Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1925)
- Date
- 1925-08-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 9h. 33 Volksentscheid. Unsere Leser sind über die Entwicklung des schweren Konfliktes, der in Erez Jisroel die „Delegiertenversammlung" gesprengt und zum Austritt des Misrachi sowie der „gemäßigt Orthodoxen" geführt hat, durch die ausführlichen Berichte aus Jerusalem, die wir veröffentlichen konnten genau unterrichtet worden. Die Neuwahlen sind auf drei Monate vertagt — man hat Zeit, erneut zu verhandeln. Allein im Verlaufe der bisherigen Verhandlungen ist von misrachistischer Seite ein Schlagwort in die Debatte geworfen worden, das zwar unschuldig klingt, in Wirklichkeit aber die ganze denkfähige jüdische Welt zum Aufhorchen bringen sollte, die Forderung eines Volksentscheids über die Frage des aktiven und passiven Frauenwahlrechts. Wir entschließen uns nur sehr ungern dazu, in diesem Augenblick mit dem „Misrachi" zu polemisieren, denn wir wissen ganz genau, daß sehr ernste misrachistische Kreise innerlich stark mit einer Art von Gewissensprüfung beschäftigt sind, deren Frucht ja auch schon die Amtsniederlegung Rabbi Meir Berlins als Beamter des „Keren hajeßod" war. Aber die Idee des „Volksentscheids" in der Frauenfrage bedeutet eine so ungeheuerliche — sicherlich aus unbewußter Assimilation geborene — Verleugnung aller religiösen Tradition des Judentums, daß Schweigen Sünde wäre. Die Beziehungen von Mann und Weib, die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft, und die Regelung der mannigfachen seelischen und sozialen Spannungen, die sich aus dem Jneinanderwirken der Geschlechter ergeben — nehmen innerhalb des Gesamtkomplexes des Thorarechtes einen außerordentlich weiten Raum ein. Es würde geradezu eine Degradation dieses Rechtes sein, das auch dem „Misrachi" ein gottgegebenes ist, wollte' man annehmen, daß er sich an der entscheidenden Frage, ob die jüdische Frau in die politische Arena eintreten dürfe oder nicht, für desinteressiert erklären könnte. In der Tat hat man bis zum heutigen Tage zwar verschieden gerichtete Entscheidungen der rabbinischen Autoritäten über das-aktive und das passive Wahlrecht, niemals aber eine Stimme aus sachkundigen Kreisen gehört, die behauptet hätte, daß die Frage überhaupt keinen religionsgesetzlichen Charakter hätte. Die Verkündung dieser seltsamen Behauptung ist dem „Misrachi" in Erez Jisroel vorbe- Der Israelit_ halten geblieben, und als ob es mit dieser Einengung des Herrschaftsbereiches des Gottesgesetzes noch nicht genug fei, hat die Partei schließlich den verhängnisvollsten Schritt getan, der möglich war: Sie verlangt, daß die Vol k s m ehrheit über eine bisher allgemeinalshalachischesProblem betrachtete Frage entscheide und erklärt, sich der Volksmehrhoit in jedem Falle unterwerfen zu wollen. Selbst wenn der „Misrachi" die unbedingte Sicherheit haben sollte, daß die Volksentscheidung gegen das Frauenwahlrecht ausfällt, hätte er der Confequenzen nicht vergessen dürfen, die seine Forderung als solche mit sich bringt. Sie führt ein in der jüdischen Geschichte bisher unerhörtes Prinzip in das politische Leben des jüdischen Volkes ein: die Herrschaft.der Masse über das Gesetz, die Entthronung der Autorität der Kundigen, die Anerkennung der V o l k s w i l l - kür und der Volksinteressen anstelle des finaitifchen Gesetzes. Was will „Misrachi" antworten, wenn morgen die Frage der öffentlichen Sabbatruhe, übermorgen die Rechtsgestaltung der Agunoth einem Volksreferendum unterworfen werden und die demagogischen Künste der besten Wahlagitatoren die Entscheidung darüber bringen sollen, ob das jüdische Volk im neuen Erez Jisroel das nwjn raiMi - Gelöbnis der Väter bestätigen oder widerrufen will? Wir wissen wohl, daß der „Misrachi" wahrscheinlich beteuern wird, seine Forderung fuße eben auf der Prämisse, daß die Frage der imm O’tti ein N12N w sei, das die Halacha nicht interessiere. Aber wir fragen: wo ist die rabb i n i s ch e Autorität, aus die sich „Misrachi" bei dieser bequemen Theorie berufen kann — und wenn sie richtig wäre, wie dürste er dann um einer bloßen Stimmung willen ohne religiöses Motiv Einheit und Frieden aufs Spiel setzen? Kaum 6 Jahre sind es, daß die gewiß höchste Autorität des „Misrachi", Oberrabbiner K u k, in der Frage des Frauenwahlrechts Folgendes veröffentlichte: „Ich bin um meine Meinung in der Frage des Frauenwahlrechtes für das jüdische Parlament in Palästina angesragt worden und will mich hier in gedrängter Kürze dazu äußern. Es kommen für mich bei der Behandlung der Frage drei Gesichtspunkte in Betracht: 1. Das Religionsgesetz. 