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Der Israelit · 1925-08-13 · Heft 33 (13.8.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 33 (13.8.1925)
Date
1925-08-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Ttuilletoit Beilage Der Israelit m.r; i«? Der Belzer Moschiach. Von 3. TU. Blaustein-Breslau. In der Stadt Belz lebte einst ein großer Zaddik. Er war sehr bewandert in allen Büchern des jüdischen Wissens, und alle Tage seines Lebens beschäftigte er sich mit „Lernen und guten Taten." In jenen Tagen hatte das Leid des Volkes Israel seinen Höhepunkt erreicht. Wie Wasser wurde das Blut der Juden vergossen. Greise -und Kinder wurden erschlagen, gemordet und gehängt. Das Geschrei der Kinder Israel stieg hinauf zur Höhe," es durchdrang alle Tore des Himmels und die Engel vergossen Tränen ob des Schmerzes des Volkes Israel. Bis vor den Thron der Schechinah kam das Wehklagen. Dis aber saß versunken in tiefem Schmerz. Und siehe, plötzlich erzitterte, Feuerflammen durchbrechend, eine Stimme und rief: „Das Ende ist herbeigekommen; das Maß der Peinigungen ist voll: das hochbetagte Volk soll zum. Leben zurückkehren, die Fahne der Gerechtigkeit erheben, und sie aufpflanzen auf dem Berge Zion, zu dem alle Völker strömen werden." Und der Allmächtige gab den Befehl, daß alle Enge! sich versammeln sollten, die aus den guten Taten des Belzer Zaddik geschaffen waren. Und siehe, es kamen Scharen von weißen Engeln, strahlendes Licht auf ihren Häuptern und sie stellten sich vor den Thron seiner Herrlichkeit. Und die Schechinah erhob ihre Stimme und sprach: „Gehet und kündet dem Zaddik von Belz: Erlösen sollst du die Kinder Israel aus ihrem Eril." Da leuchteten die Augen der Engel vor Freude, Sie breiteten ihre weißen Flügel aus, zur Erde herabzufliegen. Da plötzlich drängte sich der Satan zwischen sie und stellte sich vor den Thron der Schechinah: „Woher kommst Du?" „Ich habe die Erde durchzogen und durchwandert. Jetzt gib mir die Macht, den Zaddik von Belz zu versuchen!" Da ward die Schechinah traurig, und senkte ihr Haupt zur Erde. Tiefe Trauer hüllte die Engel ein, und die ganze Sphäre der Höhe erzitterte vor der Tat des Bösewichts. Der Satan aber breitete seine Flügel aus, flog zur Erde herab und verwandelte sich in eine Iungfrau, die alle Gesetze der Thora kannte und jegliche Frage beantworten konnte: groß war ihr Scharfsinn. Und sie zog von Stadt zu Stadt, wurde berühmt in der ganzen Welt und wohin sie kam, strömten, ihr die Schüler der Thora mit vielen Fragen entgegen, und auf jede einzelne gab sie Antwort in ihrer liefen Weisheit. Eines Tages kam sie rmch Belz. Auch die Schüler des Zaddik von Belz gingen zu ihr: auch ihnen gab sie scharfsinnige Antwort und stellte ihnen Fragen, die der Zaddik beantworten sollte. Als der Zaddik von der Klugheit und Gelehrsamkeit der Jungfrau hörte, geriet er in großes Erstaunen. Tage und Nächte dachte er nach: wiederholte den ganzen Talmud, aber es gelang ihm nicht, eine Antwort auf die schwierigen Fragen zu finden, die das Mädchen gestellt hatte. Zuletzt beschloß er, selbst mit seinen Schülern zu ihr zu gehen, um aus ihrem Munde die Geheimnisse der heiligen Thora zu hören. Die Jungfrau ging dem Zaddik freudig entgegen und wandelte einige Stunden mit ihm im Paradies-. Je mehr das Mädchen sprach, desto größer ward das. Erstaunen des Zaddik. Und dann, als sie mit den Schülern zusammen waren, bat er sie, ihnen die höchsten, verborgensten Rätsel der Thora zu lösen. . Die Jungfrau weigerte sich und sagte, daß sie ihm nur allein das „Geheimnis der Geheimnisse" offenbaren könnte. Das gewaltige Begehren des Belzer Zaddik, dis Offenbarung zu vernehmen, berauschte ihn so, daß er das Verbot ganz vergaß, allein mit einer Frau zu sein. Er befahl seinen Schülern, das Zimmer zu verlassen. Als sie hinausgegangen waren, blieb der Zaddik mit dem Satan allein. Der knirschte mit seinen Zähnen, sprang und tanzte vor F.eude und rief: „Jetzt ist meine Hand über Dir!" Du wirst Israel nicht erlösen;denn gestrauchelt bist