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Der Israelit · 1925-08-20 · Heft 34 (20.8.1925) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 34 (20.8.1925)
Date
1925-08-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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20. August 1925 Der Israeli! Nr. 34 Seite 13 Die zweite jüdische Emigrations-Konferenz. Berlin, 11. August. Am Sonntag, den 9. August, 11 Uhr vormittags, begann im Sitzungssaale der Jüdischen Gemeinde zu Berlin die zweite Jüdische Emigrationskonferenz. Herr Leo Motzkin eröffnete die Konferenz im Namen des Präsidiums des Jüdischen Emigrationsdirektoriums. Er begrüßte die Delegierten, die aus Europa, Amerika und Kanada eingetroffen waren, ebenso die erschienenen Vertreter der Regierung und der Jüdischen Gemeinde. Herr Motzkin führte dann u. a. aus: Die erste jüdische Emigrationskonferenz, die vor vier Jahren in Prag getagt hat, hatte zum Zweck die Schaffung eines Instruments für jüdische Wanderung, der jüdische Wanderer sollte nicht mehr hilf- und schutzlos in der Welt dastehen, eine festgefügte Organisation sollte ihm überall Fürsorge und Schutz angedeihen lassen. Als die Prager Konferenz vor vier Jahren tagte, waren die Tore Amerikas noch offen. Gegen 80 000 Juden pflegten die Vereinigten Staaten jährlich aufzunehmen. Ob noch einmal die Tore Amerikas geöffnet werden, bleibt ungewiß, allein die Tatsache, daß in den Vereinigten Staaten mehr als 400 000 organisierte jüdische Arbeiter leben, läßt erwarten, daß das Problem der Oeffnung der Grenzen noch einmal aktuell werden wird. Inzwischen müssen neue Eniwanderungsländer gesucht werden. In den letzten Monaten hat sich Palästina als das Neuland der jüdischen Wanderung erwiesen. Noch weiß man nicht, ob der letzte Monatsdurchschnitt von 3000 bis 4000 Einwanderern dauernd sein wird, aber auch in diesem Falle müssen andere Länder in Betracht gezogen werden. Die Möglichkeit der Einwanderung besteht in südamerikanischen Staaten, besonders in Argentinien, ferner in Kanada und in einigen Europa-Ländern, wie Frankreich und Belgien. Es ergibt sich die Frage, was müssen wir als Juden tun, um die brennende Frage der jüdischen Emigration zu lösen? Einzig für die Palästina-Einwanderung besteht eine mustergültige Organisation; in allen sonstigen Fällen gibt es noch keine befriedigende Antwort. Es ist vor allem in Betracht zu ziehen, daß auch diejenigen Länder, in die eine Einwanderung möglich ist, den Einzug unqualifizierter Elemente nicht zulassen wollen. Man wünscht sachlich geschulte Arbeiter, insbesondere Landwirte. Hierin ist unser Volk, dem solche Berufe in den Ostländern versperrt waren, in großem Nachteil. Ziel der Emigrationskomitees ist: Kampf gegen Vorurteile und Erziehung der Massen zur produktiven Arbeit. Nach den üblichen Begrüßungen folgte der Rechenschaftsbericht, erstattet vom Sekretär des Emigdirekt, Herrn Dr. D i j o u r. Die Prager Konferenz habe dem Emigrationsdirektorium vier Haupt-Aufgaben gestellt: 1. Regelung des Wanderstroms aus Rußland, 2. Zusammenarbeit mit den internationalen Snftitutionen der Emigranten, 3. Gründung der Emigrationsbank und 4. Vereinigung aller jüdischen Emigrationsgesellschaften zu einem einheitlichen Organ. Es ist gelungen, die jüdische Auswanderung aus Rußland legal zu gestalten; mit dem Völkerbund wurde auf verschiedenen Gebieten zusummengearbeitet. Es gelang nach