Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1925)
- Date
- 1925-09-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit wm. '\\mi Ein Rosch-Haschono bei Rabbi Israel Salanker. Nach Aufzeichnungett bearbeitet. Es war am Rösch Haschonoh 5632 (1872). In meinem Geburtsstädtchen Polangen, das an der kurländischen Ostsee liegt, hielt sich damals Rabbi Israel zur Kräftigung seiner Gesundheit aus. Den ganzen Sommer weilte er am Strande und blieb auch über Rosch Haschonoh im Städtchen. Wiewohl seine Gesundheit stark angegriffen war, empfing er doch Besuch und war auf seinen Spaziergängen am Strande immer von vielen Menschen umgeben, denen er Thora und Mussar vortrug. Ich sah damals meiner Barmizwoh entgegen und durfte hinter meinem Vater, der als Dajan des Städtchens zu der Polangener Umgebung Rabbi Israels gehörte, immer hergehen und die Worte des großen Rabbi einsaugen. Keines davon ist mir im ferneren Leben verloren gegangen. Ich erinnere mich noch genau Wort für Wort, wie er seiner Umgebung eines seiner Berliner Erlebnisse erzählte. Er hielt sich gerade, kurz bevor er nach Polangen kam, längere Zeit in Berlin auf. Im Hause eines bekannten Berliner Philantropen wurde er mit einem christlichen Professor von Namen bekannt gemacht, der ihm, Rabbi Israel, große Achtung erwies und auch eine gewisse Verehrung für die jüdische Lehre.zeigte. Nur auf. den Talmud war er nicht gut zu sprechen. Es sei ihm ganz unverständlich, sagte er, daß ein Buch, das so viele tiefe Weisheiten enthält, zugleich solche unerhörte Uebertreibungen wie die Erzählungen des Raba bar bar Chana verzeichnen kann. Da werde von einem Vogel erzählt, der mit seinem Kopf bis zum Himmel reichte und ähnliches mehr, was eher ins Märchenbuch als in den Talmud hinein gehörte. Rabbi Israel, der übrigens, wenn es nötig war, ein reines verständliches Deutsch sprach, klärte den Herrn Professor kurz über das Wesen der talmudischen Agada auf, in der stets tiefer Sinn enthalten ist. „Ist uns etwas gar zu unverständlich und wundersam, so denken wir daran, daß die Weisen der | talmudischen Zeit oft gezwungen waren, in Zeichen und Rätseln die Wahrheit zu verkünden. Die Rätselsprache, ihrer Zeit verständlich, heute zu lösen, bleibt den Kommentatoren Vorbehalten." Da der Herr Professor noch einiges einzuwenden hatte, erzählte im Rabbi Israel: „Als ich nach Berlin herüber kam, las ich in einer deutschen Zeitung vom deutschen Adler, der von Metz bis Memel, seine Flügel ausbreite. Ich staunte über diese unsinnige Angabe. Da sagte mir mein Freund, ein Deutscher, mit dem deutschen Adler sei das Deutsche Reich gemeint, das jetzt, nach dem Siege von 1871, sich von Metz bis Memel, von den Vogesen bis zum Njemen erstrecke. Wie aber, wenn nach Jahrtausenden, wenn all diese politischen und geographischen Voraussetzungen vom Wellengang der Geschichte längst weggespült sind, diese Zeitungsnotiz Jemand zu Gesicht bekommt und er sich lustig macht über die dummen Germanen, die an solchen Seevogel glaubten. . . Der Herr Professor reichte dem Rabbi die Hand. Die. Erklärung war vollkommen überzeugend. Rabbi Israel knüpfte daran die Mahnung: „Antworte richtig und natürlich, ohne Umschweife, wenn du dem Kritiker Rede und Antwort stehst, dann wirst du überzeugen." „Und lasse dir Z e i t mit der Antwort!" „Es eilt ja nicht. Denn „Gelehrte nehmen an Weisheit zu, je älter sie werden. ..." „Darum fällt die Antwort besser aus, je l ä n g e r du damit wartest. Am zweiten Rosch Haschonohtag ließ sich Rabbi Israel ohne Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit bewegen, vor Schoferblasen in der großen Schul eine kleine Ansprache zu