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Der Israelit · 1925-08-27 · Heft 35 (27.8.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 35 (27.8.1925)
Date
1925-08-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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frmiittt« Aus den Messiaserzählungen. i. Jenseits des Sambatjon. Vor vielen Jahren lebte in der Stadt Safed in Palästina ein überaus gelehrter und frommer Mann, namens Rabbi Lhajim. Tag und Nacht saß der fromme Mann bei seinen Folianten und sein Antlitz strahlte, wie das eines Engels vom Himmel. Groß und Klein kannte den gelehrten Mann, ehrte und liebte ihn, so wie er auch Jeden aus der Stadt genau kannte. Erkrankte jemand in der Gemeinde, so beeilte sich Rabbi Lhajim, ihn aufzusuchen und für ihn zu beten. Hungerte Jemand oder litt sonst Not, so war es Rabbi Lhajim, der ihm Brot brachte und seine Not linderte. Er machte eines Jeden Schmerz zu dem seinigen, sah in Jedem seinen Bruder, mit dem er Leid und Freud zu teilen hatte. Aber ' Nicht allein die Juden des engeren Kreises, alles, was sich Jude nannte in der breiten, weiten Welt stand seinem Herzen nahe. Und so oft die Nachricht von Leiden, die irgendwo über das jüdische Volk. gekommen waren, an sein Ohr drang, entströmten heiße Tränen seinen Augen und in stillem Gebete bewegten sich seine Lippen: „Wie lange noch, o Gott, wie lange?!" Je in der Nacht, wenn diese den Höhepunkt erreicht hatte, erhob sich Rabbi Lhajim von seinem Lager, zündete ein kleines Lichtlein an und weinte auf dem Boden sitzend um Jerusalems Zerstörung. Alle Hausbewohner schliefen, nur Rabbi Lhajim allein saß da und klagte,'und sein Gebet stieg zum Nachthimmel hinauf: „Wie lange, o Gott, willst du dich Jerusalems nicht erbarmen? — —" Eine Stunde wohl pflegte so Rabbi Lhajim zu sitzen und unter Tränen zu beten: „Schau hinab vom Himmel und siehe dein Volk Israel. Gedenke Gott, was uns geworden ist. — —" Einstens sah der fromme Rabbi Lhajim ini Schlafe ein Gesicht. Elijahu, der Prophet, stand vor ihm und sprach: „Auf, Lhajim, warum schläfst du? Mache dichtauf und wandere zu den „zehn Stämmen^'Jsraels hin, die versprengt und verstreut sind in alle Enden der Erde. Denn nur dann, wenn sich Jakobs Söhne allesamt finden, kommt Moschiach, um die Erlösung zu bringen." „Wo ist der Aufenthalt der „zehn Stämme?" fragte Rabbi Lhajim. „Jenseits des Sambatjonflusses", antwortete Elijahu. „Und wo ist der Sambatjon?" In diesem Momente verschwand aber der Prophet Elijahu und die Antwort blieb unbörbar. Rabbi Lhajim erhob sich aber in der Morgenfrühe von seinem Lager, betete kurz, aber mit Inbrunst, nahm Stock und Tallisbeutel und ging zur Stadt hinaus. Keinem verriet er, was er im Traume gesehen und wohin er ging. So wanderte Rabbi Lhajim von Stadt zu Stadt, von Landesgrenze zu Landesgrenze. Länder und Meere und Wüsten durchstreifte er, t *) Im Verlage Meir New-Bork läßt der bekannte hebräische Schriftsteller M. Ben-Elieser unter dem Titel „ü^rVr" eine Serie prächtiger Schriften, teils aus eigener Schöpfung, teils Uebertragungett aus der Weltliteratur, in schönem leichtem punktiertem Hebräisch erscheinen. Pon den fünf uns vorliegenden Heftchen seien hier die zwei Messiasg'eschichten in deutscher Uebersetzung wiedergegeben. und überall lautete seine Frage: „Weiß Jemand, wo sich der Sambatjonfluß befindet?" 