Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1925)
- Date
- 1925-06-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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nr.26 1925 KST Der Israelit Auf dem Rheine. ., lf ß '-ML+ (Eine Dampferfahrt.) Ich weih nicht, was soll es bedeuten. Daß ich so traurig bin. ... Der Rhein begeht seine Tausendjahrfeier, der deutsche Rhein. Ec kommt zwar aus den Schweizer Bergen und strebt dem großen Wasserbecken des Nordens in den Niederlanden zu, aber er durchflutet tausend Jahre lang die deutsche Gemarkung wie das frische Blut den Organismus, er ist Deutschlands Pulsader, die man nicht durchschneiden kann, ohne daß das Land verblutet. Deutschland will aber leben, muß leben. Darum rufen sie es auf beiden Seiten laut und eindringlich: Der Rhein ist unser, unser seit tausend Jahren, auf weitere Jahrtausende hinaus bis ans Ende der Zeiten und Völkergrenzen! Aber an den grünen, - hügeligen Gestaden seiner beiden Ufer, wo die Reben jetzt in vollster Blütenpracht stehen, bewegen sich fremde Gestalten, Männer fremder Art, fremder Tracht, fremder Sprache und sogar fremder Hautfarbe. Bewegen sich mit ihren Pferden und Hunden, rasseln mit langen Säbeln und ziehen mit fremdem, klingendem Spiel in Reih und Glied durch die Straßen. Fremde Kommandorufe erdröhnen und sagen: Nicht ist heilig das, was lausend Jahre im ewigen Gleichmaß ihres Kommens und Gehens geschmiedet und gefestigt, sondern es gift, was die Menschen im ewigen Wechsel der Dinge hier unten gut und heilig gesprochen! . . . Die Bedrängten rufen ihren Fluß zum ewigen Zeugen an, rufen ihn zur Hilfe und zur Rettung an. Wie einst ein geschlagenes, getretenes Volk hinter den Trümmern Jerusalems Himmel und Erde, Berge und Hügel anrief, daß sie für sie Erbarmen erflehen! ... Von all dem scheint, der stolze Fluß nichts zu wissen. In gewaltigen Zuckungen rollt er hinab wie einstmals, wie immer, wie damals, als nur noch Floß und Segelschiff seinen Rücken streiften. Die schönsten Dampfer, die in elegantem Schwünge auf feinem Spiegel schaukeln, vermögen sein Bild nicht zu. ändern. Unser Dampfer hat die Länge fast eines Ozeanschiffes, hat Oberdeck, Mitteldeck und Kajütensalon mit schönstem Polstermöbel und heißt ..Goethe". Aber unser Rhein läßt sich nichts oormachen ... Wir fahren - stromab gen Bingen und C o b l e.n z. Unsere „Goethe" trägt die schwarzweiß-rote Fahne. Nicht aus völkischem Ehrgeize, sondern weil Schwarz-weiß-rot die Farbe der Marine ist. Und unsere „Goethe" ist Marine. Die Kriegsmarine haben sie uns zerstört. die Handelsmarine ist, nicht ohne Zusammenhang mit dieser Zerstörung, auf Sand geraten, die Vergnügungsmarine hat aber eine Zeitlang gut floriert. Daraus sind diese herrlichen Lurusdampfer entstanden. Für die Deutschen, die glaubten, leicht zu verdienen, für die Amerikaner, die, in Deutschland wenigstens, aus lauter Dollarprinzen und -Prinzessinnen bestanden. Nun ist es auch damit urus. Seitdem Deutschland wieder „Geld" hat, haben die Amerikaner kein Geld mehr. Und die Deutschen auch nicht. An Bord unserer „Goethe" ist,es kalt und leer, und der Herr „Ober", eine würdige Tirpitzgestalt, läßt sich - aus Langeweile herab, mit mir ein Gespräch einzugehen, über das schlechte Wetter und die schlechten Zeiten. Das Panorama von Mainz auf der linken Seite