halten. Sie setzte sich in meinem kindlichen Gemüte so fest, daß ich sie heute nach mehr denn fünfzig Jahren noch Wort für Wort wiedergeben könnte. Rabbi Israel fing folgendermaßen an: „Obwohl es verboten ist, am Rosch Haschonöh öffentlich Widui zu sagen, so ist es doch angebracht, daß jeder Einzelne für sich sein eigenes für ihn paffendes „Oschamnu" sich vor die Seele führt. „Hier in der Schul", fing Rabbi Israel an, und seine Stimme dröhnte, „sind verschiedene Arten von Juden versammelt. Und jede Art begeht ihre eigenen Sünden, die die andere nicht verübt und nicht verüben kann. Es sind darunter Fabrikanten (Polangen hatte eine große Bernsteinindustrie), die ihre Arbeiter dadurch übervorteilen> daß sie die Uhren zurückstellen, um längere Arbeitszeit herauszubringen. Hier sind auch Arbeiter, die sich auf die Brust klopfen müßten, weil sie in unbewachten Stunden ihre Arbeit vernachlässigen. Es sind Krämer, die in Zweifelsfällen den Kunden zuviel ausschrieben oder sich beständig zu ihrem Vorteile verrechnen, Kinderlehrer, die ihre heilige Arbeit nicht immer mit Freude und Gewissenhaftigkeit verrichten; Schneider, die zu große Stoffreste für sich behalten; Schuster, die schlechtes Leder liefern. Zur Buße gemahnt seien auch die Fuhrhalter und Kutscher, die ihre Pferde schlecht behandeln und mit dem Futter kargen. Und viele, viele Dorfleute sind heute hier, die reuig in sich gehen müssen, weil sie ihre Töchter in Unwissenheit großziehen, daß sie dem Judentum entfremdet sind und mit den Bauernjungen gehen. . . . So gibt es noch mehr dergleichen Sünden, die die einen oder die anderen begingen, Sünden, die nicht in Siddu" und Machsor stehen, aber im „Oschamnu" drinnen, tief, tief im Herzen. . . ." Lautes Schluchzen erhob sich von allen Seiten. Und es schien, als würden in jeder Ecke andere Tränen geweint. Der Rabbi hatte jedem aus dem Herzen sein eigenes „Oschamnu" herausgelockt. Auch ich, der Zwölfjährige, weinte bitterlich. Obwohl ich mir keine von den genannten Sünden vorwerfen konnte. Ich hatte niemals die Uhr vorgerückt, nie Stoffreste zurückbehalten und niemals schlechtes Leder geliefert. Auch hatte ich niemals ein Pferd hungern lasten. Aber etwas drückte mir doch das Herz ab und preßte immer neue Tränen aus meinen Augen. Und am Nachmittag schlich ich mich in die Wohnung des Rabbi und beichtete ihm unter heißen Tränen: „Rabbi, auch ich habe gestohlen." Rabbi Israel wurde ganz bleich. Er kannte mich von meinem Vater her und hatte mich des öfteren verhört und gelobt. „Du, mein Kind?" „Ja, erst gestern stahl ich mir eine „Kaschje" aus dem „Thoras Chajim" und stellte sie meinem Lehrer so, als wäre sie meine eigene." Rabbi Israel setzte sich sichtlich beruhigt. Sein Gesicht bekam wieder das alte, süße Lächeln. Doch blieb er ernst, nahm mich an die Hand und sah mir gradaus in die Augen. Ich durfte sie nicht senken. „Höre, Kind" sagte er, „es ist Gott sei Dank nicht so schlimm, wie ich es nach deiner ersten Aussage befürchtete. Aber recht ist es dennoch nicht. Hat man in ein Buch eingesehen und gibt das Gelesene weiter, so nenne man die Quelle, aus der man es hat. „Die Thora ist keine Krone, um sich damit zu schmücken", heißt es im Perek." „Ueoer allem steht das Thoralernen. Aber das Thoralernen hat auch seine Seele, und diese heißt: Gottesfurcht, Bescheidenheit, Ehrlichkeit.' „Man bringe nie seine Weisheit auf den Markt, um zu protzen, zu glänzen, man spreche nicht s o nur deswegen weil der Andere anders gesagt hat, sondern stets in der einen Absicht, zu belehren, Gottesfurcht zu wecken." Und nun nahm Rabbi Israel einen Talmudtraktat „Sanhedrin" vom Regale und hieß mich, zwei oder