Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1925)
- Date
- 1925-08-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bST"' Der Israelit Die Baracken. Von Nachman Mifalew. Autorisierte Uebersetzung aus dem polnischen Manuskript von S. H o r o w i tz. (Schluß.) Sure sitzt im Wagen und ruft leise: „Schmul, Schmul, wo bist du?" Von weitem stehen die Weiber und weinen und eine Jüdin sagt mit einer eigenartigen Stimme: „Sie wird es nicht mehr lange aushalten, noch etwa eine Woche. Sie ist schon nahezu auf jener Welt." Dieses Bild wurde von Chaim Maier verscheucht. Auch dieser hatte sich über das Wort „Vaterland" Gedanken gemacht und Reflexionen angestellt. Das Wort, das er früher so gedankenlos aussprach, gab ihm jetzt zu schaffen. Chaim Maier hatte schon seine ehemalige Lebensweise vergessen und war nicht mehr fähig, sich genau vorzustellen, was für Gefühle ihn einst in der Heimat beseelt hatten, deshalb verbesserte er sich dann von selbst. „Mein Vaterland sind die Baracken, die Gräber und das Krankenhaus, in welchem mein Weib untergebracht ist. Außerdem besitze ich nichts." Daraufhin entgegnete Salmon: „Es wird wohl „Vaterland" genannt. Aber mir gehen nur dem Kaiser dienen, nur dem Kaiser." Und dann Hub Chaim Maier in einem fingierten heiteren Tone an: „Ach, nach dem Kriege werde ich in die Baracken gehen, meine Binder zurückzunehmen — Kinderchen, kommt mit mir, auf der Welt herrscht bereits Frieden. Dann wird man die Tische aus den Baracken holen, sie auf der Gasse in der Länge eines Kilometers aufstellen, alle werden rings um die Tische Platz nehmen, von weitem werden die Kochkessel mitgebracht werden, die Verwalter werden mit ihren großen Schöpflöffeln darauf lostrommeln: zu Tisch! zu Tisch! Fette, gebratene Gänse werden aufgeiragen werden, einige Fässer Vier werden auch nicht fehlen. Hat doch die Verwaltung Geld genug gespart und es wird heißen: esset und trinket euch satt, einfür allemal für die ganze Zeit! Nachher wird man sich über die Strohsäcke in den Baracken hermachen, sie auf lange Stangen wie Fahnen aufspießen und sie dann in Brand stecken. Die Flöhe werden tanzen, der Sand wird rieseln, und das Stroh wird lichterloh flackern. Unter solch einer Illumination werden wir einen Demonstrationszug nach der Stadt zum Hilfskomitee arrangieren. Dort wird jeder seine alten Schuhe, die geflickten Hosen ausziehen und sie dem Komitee zu Füßen werfen. Hier habt ihr ein Almosen zurück. Wir sind leine Schnorrer und macht uns nicht glücklich!" Die Reisegesellschaft wurde aufgeräumt und ein Passagier, ein älterer. Barackenflüchtling unterbrach Chaim Maier: „Und was wird man anhaben, wenn man die alten Schuhe und Hosen ablegen wird?" „Dann werden wir halt nackend gehen," ineinte Chaim Maier in nahezu ausgelassener Laune, „wir werden vor Freude barfuß tanzen. Der Krieg ist zu Ende! Wir sind die Baracken os! Und auch das Hilfskomitee! Wir sind wiederum freie Menschen! Wir sind nicht mehr Vieh für Ställe,, keine Schnorrer mehr!" . „Sehr schön," sagte Schmul lächelnd, „nur läge mir, Chaim Maier, wohin.wirst du dann gehen? Was wirst du mit der Freiheit anfangen?" „Wohin? Diese Sorge spare ich mir für später auf. Zuvörderst wird die Welt offen, man wird keine Passierscheine brauchen, keine Barackenverwaltung. Ich nehme meine Kinder, gehe mit ihnen vor allem ins Spital zu meiner Frau, schau nach, was sie macht und dann . . ." — Chaim Maier tjieit inne, wie überlegend, was dann sein wird, aber plötzlich stieg in seinem Kopfe eine andere Frage auf: „Wird dann seine Frau ihre Sinne wieder erlangen? Es wird doch schon nach dem Kriege sein!" Der Zug rührte sich vom Fleck, die Passagiere taumelten ein wenig, und mit diesem Schütteln verschwand das Lächeln von den Gesichtern der Zuhörer ob Chaim Maiers Phantasien. „Ach, was," meinte jemand mit einer entsprechenden Handbewegung. „Narreteien," stimmte ein zweiter zu. „Es verlohnt sich nicht, davon zu reden, das sind nur Träumereien." Man begann sich nervös über die Gesichter zu fahren, sich die Bärte zu zupfen, als wollte mau damit den letzten Eindruck von' Chaim Maiers Worten verwischen. Der Zug verließ langsam die Station. „Leb wohl, du neues Golus!" rief einer der Flüchtlingsevakuierten, die Hände gegen die Fenster schwenkend, „adieu!" „Gott gebe, daß wir dich nicht Wiedersehen," ließ eine zweite Stimme sich vernehmen. „Mögen die Leiden schon ein Ende nehmen. Du, lieber Gott," beteten andere leise. Als der Zug den Bahnhof bereits im Rücken hatte, nahm er einen frischen Anlauf. Vor den Augen dehnten sich grünbestandene Felder, weißbedeckte Akazien schienen zu einander zu hüpfen und die Köpfe zu einander zu nicken, als wollte eine die andere aufmerksam machen: „Hast du gesehen? Dort sind Flüchtlinge gefahren!" Dann rief jemand in den Baracken aus: „O, o, die Baracken!" Daraufhin