vielfachen Verhandlungen, die rumänischen Emigranten allmählich aus Rumänien herauszuziehen. Der größte Teil von ihnen ging mit Hilfe der Jca nach Kanada. Die Gründung der Emigrationsbank ließ sich nicht verwirklichen, da diejenigen Organisationen, die das Gründungskapital beizustellen hatten (eine Ausnahme machte die ukrainische Förderation), die Zusagen nicht erfüllten. Eine Vereinigung der jüdischen Organisationen zu schaffen, ist noch nicht ganz gelungen. Erfolg erzielte Emigdirekt in den Verhandlungen mit den Schiffsgesellschaften bezüglich Ermäßigung für Schiffskarten, Prolongationen und Rückerstattungen. Das Mitglied des Präsidiums des Emigdirekt, Herr W. Latzky-Bertholdi, der als Vertreter des Emigdirekt in die Südamerika-Kommission des Internationalen Arbeitsamtes entsandt wurde, berichtete über die Reise dieser Kommission und ihre negative Stellung zu jüdischen Emigrationsinteressen. In Uruguay entdeckte Herr Latzky ein immer sich verstärkendes jüdisches Element, das aber vollkommen desorganisiert und aktionsunfähig war. Ohne daß man in Europa etwas davon wußte, entstand dort eine jüdische Ackerbaukolonie, die aber, da sich niemand um sie kümmerte, sich auch bald aufzulösen begann, wobei der Boden in die Hände deutscher Bauern überging. Nur noch 14 jüdische Bauernfamilien arbeiteten gegenwärtig in dieser Kolonie. Herr Latzky organisierte die Juden in Uruguay und schuf so Gelegenheit für eine weitere Verstärkung des jüdischen Elements durch neue Einwanderung. In Argentinien besteht in gewissen Regierungskreisen eine Abneigung gegen vermehrte jüdische Einwanderung. Man verschwieg der Presse, daß der Delegation auch ein jüdisches Mitglied angehört. Und die Delegation paßte sich der antijüdischen Stimmung an, so daß Herr Latzky in Paraguay aus dieser Kommission austreten muhte. Herr Latzky schloß: Allgemein hält man Südamerika für das Land der Zukunft. Auch die Juden haben dort viele Positionen, und es bestehen durchaus die Chancen für eine verstärkte jüdische Einwanderung. In Argentinien und in den anderen südamerikanischen Ländern kann eine große systematische Arbeit eingeleitet werden. Dazu muß aber Amerika helfen. Wenn Amerika nicht mehr neue Menschen aufnehmen kann, so mutz es uns fein Geld und seinen Einfluß geben, damit die jüdische Position in Südamerika gestärkt werde. Im Namen des Präsidiums bittet Motzkin, den Bericht der Südamerika-Kommission und der Delegation des Arbeitsamtes an den Völkerbund abzuwarten, und über das Referat Latzky keine Diskussion eintreten zu lassen. Sodann erstattete Herr Zewi A b e r s o n -Genf Bericht über die fünfjährige Zusammenarbeit mit dem Völkerbund und den Internationalen Institutionen in Genf. Er beklagte sich über den Vertreter des Joint Foreign Comitee und der Jca, Herrn Lucien Wolf, der für Repatriierung der russischen Flüchtlinge war. Herr Albert Thoma, der Präsident des Internationalen Arbeitsamtes, welches anstelle des aufgelösten Nansen Komitees die Flüchtlingsangelegenheiten übernahm, sprach sich ebenfalls gegen Repatriierung ohne genügende Sicherheiten aus. In der Generaldebatte kritisierten mehrere Delegierte scharf Tätigkeit und Organisation des Emigrationsdirektoriums, indem sie ausführten, das Emigrationsdirektorium sei zu sehr von der jüdischen Welthilfskonferenz abhängig und darum zu keiner fruchtbaren, selbständigen Arbeit fähig. Aufgabe dieser Konferenz