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Der Israelit · 1925-08-20 · Heft 34 (20.8.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 34 (20.8.1925)
Date
1925-08-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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feuilleton Beilage Der Israelit Rr. 34 1925 Sein Teilhaber. (Eine chassidische Geschichte.) Es war zu Zeiten des A b t e r R e b b e. Alles pflegte damals nach dem Städtchen Wolhyniens zu pilgern, das so sehr durch seinen großen Sohn zu Ruhm gelangte. In der jüdischen Welt pflegte man zu sagen: „Warum heißt die Stadt Abte?" „Weil eben der Abter darin wohnt." So sehr ging der Name des großen Wunderrabbi von Mund zu Mund, von Land zu Land. Und nun war es gerade ein Bauerndörfchen tu der Nähe der Stadt Abte,, von wo aus eine Konkurrenz dem Rabbi entstand. Dort wohnte ein einfacher Pächter, ein ganz Ungelernter, der anfing, Segnungen auszuteilen, die ihre Wirkung nicht versagten. Viele wunderten statt nach Abte nach dem Dörfchen nebenan, um die erprobte Heilkraft des Gebetes aus dem Munde des Pächters in Anspruch zu nehmen. Als es sich gar einmal ergab, daß ein Chassid, dem lange Jahre allen Bemühungen des „Abter" zum Trotze Kindersegen versagt war, nach den Gebeten des Dorfpächters mit einem Sohn beschenkt wurde, war der Abter Zaddik selbst voller Staunen, und beschloß, ins Dorf hinauszugehen, um der Sache auf den Grund zu gehen und zu erforschen, woher der einfache Mann seine Heiland Wunderkraft schöpfe. Der Rabbi gab sich nicht zu erkennen. Als Kaufmann aus ferner Stadt hielt er sich einige Tage in der Nähe des Pächters aus, um ihn scharf zu beobachten. Er bemerkte, wie der Pächter sich täglich sehr früh vom Bette erhob, rasch seine Gebete verrichtete, sich dann hinter den Ausschanktisch stellte, um den Bauern Branntwein auszuschenken. So stand er den ganzen Tag, ohne den Platz zu verlassen. Das Essen bekam er von der nebenan liegenden Wohnung gebracht.. Beim Fortgehen schloß er alle Schubladen behutsam ab, und keiner durfte außer ihm etwas von den Getränken verabreden. Der Abter Rebbe konnte außerdem wahrnehmen, daß der Pächter jeden eingenommenen Erlös in zwei Teile teilte und in zwei Schubläden, jeden Teil besonders, hineinlegte. Es war das einzig Auffallende an dem Pächter. Sonst konnte er nichts Besonderes wahrnehmen. Am vierten Tage wollte der Rabbi nicht länger warten, trat entschlossen an den Mann heran, gab sich zu erkennen und befahl ihm klar und deutlich, ohne was zu verschweigen, zu erzählen, was Sonderbares an ihm sei und welch frommer Tat er seine Wunderkraft verdanke. ...Rabbi," antwortete der Pächter bescheiden, „es ist nicht meine Weisheit noch meine Frömmigkeit, die dazu führte, es ist nur mein V e r - k r a u e n. Alles, was ich tue und unternehme, geschieht im Einvernehmen mit meinem Teilhaber, und diesem ist nichts unmöglich! . . ." ,.Ja, Rabbi," setzte der Pächter fort, da der Rabbi ihn verständnislos anschaute, „ich habe den besten Teilhaber, obwohl ich ihn nicht verdiene, und erworben habe ich mir ihn einzig durch nie versagendes Vertrauen. Wie Ihr mich seht, Rabbi, habe ich bereits allerlei Wandlungen durchgemacht, war unten, ganz oben und auch sch-n wieder ganz unten. Den Mut ließ ich uich sinken, denn ich vertraute auf Gott und er hast immer wieder. Einmal geschah es, daß ich über Nacht mein ganze Vermögen verlor und es w.fr einfach keine Münze mehr im Hause, um ein Suickchen Brot für die Kinder zu kaufen. Meine Frau setzte mir zu, ich sollte neuen Handel anfangen und mir einen Teilhaber suchen, der das nötigste dazu gäbe. Ich wollte nicht darauf eingehen, da das Vermächtnis meines Vaters mir die Verbindung mit einem Teilhaber untersagte. Da aber das Weinen von Weib und Kindern nicht aufhörte, versprach ich unter dem Druck der Not, ihren Wunsch zu erfüllen und ging hinaus auf die Suche nach einem Teilhaber. In Wahrheit ging ich aber ins Feld, und betete, von keinem gesehen und beachtet: „Herr der Welt, Du siehst, wie schlecht es mir ergeht und wie ich gezwungen bin, unter Verletzung des väterlichen Vermächtnisses einen Teilhaber zu suchen. Mein Vater meinte