eilte alles zu den Fenstern. Eine weite Feldfläche teils mit im Werden begriffenen Zuckerrüben, teils mit Roggen angebaut, bildete einen Zwischenraum zwischen den Waggonfenstern und dem Barackenkompler. Weder irgend eine Terrainerhöhung, noch ein Baum störte die schnurgerade Linie. Die zahlreichen runden Blechkamine gleißten wie Stahl unter dem hellen, sonnigen Himmel. Die schwarzen, leerbestrichenen Dächer schienen wie von Wasser sauber gewaschen und waren blank. Man sah draußen, nächst den Baracken Strohsäcke liegen. Sitzende oder sich bewegende Jüdinnen in Kopftüchern, Kinder, die sich wie Punkte ausnahmen, tummelten sich im Freien von dem schönen Tage angelockt und spielen. Die Türen waren offen, nur was dort, im Innern vorgeht, entzieht sich den Blicken, denn die Barackenfenster schimmern in goldigen und purpurnen Strahlen, daß sie die Augen blenden. Leibusch, der Affe, ballte die Faust gegen die Baracken und zog seine schielenden Augen schief. „Gott gebe*, daß ihr noch heute ein Raub der Flammen werdet." „Leibusch flucht nicht," rügte Chaim Maier im vorwurfsvollen Tone, „habe ich dort doch meine Kinder," und wandte wiederum den Blick den Baracken zu. „Von weitem glänzen sie wie die Paläste!" äußerte jemand seine Meinung. Alle standen dicht zusammengedrängt und schauten wortlos nur mit gerührt klopfendem Herzen, auf die ihnen so gut bekannten Baracken. Sie betrachteten die Baracken von allen ihnen sich darbietenden Seiten, bis einige Linden die Aussicht hinderten und die Fernsicht unterbrachen. Und als die Reihen der Lindenbäume aufhörten, waren die Baracken bereits aus dem Gesichtskreise verschwunden. Bauern mähten Heu mit langen, blauschimmernden Sensen, kleine Kinder liefen vor einem kleinen schwarzen Hunde davon, ein Kind ist niedergestürzt, alle springen auf und lachen, selbst das Hündchen freut sich. Nun, wer bringt jetzt solchen Dingen, solch einer Idylle ein Interesse entgegen? Und so rückte man von den Fenstern weg, man nahm wieder Platz und man holte tief Atem. Möglich, daß man nicht mehr die Baracken zu Gesicht bekommen wird. Jeder wollte seine früheren Gedanken wieder aufnehmen, aber das Rasseln der -Waggonräder erstickte jeden.auftauchenden Gedanken im Keime. Und so knüpfte man miteinander Gespräche an. Salmon machte die Bemerkung, daß vor 8 Monaten einem doch leichter ums Herz war. Andere Rekruten sprachen über militärische Angelegenheiten, über die Kaders, denen sie angehören, über Präsentierungen, über gute und strenge Aerzte. Und wer sich nicht an der Unterhaltung beteiligte, sondern vor sich hinstarrte, war wie verschlafen, wurde müde vom Fahren, vom Waggonrasseln wie betäubt. Der Zug saust dahin und entrollt vor den müden, traurigen Augen eine Welt voll grüner Saaten, voll Leben und Schönheit. Die Sonne reflektiert im Gewässer schäumender Flüsse und ruhiger Bäche. Gelbe und grüne Feldflächen, üppige Wiesen mit weidenden Pferden und Kühen, mit weißschimmernden Gänserudeln. Dichte und gelichtete Waldungen, Häuschen, Dörfer, Tauben, Hühner, Stratzenarbeiter und frische Frauengesichter bei verschiedenen Arbeiten. Eine Welt, die einen anzieht. Ringsum herrscht sprießendes Leben, es wächst — es blüht — es fließt. Ein Summen, ein Jauchzen, ein Lebensgemurmel. Es ist kein Platz für Trauer, für Seufzen. Die Augen öffnen sich breiter und wie sie mißmutig dreinschauen, wird der Mißmut von den Lichtwellen gleich verscheucht. Und wenn dem Herzen sich ein Seufzer entringt, verliert er sich gleich in dem Stimmenchor der Luft und in dem goldglänzenden Aether. Hier sieht man weder Tod noch Vernichtung, das Sterben, das Lebensende ist gleichfalls ein Teil des Lebens, der starken Bewegung der in sommerlichen Schönheit prangenden Welt. Die Waggonfenster stehen offen. Der Eisenbahnzug saust dahin, gewährt den Augen ein sich fortwährend veränderndes abwechslungsreiches Panorama und läßt keinen schweren Gedanken aufkommen. Eine leichte Luftprise weht, sie erfrischt das Herz, übt eine Anziehungskraft aus, wirkt lebensbejahend, verscheucht jeglichen Zweifel und regt die Seele an, daß sie sich nach Glück und nach Freude sehnt. Nach längerem Schweigen begannen die jüngeren Rekruten spontan einen Gesang anzustimmen, als hätten sie sich verabredet, und es erklang ein kräftiger Stimmenchor: „Wir heben die Hände zum Misrach und schwören, Bei Zion, seiner Fahn', bei seiner heiligen Erd', Bei allem, was nur heilig wir liebep und getreu'. Bei unserer Helden zerbrochenem Schwert!" * Alle Passagiere spitzten die Ohren und stimmten in Gesang ein. Die Melodie,- ist so stolz und wirkt anregend. Die Textworte sind so klar, wie lange gut bekannt- und wahr. Nur Leibusch, der Affe, hatte seinen Mund weit geöffnet, ließ ein tiefes Aechzen hören und seine Augen ruhten auf den Singenden. Das Lied war auch ihm bekannt. Salmon sagte leise: