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Der Israelit · 1925-07-02 · Heft 27 (2.7.1925) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 27 (2.7.1925)
Date
1925-07-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Mm Die Baracken. Von Nachman Mifalew. Äutorisierte Uedersetzung aus dem polnischen Manuskript von S. H o r o w i tz. : Aus einer grotzangelegten Arbeit von Mifalew, die den tiefen Beobachter und vortrefflichen Schilderer verrät und ergreifende menschliche Dokumente aus der .jüngsten Vergangenheit, aus der Tragik. und Komik des ' Flüchtlingslebens enthält, bringen wir hiermit die Schlutzkapitel. Wir hoffen, daß sich bald ein Verleger findet, der das ganze umfangreiche Werk der jüdischen Oeffentlichkeii .zusührt. . Und. zusammen mit der Natur raffte sich auch die Verwaltung auf und begann die Vorkehrungen zu treffen, die man gleich am Anfang, noch ehe man die Flüchtlinge in die Baracken steckte, hätte ausführen sollen. Man baute Spitäler für gewöhnliche und ansteckende Krankheiten. Man befestigte die Türen den Schlafplätzen gegenüber, der mittlere Schlafplatz in den Schlafkabinen wurde entfernt, so daß jetzt nur zweistöckige, ein wenig geräumigere Schlafplätze verblieben. Für weibliche Personen, die keine Männer hatten, wurde eine besondere Wohnbaracke, bestimmt. Eine Schule für Kinder gebaut, ein Waschraum eingerichtet, als Betstube wurde ein entsprechendes Lokal reserviert. Mit einem Worte: überall wurde emsig gearbeitet, Ziegel, Sand und Bauholz herangeschafft, Zimmerleute hobelten und sägten, Maurer mauerten, Hunderte Hände gruben, schaufelten und schoben Karren. Man schotterte auch die. Wege, um die Sümpfe und den Morast trocken zu legen, und der Barackenkompler bekam das Aussehen einer gut fundierten menschlichen Wohnstätte, wo auch keine Wasserleitung und sogar keine elektrische Beleuchtung fehlte. I. Die endlosen Wintermonate, der erste in den Baracken verlebte Winter. war endlich über-? standen, Jeder Tag schien eine Ewigkeit zu sein. Viele Kinder und Kranke haben doch sterben müssen, viele Mütter haben doch ganz oder halb wahnsinnig werden müssen, und wenn diese Arbeit verrichtet war und die lebend Zurückgebliebenen sich abgehärtet und in der Varacken-Atmosphäre sich einigermatzen akklimatisiert hatten, .war der Winter vorüber und laue Frühlingswinde begannen über die zerpflügte schwarze, fette Erde der sich weit und breit ausdehnenden Felder zu streicheln und,, zu glätten, wie ihr leise.zuraunend: jetzt liefere, was du im Schotze birgst/ denn der Winter ist schon gewichen. And die Erde, bekam auch wirklich eine grüne Decke, das Grüne wurde von Tag zu Tag höher, hreiter und dichter, es umfaßte das Barackenzentrum wie das Meer eine Insel. Der Windtrieb von allen Seiten Graswogen zu den Baracken, als suchten sie ihre Kameraden vom vorigen Jahre auf diesem Grund und Boden. in der Mitte von jetzt so vielen unschönen langen niedrigen Gebäuden, welche mit schwarzen, geteerten Dächern bedeckt waren. - Aus der Chaussee lebten die langen Reihen der Akazienbäume frisch auf, bedeckten sich rasch mit weißen Blüten und begannen angenehm zu duften. Der Wind verbreitete den Duft im Rauschen und Schwingen und beim Musizieren der gefiederten Luftbewohner. . Die Sonnenstrahlen schwängerte'n die Luft unten und oben mit Duft, so datz die^Barackeninsassen davon ihren Teil