mit der gewaltigen gothischen Domspitze ist noch nicht ganz außer Sicht, da legt schon der Dampfer rechts in Biebrich an. Es ist der „Hafen" von Wiesbaden. Aber Wiesbadener Kurgäste haben zumeist mit Ischias und Rheuma zu tun und lieben das Wasser nicht . . . Den auf der Landungsbrücke sich stauenden Haufen nimmt der riesige Schiffsleib in sich auf und man merkt es, wie bei den Kühen im Traume Pharaos, nicht, „daß sie in sein Inneres eingegangen sind." Auf Deck ist es so öde und leer wie zuvor, wiewohl alle Fahrgäste oben sind. Drüben auf der linken Seite ist ein Strandbad, das Strandbad von Wiesbaden, und da schwimmt und schreit und wimmelt und grinst und zischt es, wie in einem Feldlager von nackten menschenfresserischen Indianern in Karl May. Der Dampfer macht sich ächzend los, faucht mit seiner geringen Menschenbeute, die er den Kannibalen am Strande entführt hat, schnell davon, und der Gischt hinter dem Dampferrad schäumt und zischt, als schrieen die Elfen und Niren aus dem Wassergrunde: So etwas haben wir in all den tausend Jahren nicht gesehen ... Wäre die Loreley hier in Schierstein, sie bräuchte sich nicht schämig hinter den Klippen zu verstecken, um ihr goldenes Haar zu kämmen ... Das malerische Städtchen Eltville taucht auf. An Inseln, Klippen und Riffen fährt das Schiff vorbei, die des Stromes Lauf bestimmen. Auf beiden Seiten blühen die Reben im Tale und auf welligem Lande, nette Villen und Landbäuschen mit hübschem Giebelwerk unten, und von oben winken Ruinen alter Schlösser von nicht allzu großer Höhe, wie Zeugen verflossener Jahrhunderte. Die Menschen oben haben den Strom fließen sehen und die Wellen rauschen gehört wie die heutigen, auch die Reben sahen sie blühen, Jahr für Jahr. Aber diese heimeligen Eiebelhäuschen mit den bunten Fenstern sahen sie nicht und auch nicht die rauchenden, fauchenden, schlanken weißen Dampfer der „Niederländer" und „Köln-Düsseldorfer" Linie. Viel Neues hat der Menschengeist seitdem erfunden und geschaffen, um das Leben zu erleichtern, zu verschönern, mit etwas Liebe und Anmut zu verbrämen. Aber das Alte hat seine Spuren hinterlassen. Und das Aelteste ist geblieben, gigantisch, gewaltig und unberührt, wie vor tausend Jahren: der Rhein selbst und seine grünen Wogen. 1 Da leuchten schon die Weinberge von Rüdes he im auf und wir sehen zur sanften Höhe hinauf bis auf den Niederwald, wo die bronzene Germania auf gewaltigem Unterbau von Erz und Stein von 350 Meter Höhe herab rund herum die Gegend beherrscht. Schräg hinüber rudert das Schiff links nach Bingen zu. Aßmannshausen mit seinen roten Dächern und bunten Giebeln liegt da wie aus. dem Farbenkasten auf grünen Grund hingeworfen. Weiter geht es hinab durch die hellgrünen Wellen, die die schönste Landschaft widerspiegeln. B a ch a r a ch steht mit großer Schrift rechts auf der Landungsbrücke. Hinter den roten Dächern ragt steil und spitz die Zinne einer alten gothischen Kirche empor. Wehmut erfaßt die Seele mitten im Blühen und Leuchten und im Rauschen des grünen in Sonnengold getauchten Stromes. Ist es nicht leises Weinen und Wimmern, sind es nicht Seufzer und letzte Todesschreie von tausend Jahren, die da hinuntergürgeln, nach dem großen Wasserbecken im Norden, das sich dann mit anderen Meeren vereinigt, und auch mit dem Meere, das fließt und fließt und nimmer