Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1925)
- Date
- 1925-07-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 30 Der Israelit 23. JUU 1926 Uinderecke. Rabbi Meir von Rothenburg. Von Heinrich Reutz. (Schluß.) Dieses päpstliche Schreiben hatte wenig Erfolg. Im Jahre 1235 wurden infolge einer solchen Blutanklage in Fulda 54 Männer und Frauen, im Jahre 1280 in Mainz zehn Juden getötet. Wegen derselben Anklage fanden 1285 in der Synagoge zu München 180 Juden den Feuertod. In Bacharach und Boppard am Rhein wurden aus demselben Grunde die Juden hingeschlachtet. Im Jahre 1475 wurde bei dem Hause eines Juden in Trient die Leiche des dreijährigen Knaben Simon aus der Etsch gezogen. Unter dem Volke verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten das Christenkind getötet, um sein Blut zum Pessachfeste zu gebrauchen. Der Bischof ließ darum sämtliche Juden verhaften. Die Juden beteuerten ihre Unschuld. Da wurden die Hauptangeklagten auf die Folter gespannt. Unter den gräßlichsten Qualen bestätigten die Juden alle Aussagen, die man von ihnen verlangte. Alle Juden, die nicht zum Christentum übertraten, starben den Feuertod. Zu derselben Zeit erhob man die Anklage des Ritualmordes auch gegen den Rabbiner Bruna in Regensburg. Der Bischof ließ sechs Juden einkerkern und foltern. Auch hier haben die Gefolterten den Mord eingestanden. Der ganzen Gemeinde drohte der Untergang. Kaiser Friedrich III., den die Beschuldigten als Richter anriefen, war aber von der Unschuld der Juden überzeugt und ruhte nicht eher, als bis die Eingekerkerten wieder frei waren. Das Blutmärchen hat sich bis in die neueste Zeit erhalten. Der Aberglaube, die Juden brauchten Christenblut, wird von den Hassern und Neidern der Juden immer wiedere aufgefrifcht und der urteilslosen Menge eingeflößt, um Judenhetzen hervorzurufen. Aber in allen Fällen der Blutbeschuldigung, die vor Gericht verhandelt wurden, in Damaskus 1840, Tisza-Eszlar 1882, Tanten 1891, Polna 1899, Könitz 1900, konnte ein jüdischer Ritualmord nicht nachgewiesen werden. b) In der christlichen Kirche werden bei der Kommunion statt des Brotes Scheiben aus ungesäuertem Weizenteige, Oblaten oder Hostien gegessen. Diesen Hostien wird in der katholischen Kirche als dem Allerheiligsten Anbetung erwiesen. Im Jahre 1298 verbreitete sich in Nöttingen in Bayern das Gerücht, die Juden hätten eine solche Hostie geschändet. Sie hätten sie in einem Mörser zerstoßen und aus ihr sei wunderbarerweise Blut in großer Menge herausgeflossen. Das Volk glaubte auch diese falsche Beschuldigung und erhob sich in rasender Wut gegen die Juden. Der fränkische Edelmann Rindfleisch führte die empörte Rotte. Von Nöttingen aus ergoß sich der Strom der Volkswut gegen alle Gemeinden in Bayern und Franken. Vom April bis Oktober wurden in 140 Gemeinden über 100 000 Juden hingerafft. Nur die Taufe konnte vor dem Tode retten. Doch Jünglinge und Jungfrauen, Männer und Frauen, Greise und Kinder, gaben willig ihr Leben hin und brachen dem Glauben nicht die Treue. Erst König Albrecht tat dem Gemetzel Einhalt. Er bestrafte die Rädelsführer, nahm den Plünderern den Raub ab und ließ die unter Zwang Getauften wieder zum Judentum zurückkehren. Im Jahre 1337 kam in Deggendorf in Bayern die Lüge auf, die Juden hätten eine Hostie mit Pfriemen durchstochen. Unter Führung des Ritters Hartmann von Deggendorf stürzten sich die Judenfeinde über die Juden, töteten und verbrannten sie. Die Verfolgung dehnte sich über Bayern, Böhmen und Oesterreich aus. Der Papst Benedikt XII. sprach es unverhohlen aus, daß die Verfolgung der Juden wegen Hostienschändun!; nur die Plünderung der Juden bezwecke, da i Priester an verschiedenen Orten Hostien selber mit Blut bestrichen und in die Nähe von Juden Wohnungen gelegt hätten, um das Volk zu reizen Im selben Jahre wurden die Juden im El sah, in Schwaben und Franken von 5000 Bauern die sich „Judenschläger" nannten, unter Führung eines verkommenen Edlemannes ausgeplündert und hingemordet. Dieser hatte sich ein Stück Leder um den Arm gebunden, nannte sich Armleder und wollte die Juden dafür bestrafen, öaft sie vor 1300 Jahren den Stifter des Christentums getötet hätten. Tausende von Unschuldigen wurden hin gemordet. Hunderte von unglücklichen Juden gaben sich und ihren Kindern freiwillig den Tod um den Grausamkeiten des Gesindels zu entgehen c) Der Massenmord der Juden setzte aber in den Jahren 1348—50 ein, als die furchtbarste Pest von der wir Kunde haben: der schwarze Tod durch die Lande zog. Die Pest kam aus Asien, ver breitete sich rasch in Deutschland und raffte in