Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1925)
- Date
- 1925-06-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. ' 5 Der Israelit Osten gebildete Handwerker gibt, daß dort die Juden vielfach ihre Namen ändern, einige hübsche Witzchen aus der Praxis des Autors (die ganze Namensaffäre scheint nur dieser Witzchen wegen angezettelt zu sein), kurzum alles erfährt man, allein den Bademeister von Kowno, der doch gewiß ein interessanter Typ ist, lernt man nicht kennen. Und so weiter im Texte, jedes Kapitel und jedes Blatt ein Muster unkünstlerischer Gestaltung. Unterhaltend ist das Buch auf alle Fälle, unterhaltend auch da, wo man sich mehr oder weniger ärgert. Ein liebenswürdiger, aus echter Bonhommie fließender Humor, der alles Schwarze und Trübe übergoldet, ohne sonderlich geistsprühend zu sein, stimmt versöhnend. Im Gegensätze zu der bekannten Art von ätzender Satire, die verbittert, auch wo man lacht, amüsiert und erfreut der Gronemansche unbeschwerte — wiewohl auch unbeschwingte — Humor auch da, wo er verletzt. Gronemann besitzt die unbestrittene Gabe, lachend über unangenehme Dinge hinwegzukvmmen und Helles Lachen auszulösen, wo die Situation ernst zu denken gibt. Darüber wollen wir ihm manches verzeihen. Der erzieherische oder instruierende Wert des Buches besteht oder soll darin bestehen, daß es Werturteile oder richtiger Vorurteile über den jüdischen Osten korrigiert. Dazu ist aber mehr objektive Wahrheitsliebe nötig, als sie Groneman etwa aus Seite 158 in seinem Artikel über die deutschen Agudavertreter in Warschau bekundet. Was würde der I u r i st Gronemann zu einer solchen Anklage sagen, die nur kollektiv und hämisch anklagt, ohne Anklagepunkte nur zu nennen, geschweige denn sie zu begründen. Aber auch hinsichtlich seiner Glorifizierungen des ostjüdischen Lebens wäre u. E. weniger mehr gewesen. Schreiber dieses darf für sich ebenfalls die Kenntnis des Ostens in Anspruch nehmen und kann es bezeugen, daß es Narren und Weife, Gerechte und Ungerechte, Edelmenschen und gemeine Lumpen hier wie dort gibt. Innerer Adel und große Intelligenz sind nicht nach Landsmannschaften verteilt. Es ist nicht nötig, Verbrechertypen, wo sie da sind, in der Ostsonne vorteilhafter erscheinen zu lassen als unter dem westlichen Himmel. Diese schon im Tohuwabohu gepflegte Art wird in diesem Buche schon zur Manie. Es ist die fixe Idee des Autors, daß nur drüben der lebendige Strom des Judentums, auch — und erst recht — außerhalb der Bes Hamedraschsphäre, fließt und fließen kann. Hier aber, in Deutschland, auch — und erst recht — in der O r t h o d o x i e alles in leeren Formen erstarrt sei. Wir können Herrn Dr. Gronemann nur raten, nachdem er das Ostjudentum so gründlich studiert und in zwei Büchern gezeigt hat, nun sein lachend Auge und seinen unbeschwerten Sinn auch ein wenig dem deutschen Judentum zuzuwenden. Er wird da am Ende auch so etwas wie Kultur, Willen, Opferkraft, religiöse Wärme, und manches Andere entdecken, was zu seiner bisherigen Theorie nicht paßt. Gerade im Osten mehren sich heute die ehrlichen Bewunderer des Westjudentums, und wir geben gerne zu, daß Gronemann und der von ihm gezeichnete Kreis durch ihr Wirken in Obojt ihr gut Teil zu dieser Beurteilung beigetragen haben. Darum sollte nicht Gronemann anhaltend so etwas wie den „Untergang des jüdischen Westens" verkünden. Er sollte ihn erst erforschen, und es entsteht dann sicherlich als Nesultat dieser neuen Gronemannschen Forschungsarbeit ein neues liebenswürdiges Buch, auf das wir uns heute schon freuen. Um