Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1925)
- Date
- 1925-08-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 32 Hi fit ist in Palästina kein ]?■ i-.r „Wie mir scheint, Winter vorhanden?" „Ihr sagt doch während des Vetens: Gib Tau und Regen zum Segen in Winterszeit," antwortete ihm Schmul, und alle lauschten wieder andächtig dem Gesang. „Wir schwören zu reiben die betten in Stücker, Von unseren verwundeten jüdischen Hand, Runter zu werfen den Joch von die Drücker Verlassen den Golus,, die finstere Wänd." „Ach, ist das ein Golus," nickte Ghaim Maier mit dem Kopfe. Alte Erinnerungen an die Kinderjahre, an die im Eheder verbrachte Zeit stellten sich ein. Bilder aus der Bibel und dem Talmud, verblabte Schilderungen aus Palästina, die Kämpfe mit den Philistern nahmen frische Farben an. Die Zerstörung des heiligen Tempels, das zu gewärtigende Erscheinen des Messias und ähnliche Eindrücke, die einmal im kindlichen Eemüte Wurzel gefabt hatten, nahmen wieder plastische Formen an. Die Bilder schwirren zwar verworren durchs Hirn, dafür aber wird einem so leicht ums Herz. Man fühlt ein Genesen der wehleidenden Seele, wenn man sich diesen Erinnerungen überläßt. Es ist dies der einzige Trost in der Trauer, und ein Hoffnungsstrahl auf bessere Zeilen. Die jungen Leute waren mit dem Gesänge schon zu Ende, aber das Lied vibrierte noch in den Ohren. Im Gerassel der Waggonräder vernahm jeder denselben Ton. In diesem Momente war alles vergessen: die Baracken, das Eleno, die Spitäler und die Gräber. Alles verschwand aus dem Gedächtnis, als hätte es nie eristiert. Der Tag ist warm, schön, hell, der Zug dampft im Galopp dahin, rasselt, klappert immer vorwärts, vorwärts! Auf der Höhe. Ferienbriese aus der Schweiz von —tz. Morgen in Engadin. Durch das schmalscheibige Fenster rieselt Sonne ins Gemach und wirft helle Streifen auf den braunen Holzbeschlag der Wände. Hinaus ans Fenster. Von den Bergen wälzen sich dichte Nebelmassen nach unten. Die mächtigen Spitzen sind klar und leuchten in frischem Schnee. Aus und hinter diesen Erd- und Felsungeheuren sind die Wolken und Schneevorräte aufgespeichert, daß sie Winters und Sommers nach Bedarf in die Welt unten hinausgesandt werden. In dicken, dichten Schwaden hebt und senkt sich der Nebel aus dem Hochofen der täglich sich erneuernden Schöpfung. Die Berge sind erwacht. Die Wolken lösen sich von der matten Höhe, ziehen irgendwo hin, der Schnee aus den Spitzen lagert weiter und wartet. Soll das eine Schilderung der gigantischen Größe und Pracht des Bergesmorgens sein? Wie hohl, wie armselig wirkt doch gesprochenes und geschriebenes Wort, wo der Schöpfer selbst gesprochen und mit dem ehernen Griffel die gewaltigen Linien gezogen hat im ewigen Buche der Natur! Rechts von mir Vergtitanen mit schneebedecktem Haupte, links schwarzbewaldete Anhöhen vor in Nebelgrau getauchten matten Gipfeln, in der Mitte eine gestufte Mulde, durch die wie eine riesige Schlange stahlgrün der Jnnfluß sich dehnt, zischt und schäumt. Davor im Tale eine gewinkelte Gruppe von weißgetünchten Vauerngehöften: die dünne Zinne eines Kirchleins weist steil hinauf zu Gott in den Bergen. Unten am großen, steinummauerten Brunnen gellt Heller Schellenklang an weitgereckten Hälsen trinkender Kühe. Langsam erwachen die Gipfel über den Wolken, ziehen ihre grauen Schlafhauben vom Kopfe. Durch die Vergspalten lugt lachend goldene Sonne ins erwachende Tal. Eine Ziegenherde klettert lustig hüpfend den steilen Hang hinauf, hinter ihr ein Geschöpf, wie vorsintflutlich, in Schlapphut und zerknittertem Ueberwurf mit Johlen und Pfeifen und langer Gerte, in Her- Hand,,. Nun sehen die weißen Schneestreifen aus den nebelsreien Bergesfpitzen ctus- '.wie^ schlechtgestreuter Zucker aus riesigem Kuchen. Klares ^hellblauer Morgenhimmel schwimmt oben zwischen grauen Nebelbänken wie unten der. Inn zwischen den gemähten Wiesen. Wie leiser Donner grollt es hinter den Felswänden. ' Hinter diesen Kulissen hat die Sonne ihr Spiel vorbereitet, sich geschmückt und geschminkt und tritt nun „wie ein Bräutigam aus seiner Kammer" auf die Weltbühne. Alles atmet Größe und Kraft, ist in Glanz und Schönheit getaucht. Unten die Straße entlang wankt