Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1925)
- Date
- 1925-07-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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bST' Der Israelit Die Baracken. Von Nachman Mifalew. Autorisierte Uebersetzung aus dem polnischen Manuskript von S. H o r o w i tz. (Fortsetzung.) II. In den letzten Tagen vor dem Einrücker: zum Militär herrschte in den Baracken eine rege Bewegung. Man packte, traf Vorbereitungen zur Abreise, Weiber und Binder weinten, waren den Männern oder Söhnen bei den Reisevorbereitungen behilflich. Die so verhatzt gewesenen Baracken wurden einem auf einmal lieb, und es fiel schwer, ihnen Valet zu sagen. Chaim Maier bekam die . Erlaubnis, vor dem Einrücken seine Frau in der Irrenanstalt zu besuchen. Dort eintreffend, fand er sie beinahe in derselben Lage wie beim Einliesern. Nur war ihr Gesicht mehr ausgedörrt, bloß Haut und Knochen, und die weitgeöffneten Augen starrten einen in ihrer Trauer noch melancholischer an. Sie saß still und schüttelte automatisch das Haupt. Die Umgebung schien für sie nicht vorhanden zu sein. „Ehajcie! Was machst du? Wie fühlst du dich?" fragte Chaim Maier, und bei ihrem Anblick traten ihm die Tränen in die Augen. Sie antwortete ihm nicht und verharrte in ihrer Erstarrung. „Ehajcie, erkennst du mich nicht? Ich bin doch Chaim Maier! Schau mich an." Und er faßte ihren Kopf, bewegte ihn leicht, daß . sie ihn ansehe. Sie ließ alles willenlos mit sich geschehen, ihre weitgeöffneten Augen starrten ihn ausdruckslos an, und es war schwer zu unterscheiden, ob sie etwas sahen oder nicht. Chaim Maier kam es vor, als blickten ihre Augen ihn mit einer gewissen Neugierde an und so fuhr er fort: „Du willst gar nicht wissen, was die Binder machen?" Keine Antwort. „Ehajcie, weißt du, ich bin zu den Soldaten genommen worden, die Kinder bleiben allein in den Baracken zurück." Es schien ihm, als habe sie leise aufgestöhnt. „Ich habe niemanden, um sie bei ihm zurückzulassen, hörst du, was ich dir sage?" Chaim Maier beobachtete einige Minuten Schweigen und beobachtete sie. Er glaubte, daß sie höre und bestimmt wisse, was er zu ihr redete, daß sie doch' zu ihm sprechen und ihm antworten werde. Aber sie verharrte nach wie vor in ihrer Erstarrung, sie hört niemanden und weiß nichts von der Anwesenheit ihres Mannes. Dann ergriff er zum Abschied ihre Hand. „Chajcie, leb wohl! Gott weiß, ob ich dich noch einmal sehen werde." Bei diesen Worten brach er in ein Weinen aus. Cr drehte sich um, um sich der Tränen, die aus seinen Augen strömten, zu erwehren. Als bie Tränen nachließen, wandte er sich wieder der Frau-zu,' aber sie verharrte in derselben Position, als wäre nichts vorgefallen. Er versuchte es, weiter ihr Interesse wachzurufen, überzeugte sich aber, .daß dies vergebliche Mühe sei. „Chajtsche, verzeihe mir," preßte er leise und weinend heraus, - betrachtete sie eine Weite und entfernte sich. .. . . In die Baracken Zurückgekehrt, wußte Chaim Meier nicht, M- Wem er die Kinder, zurücklassen Wie. SM iMZeit,-da dieMutter abwesen-dÄvar, paßte zwar sein älteres Mädel auf die zwei Kleinen auf, aber schließlich war sie ja selbst noch ein Kind, das der Aussicht bedurfte. Aber diese Sorge nahm ihm dann Sure ab. Sie bot sich selbst an, die Kinder in ihre Obhut zu nehmen, während Chaim Maier nicht den Mut hatte, sie darum zu bitten. Malke und Ester