bekamen. Die Türen und Fenster der Baracken wurden sperrangelweit geöffnet, die Sonne lockte alle ins Freie, so datz das Innere nahezu leer blieb. Kinder tummelten sich barfuß auf dem geräumigen Platz, dessen Kotkruste halb eingetrycknet war. Die Mütter waren zufrieden, der Sorgen für. Schuhe und sonstige Sachen enthoben zu sein. Alte Juden in Hauskäppchen mit Jüdinnen in Kopftüchern ohne Perücken ließen sich nächst den Baracken auf Steine und Klötze nieder. Man atmete frei auf, ruhte gemächlich im Freien aus, oder vertrieb sich die Zeit mit irgend einer Arbeit. Die Jugend spazierte oder stand in Gruppen unter -dem lauen Himmel, plauderte, lachte, öder sang. Die Sonne war aller Trösterin und träufelte Hoffnung und Freude in ihre Herzen, als wollte sie sagen: „Verzaget nicht/ für die Ueberbleibenden habe ich noch viel Leben." Der Bezirkshauptmann, der Leiter all dieser Arbeiten, pflegte recht oft in seinem Auto angefahren zu kommen, um die Fortschritte in der Arbeit in Augenschein zu nehmen. Verschiedene Regierungsorgane aus Wien und Brünn inspizierten ebenfalls von Zeit zu Zeit , die Baracken,. Sie hielten sich nicht lange auf, besichtigten dies und jenes, das scharfe Auge eines Negierungsfunktionärs gibt sich mit Lappalien nicht ab, ein Blick genügt und die Rückreise wird angetreten., Aber die Flüchtlinge waren mit diesem ganzen Gebahrem nicht zufrieden: „Sie . glauben wohl, datz wir hier schon für immer bleiben werden" — ließen sich zahlreiche Leute vernehmen, die sich nicht an den Gedanken gewöhnen konnten, datz der Krieg noch lange währen wird — „wozu braucht die Regierung jetzt so viel Geld zu investieren und zu bauen?" — „Erst W, nachdem mein Kind schon unter dem grünen Rasen ruht, baut man Krankenhäuser" — äußerten sich viele Mütter seufzend und stießen Flüche aus. Die Flüche bezogen sich nicht auf bestimmte Personen, sondern waren nur im allgemeinen gehalten. ' „Meint ihr etwa, daß die Regierung so gut ist und das Geld aus ihrem eigenen Säckel hergibt?" — meinten spitzsindige Köpfe — „das ist ein. Irrtum! Das, was. man uns vom Essen, vom Mund abspart, verwendet man auf die neuen Bauten." Viele teilten diese Ansicht, weil man tatsächlich in den Baracken die Portionen verringert hatte, Fleisch begann man nur zweimal wöchentlich zu verabreichen und zeitweise sogar nur einmal in der Woche. Die Brotrationen wurden so. verkleinert, daß sie kaum als Frühstück langten, so. daß man den Tag über Hunger litt. Es gab keine Abwechslung in den Speisen/ sondern Graupen bildeten das monotone, ständige Menü, und es fiel schwer, tagaus, tagein sich an diese schwerverdaulichen Graupen zu gewöhnen. Auf die wenigen - Fleischtage in der Woche warteten alle wie auf einen großen Feiertag, und wenn des Morgens die Stimmung in den Baracken eine fröhliche war, wenn selbst die Kinder mit mehr Temperament spielten und die Erwachsenen sich freier, . ungezwungener unterhielten, war dies ein Beweis, daß man zu Mittag Fleisch verabreichen wird''und daß d^r „Penzak" — Graupen — in der Fleischsuppe auch genießbar sein wird, nicht so wie fönst trocken, klebrig, den man nur so in den Hals stopft, wH^ein KranU^ die Arzneien, sonst nichts zuMeü gab. nr.2* 1-25 Aber der Frühling brachte auch hierin Abhilfe für die Flüchtlinge. Er brachte nicht bloß Licht und Felddüfte, sondern es gab auch eine Quelle des Geldverdienens, um