Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-07-30 · Heft 31 (30.7.1925) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 31 (30.7.1925)
Date
1925-07-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450367--72395-2529765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

EIE* Der Israelit Rr. zi 192$ Die Baracken. Von Sflafyman Misalew. Autorisierte Uedersetzung aus dem polnischen Manuflript von S. H o r o w i tz. (Fortsetzung.) Eine peinliche Rechnung, das Resultat — von den acht Monaten. Was man ausgestanden, was man durchgemacht, was man besessen hatte und was einem verblieben war. Schmal strengte seine Augen am Wagenfenster, neben welchem er saß,, an. Auf der Station waren viele Bekannte noch nicht reisefertig. Gendarmen patroullierten, der Stationsvorstand erteilte stehend seine Instruktionen. Beamte tummelten sich, Träger liefen, Fahrgäste gingen aus und ab, es herrschte ein gemütlicher Trubel. Aber Schmul sah und fühlte all das nicht. Er marterte sich gerade damit, sich in seinem Gehirn die Ortschaft in dem unbekannten Karpathengebirge, wo sein Sohn gefallen war, vorzustellen. Wo er beerdigt wurde, und hauptsächlich, wie er tot ausgesehen haben mochte. Wo die Kugel ihn getroffen, am Kopf oder an dem Herzen, oder Bauch, oder wurde er gar im Handgemenge von-einem Schwerte, einem Bajonette erstochen, oder gar von einer Kosakenlanze aufgespießt. Schmul erzittert vor Schauer und Kälte, aber er erholt sich gleich, weil er sich erinnert, wie Israelische einmal krank gewesen war. Cr war von einer heftigen Influenza befallen worden. Surele war so unruhig, sie hatte große Angst und er mußte damals geschäftlich verreisen. Bei seiner Rückkehr befand sich Israelische schon auf dem Wege der Besserung, die Hitze war bereits gewichen, dessen ungeachtet blieb er einige Stunden an Israelisches Seite, ging nicht ins Geschäft, obwohl er von dort zweimal gerufen wurde. Cr saß am Krankenlager und bedauerte sehr, einige Tage sich vom Hause entfernt zu haben, freute sich, daß der Junge sich schon freier bewegte und seine schwarzen, glänzenden Augen schon gesünder dreinschauten. Und weiter erinnert sich 'Schmul an' Israelisches „Barmizwe-Fest". Sämtliche Verwandte und Bekannte waren erschienen und Israelische hielt eine Drusche. Schmul erinnert sich jetzt noch genau seiner Stimme, er sieht, wie der anwesende Rabbiner dem Knaben in die Backe kniff und eine Frage an ihn richtete. Israelische dachte eine Weile nach und sagte dann: „Diese Frage wird von Toßtos^j und im Talmudtraktat Baba Batra aufgeworfen." Der Rabbiner Hub zu lächeln an, versetzte Israelische mit einer Hand einen leichten Klaps auf'die Schultern, mit der zweiten griff er nach seinem auf dem Tische stehenden Glas Wein und sagte dabei . Auf der Station entsank plötzlich einem Träger eine schwere Kiste, mit solch einem starken Krache, daß Schmuls Vorstellungen im Kopfe unterbrochen wurden, und wie er sein Nachdenken wieder aufnehmen wollte, war ihm schon Chanele im Kopfe, die irgendwo in Ungarn an der Cholera gestorben war. Chaim Maier hatte gleichfalls seine Rechnung aufgesteltt und das Fazit gezogen. Er hatte fortwährend die Namen seiner verstorbenen beiden Kinder auf dem Grabbrettchen vor Augen/ Die Buchstaben standen vor ihm so lebhaft, daß er i) Einen tylmudischen Vortrag. 