2. Der praktische Wert der Einrichtung für die jüdische Gesamtheit. 3. Die moralisch-ideelle Seite der Sache. _, 13. August 1925 Was die religionsgesetzliche Seite der Frage anbelangt, so habe ich dem übereinstimmenden Gutachten meine r rabbinischen Kollegen nur wenig hinzuzufügen. Haben sie es doch aus Thora, Propheten, Kefuwim, Halacha und Agada bewiesen, daß die Pflicht der Gemeindearbeit nur den Männern obliegt, und daß die Ausübung von Gerichtsbarkeit, Verwaltungsgeschäften und dergleichen der jüdischen Frau nicht zusteht. Das Bestreben, in der öffentlichen Betätigung eine scharfe Trennungsgrenze zwischen Mann und Frau zu ziehen, geht wie ein roter Faden durch die ganze Thora. Somit unterliegt es keinem Zweifel, daß jedeNeuerung, die zu einer gemeinsamen Betätigung beider Geschlechter in Versammlung und Gesellschaft führen muß, gegen den Din verstößt." „Fragen wir nun nach dem praktischen Nutzen, der uns in politischer und sozialer Hinsicht aus dieser Neuerung entstehen könnte, so müssen wir uns vor Augen halten, daß die englische Deklaration, die unsere Rechte aus Palästina anerkennt, aus der Grundanschauung der englischen Nation hervorgegangen ist, daß Israels Verhältnis zu Palästina ein g ottgeheiligtes ist, und in der H e i l i g e n Schrift, die heute von allen Kulturvölkern als Heiligtum anerkannt wird, verbrieft und verbürgt ist. Die gleiche heilige Schrift, die unser Recht auf Palästina enthält, spricht aber in ihrem ganzen Geiste gegen jeden Versuch, die Grenze, die man aus Grund en der Sittlichkeit im öffentlichen Leben zwischen Mann und Frau gezogen hat, aufzuheben, oder zu lockern. Ist es doch schon ohnehin eines der Argumente unserer Feinde, daß das heutige Judentum feinen Ruf als Volk der Bibel nicht mehr in dem Maße aufrecht erhalten könne, um darauf seinen Anspruch auf das Land der Bibel zu stützen. Um so eher müssen wir auf der Hut sein, bei jeder Gelegenheit der Welt zu zeigen, daß Israels Volksseele nach wie vor in seiner Schrift wurzelt und daraus fein Recht auf das Land dex Väter herleitet. Schon aus diesem Grund müssen alle unsere staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen im neuen Palästina den Geist der Bibel atmen und sich von europäischen Kulturauswüchsen, zu denen auch die Betätigung der Frau im öffentlichen Leben an der Seite des Mannes gehört, fernhalten. Kleines Feuilleton. Die Juden in Japan. Von Ewen Sadjoh. Die Frage, ob in Japan Juden leben, hat mich immer interessiert. Als ich seinerzeit in Sapan geschäftlich weilte, beschloß ich, mich für diese Angelegenheit zu interessieren. Ich suchte und forschte, doch gelang es mir nur zufällig, mit Juden in Japan in Berührung zu kommen. Zufällig kam ich in Osoki in eine Werkstatt, um Koffer zu bestellen. Gerade war ich ohne Dolmetscher, und durch verschiedene Bewegungen und Zeichen gelang es mir, Aufschluß über die gewünschten Koffer und Preise zu erhalten. Plötzlich bemerkte ich an der Wand die Bilder von Moses und Aron hängen, und als ich das Gesicht des Eigentümers betrachtete, kam ich zu der Ueberzeugung, daß vor mir ein Mensch semitischer Abstammung stehe. Ich überließ ihm die Adresse, und mit Hilfe von Gesten gelang es mir, ihn für abends in mein Hotel einzuladen, wo mein Dolmetscher zugegen sein und ich ihm Auftrag geben würde. An diesem Abend, als ich auf den Besucher wartete, legte ich den Talith und eine offene Bibel auf den Tisch, um ihn auf die Probe zu stellen. Der Japaner kam zur bestimmten Zeit. Er war ein Mann