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Der Israelit · 1925-09-10 · Heft 37 (10.9.1925) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 37 (10.9.1925)
Date
1925-09-10
Page
– (sequence 17)
Language
German
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10; September 1925 Der Schulchan Aruch auf der Wettkonferenz des Misrachi. Frankfurt a .M., 7. September. Als Entgegnung auf die in Nr. 35 unseres Blattes gebrachten Berichte über Ausführungen des Herrn Lazarus Barth auf der Misrachi-Konferenz, bittet dieser um Aufnahme der nachstehenden Erklärung: „Die oorwöchentliche Nummer des „Israelit" erweist mir die Ehre, zweimal auf Ausführungen zurückzukommen, die ich in der Misrachi-Konferenz im Anschluß an ein Referat von Herrn Dr. Feldmann über die Stellung des Misrachi in der Zionistischen Organisation gemacht habe. Da die Wiedergabe meiner Ausführungen unrichtig ist, so mußten Sie in den Anmerkungen, die Sie den Berichten anfügten, ebenfalls zu unrichtigen Ergebnissen kommen. Es fei vorweg festgestellt, daß keiner der Redner, den Unterzeichneten , eingeschlossen, etwa die Verbindlichkeit des Schulchan Aruch in irgend einen Zweifel gezogen hat. -— Als ich darüber klagte, daß eine Ideologie des Misrachi bisher nicht existiere, wurde mir vor befreundeter Seite der Zuruf „Schulchan Aruch" gemacht. Auf diesen Zwischenruf eingehend, sagte ich, daß der Schulchan Aruch keine Ideologie, sondern ein Gesetzbuch ist, daß man sich ferner zur Abgrenzung einer spezifisch misrachiftischen Grundauffassung nicht aus ihn berufen könne, gehe schon daraus hervor, daß alle orthodoxen Gruppen sich zu ihm bekennen. Das Entscheidende für den Misrachi innerhalb des thoratreuen Judentums fei, daß er die überragende Bedeutung der Pflicht, Erez Israel zu besiedeln, ns rwvo in den Mittelpunkt seiner Auffassung rücke, und um sie zu erfüllen und den Zusamenhang mit dem gesamten jüdischen Volke über alle Schichtungen hinaus aufrecht zu erhalten, in die zionistische Organisation eingetreten sei. Schon die Thora hat das umherwandsrnde Volk zum Leben im eigenen Lande erzogen und der Gedanke, eines solchen gemeinsamen Lebens in Erez Jisroel wieder teilhaftig zu werden, durchzog das Gefühlsleben unserer großen religiösen Führer auch nach dem Verlust des Landes. Der Schulchan Aruch ist lange nach dem Verlust der Selbständigkeit in der Galuth konzipiert, mußte infolgedessen die Galuth schon als etwas Gegebenes hinnehmen. Und wenn auch die an das Land geknüpften Gesetze noch zum Teil darin berücksichtigt werden, stellt er si.ch doch die Aufgabe, den Juden der Diaspora Wegweiser zu sein. Das alte Ideal der Propheten, daß „jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum glücklich lebe", die prophetische Auffassung, daß Latifundienbesitz, Bereicherung des Einzelnen auf Kosten der Gesamtheit ein Verbrechen sei, verlor in der Galuth zwangsläufig seine Bedeutung, da die Juden sich in die wirtschaftliche Auffassung ihrer Umgebung einstellten und diese von dort aus, nicht in Fortentwickelung prophetischer Gedanken zu entwickeln suchten. Es ist bezeichnend für den religiösen Instinkt des jüdischen Volkes, daß in ihnen in dem Augenblick, in dem sie drangehen, wieder ein jüdisches Leben im jüdischen Lande zu führen, diese alten jüdischen Gedanken wieder erwachen, und die Forderung der Selbstarbeit, die Forderung, es jedem Arbeitenden zu ermöglichen, Herr auf eigener Scholle zu fein, mit aller Energie vertreten wird. Deshalb könnten wir uns nicht damit begnügen, aus dem Schulchan Aruch, der unter ganz anderen Voraussetzungen seine Entstehung gesunden hat, eine Ideologie für unsere palästinensische Bewegung zu gewinnen." (Wir freuen uns, daß Herr Barth die Verbindlichkeit des Schulchan Aruch nicht in Frage stellen wollte. Daß aber die Aeußerungen Barths nicht im Sinne obenstehender Auslegung verstanden wurden, zeigt das scharfe Cntgegentreten, zu dem sich die Herren Farbstein, Feldmann und Berlin durch Barth herausgefordert sahen. Uebrigens ließe sich auch gegen diese Auslegung manches sagen, was wir uns für andere Gelegenheit aufsparen.) Der Israelit- Bund gesetzeslreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. Frankfurt a. M., 6. September. Auf vielseitigen Wunsch unserer Mitglieder soll die Belebung des Bundes und besonders die Stärkung unserer Bundeskafse zu den Feiertagen wieder energisch in Angriff genommen werden; da die Versorgung der Lehrerwitwen und Waisen heute nötiger ist denn je. Die Vorstände der Zweigvereine werden es sich angelegen fein lasten, die Mitgliederlisten zu vervollständigen, dem Bundesvorstand einzureichen und namentlich die außerordentlichen Mitglieder zu erneuten, größeren Spenden sowohl an Jahresbeiträgen wie Gelegenheitsgeschenken anzuregen. Ueber die Wichtigkeit unserer Sache ist wohl kein Wort zu verlieren, die diesbezüglichen Artikel in den jüdischen 'Blättern reden eine deutliche Sprache. 