Du an der Sünde des „Jichud". Als der Zaddik das hörte, erkannte er, daß alles nur Prüfungen, Taten des Satan waren, der nun gesiegt hatte. Er zerriß seine Kleider, wälzte sich im Staube der Erde und schrie mit lauter Stimme zum Herrn der Welt: „Offen und klar ist es dir, daß ich nicht zu meiner Ehre das alles tat, auch nicht zu meines Paterhauses Ehre, sondern nur, um die Lehre zu verbreiten in Israel." Aber die Tore des Himmels waren geschlossen. Nebel verhüllte den Glanz der Sonne, die ganze Sphäre der Obern war in Trauer gehüllt. Der Zaddik von Belz sah feurige Buchstaben, die in der Luft sich bewegten: „Eine gute Tat, doch erreicht durch eine Sünde." Und die Erlösung ward aufgehoben. Auf der Höhe. Ferienbriefe aus der Schweiz von —tz. III. Weitere Typen. Meine Wirtin, Madame Füllte, ist eine würdige Matrone, gerade und hochaufgerichtet trotz ihrer achtundfiebenzig Jahre wie die zwei Edeltannen in ihrem Garten, zwischen denen aus einem Seil allmorgendlich weitze Wäsche schimmert. Sie trägt große, runde, mattblaue Brillengläser, sieht aber besser, wenn sie diese hoch bis zur Stirne rückt. Sie erzählt mir in einem Gemisch von Romanisch, Italienisch und Deutsch eine furchtbar tragische Geschichte von einem Hündchen, das vom Wagen fiel — sie fuhr damals zweifpännig — und verendete. In ihren kleinen Aeugelein glitzert eine Träne, indes sie mir vom tragischen Ende des Tierchens berichtet. Sie hat ihm ein Denkmal in seiner eigenen Haut gesetzt — das ausgestopfte Hündchen auf der Kommode. „Wann ist das Unglück passiert? fragte ich teilnahmsvoll. „Im Sommer 1914." Ich sage: „Ja, liebe Frau, es ist damals und seitdem auch bei uns in Deutschland mancherlei passiert. Viele Mütter und Frauen haben geweint . . Sie hatte etwas davon gehört, aber es war weit, weit. . . . Hier in den Bergen merkte man es nur daran, daß die deutschen Gäste ausblieben und es etwas leer wurde in den Pässen und Tälern. Nun aber geht es wieder. „Ma bella val mi Cngadina . . ." Als Romanin mit starkem italienischen Vlnteinschlage liebt sie übrigens die Deutschen nicht sonderlich. Auch von den Juden hatte sie so mancherlei gehört und gelesen. Aber sie sieht sie gern, die Juden von Deutschland, von Mai bis September täglich hinter dem Gepäckkarren des Portiers den Berg vom Bahnhofe herunterkommen. Die „Viktoria", das Ziel dieser jüdischen Pilgerfahrt, ist i h r Eigentum und die Überschüssigen — ich gehöre zu den Ueberschüssigen — werden oben und unten, rechts und links in ihrer Villa einlogiert. Das langt der würdigen Matrone, deren Familie außer dem ausgestopften Hündchen noch in zwei aufs reiche Erbe wartenden Nichten besteht, auch für den langen Winter. „Die Deutschen haben den Krieg gemacht." Aber die heruntergearbeiteten Nerven und die trägen Verdauungsorgane der deutschen Juden haben ihr zu zwei großen Häusern verholfen. „Es leben die Juden. Mundi! . . — Der A rz t, den ich aufsuche, auf daß er mir, wie es alle Badeärzte in ihrem Bereiche tun, die absolute, unfehlbare Wunderheilkraft gerade der hiesigen Wasser und Säuren für „meinen Fall" bestätige, ist keiner von denen, die für die Saison ihre Praxis hierher verlegen. Er ist ein „Urchiger", ein Sohn dieser Berge, und die Runen seiner Stirn führen über dünnen, leichtergrauten Haarschopf zur breiten, leuchtenden Glatze wie die Schluchten und Pässe über die Silbertannen des Vorgebirges zum Gletscher. Seine deutsche Sprache ist dialektlos und hart. Er hält die Mitte zwischen Medicus und Naturarzt und hält viel auf den berühmten Dr. Coue, der „alle Krankheiten mit Hypnose wegblasen will". Er sagt: „trinken, trinken . . „Bonifazius oder Luzius (zwei der hiesigen Heilbrunnen)?" frage ich. „Was Bonifazius, Luzius?" wettert der Herr Doktor, „Bier, Wein sollen Sie trinken!" Er liebt die Juden so sehr, sie sind klug und tüchtig. Aber mehr trinken sollten sie und weniger S ch l a s m i t te l nehmen. W e l t l i n e r und Pilsener. Alle kommen sie, die Juden, in der Saison ängstlich zu ihm gelaufen, wenn sie Durst verspüren, um