5) Ein Talmudkommentar. - ' sich in die Schrift vergaffte, welcher Buchstabe schöner gezeichnet war, welcher voller, gerader, und welcher ein wenig schief ist. Aber auf einmal erinnerte er sich seines Weibes, wie sie dort im Spitale sitzt, der Kinder, die in den Baracken zurückgeblieben, und in seinem Kopfe entstand solch ein Chaos, daß alles kunterbunt sich vermengte. Es fiel ihm schwer, in dieses Gewirr eine Ordnung zu bringen, denn ein Bild jagte und verjagte das andere und so stieß er wiederholt die paar Worte für sich heraus: „Ja, ja!" und atmete dabei schweb. Bei Chaim Maiers „ja. ja" — erwachte Salmon wie aus einem Schlafe und stieß gleichfalls ein Seufzen — „So ist es! — nu na!" aus. Auch Leibusch, der Affe, der gegenüber neben dem zweiten Wagenfenster saß. hat in diesem herrschenden Schweigen seine kleinen schielenden Augen halb geschlossen, und es war ersichtlich, daß ein starkes Mißbehagen sich seiner bemächtigt hat. Infolge dieses Mißbehagens beugte er seinen Kopf nach vorne, stützte die Hände auf die Kniee. wobei seine zugekniffenen Augen sich unwillkürlich öffneten und sie gewahrten die zwei derben kräftigen Kommisschuhe, von dickem, ungeschwärztem Leder, und er begann sie wiederum zu betrachten und abzuschätzen, wie viel sie zum Veräußern wert seien, wobei ihn aber sein Mißmut nicht verließ. Dagegen aber dachte Wolfke an gar nichts. Er saß auf seinem Platze neben Leibusch mit solch einem Respekt, gerade wie damals auf seiner Hochzeit in der Baracke. Wenn ihn jemand gebeten hätte, ihm seinen Sitz abzutreten, wäre Wolfke bestimmt von dem Platze aufgeschnellt und noch obendrein noch mit den Augen um Verzeihung bittend, solch einen Eindruck machte sein Sitzen, obwohl der Samtanzug ihn ansehnlicher erscheinen ließ, ihm ein reicheres und intelligenteres Aussehen verlieh! Er schaute auf seine schweigenden Nachbarn, wie ein Kind, bald auf diesen, bald auf jenen, und wenn in seinem Hirne irgend ein Gedanke aufstieg, konnte man ihn gleich von seinem Gesichte herunterlesen. Seine innere Unzufriedenheit vermochte Wolfke nur in den paar Worten zum Ausdruck zu bringen: „Ich will kein Soldat fein! Ich will zurück in die Baracken!" Der Zug sollte noch 5 Minuten halten. Es stiegen noch Rekruten in den Waggon ein, Flüchtlinge, die die Erlaubnis hatten, nicht in den Baracken, sondern in der Stadt zu wohnen. Sie nahmen .auf den noch leeren zwei Bänken Platz und indem sie ihre Bündel unterbrachten, sich plazierten und dabei redeten, brachten sie in den Wagen eine frische, aufheiternde Stimmung, wie der junge Morgen nach der finsteren Nacht. Sich an Wolfke wendend, Hub Ehaim. Maier zuerst an: „Dich wird man gewiß befreien, Hab keine Furcht!" ,/Warum denn?" „Du wirst halt sagen, daß du erst unlängst geheiratet, hast." Wolfke begriff die Sache nicht recht, und Ehaim Maier klärte ihn weiter auf: „In unserer Thora gibt es dafür ein ausdrückliches Verbot." Einer der jungen Flüchtlinge äußerte sich diesbezüglich im ernsten Tone. „Was man dort auf die Verbote der Thora schaut! Man schneidet dort die Bärte und Schläfenlocken ab, so daß ältere, angesehene Juden dann glatt rasiert wie junge Christenburschen aussehen." Salmon griff instinktiv nach seinem Bart, und djese Worte machten offenbar auch auf Schmul Eindruck, denn er "wandte den Kopf dem Flüchtling, der so gesprochen hatte/zu: „Soll es auch so sein — sagte Salmon an seinen Bart greifend." „Ich will auch das hingeben, habe ich doch schon größere Opfer gebracht" — unb in feinen Gedanken tauchte Her sch ke