Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1925)
- Date
- 1925-08-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 33 Der Israelit 13. August 1925 Wird man nachts aus erstem Schlafe mit einem dröhnenden Schlage gerissen, so hat man die Wahl, anzunehmen, es sei die erste Stunde nach Mitternacht oder das erste Viertel irgend einer dem Morgengrauen entgegenrückender Stunde und man wartet bis zu zwei Schlägen, um festzustellen, daß es früher nur viertel war und jetzt halb sei- In genau abgemessener Intervalle künden drei schrille Klänge den unerbittlichen Weiterlauf der Zeit. Nun ist man schon neugierig, welche Ganzzahl bei dieser umständlichen und anstrengenden Vorbereitung herauskommen wird. Ist ja nur eine Viertelstunde noch. Hat es nun endlich nach den vier Klängen in höherer Tonlage richtig drei geschlagen, hat man sich im Warten, Wachen und Kalkulieren genügend munter erhalten, um für den Rest der Nacht weiter zu wachen — bis zum Erwachen der Berge im unvergleichlichen Glanze des Engadiner Morgens. So Nacht für Nacht, Stunde für Stunde. In Kissingen war es ein übereifriger Gockelhahn, der seine Aufgabe darin sah, nachts um viere die Kurgäste auf ihren nun erworbenen guten Schlaf zu prüfen. Hier besorgt diese Nervenprobe weit häufiger und gründlicher die Sturmglocke der Kirchenuhr. So hat jedes Bad seine eigenen Reize. . . . Aber was ein richtiger Kurgast ist, der es genau mit seiner Pflicht nimmt, hält nicht viel auf Schlafen. Ausruhen kann man zu Hause. . . . Hier steht man um fünfe auf, trinkt, badet, absolviert Märsche und allerlei Hindernisrennen und arbeitet sich so mit dem Schweiße seines Angesichtes redlich bis zur neunten Stunde durch, da man, stolz auf einen geschlagenen Rekord, in der schönen Frühstücksterrasse mit dem Ausblick nach dem Neuschnee sitzt und auf den Kaffee wartet. Von den Anderen wird man dann neidisch begrüßt: „Sie sind aber heute schon fleißig gewesen . . ." Es gibt freilich auch Andere, die der unverständlichen Meinung sind, die Ferien seien zur Erholung und zum Ausruhen da, gönnen sich, soweit es die Uhrglocken erlauben, mehr Schlaf, essen, trinken, baden und spazieren, wann es ihnen paßt und zuträglich erscheint. Das sind' aber Stümper, Passionskurgäste, wie Sonntagsjäger und Sonntagsreiter, die es gar nicht verdienten, daß sie in die Kurliste ausgenommen werden. ... Am nachmittag, dem einzigen, all dem es um drei Uhr nicht regnete — sondern um viere — machte ich mit meinem Freunde, dem Altphilologen, der auch in Botanik macht, einen Spaziergang nach der P r a d k l l a, dem nicht zu weiten Ziele aller „unfleißigen Kurgäste". „Jetzt sehen Sie diesen Wald an," dozierte mein Freund, „es ist der typische Unterengadiner Wald, fast ausschließlich Nadelholz. Sehen Sie diese mächtigen Rottannen, die einzigen die geschlossen bis 1800 Meter Höhe hinauflangen. Aber die Lärche finden Sie sowohl in der Talsohle wie einzeln auf der Spitze von 2000 Meter Die Arve hält sich sogar noch 300 Meter höher tadellos. Und diese Flora! Was sich hier zwischen dem Moos in ganzen - Feldern ausdehnt, es ist Pyrola uniflora , oder Viola biflora, Wenn wir etwas höher die Waldwiese erreichen, finden wir den llilium martaSov, auch batkyrus graten^is. genannt, was Sie aber um Himmelswillen nicht mit dem ähnlich aussehenden Ölematis alpina verwechseln dürfen, der oft in steiler Höhe zwischen Edelweiß und Brennessel blüht. Kennen Sie übrigens auch die Unterarten des Nicia Gracea unterscheiden .^. Es wurde mir auf halber sanfter Höhe schwindlig. Ich werde auch nie mehr mit einem Altphilologen, der zugleich Botaniker ist, in die Berge gehen. . . . Ich habe von der ganzen lehrreichen Lektion nur eines — als Symbol — behalten: Auf höchster Alpenhöhe gedeiht überall neben dem Edelweiß und der Alpenrose auch aufs beste die B r e n n e s s e l. . . . (Fortsetzung folgt.) Uinderecke. Zehuda tzalevi. Von Heinrich Reuß. 1. Seine Bedeutung. Und Jehuda den Halevi Ward nicht bloß ein Schriftgelehrter, Sondern auch der Dichtkunst Meister, Sondern auch ein großer Dichter. Ja er ward ein großer Dichter, Stern und Fackel seiner Zeit, Seines Volkes Licht und Leuchte, Eine wunderbare, große Feuersäule des Gesanges, Die der Schmerzenskarawane Israels vorangezogen In der Wüste des Exils. Heinrich Heine hat mit diesen Versen treffend ausgedrückt, was Jehuda Halevi seiner Zeit war, und was er auch fein könnte, wenn die Kenntnis der hebräischen Sprache noch heute so verbreite wäre, wie in der spanischen Blütezeit; wenn bei den Juden der Neuzeit die Liebe zum jüdischen Schrift- und Volkstum gleichen Schritt hielte mit