aber nur einen menschlichen Teilhaber, so sei Du, Herr der Welt, von nun an mein Teilhaber. Reiche mir Deine Hand und hilf mir, daß Weib und Kind daheim nicht darben müssen. Du wirst sehen, Herr der Welt, ich werde ehrlich und redlich jeden verdienten Groschen mir Dir teilen." Mein Gebet wurde erhört. Wie durch ein Wunder fand ich noch in einer Ecke der Tasche zwei Gulden und wußte, daß das der Einsatz des himmlischen Teilhabers war. Für das Geld kaufte ich sofort einige Liter Branntwein. Ich verkaufte sie gut. Schon der erste Verdienst wurde redlich geteilt, obwohl dadurch die Brotrationen sehr kümmerlich ausfielen. Nun fing es wieder an, nach oben zu gehen. Der Verdienst ist gut. Aber hier sind die zwei Schubläden, deren einer meinen Verdienst aufnimmt, in den anderen wandert der Anteil Gottes, meines Teilhabers. Damit aber auch alles aufs genaueste ehrlich und redlich zugeht, darf keiner außer mir an Geld oder Getränke heran. Wenn ich diesen Platz verlasse, ist der Verkauf eingestellt." „Und was geschieht mit dem anderen Gelde, das Gottes Anteil ist?" „Es wird bis zum letzten Heller für heilige Zwecke verwendet, zur Unterstützung von Armen und Waisen, von Thorajüngern, für Brautausstattungen und dergleichen mehr." Der „Abter" brach, ganz unter dem Eindruck dieser Schilderung, aus: „So nehmet mich ebenfalls als Teilhaber auf, daß ich der dritte in eurer Mitte sei." Allein der Pächter sagte nach einigem Schweigen: „Nein, Rabbi, es geht nicht. Ein solches Teilhabergeschäft erfordert ein gewisses Kapital, es heißt dies: Vertrauen. Ihr habt dieses Kapital nicht beisammen, denn Ihr kämet her, um zu prüfen. ..." Da sagte der Abter weiter ohne Bitterkeit: „So komme ich, wie viele andere, zu Euch, daß Ihr mich segnet mit solchem Maße des Vertrauens." Der Pächter tat dieses und sie schieden voneinander, der große Rabbi und der kleine Pächter, in Liebe und gegenseitiger Verehrung. Mehr wie einen hatte seitdem der Abter Zaddik selbst ins Dorf geschickt, zum Pächter, daß er ihn segne. . . . Auf der Höhe. Ferienbriese aus der Schweiz von —tz. V. In unserem Hotel. Seitdem ich in Kowno in einem Hotel auf dem P a - r a d e p l a tz namens „Viktoria" genächtigt habe, in dem ich — am eigenen Leibe — große Nachtparade von ungezählten und ungezifferten Scharen erleben durfte, hat dieser englische Name für mich einen etwas beißenden Klang. „Viktoria" ist nun rehabilitiert, hat wieder für mich den lieblichsten Klang' von ehedem. Denn was hier zu den Füßen der Engadiner Dolomiten als jüdisches Hotel auf den Namen „Viktoria" hört, ist der Inbegriff des Schönen und Lieben, der trautesten Behaglichkeit und Gastlichkeit, die sich ein Reisender bei seinem Ferienaufenthalte auf und in den Bergen nur wünschen kann. Man geht die Anhöhe vom Bahnhof hinunter und steht vor einem modernen Hotel mit Terrassen und Veranden, mit Glasfenstern und Blumen und bequemen Ruhebänken und Nohrfeffeln vor der Türe. Im Vestibül ist es traut und heimelig. Die Geräusche sind durch weiche Teppiche abgetönt, daß selbst das Treiben der Kinder, die auf den Schaukelstühlen um die Wette sausen, nicht sehr störend wirkt. Hier gibt es stille Ecken und Nischen genug, wohin man sich mit einem Buche, einer Zeitung oder in stiller Sammlung unbeachtet und ungestört zurückziehen kann. Man gelangt rechts in eine kleine Schreibstube, wo freilich der Schreibtisch stets belegt ist — von jungen Frauen, die ihren daheim gebliebenen Männern ihre glühende Liebe beteuern und um schleunige „Nachbewilligungen" schreiben. Ein sich anschließendes Zimmer ist als kleines Gotteshaus mit allen nötigen Utensilien und heiligen Requisiten eingerichtet, und das Schreibzimmer dient bei dem Gottesdienste als eine Art Frauensynagoge. Links vom Vestibül aus gelangt man in die Speisssäle, einen großen mit prachtvollen Wandmalereien und einen parallel gelegenen kleineren Saal, der wohl weniger für das Auge, dafür aber Gott fei Dank auch weniger für das Ohr bietet, d. h. wo man weniger von den tausend Leiden und Beschwerden seiner Tischgenossen erfährt, als in dem großen Raum, in dem Tisch an Tisch sich lehnt. Den Sälen schließt sich eine herrliche Terrasse mit Glaswänden an, in der man morgens das Frühstück und abends, wenn man „milching" ißt, das Abendessen einnimmt. Da der Anblick von hier durch die Glaswände zu den Bergen fast greifbar nah und klar ist, so gibt es oft morgens zum Frühstück Neuschnee und abends zum Nachtessen das herrlichste Alpenglühen. Und — Wunder aller Wunder — beides kommt nicht auf die Rechnung, Und nun die Menschen in diesem Hause, auf dieser Insel der Ferienseligkeit: in ihrer Buntheit und Beweglichkeit und ihrem ewigen Wechsel der lebendige Gegensatz zu der bodenständigen Allgewalt und Festigkeit der Bergriesen ringsherum. Es hat den Anschein, als hätte der liebe Gott aus allen Länderecken, aus allen Gemeinden der Welt eine Handvoll seiner lieben Juden erfaßt, sie in die Höhe gehoben, ein wenig durch die Luft gewirbelt und sie hier dann auf 1300 Meter Höhe abgesetzt, daß sie sich für einige Wochen zu einer beweglichen Gemeinde aller Gemeinden vereinigen. . . . Aber aus dem Chaos bilden sich doch mählich wieder die merklichen Linien und Formen heraus. Hier finden sich die Zusammengehörigen, pirschen sich vorsichtig aneinander heran und reichen sich doch die Hand zu einem kleinen Damm innerhalb des wirren Ganzen. Zunächst finden sich die Schweizer durch den gemeinsamen Klang der Sprache. Alle sind wohlgenährt und entfalten einen herrlichen Appetit. Dann natürlich sammeln sich die Berliner, ebenfalls erkenntlich durch ihre laute Sprache, ihre sicheren Bewegungen und der Annahme, daß der Engadin mitsamt seinen Bergen und Tälern zu Großberlin gehört. Einzelne von ihnen kraxeln leidenschaftlich, wollen immer noch höher und sprechen zwischen Braten und DesseOt gern von Gletscherspalten, an denen sie noch mit knapper Not gerade „oorbeigehupft" sind. Innerhalb der Berliner „Gemeinde" finden sich sehr rasch die früheren P o s e n e r , ungemein sympathische Menschen, die mit viel Liebe von der Posener Heimat und weniger Liebe von der Berliner Gemeindepolitik sprechen. Selbstverständlich fehlen auch die Frankfurter nicht, deren Ehrgeiz sich weniger in Bergeshöhe bewegt, vielmehr auf die „Eroberung der Gemeinde" sich beschränkt, aus die Beherrschung des Kultus und Ritus beim Gottesdienste. Dieser Gottesdienst im Hotel hat feine eigene Note. Ein richtiger, eigens angestellter Berufschasan, zu dessen Obliegenheiten die Woche über es auch gehört, die Gäste mit Liebenswürdigkeiten und Höflichkeiten zu überschütten (dieweil dem Hotelier dafür die Zeit mangelt), leitet ihn mit sonorer Stimme und großer Routine unter einer Kraftanstrengung, wie sie sonst nur zur Probe berufene Oberkantoren zu entfalten pflegen. Es sind jeden Samstag neue Gesichter da und der Gute weih noch nicht, wo er einmal landen würde. . . . Am Freitag abend ist die Beteiligung so groß wie in der Synagoge einer mittleren Großgemeinde und der Gottesdienst muß im großen Saale abgehalten werden. Am Sabbat morgen gibt es zwei Gottesdienste, einen für Frühaufsteher und einen für andere. Unser Oberkantor ist unermüdlich, und bei der Thoraoerlesung erhält man sieben oder acht Mal die gesamte jüdische K u r - liste (mit „heiligen Namen" und Vatersnamen) oorgelesen, dieweil Jeder von Jedem ein „Mischeberach" bekommt. Ein Gefühl der absoluten Sicherheit beherrscht uns Frankfurter in den ersten vierzehn Tagen. Es kann nichts passieren, denn unser Ginsberger ist dabei. . . . Er steht zwar bescheiden in der Ecke in seinen Tallis gehüllt, als habe er hier „nichts zu vermelden", aber ein Wink, ein Fingerzeig, eine Handbewegung genügt, um alles Wankende wieder ins richtige Geleise zu rücken und die „Weltordnung" wieder herzustellen. Später sind einige Komplikationen und Kollisionen zwischen den verschiedenen Riten in Nord und Süd, Ost und West unvermeidlich. Aber es geht immer gut und friedlich ab. Jeder kommt zu feinem Rechte. Wir sind nicht führerlos in dieser Gemeinde der Gemeinden. Drei Rabbiner sind an Bord, davon freilich nur e i n konservativer aus einer polnisch gewordenen Gemeinde Schlesiens. Einer amtiert in einer großen Bezirkshauptstadt Mitteldeutschlands und hat fataler Weife

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