von 35 bis 40 Jahren, mit glattem, breiten Gesicht, großem Kopf, sehr schmalen Augen, einer breiten, platten Nase und einem großen Mund. Alles Merkmale, die eher auf einen Mongolen, als auf einen Sohn der „ausgehenden Sonne" schließen ließen. Als ich ihn Platz zu nehmen bat, zeigte ich ihm, daß mein Dolmetscher gleich eintreffen würde. Kaum hatte der Japaner den Talith und die offene Bibel erblickt, wurde er von einem außerordentlichen Gefühl berührt, das sich gar nicht beschreiben läßt. Der Japaner bekam direkt eine neue Haut. Er erhob sich vom Platze, und mit Ehrfurcht faßte er mit den Fingern den Talith, und sein Gesicht strahlte vor Freude. Auf Japanisch sing er mir zuzuflüstern an, ich möchte ihm etwas von mir erzählen. Darauf wandte ich mich zu ihm auf Hebräisch. — Jahud! Cr verstand meine Frage und bejahte sie kopfnickend. Den Finger der Stirn zuwendend, gab er mir auf stumme Weise zu verstehen, daß ihm eben ein Gedanke gekommen sei. Ohne aus die Zeichen zu achten, die ich ihm gab, daß mein Dolmetscher gleich komme, reichte er mir die Hand und verschwand. Inzwischen war mein Uebersetzer eingetroffen. Es dauerte kaum eine Stunde und der Japaner kam zu mir ins Hotel zurück, diesmal in Begleitung eines ehrenhaften Mannes desselben Ansehens, nur mit einem länglich schmalen Bart und Gesichtszügen, die stark den Juden ähnlich find, die ich in Aegypten und in der Türkei gesehen habe. Der neue Ankömmling begrüßte mich freudestrahlend mit folgenden Worten: „Solo aleche!" was in seiner Sprache die jüdische Begrüßung Schalom Aleichem bedeuten soll. Dann fragte ich ihn auf Hebräisch: „Mi athoh?" (Wer bist du?) Er verstände meine Frage nicht, sagte mir der Dolmetscher, außer Japanisch verstehe er keine andere Sprache, doch seien er sowie der Besitzer der Kofferwerkstatt Israeliten. Auf meine Frage über das jüdische Glaubensbekenntnis lud mich mein Bekannter, statt einer Antwort, mit meinem Dolmetscher in das Gebethaus ein, wo er Schames fei, erwähnend, daß ich dort jede Auskunft über die japanischen Juden erhalten würde. Am nächsten Tage mieteten wir eine Rikascha und ließen uns nach der angegebenen Adresse vor das Gebethaus bringen. Nachdem wir eine ganze Stunde durch die Stadt gefahren, blieben wir endlich vor dem Tore eines prächtigen Parkes stehen. Uns entgegen kam mein gestriger Bekannter in Gesellschaft eines patriarchalischen Japaners in mittlerem Alter, in japanischer Tracht, doch mit einem Zylinder nach europäischem Muster. Dieser stellte sich als Rabbiner der Gemeinde vor und erzählte uns auf unsere Frage, in Hebräisch beherrsche er nur einige Gebete, dagegen sei er ausgezeichnet über die Geschichte der japanischen Juden unterrichtet. Er versicherte uns, er könne dokumentarisch Nachweisen, daß sie wirklich von den zehn Stämmen herstammten. Nachher begrüßte er uns nach japanischer Sitte und hieß uns ihm folgen. Als wir in den Park kamen, wurden wir ersucht, die europäischen Schuhe abzulegen und Strohpantoffel anzuziehen. Gleich beim Eingang sahen wir einen hohen Pfeiler mit einer Tafel, aus der folgende Inschrift in Japanisch und Englisch zu lesen war: „Fremdländer! Wer du auch sein solltest und zu was für einem Glauben du auch gehörst, denke daran, du trittst in diesen heiligen Ort ein,' du betrittst die durch Generationen des Glaubens geheiligte Erde und dienst Gott." In seinem Aeutzeren unterschied sich der Tempel von anderen einfachen buddhistischen Tempeln nicht. Er besaß dieselbe Architektonik, dagegen im Innern unterschied sich die Synagoge gegenüber den übertrieben mit Schmuck beladenen buddhistischen Tempeln durch die Einfachheit und das absolute Fehlen von Bildern und Götzen. Auf die Wände waren die Gesetztafeln mit Buchstaben in japanischer Schrift gemalt und viele Sprüche aus der Bibel. Außer den Schränken mit Gebetbüchern gab es dort keine weiteren Möbel. Nachher lud uns der Rabbiner in ein Seitenzimmer ein, wo er uns aus einer alten Handschrift folgenden Text vorlas: „Wir Kinder von zehn Volksstämmen gehörten in den alten Zeiten dem Staate Israel an, nachher