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Der Israelit · 1925-07-23 · Heft 30 (23.7.1925) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 30 (23.7.1925)
Date
1925-07-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ftiillttd» Die Baracken. Von Nachman Mifalew. Autorisierte Uebersetzung aus dem polnischen Manuskript -von S. H o r o w i tz. (Fortsetzung.) „Wer bin ich? Ein Gigerl, was? Da haben Sie das Richtige getroffen." „Sie tragen ja auch jetzt ein Jaquett." „Und warum trage ich es? Bitte sehr, wenn Sie es wissen, sagen Sie es," meinte Leibusch lächelnd und begann dann selbst zu erklären. „Solche Sachen sind keine solide Ware. Allerhand Röcke, Hosen, Ueberzieher sind gute Ware, aber Jaquetts, Fracks und Smokings will am Tandelmarkt niemand in die Hand nehmen, für halbumsonst nicht. Wer so was braucht, bestellt es beim Schneider, denn solche Sachen tragen Stutzer." „Solche zum Beispiel, wie Sie," unterbrach ihn Chaim Maier. „Ich?," und er zog die Schultern in die Hohe, „ich bin kein Stutzer, kein Gigerl. Ich trage es nur deshalb, weil es eine schwer verkäufliche Ware ist. Unser einer, verstehen Sie, muß all dies tragen, eine gangbare Ware nimmt man herunter vom Leibe und verkauft sie, denn unser Geschäft ist nun einmal so. Schauen Sie zum Beispiel meinen steifen Hut an," bei diesen Worten nahm er ihn vom Kopfe, „meinen Sie, daß ich solch ein Zeug gerne habe? Gott bewahre! Ich kann auf ihn nicht schauen!" Und das warum? „Weil es keine verkäufliche Wareo ist. Auf dem Tandelmarkt herrscht nur Nachfrage nach den weichen Hüten, die von jedem getragen werden können, Arbeiter, Bürger, Tagelöhner und Maurer. Aber solch steife Deckel, wer schaut sie an? Wer einen solchen haben will, der kauft ihn neu im Geschäft." . In die Baracken Zurückgekehrt, zog jeder die erhaltenen Kleidungsstücke an und bekam ein anderes Aussehen. Kurze Röcke verschiedener Fasson, aus welcher man schließen konnte, zu welcher Menschenklasse der erste Besitzer gehört hatte. Hosen verschiedener Farben, breite und schmale. Hüte von allerhand Formen, moderne und unmoderne Mänte, Pelerinen mit oder ohne Kapuzen. Alle diese Sachen wurden jetzt von den galizischen' Flüchtlingen getragen, so daß deren Bärte, Schläfenlocken und speziell die typischen Gesichter zu sagen schienen: „Schaut nicht auf meine Kleider, denn ich bin derselbe geblieben." Wolfke hatte bei der Verteilung einen schwarzen Samtanzug bekommen. Der ehemalige Besitzer wird wohl ein Dichter, ein Maler oder ein sonstiger priveligierter Träger von Samtanzügen gewesen sein. Stellenweise war der Samt schon ausgerieben, daß der glatte Boden wie Leder glänzend sichtbar war. Aber trotzdem sah er darin ganz passabel aus. Zu diesem Anzug erhielt Wolfke einen passenden, breiten, schwarzen Hut mit breiten, flügelartigen Krempen, der in der Mitte herausfordernd eingedrückt war. Nur das halbseidene schwarze Band ringsum wies schon schmutzige Flecken auf, und der Gummifaden war schon stark in Mitleidenschaft gezogen. Wolfke legte gleich die erhaltenen Sachen an. Sein Weib stand da mit offenem Munde. Sie hatte noch keine Zeit gehabt ihre Meinung über ihren neuen Wolfke zu äußern, ob sie lachen oder bewundern sollte, als die Barackenjugend, johlend und tobend, zu Wolfke herangestürmt kam. Das Bild erregte ihr Interesse und Lachnerven. Die Sippe bekam Stoff zum Lachen, um die Zeit angenehm