2er Schriftführer des Bundes, Lehrer Hirfchberg in Frankfurt, Waldschmidtstraße 115, sowie der Kassierer des Bundes, E. Ettlinger, Rückertftrahe 45, sind zu weiteren Auskünften gern bereit. Das Schulwerk der Adatz Jisroel. tt. E. B Berlin, im August. Sorgenkinder: Lieblingskinder, so urteilt zutreffend der Volksmund. Und so erklärt sichs schon daher, daß das Schulwerk der Ad aß Jisroel, das jetzt feine staatliche Anerkennung und den gefesteten Boden für feine ungestörte Fortentwicklung gewonnen hat, schon in den wenigen Jahren seines Bestehens sich einen festen Platz in Herz und Sinn der Gemeinde errungen hat. Sorgenkinder im wahrsten Sinne des Wortes waren wirklich unsere Schulen von ihrem ersten Lebenstage an. Keine der Kinderkrankheiten ,denen solche empfindliche Gebilde ausgesetzt sind, ist ihnen erspart geblieben; oft genug schon wurden sie von der ängstlich besorgten Teilnahme unserer „guten Freunde" totgesagt; und sie leben doch nicht nur und freuen sich des Tageslichts, sondern setzen mit ungeminderter Lebenskraft regelmäßig ihren neuen, weiteren Jahresring an, senken immer tiefer ihre Wurzeln in das nährende und stützende Erdeich des Gemeindebodens ein. In den Irrungen und Wirrungen, die dem Zusammenbruch der deutschen Wehrmacht in Flandern und des alten Reichs folgten; damals, als mit der proklamierten sozialen und staatsbürgerlichen Befreiung auch alle Bande sittlicher Scheu sich zu lösen und in der allgemeinen Anarchie unterzugehen drohten; damals schlug die Geburtsstunde des Schulwerks unserer Gemeinde. Am 13. März 1919 nahm die Repräsentantenversammlung, einer Anregung ihres Mitglieds L ud w i g Bier folgend, top nar mo V? einen Veschlußantrag, dem der Vorstand einstimmig beitrat, an, eine höhere Schule, deren Typus später festzustellen wäre, zu errichten und die sofort in Angriff zu nehmenden Vorarbeiten so zu fördern, daß bereits zu Ostern die unterste Vorschulklasse für Knaben und Mädchen eröffnet werden könne. Diese chronologische Synkope ist mehr als ehi äußerliches Zusammentreffen, mehr als das Werk eines bloßen Zufalls. Sondern die klare Einsicht in die voraussichtliche Entwicklung, die das öffentliche Schulwesen unter dem Einfluß und Regime der bewußt religionsseindlichen Tendenzen der damals allmächtigen „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei" nehmen mußte, erzwang mit kategorischer Nnbedingheit die Bereitstellung eines vor dem Zugriff jener Zerstörungskräfte sicheren Zufluchtsorts für unsere Kinder, der die Möglichkeit böte, die Gefahren der Irrlehren ihnen fernzuhalten und die Wege der Tauroh in Lehre und Leben ihnen zu eröffnen. Heute scheint für absehbare Zeiten dieser Gefahrenpunkt überwunden: und käme selbst die Sozialdemokratie in Reich und Staat wieder zur unbeschränkten Herrschaft, so hat auch sie inzwischen einsehen gelernt, daß die Methode Moskaus und seiner Nachbeter Adolf Hofsmann, Fleiner und Konsorten moralische Eroberungen zu machen, nicht geeignet sind. Aber inzwischen hat die Praxis unseres Schulwerks trotz der Kürze ihrer Auswirkung die Erkenntnis von der fundamentalen Bedeutung der jüdischen Schule für jüdisches Gegenwarts- und Zukunftsleben, hat die Würdigung des reichens Segens, den unsere Schulen in so kurzer Zeit in so reichem Umfang auszustreuen vermochten, bereits so große Fortschritte gemacht, daß, auch von jenen Rücksichten abgesehen, die Berechtigung und Notwendigkeit echtjüdischer Unterrichtsanstalten keines Beweises mehr bedarf. Wie bereits gesagt: heute sind unsere Schulen allen unseren Mit- _ Nr. 37 Seite 17 gliedern schon so ans Herz gewachsen, daß eine Loslösung derselben oder auch nur ein Stillstand in ihrer Entwicklung uns als eine schwere Störung unseres Lebenszentrums treffen mühte. So hat der Geist der Religionszerftörung, der derzeit umging, sich für uns als ein