versprachen ihm gleichfalls, sich für die Kinder zu interessieren, und er fühlte sich jetzt sorglos und frei wie ein Vogel. Und so wunderte er in den Baracken von einem Bekannten zum anderen, schaute zu, wie man sich zur Abreise vorbereitet, wie man seufzte, und witzelte über alles, als ginge ihn die Sache nichts an, während er doch so gut wie die anderen einzurücken hatte. Sein Nachbar Wolske lag gerade auf j einem Strohsack, den Kopf auf die Hand gestützt, während er mit der zweiten den Bart zupfte und schaute auf sein Weib, die neben ihm mit einem zornigen Gesichte saß und ein paar Socken für Wolfke zum Mitgeben stopfte. Sie hatte ihn früher tüchtig ausgeschimpft, nicht etwa, als hätte er sich etwas zu Schulden kommen lassen, sondern nur aus dem Grunde, weil es ihr schwer ums Herz war, daß sie morgen von Wolfke Abschied nehmen mußte. Jetzt bedauerte sie die ganze Geschichte, die Heirat überhaupt, denn was hatte sie jetzt davon, und jv kühlte sie jetzt an ihm ihr Mütchen. Wolfke verhielt sich still, hörte ihr Schelten und Schimpfen gelassen an, und dachte bei sich im Herzen, daß sie nicht so Unrecht habe. „Was schaust du mich wie ein Ochse att? Mir platzt die Galle und er schaut und schaut." „Ich schaue, weil ... ich schaue." — Wolf konnte keine andere Antwort finden. — „Was soll ich sonst tun?" „Wer hat dich gebeten, daß du mich heiratest?" stieß sie zornig hervor, und fügte noch einen saftigen Fluch hinzu. „Du hast es doch wollen," entschuldigte sich Wolfke leise. „Ich habe wollen? Du du, hast ja wollen!" „Ich wollte wirklich auch," gestand Wolfke. Diese Antwort entwaffnete auf einmal ihre zornige Erregung. Vieh du! Ich habe solch ein Vieh noch nie gesehen," sagte sie verachtungsvoll und nahm ihre Handarbeit wieder auf. Nach einer geraumen Weile aber begann sie wieder zu schimpfen und zu fluchen. Diesmal galt es nicht Wolfke persönlich, sondern die Flüche waren allgemein gehalten. Sie waren an die Leute adressiert, die ihren Wolfke zum Soldaten gemacht hatten^ „Sie hatten schon niemanden, als Wolske zu assentieren, daß sie der Teufel hole." Bei diesen Worten erschien Chaim Maier und tröstete sie. „Sie reden so, als wäre ihr Wolfke zu nichts nutz. Sie werden sehen, was für ein fescher Soldat er sein wird." „Ich danke schönstens!" „Er wird sich wie ein Held schlagen und wird noch eine Tapferkeitsmedaille bekommen." „Ha, ha, ein Held wie Simson. Sie kennen ihn nicht!" „Ich brauche eine Medaille -— -," mengte sich Wolfke ins Gespräch. „Wolfke, du wirst schon sehen, wirst , anders reden, wenn du an der Brust eine Medaille hängen haben wirst." „Hängen sollen ihnen schon die Köpfe, Gott des Himmels," begann sie wiederum zu zetern. „Und was geschieht, wenn man mich tötet?" fragte Wolfke. „Wenn man dicht tötet, wirst du tot sein," antwortete Chaim Maier, „aber wer denkt jetzt an solche Sachen." „Das will ich nicht," sagte Wolfke. „Dafür wirst du Essen und Trinken in Hülle und Fülle haben." „Das brauche ich nicht:" Der Barackenverwalter unterbrach ihre Unterredung mit der Mitteilung, daß die Assentierten jetzt bei der Verteilung in der Stadt für sich Wäsche und Kleidungsstütze bekommen. Schuhe hat der Kommissar schon heute Morgen ihnen gegeben, jeder hat ein Paar breite starke Kommißschuhe bekommen. Der Kommissar hat das Hilfskomitee in der Stadt gebeten, heute nur an die Assentierten, die morgen einzurücken haben, Kleider