eines sei aber Gronemann heute schon gebeten: liebe Zeitgenossen, die ahnungslos unter uns ihr Werk vollführen, und deren bescheidener Sinn kaum nach Ewigkeitsdenkmälern steht, dabei als „lebende Modelle" nicht zu benutzen. Wir vermuten, daß nach mancher Richtung, und nicht zuletzt hinsichtlich der von einer gewissen Seite betriebenen Statistik, nicht alle in dem Hawdoloh-Buche Festgehaltenen dem Autor für diese ungeahnte Konservierung ihrer Kriegslorbeeren Dank wissen werden. — tz. Rabbi und Renegat. Vor kurzem starb in Chikago in Amerika der Lomschoer Raw, Rabbi Gordon. Eine Episode aus den letzten Jahren des Rabbi ist in folgendem geschildert: Zweiundvierzig Jahre hatten sie sich nicht gesehen, dann aber trafen sich die Brüder in einem Hotel zu Ehicago, der eine als berühmter Rabbi, der Gaon von Lomscho, der andere ein gefeierter Professor an einer amerikanischen Universität. Sie sahen sich in die Augen, reichten sich die Bruderhand und sielen sich um den Hals. Das Gespräch nach der Begrüßung dauerte aber nicht länger wie fünf Minuten. Diese fünf Minuten reichten aber hin, die ganze Kluft zwischen Einst und Jetzt zu zeigen. Und die Brüder gingen stumm voneinander, für immer, nach zweiundvierzigjähriger Trennung. Der Herr Professor starb vor etwa einem halben Jahre, der Rabbiner folgte ihm in den Tod vor wenigen Wochen. Getroffen haben sich die Brüder seit der ersten Begrüßung nicht mehx, obwohl die beiden in einem Stadtviertel wohnten und wirkten. Im jüdischen Chiago ahnte keiner, daß der gefeierte Lomschoer Gaon, auf dessen Anwesenheit in Chicago die Gemeinde so stolz war, in der gleichen Stadt einen Bruder hatte, der ebenfalls Wegweiser im Reiche der Wissenschaft war. Noch weniger ahnte aber jemand in den Universitätskreisen, daß Professor Gordon in der gleichen Stadt einen Bruder hatte, der als Lehrer des jüdischen Gesetzes eine Weltberühmtheit besaß. Im gleichen Stadtviertel waren es doch ganze Welten, die die Brüder voneinander trennten. Als ich aber, vielleicht als einziger, von diesem brüderlichen Wiedersehen und der ewigen Trennung ersuhr, war ich doch begierig, die näheren Umstände der Sache zu erfahren, und ich nahm mir vor, beide zu besuchen und sie zu befragen. Den Rabbi traf ich im Lehrhause neben der großen Synagoge, den Professor selbstverständlich in der Universität. Ersterer wollte vom Bruder gar nichts sprechen. Der Herr Professor erzählte mir ohne Umstände aus seiner Lebensgeschichte. Mit zehn Jahren flüchtete er aus der Enge seines Städtchens nach Wilna und hungerte sich dort bis zum Gymnasium durch, und dann noch weiter b.is zum Abitur. Die Pforten der Universität fand er als Jude überall geschlossen. Er hatte aber innerlich längst mit Cheder und Jeschiwo auch das Judentum abseits gelassen, und er sah nicht ein, warum ihm dies noch den Weg der Zukunft versperren sollte. Und so stand er eines Tages in der Kanzlei der Moskauer Universität, mit einem Taufsmeine in der Hand. Mit einer Entdeckung auf dem Gebiete der Chemie erhielt er nach Beendigung seiner Studien ein Lehrkatheder an einer schweizerischen Universität. Dann ging er nacb Amerika, wo er 25 Jahre lang als Ordinarius an der Universität wirkte. Verheiratet war er mit einer deutschen blonden Frau von altem Adel und hatte Kinder, die die Juden nicht mochten. Im amerikanischen Schmelztiegel gingen die letzten Spuren des trauten jüdischen Heimatstädtchens restlos verloren. — -- Da kam nach dem Kriege unter vielen anderen aus Osteuropa der siebenzigjährige Rabbi Gordon nach Amerika, um die amerikanischen