ihrer Anteilnahme an dem heutigen Geistes- und Staatsleben. Jehuda Halevi war die goldene Sonne, vor deren Strahlenglanz die hellleuchtendsten Sterne im damaligen jüdischen Spanien verblassen mußten: die in einsamer, einziger Schöne ruhig und sicher ihre hehre Bahn zog, deren Wärme alle Herzen gewann, deren Strahlen die Geister erleuchtete. In ihm hatten Geistesleben und Dichtkunst der spanischen Juden einen nicht wieder erreichten Gipfelpunkt erklommen. Seine Werke erscheinen als duftende Blüte und Vollreife Frucht einer zweihundertjährigen Geistes- und Religions- Pflege; er selbst ist der alles überragende Dichter und Denker seit Abschluß der Bibel. ' 2. Jehuda Halevis Leben und Dichten in Spanien. Jehuda den Samuel Halevi ist um das Jahr 1086 in Toledo, einer großen jüdischen Gemeinde im christlichen Kastilien, geboren. Wie es bei unseren spanischen Glaubensbrüdern gar nicht anders zu erwarten war, nahm auch er als Knabe und Jüngling alles in seinen Geist auf, was die hohe arabische Kultur an Wissen und Kunst bot. Neben einer umfassenden weltlichen Bildung verfügte er als Schüler des berühmten Meisters Alfassis in Lucena über gründliche talmudische Kenntnisse. Als Lebensberuf übte er die ärztliche Tätigkeit aus, die seit alter Zeit bei den Juden sich großer Beliebtheit erfreut. Ein gnädiges Geschick enthob ihn zeitlebens der Sorge um das tägliche Auskommen; glücklicher als sein Kunstgenosse Salomo ibn Gabriol, war er unabhängig nach jeder Seite, und sein eigener Wille lenkte seine Schritte. Ein in allen Wissenschaften seiner Zeit unterrichteter und mit den religiösen Anschauungen der Christen und Mohammedaner vertrauter Mann, folgte er seiner frommen Herzensrichtung, gründete ein eigenes talmudisches Lehrhaus und widmete seine freie Zeit der Thora und ihren Jüngern. Wie Gabriol war auch Jehuda Halevi in seinen Jünglingsjahren schon ein Meister der hebräischen Zunge, sie war ihm vertraut wie eine Muttersprache, in ihr träumte, dachte und dichtete er mit einer Stärke und Glut, die an die Meister des religiösen Gesanges, an die Psalmisten, gemahnte. Die Dichterkraft Gabriols wird von der des Leviten Jehuda in der Einheitlichkeit der Stimmung und in der Mannigfaltigkeit des Ausdrucks übertroffen. Wie Gabriol beklagt auch Jehuda Israels unwürdige Stellung in der Fremde. Aber der Levite versüßt die Bitterkeit der Gegenwart durch den Rückblick in Israels Gnadenzeit, durch den Ausblick in eine glorreiche Zukunft. Jehuda klagt nicht an, er ergibt sich, überwindet, tröstet, richtet auf, — Liebe und Freundschaft, Weinkrug und Hochzeit, Himmel und Erde, Land und Meer, Westwind und Seesturm, Zion und Jerusalem, Gott und Israel ind der Inhalt seines Singens und Sagens, Jubelns und Klagens. Selbst in der Ueberfetzung verwandeln sich seine Verse auf den Lippen in Gesang, der das Herz mächtig erfaßt und erfüllt, die Augen feuchtet, das Gemüt ergreift und den Geist fesselt. Der äußere Lebensgang dieses Dichterfürsten ist durch sichere Nachrichten nur wenig erhellt. Sein Leben war ein schönes Heldenlied, und aus einen Gesängen lernen wir den Inhalt seines Lebens kennen. a) Freundschaft und Liebe. Nicht einsam und menschenfeindlich zog er eine Straße. Seine Zeit war an berühmten, edlen Männern reich (Mose und Abraham ibn Esra, Josef ibn Migasch), und mit den Besten unterhielt er dauernde, selbstlose Freundschaft. Er gab sich im Freundeskreise gern dem Zauber edler Geselligkeit und frohem Genüsse hin, besang den Freund in warmer Liebe und beklagte in rührenden Versen die -Trennung von der Seelenvertrauten. Löblicher Fleiß. Sei froh im Freundeskreis, Gib nie dem Schmerz dich preis; Sei Weisester im Rat, Der zu gewinnen weiß; Zu edel nicht, zu schlimm, ~ In keinem Ding-zu heiß — Was gut, was dir erwünscht, Erfüllt sich solchem Fleiß. Fern und doch nah. O, hält' ich Adlerflügel, Ich flöge rasch zu dir, Zu dir nach weiter Ferne, Zu dir, der nahe mir. Ja, bist mir fern: zu Wolken Sich kühn dein Flug erhebt: Bist nah' mir, mit dem Herzen In Liebe eng verwebt. Der Freundin Bild. Mein Liebchen hat zwei Lippen fein, Die funkeln wie Rubinen, Und Zähne hat's wie Perlenreih'n Und sonnenhelle Mienen. Und rings um Haupt die Lockenpracht, Gemahnt mich an die dunkle Nacht. Mein Liebchen hat Geschwister viel, Das ist der Sternlein Reigen. Uns Menschen bleibt als höchstes Ziel, Ihm dienend uns zu neigen. Einziges Verlangen. Mein Leib, mein Reh, verlaß mich nicht, Ich lieb dich, bis mein Auge bricht. Nach dir allein ist mein Begehr, Bist du mein, was verlang' ich mehr? (Fortsetzung folgt.) 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