Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1925)
- Date
- 1925-08-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 35 Der Israelit 27. August 1925 ummauerten Torbogen weiter Tunnels und am Wasser ragt das Werk einer elektrischen Anlage in die Höhe. . . . Zuweilen wird es dem Riesen zu dumm, und er wütet, donnert, stürzt ein paar allzukühne Touristen in die Tiefe oder wirft mit Steinen nach den anmaßenden Menschen unten, speit, im höchsten Zorn, sogar eine Lawine ins Tal, daß sie Menschen mitsamt ihrem Wetke begräbt. . . . Der Mensch baut unbeirrt weiter, kommt höher. ... „Du lassest ihn herrschen über Deiner Hände Werk Alles legest Du ihm zu Füßen. . . ." Noch nie erlebte ich so tief die enge Vermählung zwischen Menschengeist und Naturelement, beide Wunder der Gottesschöpfung, wie in dieser stillen nachdenklichen Alpennacht zu Filisur.- VIII. Ein heim der Liebe in den Bergen. Behende und spielend windet sich die rhätische Bahn, vom elektrischen Motor rauchlos gezogen, hinauf und hinunter und wieder hinauf unter weißen Bergspitzen; über Flächen, auf denen gartenumfriedete kleine Häuschen verstreut sind und auf der Alm Küh- und Ziegenherden friedlich weiden; durch dunkle Tunnels hindurch, an Seen und Bächen vorbei, die in der Morgensonne silberig glitzern. Es hat in der Nacht stark geregnet. Wie wir aber in Davos anlangen, leuchtet die Sonne mitten aus grauen Wolken heraus. Wir erlebten es oft in diesen Tagen im Hochgebirge, daß durch den Regen die Sonne strahlte und die Tropfen vergoldete. Am Bahnhof zu Davos macht mir ein Kutscher in gutem Kutscherdeutsch klar, daß der Weg zur „Etania" über steile, ungangbare Höhen führe und beinahe eine Stunde in Anspruch nehme, womit er es erreicht, daß ich in seinem kleinen Wagen Platz nehme. Da er aber in einer guten Viertel stunde, trotzdem sich Kutscher und Gaul gemächlich Zeit liehen, mit seinem Wagen am Ziele ist, schämt er sich doch ein wenig — in der Schweiz schämen sich sogar Kutscher zuweilen — und ist bereit, mich noch ein bißchen weiter ums Dorf zu fahren, für nur zwei Franken mehr (statt vier sechs Franken). Ich verzichte und steige aus und erfahre auch hier, daß es stilles internationales Abkommen aller Kutscher der Welt ist, aus einen Fünssrankenschein (oder anderen Schein je nach der Währung des Landes) nicht herausgeben zu können. ... Sonne leuchtet aus den Wolken und mitten durch den Regen hindurch, das ist auch die „E tani a", dieses Heim der jüdischen Liebe mitten in den Bergen. . . . Wüßte ich nicht, daß ich mich unter Kranken befinde, ich fühlte mich aus eine selige Insel von Glück, sorgloser Freude und strotzender Jugendkraft versetzt. Ich sehe herrliche, in vollendeter Ordnung gehaltene Räume, die weit nach der Sonne geöffnet sind. Veranden, Terrassen und Liegehallen, wie ich sie so zweckmäßig und hygienisch noch nie gesehen. Aus dem großen Rasen im Garten spielt ein Dutzend Kinder. Es ist dem Hause für einige Wochen ein kleines Kinderferienheim angegliedert. Bei Tisch um die Essenszeit sitzen aber einige und siebenzig Menschen, im Alter von vielleicht siebenzehn bis dreißig Jahren, um zwei große Tafeln, die Festtafeln aus irgend einem feierlichen Anlaß sein könnten. Keiner von ihnen sieht krank aus. Alles mutet jung, kräftig, behende, vergnügt und lebensfroh an. Der Kampf gegen den heimtückischen