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Der Israelit · 1925-06-25 · Heft 26 (25.6.1925) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 26 (25.6.1925)
Date
1925-06-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Nr. 26 Der Israelit 25. Juni 1925 „Buchführung! Buchführung!" schreit die litauische Regierung. „Sonst gibt es Strafe, Gefängnis, Konzesfionsentziehung! — — —" Und seitdem schwebt dieses gräfliche Wort wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der armen Krämer und Händler. „Gebt uns Buchhalter, wir sind sonst des Todes!" Aber woher nehmen und nicht stehlen? Das jüdische Volk ist wohl das Volk des Buches, und der litauische Teil desselben schon ganz und gar. Aber wahrlich nicht des Kontobuches, des Hauptbuches und der Strazze. Jüdische Geschäfte in Litauen ruhten bisher auf einer Art von „mündlicher Ueberlieferung". Ein wenig half man dem Gedächtnis nach, indem man auf den vom Drucker liebenswürdigerweise leergelassenen Blättern des „Luach" seine Notizen machte, und zwar etwa in der Weise: „Rebb Beer mir chajew 5 Lit. für Sechäuro, gekäuft behakofoh am jojm Gimel Parsches Bolok.-" Nun kommen die Homons, erklären den „Luach" für null und nichtig und verlangen Buchführung, italienische, doppelte Buchführung? Auch noch doppelt! „Eine doppelte Kränk auf den Kopf der ... O Herr der Welt!" entringt sich unwillkürlich der Brust des Einen und des Anderen. Ein Fluch und ein Gebet zugleich, und im Ganzen eigentlich nur ein „jüdischer Krächz!" . . . Nun geht es noch in der schönen, großen Hauptstadt am Riemen. Man stellt einen Buchhalter an, es gibt noch vereinzelt solche Geschöpfe unter dem abgebauten Beamtentum aus der Russenzeit. Und schließlich ist es gar nicht so übel mit den großen, schönen Büchern aus den Regalen. Es wirkt immerhin ein klein wenig beruhigend, seine Schulden hübsch in Ordnung schwarz auf weiß unter Fach zu wissen . . . Aber nun kommt die Provinz, das Städtchen. Hier beginnt die Tragödie, die Katastrophe. Wer weiß im Städtchen, wie, wo, wann und was Buchführung ist, wie so etwas gemacht und gegessen wird? Einer fragt den anderen, und dieser andere den dritten. Und als der fünfte befragt ist, behauptet der erste, er habe es von vornherein noch besser gewußt . . . Man diskutiert, schreit, lärmt, man arbeitet mit Händen und Füßen. Auf der Straße, im Dampfbad, im Beth Hamedrasch und in den Klausen hört man nichts anderes als Buchhaltung! Buchhaltung! Aber damit ist noch nichts gMn. Wehe, wenn der Inspektor kommt. Man überlegt die Einsetzung eines Fasttages. An Slichausbüchern fehlt es nicht . . . Es gab wohl einige „Intelligenzler" im Städtchen, frühere „Externe", vom Auslande zurückgekehrte Studenten und sonstige für etwas Gescheites nicht geschaffene Menschen. Diese sind aber alle, in rascher Ausnutzung der Hochkonjunktur, nach Kowno gegangen. Kommt noch hinzu, daß der Buchhalter nicht allein seine Buchhaltung können muß, er muß die Bücher litauisch führen. Wer kann Litauisch? Die litauische Schrift und Grammatik wäre schon längst vom Bildungsausschuß des Sejm einheitlich festgelegt worden, wenn sich die Ausschußmitglieder gegenseitig auf litauisch verständigen könnten . . . Jeder schimpft in seinem Dialekte. Und weil der Andere gar nicht merkt, daß geschimpft wird, kommt es nur selten zu Tätlichkeiten. Größeren Kreisstädten gelingt es zuweilen, einen Buchhalter, so eine Art Rechnungsrevisor, für einige Wochen aus der Hauptstadt zu erhalten. Der arme Mann wird förmlich in Stücke gerissen. Sitzt er gerade im Kramladen des Reb Sorach, um seine Bestände an Hering, Salz und Naphta nach den Wochenabschnitten im Luach aufzunehmen, kommt schon Reb Borach angerannt und zerrt ihn mit Gewalt in den Bereich seiner Heringe. Er