sei es, eine auf demokratischer Grundlage aufgebaute unabhängige Organisation zu schassen. Herr Motzkin trat der Kritik entgegen, insbesondere der Behauptung, daß die Welthilfskonferenz das Emigrantendirektorium in einem Abhängigkeitsverhältnis halte. In der Abendsitzung vom 10. August referierte zunächst Herr Leo Motzkin über die Tätigkeit der Amerika-Abordnung der Jüdischen Welthilsskonserenz, deren Hauptaufgabe es war, mit der Gesellschaft Hias über folgende Fragen zu verhandeln: 1. Rettung der infolge der Jmmigrationssperre in den europäischen Häfen verbliebenen Emigranten, deren Lage eine sehr traurige war; 2. Besprechung der Budgetfragen für die Aufbau- und Kolonisationsarbeit in Rußland, ufw.; 3. Besprechung des Planes einer Weltemigrationskonferenz. Die Lösung der von der Abordnung aufgeworfenen Fragen bleibe der Zukunft Vorbehalten. Ausgabe dieser Konferenz sei es, eine Forderung an die amerikanische Judenheit ergehen zu lassen, sich ihrer Pflicht gegen ihre unglücklichen Brüder bewußt zu werden. — Auch in Kanada hat die Abordnung die großen Fragen der jüdischen Hilss- und Aufbauarbeit auf breiter Grundlage aufgeworfen und eine Tätigkeit zugunsten der Einwanderung der Flüchtlinge nach Kanada entfaltet. Der Bericht Leo Motzkins wurde durch einen Vortrag Dr. Oskar Cohns ergänzt. Cohn wirft der amerikanischen Judenheit Mangel an nötigem Solidaritätsgefühl für großes einheitliches Handeln vor. Aber er gibt die Arbeit nicht verloren. Immer und immer wieder muß der amerikanischen Judenheit die wirkliche Lage in Europa vor Augen geführt und an ihr Solidaritätsgefühl appelliert werden. Fünf Millionen Juden wohnen in Amerika, ein Drittel der Gesamtjudenheit. Die fünf Millionen befinden sich in einer sehr guten Lage. Ihre Pflicht ist es, den notleidenden zwei Dritteln der Judenheit zu Hilfe zu kommen. An die Berichte Motzkins und Dr. Cohns knüpfte sich eine Diskussion, in der einige Redner die amerikanische Judenheit in Schutz nahmen. Ein Appell an die amerikanische Judenheit, wenn er von entsprechender Aufklärung begleitet ist, wird nie ohne Wirkung bleiben. In der Abendsitzung vom 10. August hielt Herr Dr. I. Lesschinsky sein Referat über die Krisis in der jüdischen Emigration. In den Jahren vor dem Kriege hat es sich gezeigt, daß die Auswanderung den normalen Zuwachs in der jüdischen Bevölkerung ausgeglichen hat. Auch jetzt gilt es, etwa 300 000 Juden jährlich aus den bisherigen Wohnländern herauszuziehen. Es müssen alle Anstrengungen aus das Ziel vereinigt werden, Einwanderungsländer ausfindig zu machen. Hierauf hielt Herr W. Latzky-Bertholdy den zweiten Teil seines Referates über S ü d a m e r ik a. Er schilderte die unerhörten administrativen Chikanen, die die gegenwärtige argentinische Regierung der jüdischen Einwanderung entgegensetzt. Andererseits aber hat die Regierung der Jca ein Privileg für die Hereinbringung von Handwerkern und landwirtschaftlichen Arbeitern gegeben. Eine Lösung des Problems der südamerikanischen Immigration hängt von der Zusammenarbeit der großen europäischen und nordamerikanischen mit den südamerikanischen Organisationen ab. Südamerika wird immer mehr eine Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Herr Dr. V r u tz k u s hielt ein Referat über „Emigration, Kolonisation", in welchem er ausführte, es sei nicht genug, Jmmigrationsländer zu finden, es sei auch nicht genug, die Emigranten