unsichtbaren Feind in den Lungen wird geführt mit Sonne, Frohsinn und nicht zuletzt mit kulinarischen Mitteln. Es wird viel und gut gegessen, und die Unterhaltung geht lebhaft in einem guten halben Dutzend von Sprachen Europas und Außereuropas. Ich hörte hier auch das beste lebendigste Hebräisch. „Wenn wir in diesem Hause ein Fest feiern sollten," sagte mir ein vortrefflich aussehender junger Mann frohgemut, „so müßten wir sechzehn Fahnen heraushängen." Es sind, wir rechneten es in der Tat aus, sechzehn Nattonalitäten in dem Hause vertreten. Lang darf die Unterhaltung nach Tisch nicht dauern. Denn schon läutet draußen die Glocke und die energische Leiterin mahnt zur Auffahrt in die Liegehallen. Droben auf den geräumigen Veranden wartet Heilmeisterin Sonne, direkt von der klaren Gletschersphäre kommend, auf die Patienten, um, nachdem sich diese an Speis und Trank gekräftigt, ihr Werk zu beginnen. Geradeaus nach den Feinden durch die entblößte Brust schießt sie ihre sengenden Strahlen, und keiner ihrer Schüsse geht fehl.- Sonne und Liebe und wacherhaltene Lebensfreude haben sich in diesem Hause zusammengetan zum Kampfe gegen tückische Feinde, die Jugendkraft zu brechen drohen. Und der Sieg ist ihnen gewiß. Aber siebenzig Augenpaare richten sich in der Morgenfrühe zu den weißschimmernden Höhen. „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen, Wo kommt mir Hilfe her?-" Gesunden, es ist der einzige Wunsch noch, auf den alle früheren so bunt und heißbewegten zusammenschmolzen. Aber Tag folgt dem Tage und es ist eine Nacht wie die andere. „Es vergeht der Sommer und zu Ende ist die Winzerzeit und uns ist nicht geholfen." So düstern oft die Schatten der Sorge, der Ungeduld, der Verzweiflung durch das frohbewegte Leben des Hauses. „Ich kam für vier Wochen hierher," erzählt mir einer, der eben noch der Lustigsten einer war, „und bin nun achtzehn Monate hier, ohne Aussicht auf baldige Heimkehr. Tag ein. Tag aus, die gleichen Wände, die gleichen Berge, die gleichen Menschen, die gleiche Stunde des Essens, des Schlafengehens, der Liegekur. Die Schönheiten der Gegend? ... Wer sie dreihundertfünfundsechzig Mal im Jahre sieht, sieht sie nicht mehr.*. . . Sommer wie Winter die gleiche Sonne und der gleiche Schnee. Glauben Sie mir, wir sehen hier den Frühling nicht erblühen, den Sommer nicht heranreifen, keinen beladenen Wagen den Herbstsegen heimsahren. Immer das gleiche Bild, Höhe und Nebel, Schnee und , Sonne. Und die Blumen der Alpen find weit, weit . . „Sie werden gesunden, Freund, zurückkehren zu Heimat, Leben und Arbeit." Ja, er wird es, ist selber, wie kein Anderer, davon überzeugt. Der und Jener sind schon längst daheim und Davos ist für sie nur noch eine traurige und zugleich liebe Erinnerung. „Sehen Sie den Mann im weißen Kittel da, Arzt von Beruf. Er kam vor Jahren als schwerer Patient her und vertritt jetzt den abwesenden leitenden Arzt. Ist völlig gesundet-" So wechseln die Stimmungen mit Tag und Nacht, mit Sonne und Nebel, und tief in Jedermanns Brust sitzt die Hoffnung, treubehütet und stets aufs neue belebt von der Liebe, die dieses Haus von der Decke bis zu den Grundmauern erfüllt. Viele verlassen nach Monaten gesund das Haus. Aber viele kommen von Neuem und schließen die Lücken. Und Unzählige möchten kommen und haben nicht die Mittel. Gerne würde die „Etania" auch