Teil von jener Kraft erwiesen, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Eine Zeitspanne von kaum zwei Monaten trennte jenen denkwürdigen 13. März von dem Datum des Beginns des neuen Schuljahrs, mit dem, sollte nicht ein ganzes Jahr verloren fein, die neue Schule eröffnet werden mußte. Das Unzulängliche, hier wards Ereignis! Dank dem nicht hoch genug anzuerkennenden Eifer von Fräulein Dr. Lilly Freimann (jetzt Studienrat in Köln), die ihre ganze Energie und ihr vorzügliches Organisationstalent an das Gelingen des Werks setzte, konnte mit einer, durch den Lehrermangel erzwungenen Verspätung von knapp 2 Wochen Ostern 1919 die Schule mit den untersten Klassen rite eröffnet werden. Oder richtiger: die Schule n! Denn zu allen unsäglichen Schwierigkeiten, die dem Unternehmen, obenan die Raumnot, in den Weg traten, gesellte sich als unüberwindlicher Komplex die aus der territorialen Ausdehnung der Stadt herzuleitende Unmöglichkeit einen zentralen Punkt zu finden, zu dem hin man die in Betracht kommende Schulbeoölkerung — das waren die sechsjährigen ABE-Schützen — versammeln könnte. Die erdrückende Mehrheit derselben hatte ihre Wohnstätte im Zentrum und Norden der Altstadt; dort muhte die Schule also.ihre Stätte finden. Aber man konnte ebensowenig an der berechtigten Forderung der sehr beachtlichen, im Westen wohnenden Mitgliederkreise, die für ihre Kinder den Anspruch auf ihr Anrecht an den Segnungen der Schule geltend machten, vorübergehen; und doch unterband die stundenweite Entfernung die Möglichkeit der Teilnahme der Kinder an dem Unterricht in der Altstadt. Unter diesen Umständen blieb nichts übrig, als trotz der damit verknüpften schweren finanziellen und sachlichen Belastung zu dem Ausweg fliegender Parallelklassen im Westen zu greifen, die den dort wohnenden Kindern wenigstens in den ersten Schuljahren die Gefahren einer stundenlangen Stadtbahn- oder Straßenenbahnfahrt und zahlloser Straßenkreuzungen ersparten. Und was hier die territorialen Verhältnisse, das erzwang in ähnlicher Weife der auch in der Altadt und besonders auf dem Gebiete der Schullokalitäten die krassesten Formen tragende Raummangel: Zersplitterung der Schule und Dislozierung der einzelnen Klassen. An nicht weniger als 3 Stellen, die durch glücklicherweise nicht allzu große Strecken von einander getrennt sind, befinden sich die Schulräume unserer Anstalten, und für den Turn- und Zeichenunterricht sind wir überdies auf die Gastfreundschaft städtischer Schulen angewiesen. Nur wer diese Verhältnisse kennt und beherrscht, kann ermessen, welchen uneinbringlichen Verlust an Körper- und Nervenkrast bei der Leitung der Schule, aber auch bei dem größten Teil des Lehrkörpers dieser Leerlauf der Arbeit setzt; und manches Wort der Kritik, das jetzt schnell hingesprochen fällt, würde dann, nicht zum Schaden, sicher ungesprochen bleiben. Ein nicht minder großes Blatt in der Anamnese der Kinderkrankheiten unserer Schulen füllt das Kapitel vom Lehrermangel. Hier haben wir es mit Ausfallerscheinungen zu tun, unter deren Störungen nicht wir allein, sondern alle Schulorganismen derselben religiösen Tendenz wie wir in gleicher Weise leiden. Es gibt zurzeit keine auf orthodoxem Böden stehende Lehramtskandidaten mit der Fakultas für moderne und alte Sprachen oder für Deutsch und Geschichte, und auch die Mathematiker, an denen eine zeitlang sogar Ueberflutz zu herrschen schien, fangen an Seltenheitswert zu erzielen. Und es besteht auch keine Aussicht auf Abstellung dieses Notstandes in absehbarer Zeit; denn die Mitgliederlisten der V. I. A. weisen nur ein sehr kleines Kontingent an Studierenden dieser Fächer aus. So kommt es, daß wir außer drei festangestellten Mathematikern, für die anderen Fächer auf die Berufung jüdischer Lehrkräfte fast ausnahmslos verzichten und nichtjüdische Hilfslehrer einstellen mußten. Ein günstigerer Stern stand über der Volksschule, für die der Bedarf durch in jeder Hinsicht geeignete Kräfte voll gedeckt werden konnte. Aber ob Lehrer oder Lehrerin, ob Volksschulleher oder akademische Lehrkräfte: vom ersten Tage an hat der gesamte Lehrkörper und jedes einzelne seiner Mitglieder sich unentwegt bemüht, die Pflichten, die das Amt ihnen auferlegt, nicht nur formalrechtlich zu erfüllen, sondern darüber hinaus, bis an die Grenze des Möglichen, den

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