'Die Leute hörten die Frage und antworteten kopfschüttelnd: „Wohl erzählten uns unsere Väter etwas von dem wundersamen Fluß, Sambatjon genannt. Keiner aber von uns kennt seinen Lauf, keiner hat ihn mit eigenen Augen gesehen." Unerschrocken und unermüdlich wanderte Rabbi Lhajim weiter, bis er an das große Meer gelangte. Den Matrosen und Steuermännern auf dem Schiffe ries er zu: „Ihr, die Ihr die Wege im Meere und auf den fernen Inseln kennt, wißt Ihr mir zu sagen, wo der Sambatjon ist?" Allein die Schiffsleute sprachen: „Alle Meere haben wir durchkreuzt, und die den Meeren zufließenden Ströme kennen wir alle, allein den Sambatjon haben wir nirgends gesehen. Gehe in die Wüste, vielleicht triffst Du ihn dort." So ging denn.Rabbi Lhajim in die große Wüste, nachdem er sieben Meere überquert hatte. Dort traf er eine große.Karawane von Jsmaeliten mit ihren Kamelen, an die er die Frage richtete: „Ihr Wüstenfahrer, so saget mir doch, wo der Sambatjon ist." Darauf die Nomaden: „Wir durchstreiften die Wüste mehrmals kreuz und quer, aber den Sambatjon sahen wir nicht. Begib dich ins Gebirge, vielleicht daß er dort zwischen den Höhen sein Bett hat." So wanderte Rabbi Lhajim weiter, durchzog sieben Wüsten und stand am Abhang eines ragenden Berges. Dort traf er ein kleines Zelt, darin drei Hirten wohnten. Zu ihnen sprach er: „Ihr Bergbewohner, könnet Ihr mir sagen, wo der Sambatjon ist?" Die Hirten sprachen: „Den Sambatjon haben wir nicht gesehen, aber sein Name ist uns wohlbekannt. Wenn Du noch einmal sieben Meere durchwandert und den großen Berg umkreist hast, gelangst Du zu den sieben finsteren Bergen, die bisher kein Menschenfuß betreten hat. Ist Gott mit Dir, daß Du heil an Leib und Seele das Gebirge durchwanderst, so darfst Du mit eigenen Augen den Sambatjon schauen." Rabbi Lhajim setzte die Wanderung unerschrocken fort, über die Meere und die sieben finsteren Berge, die bis jetzt kein Mensch betreten hatte. Hier blieb er eine Weile stehen, erhob seine Augen zum Himmel und rief: „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, hilf mir und leihe mir Kraft." Hoch und finster erhoben sich die Berge bis zum Himmel, von keinem Sonnenlicht geküßt. Da oben waren dis Tage zu Nächten, über denen der Himmel schwarz lag ohne Mond und ohne Sterne. Nirgendwo. war ein Baum, eine Blume, ein Gräslein oder sonst ein Lebewesen zu sehen,- denn wo das Sonnenlicht nicht weilt, ist auch alles Leben erstorben. Sieben Monde bereits irrte Rabbi Lhajim in den finstern Bergen umher, und schon glaubte er in seinem tiefsten Innern, nie und nimmermehr das Licht zu schauen. Aber einmal, genau nach Ablauf von sieben Monaten, erwachte Rabbi Lhajim aus tiefem Schlaf, und sein Auge sah klar zum Sonnenlichte empor. Da erhob er sich, hob die Hände zum Himmel und betete: „Gelobt seist Du. der das Licht bildet." Weiter ging Rabbi Lhajim sieben Tage und sieben Nächte lang, da erblickte er von der Ferne einen großen Strom, der Steine von sich warf mit ohrenbetäubendem Geräusche. And es rief eine Stimme vom Himmel: „Hie.r der Sambatjonfluß!" „Wie komme ich aber über dieses Steinemeer hinüber?" fragte Rabbi Lhajim. „Die Steinwellen gehen nur an den sechs Wochentagen, am sechsten aber, just da die Sonne am Zenite steht, - hört der Wellenschlag auf bis zum Ausgange des Sabbat; so kannst Du, wenn T^u es wagst, am Freitag nachmittag noch vor Sonnenuntergang das jenseitige Ufer erreichen." So war es auch. Kaum hatte am Freitag mittag um die zwölfte Stunde das Rauschen der Steinwogen aufgehört, machte sich Rabbi Lhajim auf den Weg und erreichte noch vor Nacht das Land auf der anderen Seite. Dort erblickten seine Augen ein wogendes Getreide-^, selb, dessen Aehren siebenmal so hoch waren> wie er selbst. Am Rande des Feldes standen Bäume, die mit ihren Spitzen zum