sich die Barackenmenage verbessern zu können. Alle Flüchtlinge, sechzehnjährige Burschen und Mädel bis zu den alten Leuten gingen auf Feldarbeit und verdienten je 60 Kreuzer pro Tag. Auf ben Feldern in der Nähe der Baracken und bei entfernteren Gutsbesitzern wimmelte es von galizischen Juden und jungen kleinstädtischen Mädchen. Von 5 Uhr früh angefangen, entströmte dem Barackenkompler ohne Unterlaß eine Menschenmenge. Junge Mädchen und ältere Jüdinnen gingen kompanieweise zu fünfzig und hundert Personen. Alle in Kopftüchern, die bis zu den Augen reichten, auf den Schultern Sensen und Heugabeln. Die Gesichter von der Sonne gebräunt und in hen Augen ein Widerschein des Frühlings, ein Ausdruck von Arbeitsfreudigkeit und Frohsinn.. Aeltere Juden gingen langsam mit schweren, aber festen Schritten und die bestimmte Stelle auf dem Felde erreichend, nahmen sie die Arbeit mit demselben Fleiß und der Gewandtheit wie die eingeborenen Bauern in Angriff. Das Samtkäppchen auf dem Kopfe hatte so viel Ausdauer wie der Strohhut, und wenn es doch passierte, daß der rascher vor . Müdigkeit überwältigt wurde und mitten in der Arbeit inne hielt, so daß der nichtjüdische Kollege sich über ihn lustig machte, so war zweifelsohne der- Grund hierfür im Unterschied der Ernährungsweise der beiden Arbeiterkategorien zu suchen. Der Bauer hatte vor der Arbeit Brot pfundweise, Fleisch und andere fette Sachen konsumiert, aber der Jude hatte vor Arbeitsbeginn seine Morgenandacht verrichtet.. .Der Frühstückskaffee war noch nicht fertig, und die mitgenommene Brotportion fürchtete er zu essen, da zum Mittag nichts übrig bliebe. > Der durch die Arbeit, erzielte Verdienst war ein sehr knapper, denn die 60 Kreuzer reichten kaum, um sich besser beköstigen zu können. Doch fühlte man sich zufrieden, da die Arbeit als solche Zufriedenheit gewährte und überdies war man den ganzen Tag die Baracken los. Aber der Frühling brachte auch später eine neue Assentierung: die gesunden Männer, die schon seinerzeit , in der Heimat oder in der Fremde weilend zurückgestellt wurden, sollten ausgehoben werden. Jeder rechnete damit, jetzt assentiert zu werden, denn erstens lebte, er in den Baracken ohnehin auf Regierungskosten, und zweitens waren die Baracken das Reservoir, dem man schon mehrmals Leute zwangsweise zu den militärischen Arbeitskolonnen entnommen hatte. Von der Bezirkshauptmannschaft kam der Befehl, eine bestimmte Anzahl Leute zu liefern. Der Baracken-Kommissär bestimmte die betreffenden Personen, und die Anordnung gelangte noch am selben . Tage zur Ausführung. Auf wen das Los fiel, der hatte nicht einmal so viel Zeit, sich von seiner Familie zu verabschieden. Manche versteckten sich im letzten Moment, oder stellten sich krank, aber die Gendarmen machten sie ausfindig, sie wurden mit Gewalt aus dem Versteck geholt und sofort auf den Transport gebracht. Viele Soldaten hatte, die Musterung jetzt von den Varackeninfassen nicht zu erwarten. Die Mehrheit bestand ja aus Frauen, deren Männer und Söhne schön lange dienten, die gesunden Männer hatte man noch vor der Assentierung zu den Arbeiterkolonien geschickt, somit gab es nur Krüppel, ältere , und schwächliche^ Männer, und doch, wurden auch von diesem Menschenmaterial einige zurückgehalten. . (Fortsetzung folgt.). : ' ixt Di ' r ■ ■? ,i\

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