drei Zeilen übersetzen, was ich fließend konnte. Es hieß dort: „Gott richtet den Menschen zu allererst über die Versäumnisse beim Thoralernen", Er wies dann auf den Tosefoth zur Stelle, den ich ebenfalls leicht entziffern konnte. Es wird dort auf einen Widerspruch zu einer anderen Stelle im „Berachoth" hingewiesen, wo es heißt, die erste Frage, die an den Menschen vor dem Richterthrone Gottes ergeht, bezieht sich auf die Ehrlichkeit und Redlichkeit im Gehen und Nehmest. Wir lernten die Antwort des Tosefoth durchs Dann fügte Rabbi Israel hinzu: „Diese Antwort ist die richtige. Aber es gibt noch eine, die nicht minder richtig ist: „Sei ehrlich auch im Semen, im Geben und Nehmen, d. h. im Gedankenaustausch beim Lernen. Und dann stimmen die beiden Talmudstellen vollkommen überein." Stolz aufgerichtet, mit den herrlichsten Vorsätzen, verließ ich den Rabbi. Es war aber im Leben nicht leicht, sie immer zu halten.- (Schluß folgt.) •trVimipa (Ein Gang durchs Krankenhaus: eine lehrreiche Betrachtung.) Von G-b. Gott ist Arzt der Kranken, aber Menschen sollen das Ihrige tun, dem Leidenden die Leiden zu mindern, in Ertragung derselben ihm beistehen, durch ihre Teilnahme sie zu erleichtern. (S. R. Hirsch.) In meisterhaft gedrängter Kürze, in wunderbar durchdachten Worten zeichnet uns unser großer Führer m den Pflichtenkreis w?in niDa mxn- Wenn in den letzten Wochen an dieser Stelle wiederholt von unseren Kranken und insbesondere von der materiell schweren Notlage der jüdischen Ppegeanstalten gesprochen wurde, so ist dies zweifellos ein deutliches Zeichen der schweren Zeit, und es scheint tatsächlich dringendste Aufgabe der jüdischen Gesamtheit, hier eiligst Hilfe zu leisten. Bringen wir einmal den Mut auf und versetzen uns froh-gesunde Menschen in die Lage eines armen, schwer Leidenden, wir würden uns sicherlich unserer Pflicht bewußt, und kein Krankenhaus dürfte mehr Not leiden. Doch bleiben wir nicht an der Schwelle des Hauses stehen, nicht im Büro oder Verwaltungsraum dieses Heimes, vertrauen wir uns für einige Augenblicke der Führung eines Eingeweihten an, und begleiten ihn an die Lagerstätte der Kranken und Siechen. Etwas ungeduldig schreiten wir durch die vielen Wege und Kreuzungen, die uns zum Hause führen sollen. Oftmals begegnen wir Kranken, Reconvalescenten, die, vom trauten Kreise ihrer Familie oder Freunde umgeben, die frische Luft in vollen Zügen genießen. Hie und da verschwinden Schwestern in den großen Türen des mächtigen Baues der plötzlich vor uns austaucht. Jetzt sind wir da! Doch halt! wir müssen warten, denn eben heben Samariter einen Schwerkranken aus einem rasch gekommenen Auto und tragen ihn der Treppe zu. Was mag dieser arme Kranke wohl denken, wenn er die Menge Kinder sieht, die sich im Nu um ihn gesammelt, — ob er überhaupt noch denkt? — wird er geheilt selbst den Heimweg wieder antreten? — wann? — oder wird man ihn wieder hinaustragen? — und wohin?! All' diese Gedanken ziehen, blitzschnell durch mein Hirn, während ich selbst ohne ein Auge für die Umgebung weitergehe. Da weckt mich mein Freund aus dem Sinnen, denn wir befinden uns schon im weiten Flur des Hauses; ich hätte das eigentlich merken können, denn eine von Medikamenten und Arzneien dicht geschwängerte Luft schlägt uns seit einigen Minuten entgegen. Jetzt heißt es einen langen, schmalen Gang durchschreiten, zu dessen Seiten der Neugierige durch geöffnete Türen, in Operationssäle, Küche, Veranda und Warteräume erblickt, bis endlich am äußersten Ende wir einen Saal betreten, gefüllt von Betten und — Kranken. Hier bleiben wir stehen und ich beobachte die Mienen meiner jungen Begleiter, die teilweise