ihnen die Tore weit öffnen, wenn die sechzehn Länder, die ihre Patienten herschicken, sich auch zusammentäten, um gemeinschaftlich dieser Heilstätte — heute vielleicht die bedeutendste des Weltjudentums — die von ihr benötigten Mittel zuzuführen, daß sie auf der heutigen Höhe bleibe und keinem den Sonnenstrahl der Gesundung verweigere, der um diesen bei ihr anklopst. Der leitende Arzt weilte auf Ferien, aber seine im gleichen Maße liebenswürdige wie energische Gattin stellt „ihren Mann". Sie führt uns von Zimmer zu Zimmer, von Stock zu Stock. In gutem Aufzuge fahren wir hinauf und hinunter. Sauber und nett leuchtet im Samtbelage der Ostwand und des Pultes der Betraum. Im Anbau, wo die Leiter ihr eigenes Heim haben, ist es einfach und bescheiden. Ihr Herz, ihre Kraft, ihre Arbeit gehören dem großen Bau und ihren siebenzig Schutzbefohlenen. Hier sind die Fenster weit geöffnet der Sonne. Auf den Liegehallen lachen junge Menschen. Gegenüber auf der Veranda der Damenabteilung singt ein junges Mädchen ein Lied von Heimat und Liebe. Und unten im Garten picken Tauben von den üppigen Resten eines reichen Mahles, spielen Kindern auf dem sonnigen Rasen und singen, singen.-- — Auf der rechten Seite wird mir der Berg gezeigt, von dem vor zwei Jahren in nächtlichem Ueberfall die Lawine kam und den ganzen Westslügel des Hauses verwüstete. Es kostete auch Menschenopfer, aber nicht hier. Vor diesem Hause der jüdischen Liebe machte sie Halt und stillte ihre Wut an Stein und Mörtel.- In strömendem Regen stehe ich unten am Wege und warte auf die altfränkische Postkutsche, die vom Dorf herunter kommen soll, um bis zur Post in Davos-Platz zu fahren. Sie kommt endlich, von einem Gaul gezogen, angelümmelt, und es kostet einige Mühe, bis sich das in Trab geratene Pferd bewegen läßt, stillzuhalten an der Stelle, wo eine Tafel stolz, kündet: „Haltestelle der Straßenbahn". Der Wagen ist überfüllt, aber der Kutscher, der vorne sitzt, kümmert sich wenig um die Zahl der Neueinsteigenden. Wir stehen inr Gedränge und dicke Tropfen klatschen auf das Dach der herrlichen Kutsche und von dort uns ins Gesicht, für welches Vergnügen wir neunzig Rappen an einen Schaffner zahlen dürfen, der, genau wie der Kutscher am Morgen, auf einen Franken nicht herausgeben kann. Im Wagen sitzt zwischen Bauernfrauen und Touristen eingepfercht ein bekannter Arzt aus Frankfurt, der mich sehr anzüglich fragt, ob ich „Die Tramway von Berditschew" von Schalem Alechem gelesen hätte. Mehr wie das: ich habe „Die Pferdebahn von Kowno" e r l e b t. . . Ich habe damals keinen dauernden Schaden genommen — dank dem dreimeterhohen Straßenschmutz der litauischen Residenz, der mich weich und liebevoll wie auf Mutterarme aufnahm.; . . Hier aber könnte es schlimmer werden. . . . Indes gelangen wir heil an Leib und Leben bis zur Post. Und als wir den grottenartigen Weg zum Bahnhof hinunterziehen, leuchtet schon wieder goldene Sonne durch das bleierne Grau. Sonne über schneestarrer Höhe, Leuchten aus grauem Nebeldüster — dasistDavos. . . . (Schluß folgt.) Uinderecke. Jehuda Halevi. Bon Heinrich Reutz. (Fortsetzung). Freund Sabbat. Reicht mir den Kelch zur Liebesfeier, Gruß, Sabbat, dir, du lieber, treuer! Sechs Knechte sind die Wochentage, Werd' ich auch matt von ihrer Plage, Sie sind mir leicht, ich dulde, trage, Weil Sabbat mir so wert, so