem „Zionslied". Willst Zion, du nicht entbieten Den Flüchtlingen den Gruß und Frieden, Der Herde Rest, die weit versprengt Und Dein in warmer Liebe denkt? Auch ich, der Sehnsucht Fesseln tragend, Und Deinen Fall mit Tränen klagend, Ach, strömten sie auf Deinen Höhn! Auch ich will Heil für Dich erstehn! Ob Deines Elends gleich' ich Eulen, Die an den Trümmern klagend heulen. Träum' ich, daß Du erreicht Dein Ziel, Dann tönt's in mir wie Saitenspiel. Das wäre Lust, daß ich ergieße. Die Seele dort, bis sie zerstieße, Durchs Land zu wandern fort und fort, Wo Sehern einst erschien Dein Hort. O Lust, ich küßte Deinen Stein, Und Deinen Staub, ich schlürft' ihn ein, Ich stünde an der Väter Grabe, An Hebron ich die Seele labe. Der Seele Speis' find Deine Lüfte, Des Bodens Staub voll würz'ger Düfte, Das Wasser, das Dein Strom mir beut, Ist Homgsam an Süßigkeit. Lust wär's, nackt, barfuß zu betreten, Des Heiligtums Trümmerstätten: Wo Cherubim, wo Lade stand, Da würf' ich von mir eitlen Tand. Würd' hadern auch mit dem Geschicke, Verwünschen seine grimme Tücke, Daß Ruhmgekrönt' es hat entweiht, Und Löwen sind der Hunde Beut'! Könnt' ich da froh sein, und gesunden, Soll mir da Trank und Speise munden, Kann mich das Tageslicht erfreu'n, . Wenn Raben Adlern siegreich dräu'n? Doch strahlst du, Zion, noch in Schöne, Noch sind mit Dir verknüpft die Söhne, In Deinem Heil sind sie beglückt. In Deinem Wehe tief bedrückt. Wenn sie zu Gott Gebete senden, Sie schau'n nach dir aus Kerkerwänden: Wenn auch zerstreut auf Berg und Tal, Sie denken Dein in Bann und Qual. / Dem Manne Heil, der harrt in Treue, Vis einst Dein Glanz erstrahlt aufs neue! Dem Manne Heil,- der's mitgenießt, Wenn wieder Jugend Dir ersprießt! 3. Jehuda Halevi als Religionsdenker. Wie als Dichter, so leuchtete Jehuda Halevi als ein Mann hohen Denkens und tiefer Erkenntnis hell aus der Vergangenheit in die Gegenwart herüber. Ueber die höchsten Fragen des Lebens und Glaubens, über Israels große Bestimmung und lichtvolle Zukunft sannen feine Gedanken. „Mit welchen Gründen," fragte er sich, „kann Israels angegriffener, unterdrückter Glaube verteidigt, kann Judas Glaubenstreue und Standhaftigkeit gestützt werden; mit welchen vernünftigen Erwiderungen können die übermütigen Spott- und Hohnreden der Mohammedaner und Christen, als sinnlos zurückgewiesen werden, daß Israel von Gott verstoßen und endgültig verlassen sei?" Die Erzeugnisse seines denkenden Geistes enthält sein in arabischer Sprache verfaßte Werk „Al Chasari (Kusari)", das die Bekehrung des Chazarenkönigs Bulan zum jüdischen Glauben zum Gegenstand hat. Wer waren die Ehazaren? Chasdai ibn Schaprut (940—970), ein Staatsmann des Kalifen Abderrahmen in Cordova, hatte durch Reisende erfahren, daß an der Mündung der Wolga und dem Fuße des Kaukasus das selbständige, mächtige Reich der Chazaren unter einem jüdischen König blühe. Die Freude über diese Nachricht und der Stolz darauf, daß Israel doch nicht so ganz Herren- und machtlos sei, veranlaßte ihn, mit dem König der Chazaren in einen Briefwechsel zu treten. Auf feino Anfrage erwiderte ihm der Chazarenkönig Joseph, der König Bulan habe sich vor zweihundert Jahren vom Heidentum zur jüdischen Religion bekehrt. Er selbst und sein ganzes Volk feien treue Bekenner der Lehre Moses. (Ein halbes Jahrhundert nach dem Tode des^ jüdischen Staatsmannes erlag das Chazarenreich dem siegreichen Vordringen eines russischen Großfürsten.) (Fortsetzung folgt.) Schofar mahnt... Von Hermann Seckbach. Die Schosar-Töne. liebes Kind, Eine Ermahnung für uns sind, In Gottes Wegen stets zu wandeln. Und nach seinem Gebot zu handeln. ' Brav und folgsam immer hören, Und auch lernen, zu — entbehren, Gar manches läßt sich wohl erriügen, , Doch mutz zuvor man — Opfer bringen! So wie Abraham es gemacht, Als auf Morija er Jizchok gebracht, Und weil willig gingen Vater und Sohn, Winkte-ihnen reicher Lohn. Das Schofar will uns mahnen, Fromm zu bleiben, wie unsere Ahnen, Immer nach Gutem und Edlem zu streben; Dann wird uns Gott Abrahams Segen geben. Weiser Mann sorgt vor . . . Es mutet, liebe Kinder, etwas komisch an. Euch zu Roschhaschono vom Purim zu sprechen. Allein: "Weiser Mann sorgt vor" und „Früh übt sich, wer Meister werden will" und wie sonst noch all diese hübschen, weisen Sprüche heißen. Ich weitz nämlich, wie gern ihr Purimtheater spielt und wahrscheinlich schon gleich nach den Festtagen Euch nach geeigneten Spielen umseht. Darum lenke ich jetzt schon Euere Aufmerksamkeit auf ein Purimtheaterstück von A. Leßler, das gerade jetzt zu Roschhaschono im Verlage „Haseled", Berlin. Charlottenburg '4, erschienen und von dort für Mk. 2.20, zu beziehen ist. Cs ist für Kinder von 6 bis 12 Jahren befümmö Schon die Umhüllung bietet euch eine angenehme Ueberraschung. Sie besteht nämlich aus einem farbenfrohen Bilderbogen auf Hartpapier, aus dem alle fünf Personen der Megillah mit aller Würde ihrer Stellung in buntesten Gewändern prangend, zum Ausschneiden bereit dastehen. Innen liegt der Text, oder richtiger Texte, denn das Theaterstückchen ist in zwei Ausführungen gehalten, einer gut deutschen und einer jiddischen in hebräischen Lettern. Text und Bilder einen sich zu einem Kasparlitheater. das den Kleinen und Kleinsten viel Freude machen wird. Ls ist ausschließlich Lache der Leser, die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgesehtichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. CAFE HANSELMANN KAISERGARTEN gegenüber dem Opernhaus Künstler-Konzerte 4—12 Uhr KARL KISSINGER Herrenschneiderei Massanfertigung in höchster Vollendung. ZEIL 123' (Zeilpalast) Tel. Taunus 429 Helle Schaufenster sind die besten Kundenwerber Kostenlose fachmännische Beratung J. Gischler, elektrische Anlagen Gr. Bockenheimerstr. 52—56, Tel. Hansa 5079 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <5. Schach nowitz, Frankfurt a. M.: Inserate i. V.: S. Schack nowitz, ebenda. — Verlag „Israelit'^, G.m.b.Sy, Frankfurt a. M Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.