ein Menschlein, ein Stadtmenschlein, mit dem Staub der Großstadtstraßen in den Lungen, der Hast des Stadtgetriebes in der Seele-- das Trinkglas in der einen, das zusammengefaltete weiße Badetuch in der anderen Hand, sieht hinauf und sieht hinaus, in die Höhe, in die Weite. Will Schönheit trinken, Gesundung saugen an der Brust Der Israelit des Alls, die ihm daheim mit hohen Mauern verbaut ist. ... Wer bin ich, was bin ich, wo bin ich im Rahmen dieser Größe, dieser Allgewalt der ragenden Berge, der schäumenden Flüsse, des rauschenden Hochwaldes, der blauenden Gipfel, der perlenden Wiesen, der glühenden roten Rosenhaine an den Hängen? Sollte man versuchen, es in Worten zu sagen, in Bild und Form, von Menschen erfunden und gezeichnet, weiter zu künden? Nur einer konnte es, dieweil des Schöpfers Hauch in seine Seele kam und er so zu sprechen und zu singen begann, daß man glaubte, die Berge dröhnen, die Bäche rauschen und Gott selber sprechen zu hören. So kommt es denn, daß ich morgens auf dem weiten Wege vom Brunnen mich hinter der Tannenhecke in der kleinen Schlucht, wo Berge, Jnnfluß, Wiese und Wald sich in einem hellen perlenden Grün einen, aufs Gras lege, Bädecker, Griebens und alle Führer und Pläne beiseite werfe und nach dem einzigen „Führer in di Höhen" greife, nach meinem kleinen Psalm Küchlein. „Cs lobe meine Seele Gott, mein Gott wie groß bist Du!- In Schönheit und Pracht bist Du gekleidet. Hüllt sich in Licht wie in ein Gewand, spannt das Firmament wie einen Teppich. Macht die Wolken zu seinem Reitwagen, geht einher auf den Flügeln des Windes Und fo weiter und weiter bis zum letzten Psalm, da sich alles in Welt, Natur und Seele jauchzend zum großen H a l l e l u j a h drängt. Und noch weiter und weiter und wieder von vorne, wo „Berge und Hügel Lob jauchzen und alle Bäume des Feldes in die Hände klatschen, allesamt die Berge jubeln." Bis mich Lärm aufstört von der Morgenunterhaltung mit Berg und Sonne und Seele. Eine Gesellschaft kommt des Weges und spricht laut und berlinerisch in höchster Ertase — von der Schlagsahne, die zu dick und dem Kaffee, der zu dünn war.- II. Die Menschen von hier. Wenn ich von den „Menschen von hier" spreche, meine ich nicht die Berliner, Leipziger, Frankfurter, die hier ein paar Wochen lang im Sommer trinken, baden, die Höhe der Berge und der Preise bestaunen; ich meine die H i e s i g e n, die wirklich Einheimischen, die Sommers wie Winters zu den Bergen hinaufsehen und rauh und schweigsam sind wie diese; die knochigen Männer mit den kupfernen Gesichtern und Andreas Hofer-Bärten; die eckigen und knochigen, wie aus den Felswänden ge hauenen Gestalten des Peter Rosegger und Emst Zahn. Sie schauen geradeaus, kühl und kühn, die Menschen von hier und sprechen, zumeist neben dem Deutschen, eine Sprache, die wie ihre Gesichter hart und verwittert ist. Es ist R o m a n i s ch, ein altes Latein, untermischt mit Italienisch, Französisch und den Idiomen der Völker aller Länder, die die Lateiner auf dem Wege von Rom durch die Alpenpässe bis in dieses Bergtal gegangen sind. Ihr Gruß ist aber weich und lieblich, er lautet: „M u n d i!" Mein neuer Freund, ein Oberlehrer aus Berlin, Altphilologe, ist entzückt vom Wohllaute dieser klassischen lateinischen Sprachelemente. Er sagt, er erkenne hier so recht seinen Tazitus und Cicero. Als er aber gestern einen kleinen Jungen in dieser Sprache des Tazitus und Ciero (natürlich mit den nötigen leichterlernten romanischen Zutaten) anredete, sah sich der Kleine verlegen um und sagte kopfschüttelnd: „En non discuor tudaisch", was wir uns in dem Sinne übersetzen ließen: „Ich verstehe kein Deutsch!? ..." Man soll übrigens nicht vorschnell nach einzelnen Typen auf Wesensart und Volkscharakter der Einheimischen schließen wollen. Da ist beispielweise Papa Lorenz, ein Mann mit gutgepflegtem Barte und von tadellosen Manieren, ein echter, guter Papa der Saison. Er ist allgegenwärtig und sein Auge ist allsehend. Morgens vor sieben schon kann man ihn beim Kartenverkauf im Badehause zu Schuls sehen, aber fast zur gleichen Zeit am Trinkbrunnen in dem eine halbe Stunde entfernten Tarasp. Cr scheint die Quellen aus den Bergen mit den Händen zu ziehen. Wenn sich alles