Brüder für den Wiederaufbau des zerstörten jüdischen Lebens im Osten zu interessieren. An den jüngeren Bruder, der vor 40 Jahren spurlos verschwunden und verschollen war, dachte er gewiß nickt, sicherlick hätte er ihn nicht an dieser Stelle gesucht. Es war aber der Professor, über den so etwas wie Heimatgefuyl kam, als er in den Zeitungen von der Anwesenheit des Rabbi las. Vielleicht wollte er ihm nur ins Antlitz schauen, als er ins Hotel ging, ohne sich zu erkennen zu geben. Aber das Blut sprach seine eigene Sprache und er entdeckte, wie er der ehrwürdigen Rabbinergestalt gegenüber stand, den Bruder in sich. Die Herzen flogen aneinander. Aber der Rabbi ist plötzlich bedrückt. Er fragt nach einiger Ueberwindung nach des Bruders Jüdischkeit. Er denkt wohl nicht an das Schlimmste, ahnt aber manches und fragt auch nach Frau und Kindern; ob sie jüdisch seien. Der Herr Professor weicht aus, läßt aber durchblicken, daß er es dem Bruder lehr verarge, daß er in diesem Momente des Widersehens an nichts Höheres und Reineres denke. * „Es gibt nichts Höheres und nichts Reineres," erklärt der Greis unter Tränen. „Wo die Glaubensgemeinschaft aufhört (er ahnt jetzt alles), da sind auch die Familienbande gelöst. Väter pflegten in solchen Fällen sich aus den Boden zu sollen und um ihr Kind wie über einen Verstorbenen zu trauern." Das versteht der Herr Professor nicht. Es wird ihm eng um den Hals, so eng wie damals, als er nack Wilna flüchtete. Er spricht harte Worte. Der Rabbi wendet das Gesicht ab. Sie gehen auseinander, für immer. Nach emer Begrüßung von fünf Minuten, nachdem sie sich 42 Jahre nicht gesehen hatten. Auf Nimmerwiedersehen!- Der Rabbi in der Schul nannte seitdem den Namen des Renegaten nicht. Fing jemand davon an, so lenkte er rasch ab aus die Zustände in Polen und Litauen, auf die Lage der Jeschiwa, auf seine Beziehungen zum Grafen Tolstoi und den Briefwechsel, den er mit ihm einstmals in Dingen des Glaubens pflegte. Von allem sprach er, nur nicht von seinem Bruder. Der Gaon von Lomscho verließ Amerika nicht meyr. Chicago behielt ihn als Oberrabbiner und ist dabei gut gefahren. So lebten Rabbi und Renegat im gleichen Stadtviertel, einige Jahre lang und beide hielten ihr Wort. Au" nimmer Wiedersehen!- Jüdische Monatsschriften. Die „Jüdischen Jugendblätter" (Herausgegeben von Esra, gedruckt in Hamburg) bringen in der Mainummer wiederum eine gute Auslese von belehrenden und unterhaltenden Piecen. Der dem Ganzen vorangestellte talmudische Spruch: „Zuerst lerne man, nachher sage man seine Ansicht" tönt den ganzen Inhalt nach dem Herzen der Jugend ab. An leitender Stelle werden einige bekannte talmudische Parabeln und Episoden aus dem Leben Rabbi Akibas geboten. Interessant auch für Erwachsene sind die Bemerkungen zu Samuel 1., und in einem Aufsatz unter dem Titel „Esra" kommen Gedanken und Forderungen dieser Jugendorganisation klar und anmutig zum Ausdruck. Aus dem Breuerschen Buche: ..Elijahu" wird das Sabbatkapitel wiedergegeben. Andere hübsche Aufsätze, Mitteilungen, ein hebräisches Gedichtchen, wie eine Rätselecke reihen sich harmonisch an. Das Heft bietet in gleicher Weife den jüngsten wie den reiferen Mitgliedern viel Schönes. (Inzwischen ist auch Heft 5 in gleicher Reichhaltigkeit erschienen.) Eine Doppelnummer für April und Mai der „Moria h" (Monatsschrift für den Aufbau von Erez Jisroel im Geiste der Thora, Herausgegeben von der Habajis- Heimstätten-Gesellschaft m. b. H. Frankfurt a. M.) ist, _ 18. Juni 1925 im hebräischen wie im deutschen Teile gleich reichhaltig, erschienen. Artikel