zu verbringen. „Schaut nur den Künstler an! Man sollte ihm einen Pinsel in die Hand geben." Ein Spaßvogel schleppte aus der Küche einen Zuber mit Spülwasser herbei, ein zweiter brachte einen Besen und alles brach in ein schallendes Gelächter aus. „Da haben Sie einen Pinsel mit Farbe, nun malt!" Seine Frau geriet zuerst in Aufregung, packte den Besen, tauchte ihn in das schmutzige Wasser und schlug wild um sich und schimpfte. Für die Barackenjugend war das ein gefundenes Fressen. Man strömte von allen Seiten herbei, die Gefickter waren animiert, die Stimmung eine angeregte und das Lachen wurde immer stärker. Während fein Weib fortwährend zeterte, faß Wolfke gemächlich in seinem samtnen Anzug und breiten Hut da. Sein spitzes Bärtchen schien am Kinn wie angeklebt zu sein, und seine Augen schauten verwundert auf die Lärmenden. Und als sein Weib schließlich ermüdete und die große und kleine Gesellschaft Miene machte näher zu treten, schwieg Wolfke noch immer. Nur als sich dann später jemand herausnahm, seinen Anzug mit den Händen zu betasten und seinen Hut vom Kopfe nahm, wurde auch Wolfke aufgeregt und schrie: „Fort von hier! Daß Euch die Erde verschlinge!" Er konnte nicht begreifen, was die Leute wollten, warum sie ihn so anstarrten. Nur als er später bemerkte, daß auch ältere Leute ihn verwundert anguckten und lächelten, begann er auch leise über sich selbst zu lachen, obwohl er nach wie vor nicht recht wußte, weshalb. Die Assentierten sollten sich um 8 Uhr morgens zur Bahn begeben. Schmul stand mit dem ersten Morgengrauen auf. Sure schlief noch. Er verrichtete hurtig das Morgengebet zum letzten Mal in der Baracken-Betstube und begab sich nach der Stadt auf den Friedhof. Darüber hatte er vorher mit seiner Frau nicht gesprochen, aber er betrachtete es als seine heilige Pflicht, von den Gräbern seiner kleinen Kinder Abschied zu nehmen. Auf dem Friedhof war er nicht allein und war auch nicht der erste. Auch andere Väter, die heute die Reise antreten sollten, waren vor ihm dort, oder kamen später. Jeder stand vor einem kleinen Feldhügel, weinte leise vor sich hin, oder starrte auf das Brettchen, das hölzerne Denkmal — auf welchem mit schwarzer Tinte der Name des Kindes, des Vaters und des galizischen Heimatsortes bezeichnet war. Chaim Maier betrachtete mit feuchten roten Augen unausgesetzt die Namen seiner zwei verstorbenen Kinder auf einem Brettchen. Schmul ging von einem Grabe zum anderen, blieb davor stehen und in Trauer verharrend nickte er leicht mit dem Haupte. Stille, schwere Seufzer entrangen sich den abschiednehmenden Vätern, und Tränen entströmten den Augen, in welchen die Trauer erstarrte. Das letzte Mal! Das letzte Mal!, war auf jedem Gesichte zu lesen, und sie hätten alles über sich ergehen lassen, sie wären bereit gewesen, das Schlimmste zu ertragen, wenn dies schon wirklich das letzte Mal wäre. Aber noch stärkere, aufrichtigere Trauer war unmöglich. Die Minuten eilten, man muhte zurückkehren, noch ein langer, wehmütiger Blick, noch ein schwerer Seufzer und die Väter hatten für immer von ihren teuren Toten, die in fremder,, wildfremder Erde ruhen, Abschied genommen. Als sie zurückkamen, harrten ihrer schon die Gendarmen, die die Assentierten , zur Bahn eskotieren sollten. Man schlürfte rasch den Kaffee und nahm ein Stückchen Brot mit. In der Umgebung vop Bekannten und Neugierigen zeigte sich jeder, sein