sich aus Zucker untersuchen zu lassen. Er, aber auch seine Bauern im Dorfe, gehen in solchem Falle ins Wirtshaus. . . Und indem er meinen Blutdruck untersucht, mich aus Herz und Nieren nach allen Regeln der badeärztlicheu Kunst prüft, springt er ein wenig auf religions-philofophifches Gebiet ab. Moses war ein kluger Mann, daß er Fasttage eingerichtet, seine Juden essen zu viel und trinken zu wenig. ... Ich korrigiere: „Von Moses stammt nur ein Fasttag und auch dieser stammt nicht von ihm, sondern von Gott über ihm." Ja, so ungefähr hat er es auch gemeint. Er ist religiös. Wer in diesen Bergen geboren und erzogen ist, kann bei aller verschluckten Schulweisheit, genau wie die Schiffer auf hoher See, gar nicht anders sein als religiös. Die Gesetze des Alten Testaments feien das beste und sicherste Rezept, vom Arzte aller Aerzte geschrieben, und das beste Sanatorium die von demselben Heilkünstler geschaffene Natur. „Aufs Feld hinaus, Freund, mit Spaten und Senfe mit den Bauern, es tat Ihnen gut." „Mir vielleicht, aber wehe dem Felde . . .!" Mit dem Apotheker unten steht der Mann nicht gut. Er verschreibt in der Hauptsache „Veltliner", „Pilsener" und in großer Dosis freie Natur. Wir sind Freunde geworden. Unten aus dem abgemähten Wiesendreieck zwischen der gepflegten Bndepromenade und dem ersten Bauerngehöfte 3S5 Dorfes steht ein barfüßiger, braungebrannter, klaräugiger Junge von etwa zwölf Jahren bei einem leeren Handkarren und scheint aus etwas zu warten. „Mundi, Junge, wie gehts?" „Grüß.Gott, mein Herr, gut." „Du kannst Deutsch?" „Gewiß, mein Herr, wir lernen in der Schule von der vierten Klasse an Deutsch, viel Deutsch." „Was lernt Ihr sonst noch in der Schule?" „Alles!" „Das ist viel, mein Lieber, kennst Du da die Berge rechts und links?" „Ob ich sie kenne" — des Jungen Augen leuchteten froh und vertraut auf, als fragte ich ihn nach seiner Großmütter — „es sind die Cngadiner Dolomiten. Das Vorgebirge ist mit Tannen und Lärchen bewaldet, auch Zitterpappeln. Hier rechts mit der Schneespitze der P i s o c , 3178 Meter, dann links der Piz Z u o r t und Piz Minger-" „Warst du schon oben?" „Schon oft mit der Klasse. Im Winter lernen wir oben Erd- und Heimatkunde." „Und im Sommer?" „Im Sommer haben wir keine Schule." „Den ganzen Sommer nicht?" „Im Sommer haben die Herren Lehrer keine Zeit. Unser erster Lehrer ist Sekretär in der Badeverwaltung, der zweite ist „Ober" in Belvedere und einer ist Bergführer." „Und was treibt Ihr den ganzen Sommer?" „Ich helfe im Felde, hole Gepäck vom Bahnhofe und verkaufe auch Alpenblumen an Kurgäste. Will der Herr haben? Edelweiß und Alpenrosen, zwanzig Rappen, andere Blumen zehn Rappen das Stück." „Wo hast Du sie her?" „Ich hole sie jeden Abend vom Salvadero." „Wo liegt der S al v a d e r o? Ist er sehr hoch und nicht gefährlich?" „Salvadero liegt gar nicht, er steht oder sitzt und ist auch gar nicht hoch und gefährlich. Salvadero ist der Name des rotnäsigen Italieners unten am Blumenstände . . ." Und unser kleiner Valentin holt hier allabendlich seine Heldenblumen, den Rest des Tagesabsatzes, zwei Franken das Hundert, um sie morgens, wenn die italienische Konkurrenz noch schläft, an weitere Helden zu geben, zehn bis zwanzig Rappen das Stück. . . . .Nur das erste Dutzend kostet so viel. Den Rest schlägt er um jeden Preis los, er bildet seinen Reingewinn. „Die Graubündener sind helle," sagen die Schweizer aller Kantone. Sie haben ja auch nur ein h a l b e s Jahr Schule. . . . IV. Reize, die nichts kosten. Unten im Tale liegt, wie an der grünen, schiefen Linie des Inn hingemalt, das Dorf; im Dorfe ist eine saubere, kleine Kirche, die Kirche hat einen Turm, der Turm hat eine Glockenuhr. Und diese hat den Ehrgeiz, alle Viertelstunde mit einem bis vier Sturmklängen ein Zeichen ihrer Existenz von sich zu geben und zur Nachtzeit die müden Schläfer oben und unten — viermal in der Stunde — aus dem Schlafe zu alarmieren, als gälte es, sich aus Feuersgefahr zu retten.

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