Himmel, hinaufragten. (Fortsetzung folgt.) Auf der Höhe. Ferienbriefe aus der Schweiz von —tz. VII- Filisur. Im Herrenzimmer des Vahnhofhotels zu Filisur hat sich um die elfte Sonntagabendstunde ein auswärtiger Gesangverein am roten Veltlinerwein heiser getrunken. Da er dennoch singt, setze ich mich hinaus auf die grüne Lehnbank draußen vor dem Eingang, bestelle ein Bier, das ich nicht trinke und starre hinaus und hinauf, zum sternbesetzten Nachthimmel, der mit tausend goldenen Augen auf die weißlichen Spitzen wie aus nächster Nähe herabschaut, sehe ins Tal, w - sich terassenartig das schwachbeleuchtete Dorf wie im unruhigen Schlafe streckt und dehnt. Einige spärlich verstreute blasse Lichter, eines immer tiefer wie das andere, zeigen den Weg hinunter. Es sieht aus, als hätten sich die Berge von allen vier Seiten tiefer herabgelassen, sich enger geschlossen und ihre schützenden Arme über den unten schlummernden Dorfsrieden ausgebreitet. Eine ältere Frau in Schürze mit leerer Milchkanne in der Hand, die einzige Mitreisende, die hier mit uns ausgestiegen, klappert mit einem „Grüß Gott, schlaft wohl miteinand!" den Weg hinunter, wohin die blassen Lichter weisen. Die Männer vom Gesangverein im Herrenzimmer erwachen an einem schrillen Glockensignal vom nahen kleinen Bahnhof, brechen jäh ab und lausen in wankenden Eilschritten zu den Schienen. Es ist wieder tiefe Nachtstille. Filisur! Was bedeutet mir der Name? Eine Bezeichnung im Fahrplane, eine Durchgangsstation mit Schlafgelegenheit am Bahnhofe im Bädecker. Aber nun werde ich mein Lebenlang das Wort nicht aussprechen können, ohne im Tiefsten zu erschauern vor der Größe und Allgewalt des Schöpfers und seiner Schöpfung, die sich in Nacht und Stille offenbart. Hier in dieser Nachteinsamkeit mit dem Blicke nach dem gestirnten Himmel über den weißen Spitzen, die nachtblauen gewaltigen Bergrücken im Auge, an die unten angelehnt, ein niedliches Dorf schläft, muh man allein weilen, um alles Heilige und Geheimnisvolle des Vergfriedeus, seine innigen Beziehungen zu Sein und Seele zu erleben. Vielleicht hat der Psalmsänger so in stiller Nacht gesessen, den Blick nach dem iü den sternenbesäten Nacht- Himmel ragenden Tabor und Karmel gerichtet, als er die Worte sang: „Denn ich sehe Deinen Himmel, . Deiner Finger Werk, Mond und Sterne, Die Du eingesetzt- Was ist aber der Mensch, daß Du seiner gedenkest, Der Erdensohn, daß Du ihn bedächtest?" Ein verlorener Punkt im Bilde der Schöpfung, steht der Mensch mit irrendem, suchendem Blicke nach Einheit, nach Sinn und Seele des Ganzen, mit der bangen Frage im Herzen: „Wo und was bin i ch?" Aber dieses Jrreblicken, Suchen und Sehnen haben wir doch denen oben und unten voraus. Ich sehe und fasse den Berg in Form und Umsang, ich, das Staubkorn, den Berg, der aus Ewigkeiten gigantisch in die Landschaft ragt. Wie sich mein Auge am Himmelslichte erfreut und die Sternenstraßen absuchen kann. Ich genieße dies alles, bewußt und erkenntnisfroh, ja ich meistere es- „Und Du hast ihm nur um ein Weniges fehlen lassen. Daß er Gott gleiche. Mit Ehre und Schönheit schmücktest Du ihn-" Der Mensch, der kleine, hilflose, er mißt die Berge in ihrer Höhe und Breite, erklettert und umquert sie, durchbohrt sie, wo sie seinen Bahnen im Wege sind, daß sie mitten durch ihren Riesenleib ihm Wege erschließen. Und aus üen^reißenden Wassern^öie der Berg hinuntersendet, gewinnt er die Kraft, um seine Maschinen zu treiben. Ueberall winden sich hier die Stahlzähne der Höhenbahnen hinauf. Rote Lichter leuchten wachend vor

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