Bündel tragend. Es war ein tm. 30 >»rr schöner Frühlingsmorgen, der Himmel klar, blau, um die Baracken grüne Flächen. Die hohen Maisstangen mit den sich um sie rankenden Blättern schaukelten sich unter einem leichten Windhauch. Schillernde Schmetterlinge kreisten in der Luft, sich hebend und senkend. Die Barackeninsassen schenkten dem keine Aufmerksamkeit und hörten nicht auf, die Einrückenden zu bedauern. Schmul nahm fast wortlos von Sure Abschied, nur Riwkele preßte er an seine Brust und küßte sie. Nur ganz zuletzt, als Sure ihm das Bündel reichte, schaute er sie mit bittenden Augen an. „Surele, sorge nicht! Paß auf Riwkele gut auf. schreibe nur immer, wie es euch geht. Lebet wohl!" An Salmons Seite standen Malke mit Herfchke und erst nach erfolgtem Abschiednehmen kam Esther herbeigestürzt und begann weinend den Vater zu umhalsen und zu küssen. Salmon bat sie unter Tränen: „Teuere Esther! Wenn du willst, daß ich im Herzen froh und ruhig sei, dann versprich mir, mit ihnen in Frieden zu leben." „Mit wem? Mit Herschke, dem Diener?" Salmon verspürte einen Stich im Herzen. Seinen Seufzer vernahm Esther nicht, nur die wiederholten Worte: „Versprich es mir. Ich bitte dich darum!" Die Gendarmen befahlen, sich in Reih und Glied aufzustellen. Ringsum weinten Weiber. Zwischen dem Weinen vernahm man auch lachende Stimmen. Manche lachten, wenn sie Wolfkes komischen Anzug und sein originelles Aussehen zwischen den anderen sahen. Sein Weib weinte und schalt, die beiden Stiefkinder, die Wolfke zurückließ, an den Händen haltend. „Marschieren! Marsch!" Die buntscheckig gekleidete Gesellschaft mit den Bündeln setzte sich in Bewegung, von den Gendarmen eskortiert. Die Weiber brachen in ein heftiges Weinen aus, standen und schauten, wie die Menschenkolonne mit den Bündeln sich fortbewegte und sich immer mehr entfernte. „Mache daraus ein Liedchen," proponierte jemand dem Liedermacher, der abseits stand und nacksinnend vor sich hinstarrte. Der Liedermacher gab keine Antwort und wandte sich böse ab. Wer weiß, vielleicht keimt schon in seinem Kopfe ein Liedchen auf, und nur dieser hat mit seiner Ansprache es gestört. Wer mag das wissen! III. „Fahren wir schon wieder mit der Eisenbahn," sprach Chaim Maier wie zu sich selbst, nachdem er sein Bündel unter die Coupeebank untergebracht hatte und sich selost, aller Sorgen bar, plazierte. „Ja wie lange ist es schon? acht Monate! „Acht Monate?" fragte Chaim Maier, vertiefte sich in eine Berechnung um dann zuzustunmen: „Ja, acht Monate, wenn man nicht genau denkt, glaubt man, Gott weiß wie lange wir hier sind." Eine Weile wurde es still. Und in dieser Stille klang sozusagen in der Luft das Echo dieser zwei Worte": „Acht Monate!" Es hallte fortwährend in den Ohren, drang von da in den Kopf, ins Herz und legte sich bleischwer um die Seele. Acht Monate! Acht Monate! Und in diesem Schweigen strengte jeder sein Gesicht an, daß die Augen sich tief hineinbohrten. Man rieb sich die Stirn mit den Händen und man kraute sich am Haar. Jeder quälte sich auf seine Weise, die Lösung des Rätsels zu finden, das da in der Luft schwebte und in den Worten: „Acht Monate!" vibrierte. Und einem und dent anderen entrangen sich leise Seufzer, ein Beweis, daß man die Lösung gefunden hatte, einer früher, der andere später, aber alle fanden sie. (Fortsetzung folgt.)

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