in den Auswandererländern vorzubereiten, man muß ihnen die Möglichkeit schaffen, sich in die Wirtschaft der Einwandorungsländer einzugliedern; es muß eine Kolonisationsarbeit in den Einwanderungsländern entfaltet werden. In der Diskussion verzeichnet Herr Dr. L w o w i t s ch, daß in Rußland in den letzten sechs Jahren mehr als 60 000 Familien kolonisiert wurden. Das sei einzig dastehend in der jüdischen Geschichte. Am letzten Sitzungstagc hält Herr Dr. M. Silberf a r b -Warschau ein Referat über die berufliche Vorbereitung der jüdischen Emigranten. Er führt ungefähr aus: In früheren Jahren ging zuerst die Emigration und dann erst die Produktivierung der Emigranten in den Einwanderungsländern vor sich. Jetzt ist es anders: Man muß den Emigranten für die neue Heimat zweckmäßig vorbereiten. Die berufliche Vorbereitung des Emigranten ist ja eine Voraussetzung der Einwanderungsmöglichkeit überhaupt geworden. Eine allgemeine berufliche Ausbildung genügt nicht, man muß den Emigranten für den Arbeitsmarkt, für den er bestimmt ist, speziell vorbereiten. Zu diesem Zwecke sind landwirtschaftliche Ausbildungsstätten und Werkstätten zu errichten. Da die Emigrationsorganisation diese Vorbereitungsarbeit nicht selbst vollbringen kann, wäre ein Vertrag mit der Gesellschaft „Ort" zu schließen, deren Ziel es von jeher ist, die jüdischen Massen einer geregelten Produktion zuzuführen. Prof. S i m o n s e n unterstützt die Ausführungen Dr. Silberfarbs und schildert die Gefahren, denen die jüdischen Emigranten, insbesondere die Frauen und Töchter, ausgesetzt sind. Die Emigrationsorganisation muß in dieser Hinsicht eine große Wachsamkeit entfalten. In der Abendsitzung hielt der Sejmdeputierte Herr Dr. S z y p e r ein Referat über Emigrationspolitik. Er besprach die Möglichkeiten und die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit allen internationalen Faktoren, die mit Emigration zu tun haben. Er beantragte die Schaffung eines speziellen politischen Ressorts bei dem zu gründenden Emigrationsverband und die Unterhaltung eines ständigen Bevollmächtigten in Genf, dem Sitze des Völkerbundes. Nötig fei auch eine umfassende Propagandatätigkeit. Zum Schluß hielt Herr Dr. O l s ch w a n g e r ein Referat über die „sanitär-medizinische Arbeit für die Emigranten". Diese Arbeit ist eine V oraussetzung für die Cmigrationsmöglichkeit. Die mediz'.nfche Tätigkeit muß aber in einer einzigen Organsation konzentriert sein. Für diese Ausgabe ist besonders die Gesellschaft für jüdischen Gesundheitsschutz „Ose" zuständig, die seit langem eine erprobte Tätigkeit im Dienste des Emigranten-Gesundheitsschutzes entfaltet. Die medizinische Hilfe muß in den Ausreiseländern, als auch in den Häfen und allen anderen Konzsntrationspunkten entfaltet werden. Auch ist eine auf breite Grundlage gestellte hygienische Aufklärung notwendig. Es wurde zum Schluß ein „Verband für jüdische Emigration" geschaffen. Ueber die Organisation des neuen Verbandes ersieht man aus der Resolution Folgendes: Sein Ziel ist, die jüdische Wanderbewegung zu regeln und die jüdischen Emigranten zu schützen. Es können ihm nur interterritoriale jüdische Organisationen angehören, deren Tätigkeit in dem einem oder dem anderen Maße die Emigrantenangelegenheiten berührt, auch Organisationen, bei denen die Emigrantenhilfe einen Teil ihrer Tätigkeit

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