von Davis Trietfch und Rabb. Dn Frankel-Halberstadt sind eingerahmt von Palästinachromk, Wirtschaftsnachrichten und Bemerkungen zu Tagessragen in Palästina. Die Bilder sind noctresslich gelungen und führen uns einige Schulen in Jerusalem wie Bauten und Straßenzüge in Tel-Aoio in anschaulichster Weise vor Augen. Unter dem Strich zeigt ein Feuilleton aus der Feder von S. Schachnowitz die ganze Tragikomik des heutigen Einwanderungssystems in Palästina. Der hebräische Teil des Heftes bringt neben geschäftliche!, Mitteilungen und Bücherbesprechungen, seuilletonistischen Skizzen und der Fortsetzung aus dem Breuerschen „Nationalheim" bedeutsame Artikel von Rabb. Dr. Tobias Horovitz; dem „Kalischer Raw", Rabbi Jcheskel Lipfchütz; des Rabbiner Lau aus Sczatz; von M. F. Getz in Kowno u. v. m. Wir wüßten zur Zeit, außer dem „Hadere ch", keine bessere Lektüre für junge Leute im gesetzestreuen Westen, die sich im Neuhebräischen üben wollen, als diesen gut und leichl geschriebenen, naheliegende Dinge behandelnden hebräischen Teil der Monatsschrift „Moriah". Hier könnte Erlernen der hebräischen Sprache zugleich 'mit einem Kennenlernen aller Anliegen Palästinas erworben und die Liebe zur Sprache wie zum Lande Israels in gleicher Weise geweckt werden. Unsere rührigen Gesinnungsgenossen im O st e n lassen bei aller wirtschaftlichen Not ihre Hand nicht erschlaffen. Das orthodoxe jiddische Familienjournal (speziell der Mädchenerziehung gewidmet) „Bet Jakauw" in Lodz kann sich mit seiner Siwan-Nummer, die im Zeichen des Schwuausfestes steht, blicken lassen. Lyrik, Artikel über Tagesfragen, historische Beiträge und feuilletonistische Skizzen wechseln in bunter Folge. Und gute Bilder erhöhen den Eindruck der Lektüre. Wir können den Herausgebern, die mit Elan einen fast verloren gegebenen Posten zu verteidigen und auszubauen suchen, nur Glür wünschen! Tiefer in die jüdische Seele schürfend ist die von Rabbi Israel Sysel D w o r e z, Rabbiner aus Kamai, herausgegebene Sammelschrift „Tewunoh". Das letzte Heft enthält in seinem ersten Teile in fünf Aussätzen eine Fülle tiefgründiger jüdischer Gedanken und im zweiten Teile halachbcke Abhandlungen über die verschiedensten Gebiete des religiösen Lebens und talmudifchen Denkens. Es ist die nach der praktischen Seite modifizierte Art des Pilpul, von der Herr Rabbiner Fischer im Leitarncel von Nr. 23 mit so tiefem Verständnis gesprochen hak. Die Zeitschrift wird seit letzterer Zeit bei Z u ck e r m a n n in Jerusalem gedruckt und in H e b r o n, wo sich zur Zeit der Herausgeber, Rabbiner Dworez, aushält, redigier». Ninderecke. Pentateuchrsche Rätselfrage. Sind, liebe Kinder, Euch Eltern bekannt, Deren Sprößlinge Jüngsten sie „Schwäher" genannt? Rabb. Dr. Winkler - Kopenhagen. -.rssvarsbssMPD" Üq :uh0Q> uapuflj uaihr U3JUUOU noag qun hvorL rbunsgF Er ist anrschließlich Sache der Leser, die im Onseratentei enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angabe» religionsgesetzlichen Eharatterr aus ihre Zuver läsfigkeit z« prüfen. CAFE HANSELMANN KAISERGARTEN gegenüber dem Opernhaus Künstler-Konzerte 4—12 Uhr Hotel Keyl, Scheveningen Unter Aufsicht des Haagschen Rabbinats Erstklassiges Hotel und Restaurant. j. Gischler, Elektrische Anlagen Elektr. Bügeleisen, Heizu. Kociiapparate Ventilatoren Große Bockenheimerstr. 52-50 Telefon Hansa 5079 Telefon Hansa $079 str ftxonlfurt a. SR.; Pädagogische Beilage: Lehrer 5! Soll ln Fulda. - Verlag „Israelit", ffi. m. b. §., Frankfurt a. »■ Druck Sermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.