teuer. Sobald am ersten ich beginne, Aus Sabbat hin ich nur sinne. Was von der Arbeit ich gewinne, Ist ja für Sabbats Segenscheuer. Sollt' ich am Montag, Dienstag sorgen, Am Mittwoch, weil sein Licht verborgen? Möcht' neidisch doch die Sonne borgen . Des Sabbatstrahles heil'ges Feuer. Der fünfte schon ruft Heil mir zu. „Ja, morgen wird dir Geistesruh', An Gottes Tisch ein Gast bist du, Früh Knecht noch, abends doch ein Freier!" Drum hoch der sechste mich erfreut, Naht eilig ja der Ruhe Zeit! T Trifft mich an ihm noch hartes Leid, Der Abend deckt's mit sanftem Schleier. Es dämmert! Mir ist's hell und licht, Ich schau' des Sabbats mild Gesicht, Bringt Kuchen, häufet süße Frücht', Dem trauten Freund erkling die Leier! Reicht nur den Kelch zur Liebesfeier, Gruß, Sabbat, dir, du lieber, treuer! Morgengebet. Bevor du mich geschaffen. Hast du mich schon gekannt, — Ohnmächtig bin ich, kraftlos, Verstößt mich deine Hand. Kann ich noch aufrecht wandeln, Kehrst du dich ab von mir? Ich denke, und du lenkest. Nur du bist Stütze mir. Zur Gnadenstunde fleh' ich, O Gott, zu dir empor. Erhör' mich! Deine Liebe Ist mir ein festes Tor. Ermuntre mich, zu wallen Früh morgens in dein Haus, Und deinen Namen sprech ich Dort segnend, Ew'ger, aus! c) Sehnsucht nach Zion. In den religiösen Liedern nehmen diejenigen, die Zion zu ihrem Angelpunkte haben, eine besondere Stellung ein. Sie sind im Strauße der Jehuda Halevischen Poesien die Myrten, die ewige Frische mit heimlichem Dufte vereinigen. Der blaue Himmel Spaniens mit seinen sonnigen Tagen und lauen Nächten, der schöne Süden mit seinen Orangenhainen und Weingärten, die "gesegneten Fluren mit den schneeigen Bergen und rauschenden-Strömen, die volkreichen Städte mit ihren Kunstbauten und einem frohatmenden Menschengewühle vermögen den im Besitz von Haus und Garten sorglos wirkenden Arzt und Rabbi, Dichter und Denker Jehuda Halevi nicht zu fesseln; seine Gedanken schweifen vom Westen über das Meer nach dem Morgenlande, woher das Heil und das Licht komme. Er versetzt sich im Geiste auf den Sinai und Horeb, auf den Libanon und Karmel; er sieht in der-Heiligen Stadt das Drängen der frommen Wallfahrer, die Priester am Altäre, die Leviten auf der Sängerbühne. Er hört die Worte des Propheten, das weife Urteil des Richters, das Rauschen des Jordans und der Palmen, das Säuseln des Abendwindes und das mitternächtliche Klingen der Harfe Davids. Dahin! Dahin! tönt es in seinem Sinne. Dort die Luft atmen, dort den Staub küssen, dort auf den Trümmern weinen und schluchzen ist süße Lust! Dort leben und dort sterben, dort im Tode schlummern ist höchster, letzter Wunsch. Aus allen Besitz verzichten. Verwandte und Freunde verlassen, das Geburtsland Umtauschen gegen d-e Heimat der Seele, ist fester Entschluß. (Fortsetzung folgt.) Allen, die sich Mühe gaben, meine Aufgabe zu lösen, spreche ich hiermit meine Anerkennung aus; mutz aber denen unter ihnen gegenüber, die Tin p 2. B. M. 36, 30, anführten, bemerken, daß dieser Hinweis fals ch ist, da der dort erwähnte Tin fa genau derselbe ist, der Moses Hand gestützt hat, also Mirjams Sohn. Rabb. Dr. Winkler. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz» Frankfurt a. M.: Inserate i. V.: S. Schamnowitz» ebenda. — Verlag „Israelit , G.rn.b.H., Frankfurt a. SH. Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.