muß. Wird sonst unglücklich, der Inspektor kommt . . Kaum hat der Herr Buchhalter einen Blick in das Chaos der Rechnungen Reb Schläumes geworfen, überfällt ihn Reb Mojsche: „Wo hat man so was gehört und gesehen, daß sogar in der Buchhaltung immer der „Gewir", der Reiche, obenan steht, und der arme Mann unten bleiben mutz?" Es gibt nun Zank und Hader, man wirft sich gegenseitig die Sünden der Väter und Urväter an den Kops, greift auch gelegentlich mit plumper Hand in den Vartbesitz des Nachbars . . . Der Herr Buchhalter läßt alle Bücher und alle Posten fallen und rettet sich 'so rasch wie möglich aus der Gefahrzone in die Kultur der Hauptstadt wieder . . . Immerhin war in der Kreisstadt der Buchhalter da. Da gibt es aber Städtchen ohne Bahnverbindung: nicht einmal eine Chaussee, ein regelmäßiger Fuhrverkehr verbindet sie mit der großen Welt. Wie bekommt man da einen Buchhalter hin? Da greift man zu einem Mittel. Man schickt einen „Intelligent" (es ist ein Mensch, der kurzen Rock trägt, Zeitungen liest und nationale Reden hält) auf Stadtkosten nach Kowno, um dort die geheime Kunst zu erlernen. Nach vier Wochen kehrt er zurück, hat einen Regenmantel an bei Sonnenglut und anhaltender Trockenheit, trägt die Nase sehr hoch und womöglich eine Hornbrille darauf mit großen, schwarzumränderten Gläsern. Man bekommt großen Respekt vor diesem Uebermenschen im Gummimantel. Nun macht er sich fleißig an die Arbeit, geht von Laden zu Laden, von Geschäft zu Geschäft, arbeitet barhäuptig. Und in wenigen Tagen gelingt es ihm, eine solche allgemeine Verwirrung anzurichten, daß sich keiner auskennt. Die Schulden des Reb Sorach hat er in die Bücher des Reb Borach eingetragen und die Ausstände Schlojmes figurieren im Hauptbuch Reb Mausches. Alle Heringsbestände Chajims sind buchmäßig in den Besitz Dwaurohs, der Witwe, geschwommen. Keine Rechnung will stimmen. Die Zahlen geraten bösartigerweise immer dahin, wo sie nicht hingehören, und es kommt heraus, daß der eine und der andere mit einem Federstrich zum Millionär oder Millionenschuldner wird. Das kommt durch die Nullen, die sich frecher und böswilligerweise einzelnen Posten anhängen . . . Der Herr Buchhalter hat tn der kurzen Lehrzeit den Umgang mit diesen Hohlköpfen von Nullen leider noch nicht ganz erfaßt . . . Es bleibt nichts anderes übrig, als Jemand von der Stadt kommen zu lassen, der den angerichteten Plunder wieder löst. Aber wer will kommen? Da geschieht aber ein großes Glück und dem Städtchen ist Heil widerfahren. Gott verläßt die Seinen nicht. Der „Gewir!", der „Großkaufmann" im Städtchen hat Bankrott gemacht und soll den Lieferanten in Kowno mehrere tausend Lit schuldig sein. (Man übertreibt im Städtchen gern.) Da schicken die Kownoer einen Buchhalter nach dem Städtchen, und zwar einen richtigen, gelernten, der die Bücher des gefallenen Gewir zu prüfen hat. Dem Städtchen ist Heil widerfahren! Der Mann wird von morgens bis spät in die Nacht belagert wie ein großer Professor, zu dem alle ihre Krankheiten bringen, wie ein Ehassidimrabbi, dem die frommen Gläubigen die Not ihres Herzens ausleeren. Alle kommen sie mit ihren Geschäftsbüchern, daß er einsehe, daß er sie überprüfe. Er sei doch einmal hier. Was läge ihm daran? Und da der Arme sich nicht helfen kann, gibt er Jedem unbesehen seine Bücher zurück, mit der beruhigenden Versicherung, es sei alles gut und in bester Ordnung. Das Städtchen atmet frei und erleichtert auf. Der Herr Inspektor kann kommen! . . . Plungjan, Zeikischock, Erswelik und wie diese Städtchen genannten Haufen von Holzhäuschen und Strohdächern alle heißen, können ruhig schlafen. Der Herr Finanzminister auch. Hoffentlich macht der Herr Inspektor, der schon längst diese Städtchen heimgesucht hätte, wenn