auf. „Natürlich, alles für das Vaterland" — stimmte Chaim Maier zu. Das Wort „Vaterland" klang so nachhaltig in den Ohren wie früher die Worte „acht Monate". Und das Echo dieses Wortes wollte dann nicht so bald mehr verklingen. Die jungen Rekruten schenkten dem keine Aufmerksamkeit und waren von einem leisen Gespräch in Anspruch genommen. Dafür aber grübelten Schmul, Salmon und Chaim Maier nach dem Sinne des Wortes „Vaterland". Was mag es eigentlich bedeuten? Sie haben dieses Wort des öfteren vernommen und noch häufiger allein wiederholt,. niemals aber haben sie sich, so wie jetzt darüber besondere Gedanken gemacht. Was ist das Vaterland? Welches Heiligtum wohnt ihm inne? Schmul erinnert sich an seine einstigen Gefühle, wann er für die Bedeutung dieses Wortes noch Verständnis gehabt. Damals brachte er diesem Worte das richtige tiefsitzende Gefühl entgegen. Das war zur Zeit, als er noch sein Schnittwarengeschäft besessen hatte. Das vom Vater ererbte Geschäft. Dieser hatte es vom Großvater übernommen. Der Großvater war ursprünglich ein Getreidehändler gewesen, der Urgroßvater ein Pächter bei einen: Gutsbesitzer. Run, das tut ja nichts zur Sache, in welcher Eeschäftsbranche die Urahnen sich betätigt haben. Die Hauptsache ist, daß sie den Kindern was hinterlassen haben und diese wechselten dann die Beschäftigung nach freiem Ermessen. Er hatte immer gehofft, daß seiy Israel im Wege der Erbschaft sein Manufakturwarengesschäft übernehmen und dann auch andere Geschäfte betreiben werde. Er und seine Ahnen haben in: Leben viel ausgestanden und viele Unglücksfälle durchgemacht. Sie wurden einigemal beraubt, bestohlen, prozessierten häufig, bald wurde ein Prozeß gewonnen, bald verloren, wie es sich eben fügte, aber es gab doch eine Instanz, wo man sich beklagen tonnte, wo man einem Gehör schenkte; immerhin hatte man eine Existenz und Subsistenzmittel, und manchmal sogar reichlich. Und all dies war schließlich doch nur dem Vaterland zu verdanken, das heißt der Landesregierung. Die Regierung kann sich nicht in alle Dinge mengen,, man kann sich nicht bei jeder Lappalie beklagen. Man muß sich eben manches gefallen lassen, man muß viel verschweigen, sich fügen und so manches Unrecht hinnehmen. Man kann um Gerechtigkeit bitten, manchmal ist man gezwungen zu Bestechungen, zu Schmeicheleien, zur Unterwürfigkeit Zuflucht zu nehmen, um von sich eine Unbill abzuwenden und sein Recht zu erlangen, ist man doch ein Jude im Golus. Dafür aber hat man eine eigene, autonome Gemeinde mit eigenen Sitten und Gebräuchen, Rabbiner. Schächter, Bet- und Studierlokale, wo man die Unterwürfigkeit abstreifen und an so manches Ungemach, an so manche einem-wideiffahrene Schmach vergessen kann. Man besitzt einen eigenen Friedhof mit Denksteinen an Eltern, U-reltern mit hebräisch geschriebenen Inschriften. Dort sind viele jüdische Autoritäten zur ewigen Ruhe bestattet, Brüder, Glaubensgenossen, die hier so manches haben erdulden müssen. Schmul faßte die Sache so auf. All die Leiden, die Schmach, was einem im Leben passiert, das ist eben eine Fügung Gottes und man ist deshalb Jude, um darauf gefaßt zu fein, sich damit abzufinden. Aber das Leben selbst, die Erwerbs- Möglichkeit, die Existenz und Subsistenz, überhaupt das, was keine äußeren Leiden bietet, verdankt man dem Lande, in welchem man wohnt und den Gesetzen. Dafür muß man Gott immer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.