Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1925)
- Date
- 1925-09-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 38__ zu bewaffnen, durch neue Taten und starken Willen das Schicksal zu zwingen, 2j?iP 8b '2' denn es gibt kein außer uns liegendes Verhängnis im Judentum. Wenn Israel den Willen seines Schöpfers zu dem seinigen Macht, dann können Sternbilder und Sonnenflecken ihm nichts anhaben. Wer die Lehre des ö'iatp an sich selbst verwirklicht hat, indem er mit alten liebgewordenen Gewohnheiten, mit den ihn bindenden Leidenschaften gebrochen und einen neuen Weg betreten hat, der hat eine Vorahnung von der göttlichen Kraft, die dem bösen Verhängnis noch im letzten Augenblick Einhalt gebietet. Das meint vielleicht der Talmud, wenn er sagt: 'UP' vrrm Aenderung des Namens, oipa 'UP' Aenderüng des Ortes, nvwa ’utp Aenderung der Tat führen die Wendung zum Guten herbei. Welche Angst hat der Fatalist vor Namen und Omen, welche unüberwindliche Macht schreibt Zola dem Milieu zu, wie viel Selbstmorde hat der Gedanke an unsühnbare Handlungen schon veranlaßt. Darum lehrt das Judentum: Name, Ort und Handlung sind nicht unabänderlich und lehrt damit zugleich, daß es kein mystisches Etwas Wschenrundschau. Zur Entwicklung des jüdischen Gemeindelebens in Polen. Die polnisch-jüdische Verständigung hat bisher, wie aus den an andrer Stelle veröffentlichten Nachrichten hervorgeht, keine besondere Befriedigung bei den jüdischen Parlamentariern geweckt, wenn auch diejenigen, die ihren Namen unter das Abkommen gesetzt haben, pflichtgemäß weiter bemüht sind, die polnische Regierung zu deutlicheren Zeichen ihres guten Willens gegenüber den schwer ringenden jüdischen Massen zu bestimmen. Merkwürdigerweise betrachtet die Regierung auch die gesetzliche Regelung des Rechtes der jüdischen Gemeinden in Polen als ein solches „Entgegenkommen", obgleich man doch annehmen sollte, daß der Staat an einer solchen Regelung mindestens ebenso stark-interessiert ist wie die jüdische Gemeinschaft. Jedenfalls erhält die Gemeindegesetzfrage durch die von Minister G r a b s k i soeben abgegebene Erklärung aktuelle Bedeutung für die Der Israelit gibt, das mit dem Namen zugleich das Schicksal bestimmt, daß kein Milieu und keine äußeren Eindrücke und keine mechanische Kausalität den freien Willensakt des Menschen aufheben, wenn er frei sein, frei werden und frei bleiben will. Ob glücklich oder unglücklich, das steht nicht bei uns. So mancher Jüngling, der voll vom Glauben an die alles besiegende Kourage und alles vermögende Wissenschaft hinausgesegelt ist. ist still heimgekehrt. Im Elend unglücklicher Ehen, mißhandelter Kinder, in den Opfern moderner Verbrechen zeigt sich die Ohnmacht menschlicher Kultur. In unheilbaren Leiden, vor allem aber im Unglück ganzer Völker und elementarer Katastrophen versagt die Jünglingsromantik. Nicht immer erkennen wir in den Tragödien des Lebens, die uns mit dunklen Nälselaugen anstarren, das Wirken einer höheren Weisheit, wo alle menschliche Berechnung getrogen hat. Diese höhere Weisheit überall zu suchen, unseren Willen dem ihren anzupassen, dazu dienen die ö’xiu ö’av Wer sie richtig begeht, erkennt den Weg, der von Schuld zu Schicksal, von der Kausalität zur Freiheit führt. polnische und damit für die ganze Judenheit, deren Zukunft ja zu gutem Teile von der geistigreligiösen Entwicklung im Kreise der 3l/2 Millionen polnischer Juden abhängt. Daß die neue Rechtsregelung nicht ohne starke Kämpfe im Schoße der jüdischen Gemeinschaft Zustande kommen wird, kann man heute schon mit Sicherheit sagen. Bereits vor zwei Jahren hatte der bekannte radikal-zionistische Abgeordnete Grunbaum den Versuch unternommen, den jüdischen Sejmklub auf ein durch und durch nationales Gemeindegesetz festzulegen, das die größten Gefahren für die Erhaltung des religiösen Gemeindelebens in sich barg. Der Versuch scheiterte an der Wachsamkeit der orthodoxen Abgeordneten, aber der Entwurf wurde dann von den zionistischen Deputierten in eigenem Namen vor etwa Jahresfrist im Sejm eingebracht. Er bildet zweifellos mit die Grundlage für die jetzt schwebenden Vorverhandlungen, und es ist deshalb besonders zeitgemäß, daß der Abg. Kirsch braun im „Jud" die Aufmerksamkeit auf einige besonders interessante Eigenheiten dieses zionistischen Entwurfes lenkt Am charakteristischsten ist dabei die deutlich in die Erscheinung tretende Tendenz, den Einfluß der Rabbiner zubrechen und so die Leitung der mehr oder minder verweltlichten Gemeinden ganz in die Hände der nationalen Politiker zu spielen. So muß sich zum Beispiel jeder Rabbiner alle sieben Jahre einer 1'7. September 1925 Neuwahl unterziehen,- über seinem Wirken und seinen religiösen Entscheidungen hängt also wie ein Damoklesschwert die Furcht vor der jedes Septennium wirksam werdenden nationalen V e r h e tz u n g der Gasse, vermittelst deren die Herrschaft der Volksführer über das Thoragesetz in geradezu diabolischer Weise gesichert wird. Andere Maßnahmen sind auf die Schmälerung der wirtschaftlichen Position des Rabbiners gerichtet, damit diesem nur ja die Lust vergeht, die Ansprüche des Religionsgesetzes in unabhängiger, mannhafter Weise zu vertreten. Man darf immerhin hoffen, daß. der politische Einfluß der „Agudas Iisroel" in Polen groß genug sein wird, um das Zustandekommen derartiger, allem Rechtsempfinden Hohn sprechender Gesetzesbestimmungen zu verhindern — aber der Kampf wird nicht leicht sein, und man kann begreifen, daß ein klar denkender und entschlossener jüdischer Politiker wie Kirschbraun den Gedanken selbständiger orthodoxer Gemeinden — siehe letzte Nummer der „Blätter" — angesichts solcher Ausschreitungen des nationalen Radikalismus als einzige wahrhafte Rettung einer ungebrochenen, von Kompromissen nicht angekränkelten Jüdischkeit ins Auge faßt. Es wird sich bald zeigen, ob die Zeit für eine solche Neuorientierung der orthodoxen Gemeindepolitik in Polen schon reif ist. Antisemitismus, Fuszismus und Ku-Klux-Klan. Ein amerikanisches Blatt gibt eine Statistik der Juden, welche im italienischen Faszismus bedeutende Stellungen innehaben. „Es gibt", schreibt das Blatt, „in Italien im ganzen 50 000 Juden. Zu seinem Innenminister aber wählte Mussolini einen Juden namens Finzi. V'er hervorragende Kommandanten der Faszisten sind Juden, und zwar Samuel Belltni, Angelo Olivotti, de Verona und Orlos. Das Organ der Faszistenpartei wird von zwei Juden geleitet, und zwar von Margherita S a r f o t i und ihrem Gatten." Wir müssen die Verantwortung für diese Angaben dem amerikanischen Blatte überlassen. Auch wollen wir damit nicht etwa sagen, daß es besonders erwünscht erscheint, wenn sich recht viele Juden zum Faszismus.bekennen. Festgestellt muß aber auf Grund dieser und ähnlicher von Jtalienkennern bestätigten Tatsachen werden,, wie sehr zu Unrecht sich die Antisemiten in Deutschland und anderswo des Faszismus als Aushängeschild bedienen. Faszismus ist eine nwn am mp* Von Rabbiner Dr. W. Lewin in Hamburg. Durch die liebliche Pforte des Sabbats hält diesmal das neue Jahr feinen Einzug. Der nawn leuchtet doppelt hell im Strahlengianz des mp. Das Psalmenlied für den Sabbattag ist auch ihm geweiht. In unfern Willkrommen^ruß für den sabbatlichen Himmelsboten mischen wir auch unfern Dank für das Rahen der Lichtgestalt des heiligen Festes. rnVN '28bv D2'bv Dlbu> Willkommen ihr Boten des Herls, die ihr einträchtig verbunden uns heute erhebet und weihet! Die kurze Spanne Zeit einer Woche mag nicht immer und nicht jedem den Tag der Ruhe zu einem Erlebnis werden lassen. Ach, so mancher bleibt kalt und gleichgiltig und singt nicht mit, wenn in Israels Gotteshäusern der Wonnesang erklingt: ,.aw ji'bir *ppb imbi 'ib nmnb, Gut ist es zu danken dem Herrn und zu spielen Deinem Namen, Höchster, iiib'ba irm»8i iion 1,1122 Tanh- Zu verkünden am Morgen Deine Huld und Deine Treue in den Nächten". Sie können sich nicht loslösen von dem Staube der Erde und darum erheben sie sich nicht und bleibt starr ihr Inneres. Da kommt aber fMOTT* Ein Jahr mit all' seinen mannigfachen Gaben und Schickungen hat seinen Kreislauf geschloffen. Und nun werden sie alle die -Sehenden" — Hagar in der Wüste veraleichbar —, die Schein und Wesen zu scheiden vermögen, und mit Macht ruft es sie zu den Altären des Herrn und sie singen Ihm mit dankerfüllter jubelnder Seele: ,.nb nmib 210 Gut ist es zu danken dem Herrn." .... Das ist die wundersame Macht des an die Wende der Zeiten gestellten Festes. Es bringt uns den größten Schatz für unser Innenleben wieder und gibt uns so das Heilmittel gegen jedrs Weh und den Balsam für alle Wunden: das Gottoertrauen. So wachsen die Schwingen unserer Kraft und in der Freude an unserm Dasein werden wir die gelenkigen Werkzeuge des Göttlichen und Heiligen . . . Auch wir hören nun den Gnadenruf des Himmels: “•»ktd bx SüNfjte nicht!" und sogleich riefelt vor uniern Augen unerschöpflich der Heilsborn der Gotteshilfe... Der Wandel, der sich da an uns vollzieht» soll' aber ein dauernder sein. Die Weihe, die uns njpn in die Seele gießt, soll uns hinausgeleiten in die vieloerschlungenen Pfade unseres Lebens^. Die Einkehr, die wir üben, soll zur murm, Umkehr führen. Darum ruft uns mit Macht der heilige Tag auch als nynn paar zu: Huldiget eurem Gotte, indem ihr euch und euer'ganzes Sein Ihm und seinem heiligen Willen unterordnet. Dadurch wachset ihr in euren Zwecken und Zielen, indem ibr nicht nur für das Irdische und Vergängliche arbeitet, sondern auch für die Ewigkeit schafft und sammelt. Schön heißt es in "N2p.npxi--.ib fypin J’Kp naw bo j?N8' n 1»8 NOiva nb nnbnna- »In einem Jahre, in dem nicht am Anfänge die nypn ertönt, wird man zuletzt die schmetternden Töne vernehmen". Das will gewiß nicht besagen, daß der Sabbat als erster Tag des neuen Jahres, dieweil er den Schofarton unmöglich macht, etwa von übler Dorbedeutung für das ganze Jahr ist. (Vgl. Tofafot zur Stelle)/Aber schlimm ist es, zum Verhängnis kann es werden, wenn wir nicht in der Tatsache, daß der Sabbat dem Schoiar Schweigen gebietet, auch einen an Herz und Seele rüttelnden Ton vernehmen, — einen Klang, wie er von Woche zu Woche immer von neuem uns mahnen soll: Leget Gott aus sein Geheiß eure Welt zu Füßen. Erhebt euch nicht, das Geschöpf über den Willen des Schöpfers! wapn ibipa DK Dl’,*7; baß ihr vielmehr stets auf feine Stimme höret!" — Der N2PN P81 ordnet sich willig dem tarn unter; fo sollen auch wir uns in unserer Schwäche begreifen, in unserer Armseligkeit und Ohnmacht fühlen, solange wir uns auf uns selbst stellen und' auf unsere eigene Macht bauen, damit wir uns fügen und unterordnen und Gottes Gesetz als Gebieter unseres Lebens einfetzen. DD’bs '2i2'b»NP '12 ni'2b» 'jsb littX* Nicht nur die nraba fprechen, nicht nur mit dem Wort Gott als Herrn und Gebieter der Welt anrufen und preisen — ist der Sinn unserer Gebete. Durch diese zur rechten Einstellung für unsere Lebensführung zu gelangen, dazu will uns ,-jjp.i p'nn den Weg weisen, damit wir, auch wenn am ,iap,i pn*i dem Sabbat zu Ehren das Widderhorn nicht erklingt, wir in Wahrheit Gottes Herrfchertum anerkennen. Tun wir dies, wie es Israels Kindern als heilige selbstverständliche Pflicht geziemt, dann dürfen wir hoffen, daß sich jenes andere Wort voll erfüllt: ,nip b2 asi02 nipyn» ,ibnm ,ipip. Ein Jahr, das schlicht und armselig beginnt, wird sich äm Ende in seiner Segensfülle erweisen", rrrmmi n:p,i bnn, Möge bas neue Jahr zum Segen für alle beginnen! 1