ein richtiger Weg zu ihnen führte und Litauen bereits eine Karte hätte, auf der diese zu finden wären, keinen Strich durch all diese Herings- Salz- und Mehlrechnungen. Man sollte zur besseren Sicherheit vielleicht doch noch einen „Taanis" ansetzen . . . —tz. Vom Lachen des Galus. Zur Zeit einer Inflation, da alles schlecht und unecht war, trat ein Mann in ein Wirtshaus, trank sein Glas und zahlte mit einem Scheine, der längst außer Kurs gefetzt war. Vor das rabbinifche Gericht geladen, gab der Trinker wohl zu, mit falschem Gelde gezahlt zu haben, allein der Wein, behauptete er, sei ebenfalls so verwässert gewesen, daß er des guten Geldes nicht wert war. Der Rabbi zitierte aus Jesajas 1.: '•> < d-’kd Vina -js3D D’rw (Dein Geld ist voller Schlaken, dein Getränk mit Wasser vermischt.) In ähnlicher Zeit kaufte ein Händler E d e l st e i n e und zahlte mit Farben. Die Edelsteine stellten sich als unecht heraus. Darob gehänselt, meinte der Betrogene: „Und glaubt Ihr, die Farben, die er von mir erhiell. waren echt? Sie waren voller Sand und Erde. Hat er mich gesteinigt, so habe ich ihn beerdig t.“ Das litauische Städtchen W i d u k l e bei Tauroggen genießt den Ruhm, viele Ziegen zu züchten, aus welchem Grunde jedem Widukler der Spitzname „Ziege" angehängt wird. Wenn die jüdischen Fuhrleute auf der Straße ' von Rossieni nach Jurburg und Taurogge i durch Widukle fahren, belieben sie die guten Widukler damit zu ärgern, daß sie anhaltend im Chore den Ziegenlaut „M e!" schreien, woraus sich regelmäßig die Widukler mit Stock und Besen bewaffnet, zusammentun, und über die Beleidiger ihrer Ehre herfallen. Es fetzt manche Tages- und Nachtschlacht ab. Als. die Keilerei einmal ernste Formen angenommen hatte und sich der alte Rabbiner einmischen mußte, mahnte er die fremden Fuhrleute mit den Worten Jesajas: mo i-voin iiv iDin .iv bv „Ihr seid wegen des „Me . . ." schon so oft geschlagen morden, und Ihr macht es doch immer wieder. . . ." * * Ein kleiner Pächter geriet in Not und konnte dem Grundherrn, einem rücksichtslosen, judenfeindlichen Polen, die Pacht nicht zahlen, worauf dieser all die Geschäftsbücher des Schuldners beschlagnahmte. Darunter befand sich aber eine alte Hagada, die der Pole für das Hauptbuch hielt, und er befragte sich bei seinem „Hosjuden", dem Handelsmann Berke, über dm Inhalt. „Was ist das?"-fragte er auf „Maasse berabbi Elieser" hinweisend. „Eine vortreffliche Firma," sagte Berke, „ein Konzern, auf uns alle gesagt, Herr Barom „Und dieses?" fragte der Besitzer, mit dem Finger auf die „Vier Söhne" deutend. „Es geht, Herr Baron, sind wohl ein paar Dumn-- köpfe dabei und auch ein Lump, aber einer \}\ in der Firma, der sie alle herausreißt." „Und was find das für Posten?" fragte der Pole, auf die hübsch nebeneinander geordneten „Esser Makkaus" hinweisend. „Das?" schmunzelte Berke, „eine ganz vortreffliche Ware. Wenn Herr Baron nur dreißig Prozent davon erhält, dürfte er übergenug haben. . . ." Es ist ausschlietzlich Sache der Leser, die im Dnseratentei enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstig» Angaben religionsgesetzliche» Charakters auf ihre Zu«erlässtgksit zu prüfen. Feidsfecher {fesmgfäset* für Reise, Jagd, Sport und Theater in unerreichter Auswahl i»»* Beratung und Besichtigung ohne Kaufzwang Scfilesidty-SlrÄin S.mJ.Jj. Telefon Hansa 2208 Kaiserplatz 17 Beraunvortlich für den 8chachno roitz;Inserate t. B.: S. Sch a a. M.; Pädagogische Bella allgemeinen Teil und das Feuilleton —tfe' ~ - -■ .- (jnotoii fjrer fämtUS Spir e t« Frankfurt a. M.: Pädagogische Beilage: Lehr in Snlva. - Verlag „Israelit", ®. m. b. S , Frankfurt a. El •Btufl Sermon Beilags-Aktiengesellschaft. Frankfurt a. SR.

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