vielen Orten die halbe, oft die ganze Bevölkerung hin. Wer trug wiederum die Schuld an dieser entsetzlichen Plage, die mit Naturgewalt, von niemand gerufen, über die Menschheit kam? Natürlich die Juden. David Müsser, ein christlicher Gelehrter, schreibt in seiner „Geschichte des deutschen Volkes": „Noch ehe die Pest in das Land kam, entstand eine furchtbare Judenverfolgung. Die Juden waren tief verachtet; ausgeschlossen von den Zünften und Kaufmannsgilden (Handwerker- und Kaufmannsvereinigungen) und faf: von jeder Gemeinschaft mit den Christen, auf Schacher und Wucher beschränkt, hatten sie es doch verstanden, sich dadurch teilweise große Reichtümer zu erwerben. So war es kein Wunder, daß der Haß gegen sie, zunächst bei ihren Schuldnern und den Besitzlosen, immer mehr anwuchs und sich in rohen Mißhandlungen und Gewalttaten aller Art Luft machte. Und als nun die Pest kam, da galten die Juden dem Volksgrimm geradezu als ihr Urheber: man meinte, sie hätten die Brunnen vergiftet. Tausende der Unglücklichen fielen in Mainz, Frankfurt, Straßburg und anderwärts unter den Händen der wütenden Menge oder kamen in ihren brennenden Gebäuden, in die man sie einsperrte, um. Aehnliches kam auch sonst vor: es brauchte nur ein wahnsinniges Gerücht zu entstehen, die Juden hätten ein Christenkind geraubt und geschlachtet, oder die heilige Hostie (den Leib des Herrn) durchstoßen — und eine grausame, schonungslose Verfolgung war da. Ueberhaupt war der Aberglaube und die Dumpfheit der Gemüter groß." In Frankreich und in der Schweiz begann das Judenschlachten. In Mainz sollen bei einem Kampfe 6000 Juden gefallen seien. In Wien versammelte sich die ganze Gemeinde in der Synagoge und verbrannte sich, um nicht den Todfeinden in die Hände zu fallen. Nachwirkungen der Judenverfolgungen. Wenn auch die Juden später von den Fürsten und Städten wieder zurückgerufen wurden, weil man ihrer nicht entbehren konnte, weil man ihre Steuern und Abg'aben brauchte, so änderte sich doch nichts in dem lieblosen Verhalten der Behörden und der christlichen Bevölkerung gegenüber den Juden. Ja, man ging geradezu darauf aus, den Haß und die Verachtung offensichtlich zu beweisen. Die Juden sollten so wenig als möglich mit den Christen in Berührung kommen. Deshalb wurde den Juden verboten, außerhalb der Judengassen und Judenviertel (Ghetto, Ghetti) zu wohnen. Die Tore zu den Judengassen wurden nach Sonnenuntergang geschlossen und am Morgen geöffnet. Um die Juden ganz und gar aus der Gesellschaft auszuschließen, wurden sie gezwungen, eine genau vorgeschriebene, lächerliche, den Spott hervorrufende Kleidung oder bestimmte Abzeichen zu tragen. Das waren die entehrenden, kegelförmigen, gelben Judenhüte oder die farbigen Schleier der Frauen. Eine Folge der Ausschließung der Juden war die Unmöglichkeit, an der fortschreitenden Kultur der Deutschen teilzunehmen. Das zeigte sich an der Sprache der Juden, die auf dem Stande des Mittelalters beharrte und die Wandlung ins Neu-Hochdeutsche nicht mitmachte. Das Jüdisch-Deutsche klang den Christen lächerlich und rief den Spott hervor. “ Vor den Kreuzzügen hatten die deutschen Juden Handelsfreiheit und Freizügigkeit. Das wurde nun anders. Der Grundbesitz war ihnen versagt, und damit waren die Juden vom Ackerbau ausgeschlossen. Der deutsche Geschichtsschreiber Stabbe sagt: „Der mittelalterliche Staat ließ den Juden keine andere Wahl, als von Schacher und Wucher zu leben, er verschloß ihnen jede andere Erwerbsquelle. Ist es daher den Juden des Mittelalters zum Vorwurf zu machen, daß sie sich ausschließlich den Geldgeschäften zuwandten? Können wir es dem Hungernden vorwerfen, wenn er zuviel von der einzigen Speise ißt, welche man ihm darreicht." Die Judenfeinde haben es bös gemeint, Gott hat es zum Guten gewandelt. Die vielen Leiden haben dje Juden in ihrem Glauben nur gestärkt. Einer Religionsgemeinschaft, die solche Greuel an ihnen beging, konnten sie keine Liebe entgegenbringen. Das Christentum hat sich nicht als die Religion der Liebe bewiesen. Das Zusammenleben in der Judengasse, das gemeinsame Schicksal, der unbedingte Judenhaß, das waren Bänder und Reifen und unzerreißbare Ketten, die die Juden aneinanderschlossen. Damals entstand das Gefühl der Zusammengehörigkeit der jüdischen Volksgemeinschaft, das innige jüdische Familiengefühl. Im Leid zeigte sich das jüdische Herz. Und das sind gerade die Gründe dafür, daß es noch heute Juden gibt. Cs ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgesehlichen Charakters auf ihr? Zuverlässigkeil zu prüfen. 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