sattgetrunken, schreitet er die lange Wandelhalle ab, rückt hier ein Plakat zurecht, dort ein Bild, einen Stuhl. Im Kurgarten sieht man ihn dann am großen Säulenthermometer hantieren. Er scheint hier sogar das Wetter zu machen. Er spricht gern und gut von seinen Bädern, seinen Quellen, einen Bergen und Wäldern. Drei Tage bewundere ich an ihm die Zuverlässigkeit, Tüchtigkeit, die Emsigkeit und Intelligenz des Graubündener. Auch sein reines, fast dialektloses Deutsch gibt mir Anlaß zu Studien über die Sprachtalente der Engadiner, drei Tage lang. Bis ich am vierten Tage erfahre, daß unser guter „Direktor" bei Dresden daß Licht der sächsischen Sonne erblickt hat. Also „Papierlischweizer" wie ich selber. ... Unten am Berge steht ein Händler an seinem Stande. Eine massive Gestalt mitkupfernem Gesichte und einer Nase, die wie Alpenglühen leuchtet. Er verkauft Erdbeeren und Bananen zu einem Preisender der Höhen - tust entspricht. Außerdem Edelweiß und Alpenrosen — an Kavaliere, die die Berge so achten, daß sie vom Alpentale aus zu ihnen hinaufschauen, sie anbeten, daß ie ihnen stets zu Füßen bleiben, aber dennoch ihren Damen gern den Blumengruß der Alpen überreichen, heldenhaft errungen unter Einsatz von Leben und Geündheit — zehn Rappen das Stück — auf schwindelnder Höhe. ... 6. August 1923 Dieser ungeschlachte, rotgesichtige und glühnasige Mensch in verschlissener Samtjoppe und Drillich-Pluder- Hose am Bergrain könnte ein heimischer Berggeist sein. Ist aber, was ich beim zweiten Einkauf der Heldenblume erfahre, ein Italiener und in einem lom badrischen Dorfe bei Milano zuständig. . Dessen, lombardisches Italienisch hatte aber mein Freund, der Altphilologe, eine Zeiilang als das klassische Romanisch bewundert— also Vorsicht mit Forschungsreisenden! . . Aber es gibt. hierauch wirklich Eingeborene, die man auf den ersten Blick herauskennt. Da ist' der rote, stiernackige Fuhrmann mit dem Andreas Hofer- Barte und dem gelben eingebeulten Schlapphut Wilhelm Tells auf dem Kopfe. Er hat einen Gaul an den langen Bauernwagen gespannt, diesen mit Kisten vollbeladen und will damit zum Berge hinauf. E r, das heißt Andreas Hofer will, das Pferd aber nicht. Es meint, es fei für einen Bergkraxler schon zu alt und will nicht vom Fleck. Der Fuhrmann haut wütend aus das ehrwürdige Tier ein, aber dadurch wird der Weg nicht sanfter, das Pferd nicht williger. Bei jedem Peitschenhiebe schauert das Tier zusammen und der Wagen rutscht ein paar Meter tiefer hinunter. Andreas Hofer im Tellhute schimpft auf Deutsch und Romanisch, die Peitsche saust durch die Lust und der Wagen macht rückläufige Bewegungen. Ich sage: „Mundi, Signore! dem Tier tut es weh." „Die Kanaille soll verrecken," sagt er, aus Höflichkeit auf Deutsch. Da er damit selbstverständlich das Pferd meint, fasse ich Mut, biete ihm eine Zigarette an und mache ihm klar, daß eigentlich der Klügere, in diesem Falle unstreitbar er, nachgeben müsse. Es kommt noch ein Gaul hinzu. Die Situation wird nicht besser, auch der Kollege zeigt nicht die geringste Neugierde nach den Schönheiten der Vegetation oben. Die Peitsche saust jetzt auf zwei Pferderücken und der Wagen nimmt dabei jedesmal doppelten Rücklauf. Ich weiß nicht, wie dieser verzweifelte Kampf zwischen Berg, Mensch und Kreatur ausgegangen ist. Festgestellt habe ich nur, daß die Ladung aus gut versiegelten Koscherfleischkisten bestand, die über Luzern von jenseits der italienischen Grenze hergeschafft werden. Hier in der Schweiz herrscht nämlich ein Schächtverbot — aus schonender Rücksicht auf das liebe Rindvieh. . . . (Fortsetzung folgt.) Es ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen > ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgesehlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. MaihßiiStUüUec CAFE HANSELMANN KAISERGARTEN gegenüber dem Opernhaus Künstler-Konzerte 4—12 Uhr Jlfiisiller,”. A LL i I mit und ohne elektrischer baDoat-LafflpenA^sr^s«i«^w/rt Große Bockenheimerstr. 52-56 Telefon Hansa 5079 Telefon Hansa 5079 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S.Schachorvitz, ebenda.— Verlag „Israelit", G.m.b.H., Frankfurt a. M Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. JU>. 67745920