zu verteilen. Das Hilfskomitee verfügte jetzt nicht über neue Kleidungsstücke, sondern hatte nur alte, übertragene, die man aus verschiedenen Städten für die Flüchtlinge geschickt hatte. Die galizischen Städte, die vom Krieg so stark in Mitleidenschaft gezogen waren, konnten natürlich nahezu nichts beisteuern. Deshalb konnten die langgekleideten, orthodoxen Flüchtlinge nur selten von der Verteilung Nutzen ziehen, denn es gab nur kurze Röcke von „Deutschen". Schmul, der noch einen ziemlich guten Ueberzieher besaß, bekam außer der Wäsche nichts. Salmon war gezwungen, eine Touristen-Joppe anzuziehen, die seiner langen Figur, die von jeher daran gewöhnt war, einen langen Kaftan zu tragen, einen komischen Ausdruck verlieh. Die dicken Schläfenlocken und der breite Bart wallten bis zum eleganten, kurzen Röckchen, und die langen, von einem Kaftan nicht verhüllten Beine, schienen zu bitten: hüllt uns ein, denn wir genieren uns. xne Herren vom Hilfskomitee, mährische Juden, die den Wunsch hegten, ihre galizischen Glaubensgenossen ein wenig zu kultivieren, und sich immer freuten, wenn ein Flüchtling gezwungen war, an Stelle seiner alten, langen Bekesche einen kurzen Rock anzuziehen, mußten jetzt ebenfalls unwillkürlich lächeln, während sie Salmon das Touristen-Röckchen anprobierten und mußten sich selbst wohl sagen, daß dieses kurze „kulturelle" Garderobenstück nicht zu dem patriarchalischen Barte und den Schläfenlocken paßte. Selbst der schielende Leibusch, der Affe, der damit beschäftigt war, die Kleidungsstücke, die man ihm und anderen vorlegte, gewohnheitsmäßig abzuschätzen und für sie in seinem Kopfe Preise zu fixieren, stutzte stark, als er Salmon in seinem modernen Röckchen erblickte, und seine Kalkulationen für einen Moment vergessend, platzte er heraus: „Pfui! Das paßt nicht für euch! Fort damit! Diese aufrichtige Meinung hatte Leibusch, genannt der Affe,, wohl zum ersten Mal in seinem Leben geäußert, seit er mit alten Sachen handelte. In seinem Geschäft hatte er sich natürlich mit dem ästhetischen Eindruck eines alten Kleidungsstückes nicht abgegeben, höchstens, wenn dem Käufer betreffs der Qualität, Farbe und Form Zweifel aufstiegen, sie damit zerstreut, daß er seine Ware nach jeder Richtung hin lobte. Bei ihm konnte es sich nur um die Höhe des zu erzielenden Preises handeln, sonst aber konnte die Ware an sich nicht sein Interesse erregen. Nichtsdestoweniger aber lehnte sich, Salmon erblickend, sein ästhetisches Gefühl auf, und so platzte er mit seiner Ansicht heraus. Aber länger konnte sich Leibusch seinen ästhetischen Gefühlen nicht überlassen, denn ein hell gespritzter Jaquetanzug, den man ihm anbot, nahm seine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch. „Messen Sie ihn, es ist schade um die Zeit," drängte das Komiteemitglied. „Nein Herr, das ist keine Ware für mich." antwortete Leibusch ebenfalls in deutscher Sprache und lehnte den Anzug mit dem Selbstbewußtsein einer Kundschaft ab, die weiß, was gut ist, und was sie kaufen will. Der Herr vom Komitee blickte ihn wortlos und scharf an und das Jaquet wanderte zu Chaim Maier, dem es auch nach dem Anprobieren zufiel, wie die Touristenjoppe Salmon, weil keine anderen alten Kleider nach ihrem Maß vorrätig waren. Leibusch der Asse, entschloß sich schließlich für ein kurzes, enges Röckchen mit kurzen Aermeln und einem geflickten Kragen und war zufrieden.