austrocknet: dem Meere des jüdischen Leides? . . . Bacharach! Dort.Hinter dem.Gebüsche stand wohl das Häuschen, in dem der Rabbi mit seinem jungen Weibe am hellbeleuchteten Sedertisch saß. Und hinten lauerte der Haß und die Gier nach jüdischem Blut und Gut. Und sie fanden Eingang in das geweihte Haus zur geweihten Stunde, in der Maske der bärtigen Glaubensgenossen. Aber hinaus ging der Rabbi mit seinem Weib, um die Zeremonie des Händewaschens zu vollführen, und kam nicht wieder. „Hinaus mein Weib. Immer weiter. Und schließe die Augen, daß du nicht siehst, nicht rechts und nicht links! . . ." War das nur in Bacharach so? Und nur einmal? Ueberall, hinauf und hinunter, von Basel bis Straßburg und Mainz und von da bis Worms und Köln und bis in die Niederlande hinunter, überall jüdische Seufzer und Schreie, die sich mit dem rauschenden Strome vermischten, jüdische Tränen, die in die Wellen flössen, jüdisches Blut, das das Wasser färbte . . Der. „Rabbi von Bacharach" ist ein Fragment nur ... Und es ist mir, als hörte ich hinter den malerischen Häusergruppen rechts und links von den ragenden alten Türmen Sturm läuten. Und von den Ruinen der alten Schlösser stürzen die Ritter und Reisigen in wildem Trabe die Höhen hinunter. Unten im Tale aber das gehetzte Wild, bärtige Männer im dreieckigen Judenhut sich auf die Brust in Sterbegebeten schlagend, Frauen im schwarzen großen Kopftuch ihre Kinder eng an die Brust geschmiegt. Hinten die heulende Meute und vorne die brausenden Wellen. Hinter der Kirche stieg Rauch auf und züngelten Flammen . . . Und wie heute blühten die Reben, lachte die Sonne, schimmerte das Wasser, denn es war zur Sommerzeit . . . Die Wellen weinen und wimmern. Es ist das Weinen und 'das Wimmern von damals, das nie verstummen wird . . . „Schlechte Zeiten!" jammert der Ober in Marineuniform an meiner Seite und spricht von geringem Ausschank, knappen Trinkgeldern . . . Zwischen den blühenden Weinbergen an beiden Ufern stolzieren fremde Gestalten, bewehrte Männer in Blau und Gelb» Männer fremder Art und fremder Tracht, fremder Zunge und auch fremder Hautfarbe; mit ihren Pferden und Hunden, rasseln mit langen Säbeln und ziehen mit klingendem Spiel durch die Straßen. „ O b e r w e s e l! " ruft der Steward und dann hinein rechts wie in eine Bucht und wieder links in die von den Riffen und Klippen gewiesene Wasserstraße. Der Strom wird immer schöner und die Traurigkeit immer tiefer. Eine grüne, mächtig zerrissene Felsplatte hemmt den Weg, fesselt den Blick: die Loreley. Schulkinder, mit ihrem Lehrer auf einem Ausflug an Bord, stimmen ganz spontan das Loreleylied an. Auch ich: „Weiß nun, was soll es bedeuten. Daß ich so traurig bin . . ." -tz. Lin Königreich für einen Buchhalter! . . . Ein Situationsbild aus dem heutigen Litauen, nach Berichten und Erinnerungen zusammengestellt. „Jeder Tog bringt neue Klog!" seufzt der litauische Jude und lacht merkwürdigerweise dabei nicht, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn er seine Leiden auspackt. Es ist wirklich zum verzweifeln! Zu allen „Gseräus", zu allen „Zoräus", zu allen Steuerbedrückungen und allen anderen „bösen Ehaläumes", von denen der Jude in Kowno, seitdem er das unerhörte Glück hat, „Hauptstädtler" zu sein, Tag und Nacht verfolgt wird, kommt ein neues Verhängnis, cs heißt „Buchführung".